Meine Begeisterung für Johnson hält sich nach wie vor in engen Grenzen. Dieser mehr-weniger kunstvolle Wechsel zwischen den Erzählperspektiven hat dem Autor sicher mehr Freude bereitet als dem Leser, zudem bleiben die Figuren ein wenig blass, holzschnittartig. Der hier von mir vor einiger Zeit besprochene Bräunig, der sich des gleichen Themas annahm, hat, wiewohl sein Werk ein Torso blieb, sich der gleichen Aufgabe mit wesentlich mehr Bravour entledigt.
Schön dargestellt ist allerdings das Floskelhafte des realen Sozialismus, das überall Wiederkehrende des "Mehrwerts", anderer marxistischer Termini, deren Inhaltsleere doch immer wieder erstaunlich ist, vor allem dann, wenn man sich die Vertreter dieser Sprache und ihre zur Schau gestellte Wichtigkeit in Erinnerung ruft. Selbst in meiner Jugend gab es noch unzählige linke Revolutionäre, die mit diesen Schlagworten hausieren gingen, deren sprachliche Versatzstücke von Bloch, Marcuse, Ulbricht oder Adorno entlehnt schienen und die mit religiös anmutender Inbrunst von den Segnungen des proletarischen Paradieses sprachen. Erstaunlich, wieviel real existierende Dummheit in diesen Begriffen steckt, eine Dummheit, die - durch die ewig gleiche Rhetorik kaum verborgen - tatsächlich glaubte, Zukunftsprognosen a la Nostradamus aufstellen zu können.
Für die Jahrestage, so ich sie denn zu lesen beginne, gestatte ich mir schon jetzt die Freiheit, sie des Umfanges wegen jederzeit abzubrechen. 2000 Seiten Mutmassungen hätte ich nicht durchgestanden.
lg
orzifar