Author Topic: Michael von Brück: Ewiges Leben oder Wiedergeburt?  (Read 7077 times)

Offline mombour

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Michael von Brück: Ewiges Leben oder Wiedergeburt?
« on: 19. März 2011, 17.45 Uhr »
Michael von Brück: Ewiges Leben und Wiedergeburt? Sterben, Tod und Jenseitshoffnung in europäischen und asiatischen Kulturen

Hallo,

 Vor etwas längerer Zeit hat uns orzifar "Der Tod in der Welt der Religionen" von Hans Peter Hasenfratz vorgestellt. Ich habe dieses Buch schon lange, und habe darin den buddhistischen Teil gelesen, der  doch zu gestrafft, wohl deshalb mir auch schwerer verständlich,  deswegen ich dieses Buch vorläufig beiseite gelegt habe,  inzwischen aber auf das Buch von Michael von Brück gestoßen bin, welches hier vorgestellt werden soll, nach dieser Lektüre ich dann noch mal mich den Hasenfratz widmen werde.

Michael von Brück hat den Lehrstuhl für Religionswissenschaft an der Ludwig Maximilian Universität in München inne, ist evangelischer Theologe und durch seine Studien in Indien und Japan  tritt er seit 1985 auch als Yoga – und Zenlehrer hervor. Er schrieb Standardwerke über das Verhältnis des Buddhismus zum Christentum, trat mit dem hervorragenden akademischen Werk einer „Einführung in den Buddhismus“ hervor. Durch seinen Lebensweg ist er geradezu dazu prädestiniert ein Buch über „Ewiges Leben oder Wiedergeburt?“ zu schreiben. Die kulturübergreifende Betrachtung des Themas bringt mir eine Hoffnung zum Glühen, ein besonders lehrreiches interessantes Werk vor mir zu haben, ich deswegen nicht knausere, euch an meinem Leseerlebnis teilzuhaben.

Zu Beginn ein Zitat aus dem Vorwort, der jeden Versuch einer Mission in seinen Keimen erstickt:

Quote from: Michael von Brück
„Die Religionswissenschaft fragt nicht danach, ob es ein Leben nach dem Tode „gibt“ oder nicht – das ist Sache des Glaubens und der religiösen Anschauung – sondern die erläutert, wie bestimmte Vorstellungen über den Tod und ein mögliches Jenseits des Todes zustande kommen, wie sie einander ergänzen und widersprechen, und vor allem, was sie bewirken, welche Funktionen sie im psychischen Leben des Einzelnen und im sozialen Leben von Gesellschaften erfüllen.“

EINLEITUNG

Der Tod ist ein biologisches und ein kulturelles Phänomen. Wir können den körperlichen Zerfall des Menschen aus biologischer und medizinischer Sicht beschreiben, doch der Tod für den einzelnen Menschen hinterfragt auch den Sinn des Lebens. Die Art und Weise, wie wir mit dem Tod umgehen, ist einerseits abhängig vom religiösen Umfeld, aber es gibt auch über Jahrhunderte hinweg Wandlungen innerhalb eines Kulturkreises. Das christliche Mittelalter lebte im naher Erwartung an das jüngste Gericht und der Gefahr ewiger Verdammnis in der Hölle, und hier möchte ich ergänzen, aus diesem Geist der unbeugsame Missionseifer von Christen entstanden ist, die so viele wie möglich noch Bekehren wollten, damit sie nicht in der Hölle verdammen. Im Zeitalter der Aufklärung, so nun von Brück weiter, eine unsterbliche Seele nicht abgesprochen wurde, sie sei wichtig wegen der Begründung von Moral (Immanuel Kant), aber die Schuldfrage mit ihren Konsequenzen durch ein Jenseitsgericht nicht mehr verfolgt worden ist. In der Moderne verlor der Tod  „seine metaphysische Verhaftung“, einer unsterblichen Seele wird widersprochen.  Trotzdem ist der Tod in der Moderne dem Menschen gegenwärtig. Wenn jemand verfrüht an einer Krankheit stirbt, wird der Medizin ein Versagen angelastet, bei Massenmord und Krieg werden moralische Fragen aufgeworfen, aber  die Folgen des Karma oder jenseitigen Konsequenzen, wird aber meistens nicht bedacht. Europa scheint sich, so habe ich den Eindruck, zu einer entchristlichen Welt zu entwickeln. Es wird zwar aus politischer Sicht wert gelegt, dass unsere Kultur  durch christlichen/jüdischen Geist geprägt ist, sodass ein Papst im Bundestag sprechen darf, aber der spirituelle Geist des Christentums scheint Europa entflogen zu sein.

