Author Topic: Uwe Johnson: Mutmassungen über Jakob  (Read 1991 times)

Offline orzifar

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Uwe Johnson: Mutmassungen über Jakob
« on: 23. März 2011, 15.20 Uhr »
Was mir bei dieser Art Literatur immer sauer aufstößt: Die Figuren machen den Eindruck, als hätte Albin Egger-Lienz den Entschluss gefasst, sich im sozialistischen Realismus zu versuchen. Aufrecht-ehrlich, verschlossenen Sinnes, aber stets untadelig, stilles Wasser mit so offenkundigen Tiefen und kantig-männlichem Gebaren ...

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Offline Anna

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Re:Uwe Johnson: Mutmassungen über Jakob
« Reply #1 on: 24. März 2011, 16.31 Uhr »
Hallo!

Wenn ich das lese, bin ich versucht, das Buch doch wieder von meinem diesjährigen Leseplan zu streichen. Man muss ja auch etwas fürs Alter zurücklegen. ;) Verschiedentlich habe ich "Jahrestage" loben hören, unter anderem auch im Klassikerforum, aber über 1700 Seiten den spröden Johnon-Stil aushalten?

Gruß
Anna
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Offline sandhofer

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Re:Uwe Johnson: Mutmassungen über Jakob
« Reply #2 on: 26. März 2011, 08.51 Uhr »
Hm ... also ich mag Johnsons Stil ...  :)
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline orzifar

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Re:Uwe Johnson: Mutmassungen über Jakob
« Reply #3 on: 26. März 2011, 17.27 Uhr »
Meines nicht wirklich funktionsfähigen Rückens wegen muss ich mich eher kurz fassen: Die "Mutmassungen" gefallen mir besser als die "Zwei Ansichten", aber gelungen finde ich das Ganze nicht, weder inhaltlich noch in Bezug auf die Struktur des Textes (der permanente Wechsel der Erzählperspektiven, der einen manchmal ein bisschen ratslos zurücklässt; eine Zeitlang war das en vogue, hat auch Vargas Llosa in dem "Gespräch in der Kathedrale" oder im "Grünen Haus" durchexerziert). Ich finde das häufig mühselig ohne alle Not, man tut gelangweilten Germanisten einen Gefallen, welche sich für diese Art von Literatur meist auch umgehend bedanken und - je komplizierter, je besser - in Lobeshymnen auszubrechen pflegen. Mir will das mit zunehmenden Alter eher kindisch vorkommen. Natürlich kann das auch mit Geist und Witz gemacht werden inklusive sprachlicher Differenzierungen und vielschichtigem Blick auf das Handlungsgefüge. Als eine Art Rebusrätsel mag ich das aber gar nicht.

An den "Jahrestagen" werde ich mich aber trotzdem mal versuchen.

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orzifar
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Offline orzifar

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Re:Uwe Johnson: Mutmassungen über Jakob
« Reply #4 on: 31. März 2011, 15.31 Uhr »
Meine Begeisterung für Johnson hält sich nach wie vor in engen Grenzen. Dieser mehr-weniger kunstvolle Wechsel zwischen den Erzählperspektiven hat dem Autor sicher mehr Freude bereitet als dem Leser, zudem bleiben die Figuren ein wenig blass, holzschnittartig. Der hier von mir vor einiger Zeit besprochene Bräunig, der sich des gleichen Themas annahm, hat, wiewohl sein Werk ein Torso blieb, sich der gleichen Aufgabe mit wesentlich mehr Bravour entledigt.

Schön dargestellt ist allerdings das Floskelhafte des realen Sozialismus, das überall Wiederkehrende des "Mehrwerts", anderer marxistischer Termini, deren Inhaltsleere doch immer wieder erstaunlich ist, vor allem dann, wenn man sich die Vertreter dieser Sprache und ihre zur Schau gestellte Wichtigkeit in Erinnerung ruft. Selbst in meiner Jugend gab es noch unzählige linke Revolutionäre, die mit diesen Schlagworten hausieren gingen, deren sprachliche Versatzstücke von Bloch, Marcuse, Ulbricht oder Adorno entlehnt schienen und die mit religiös anmutender Inbrunst von den Segnungen des proletarischen Paradieses sprachen. Erstaunlich, wieviel real existierende Dummheit in diesen Begriffen steckt, eine Dummheit, die - durch die ewig gleiche Rhetorik kaum verborgen - tatsächlich glaubte, Zukunftsprognosen a la Nostradamus aufstellen zu können.

Für die Jahrestage, so ich sie denn zu lesen beginne, gestatte ich mir schon jetzt die Freiheit, sie des Umfanges wegen jederzeit abzubrechen. 2000 Seiten Mutmassungen hätte ich nicht durchgestanden.

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