Der Tod wird aus Scham und Unsicherheit verschwiegen oder wird zur Sensation gemacht, z.B. durch Plastinatgruselaustellungen  durch Gunther von Hagens. Doch gibt es, und das ist erfreulich, Fortschritte in der Medizinethik: Palliativmedizin, Hospizbewegung u.a. Michael von Brück erwähnt das Buch des ungarischen Autors Péter Nádas, in dem er über eigene Nahtoderfahrungen schreibt. Das Buch heißt „Der eigene Tod“, das Thema von Nahtoderfahrungen heutzutage wissenschaftlich erforscht wird.

In dem Teil „Privater und sozialer Tod“ bezieht sich Michael von Brück auf zwei Gedichte Rilkes. Nur schade, der Leser erfährt nicht, um welche Gedichte es sich handelt. So schreibt Rilke in einem Gedicht von „einem einsamen Dahinsiechen in den Hinterzimmern der Großstädte“.  Eine unwürdiges anonymes Sterben wie in sterilen Krankenzimmern an Schläuchen und Apparaten gekettet Menschen sterben, auf der anderen Seite Menschen fasziniert von Mumienaustellungen ist. Michael von Brück von einer perversen oder je nach Betrachtungsweise einer  neuzeitlichen Form des Totenkultes spricht, aber auch davon, dass zur Passionszeit die Kirchenmusik boomt mit Matthäuspassion und Johannespassion. Die Karwoche ist wohl ohne diese Musik nicht zu überstehen. Das zeigt doch, dass religiöse Sehnsüchte in unserer gegenwärtigen Gesellschaft durchaus noch vorhanden sind.

Liebe Grüße
mombour
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Offline orzifar

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Re:Michael von Brück: Ewiges Leben oder Wiedergeburt?
« Reply #1 on: 19. März 2011, 19.12 Uhr »
Nur kurz: Das Zitat von Brück trifft den Kern der Sache, das ist auch der einzige Bereich von Religion (bzw. Jenseitsvorstellungen), der einer Erörterung, Argumenten zugängig ist, nämlich die soziologisch-politisch-psychologisch-philosophischen Implikationen zu untersuchen. Wer tatsächlich glaubt, disqualifiziert sich zumindest in dieser Hinsicht für eine solche Auseinandersetzung.

Manchmal will mir erscheinen, als ob du in den letzten Jahren in einem esoterischen Zaubertrank gebadet hättest. Karma und Jenseitsvorstellungen ernsthaft in eine Diskussion miteinzubeziehen - naja ... siehe oben. Bezüglich des Christentums: Schön wär's, wenn dieses endlich aus dem gesamten öffentlichen Bereich verschwinden würde (und nicht durch einen adäquaten Blödsinn fernöstlich-esoterischer Provenienz ersetzt würde). Ist natürlich bloße Wunschvorstellung, wie der mit diesem Traum eng verbundene Wunsch, alle irgendwie patriotischen oder nationalistischen Anwandlungen auf den Misthaufen der Geschichte werfen zu können. (Jede Sportveranstaltung beweist, wie weit weg wir davon sind.)

Und: Dass gerade Religion und Moral einander nicht im mindesten bedingen, hat die Geschichte unendlich oft bewiesen. (Das Gegenteil ist der Fall: Die Religion, Gott - was auch immer - dienen als Vorwand für Ungeheuerlichkeiten.) Dass überhaupt eine solche Verbindung zwischen (z. B.) Christentum und Moral hergestellt wird, liegt am Weltbild dieser Christen, die da den Menschen für schlecht halten und daher mit Sanktionen, Strafen, Ge- und Verboten meinen, eine verquere Moral durchsetzen zu müssen und damit genau jene Unmoral erzeugen, die sie  zu verhindern vorgeben (natürlich geht's hier ohnehin nie um Moral, sondern nur um Macht). Ohne nun ein allzu menschenfreundliches Weltbild mein eigen zu nennen: Ich halte den Menschen für keineswegs so schlecht wie behauptet, in keinem Fall aber wird er durch Restriktionen aller Art in irgendeiner Form moralischer (im Gegenteil: Der katholische Klerus ist das beste Beispiel dafür, dass durch unsinnige Vorschriften Perversitäten jeder Art Tür und Tor geöffnet werden. Ich erinnere mich an den Dechant meiner Ministrantenzeit, der uns auf das Pissoir verfolgte, uns beim Pinkeln zusah und sich dabei einen runterholte. Nicht, dass ich da so besonders darunter gelitten hätte, ich habe den Vorgang gar nicht wirklich verstanden im Alter von 8 Jahren, es dann einfach vermieden, in solche Situationen zu kommen. Eigentlich war dieser Dechant ärmer dran als wir, denn durch all die christlichen Dummheiten, die Indoktrinationen wurde aus ihm ein versoffener, verzweifelter Mensch mit verquerer Sexualität, der mit schlechtem Gewissen kleinen Buben aufs Klo folgte.)

lg

orzifar

So nebenbei: Wenn auch nicht mehr das aktuellste, so doch immer noch für diese Thematik sehr interessant und lesbar: Aries "Geschichte des Todes".
Derzeitige Lektüre:

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Offline Anita

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Re:Michael von Brück: Ewiges Leben oder Wiedergeburt?
« Reply #2 on: 19. März 2011, 20.19 Uhr »
Wer tatsächlich glaubt, disqualifiziert sich zumindest in dieser Hinsicht für eine solche Auseinandersetzung.

Nö, kann ich einfach nicht so stehen lassen, denn es kommt immer darauf an, woran man glaubt.
Wenn man natürlich daran glaubt, (das muss ich jetzt mal aufnehmen, da brennt ja noch was) dass Jesus von einer Jungfrau geboren wurde, kann ich auch nur die Brauen hochziehen und ah sagen. (Heute weiß man doch warum diese Jungfrauengeburt in der Bibel aufgenommen werden musste.) Wenn Glaube von außen aufdiktiert wird, vorgefertigte Formel und Regeln entspricht, kann ich damit auch überhaupt nichts anfangen. Höchstwahrscheinlich aus dem gleichen Grund wie orzifar, die katholische Kirche zerstört oft schon in der Kindheit den naiv kindlichen Glauben an etwas Höheres ...

Ich denke, ich kann ja nur ganz vage vermuten, so rein aus dem Netz und Lektüre, dass mombour auf der Suche ist. Die große Suche nach dem Sinn, den Zweck des Lebens, das Wohin und Wofür. Ferner denke ich, dass der, der sich auf der Suche begibt, auf keinem Fall -

Quote
Dass überhaupt eine solche Verbindung zwischen (z. B.) Christentum und Moral hergestellt wird, liegt am Weltbild dieser Christen, die da den Menschen für schlecht halten und daher mit Sanktionen, Strafen, Ge- und Verboten meinen, eine verquere Moral durchsetzen zu müssen und damit genau jene Unmoral erzeugen, die sie  zu verhindern vorgeben (natürlich geht's hier ohnehin nie um Moral, sondern nur um Macht).

- solchen Maßstäben folgt. Glaube entspricht doch nicht nur diesen Dogmen, muss auch überhaupt nichts mit der Kirche zu tun haben. Also ich bin schon mit 20 ausgetreten, sozusagen Heide oder Atheist, eine Todsünde sicherlich und werde in der Hölle schmoren! Nein, Moral hat auch nichts mit Religion zu tun, und Moralaposteln tun der Welt nicht gut, aber so ein bisschen Knigge täte ganz gut. (Woran liegt es deiner Meinung nach, dass "man" heute so profitgeil ist? Ist dieses "Man", die Gesellschaft, der Einzelne oder eine Gruppe, wie kommt es zustande?)

Persönlich habe ich für mich die Sinnfrage des Lebens beantwortet und glaube an etwas (vielleicht so eine Art, dass es eine höhere Ordnung gibt, worauf alles {ALLES} hinausläuft), dennoch diskutiere ich gerne über dieses Thema.

LG
Anita


Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.  Nietzsche in "Also sprach Zarathustra"

Offline orzifar

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Re:Michael von Brück: Ewiges Leben oder Wiedergeburt?
« Reply #3 on: 19. März 2011, 20.35 Uhr »
Nö, kann ich einfach nicht so stehen lassen, denn es kommt immer darauf an, woran man glaubt.


Mutatis mutandis hatten wir das doch schon mal ;) - und ich wiederhole mit anderen Worten: Es gibt Dinge, über die man nicht sinnvoll (d. h. argumentativ, wobei die Sachen mit den Argumenten in den Forenregeln ausgeführt sind) diskutieren kann: Jenseitsvorstellungen, die Farbe von Gottes Bart und die Zahl der rosa Punkte auf dem Fell des Osterhasen.

Woran liegt es deiner Meinung nach, dass "man" heute so profitgeil ist? Ist dieses "Man", die Gesellschaft, der Einzelne oder eine Gruppe, wie kommt es zustande?

Darüber wäre ein Buch zu schreiben  ;). In jedem Fall aber off topic, müssten wir verschieben in Richtung Allgemeines. Gründe: Viele. Gerade die reine Geldgier (ich hab so einen Onkel, der große Ähnlichkeiten mit einem anderen Onkel namens Dagobert hat) ist schon was Seltsames, da sie sich früher oder später immer ad absurdum führt (irgendwo in Walt Disneys Lustigen Taschenbüchern sitzt der genannte Dagobert im Geldspeicher und knabbert an seinen Talern. Und kommt kurzzeitig drauf, dass deren Nährwert ein bescheidener ist. Donald mit Zitronensprudel und Hängematte - das hat schon eher was.)

lg

orzifar
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Re:Michael von Brück: Ewiges Leben oder Wiedergeburt?
« Reply #4 on: 19. März 2011, 22.42 Uhr »
Nur kurz: Das Zitat von Brück trifft den Kern der Sache, das ist auch der einzige Bereich von Religion (bzw. Jenseitsvorstellungen), der einer Erörterung, Argumenten zugängig ist, nämlich die soziologisch-politisch-psychologisch-philosophischen Implikationen zu untersuchen. Wer tatsächlich glaubt, disqualifiziert sich zumindest in dieser Hinsicht für eine solche Auseinandersetzung.

Darum das Buch auch nichts mit Glauben oder Esoterik zu tun hat. Es ist ein kulturwissenschaftlicher Beitrag zu einem Thema, nämlich Tod, und deren unterschiedlichen Vorstellungen. Davon abgesehen,  auch niemand würde Mircea Eliade als einen Esoteriker bezeichnen. Sehen wir die Sache doch mal so. Seit etwa Jungsteinzeit haben Menschen irgendwelche Vorstellungen, wie es evtl nach dem Ableben weitergehen könnte. So ganz kann man sich dem Thema nicht entziehen, beschäftigt dies doch die Menschheit seit langem schon. !986, als ich eine Ägyptenreise unternahm, las ich vorher Fachliteratur zur Ägyptischen Religion, trotzdem ich niemals an Osiris geglaubt habe. Natürlich, und da hat Anita selbstverständlich Recht, ist es auch eine Beschäftigung mit sich selbst, eine Sinnfrage, die die Naturwissenschaft natürlich nicht stellt, weil sie für Sinnfragen nicht zuständig ist und nach Stephen Hawking's Theorie auch ein Gott nicht nötig ist (wir können gerne mal ein Hawking-Buch gemeinsam lesen, ich hoffe nicht zu schwer für einen Nichtphysiker).


Manchmal will mir erscheinen, als ob du in den letzten Jahren in einem esoterischen Zaubertrank gebadet hättest. Karma und Jenseitsvorstellungen ernsthaft in eine Diskussion miteinzubeziehen - naja ...

esoterischer Zaubertrank, nein. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die ihre Horoskope angucken, oder ihr Bett anders hinstellen, weil da irgend eine Wasserader unter dem Zimmer durchgeht. Warscheinlich spielst du ein wenig auf Ken Wilber an, wobei Ken Wilber ganz ausdrücklich kein Esoteriker ist. Das wäre ein Missverständnis.

Karma und Jenseitsvorstellungen...., das liegt eben am Thema des Buches, dass den Kulturkreis Indiens mit einbezieht. Ich hoffe, diese Buchthematik ist im Forum nicht unerwünscht wie der Philosoph N. Ich werde, wenn die Aministration genehmigt, das Buch sine ira et studio vorstellen.  Das Buch ist sehr sachlich, favorisiert wird darin keine Religion, wie es sich für solch ein kulturübergreifendes Werk auch gehört.

Aries "Geschichte des Todes".  Bestimmt interessant. Ich habe nur darüber gelesen. Danke.

Liebe Grüße
mombour
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Offline orzifar

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Re:Michael von Brück: Ewiges Leben oder Wiedergeburt?
« Reply #5 on: 20. März 2011, 00.26 Uhr »
Hallo!

Ich will mich dem Thema überhaupt nicht entziehen, ich finde diese Bereiche von Tod, Religion und Jenseitsvorstellungen ausnehmend interessant und habe mich im Rahmen meines Studiums damit häufig auseinandergesetzt. Für mich klang dein erstes Posting so, als ob du eine ernsthafte Diskussion über Karma oder die Plausibilität von Jenseitsvorstellungen bzw. Wiedergeburt führen wolltest. Darüber, wie solche Vorstellungen sich entwickelten, warum sie früher (und auch heute noch) auf so fruchtbaren Boden fallen, kann man trefflich diskutieren, nicht aber aus der Sicht des Gläubigen. - So nebenher sind mir solche Leute wie Bückle (so wie du ihn beschreibst) ein Rätsel, sie wissen sehr viel über religiöse Vorstellungen, darüber, wie Inhalte aus anderen Religionen entlehnt werden, über die unsichere historische Quellenlage etc. und müssten eigentlich wie selbstverständlich sehen, dass das alles nur die Feuerbachsche These bestätigt von der zutiefst menschlichen Erfindung dieser ganzen Vorstellungen. Und bezeichnen sich dann trotzdem als gläubige Christen (und man komme mir dann nicht mit der Sublimierung dieses ganzen biblischen Brimboriums: Denn das Brimborium ist konstituierend für diesen Glauben). Ich habe mit einem Professor für Völkerkunde einmal ein solches Gespräch geführt und es war wirklich erstaunlich: Er konnte (er war Katholik) diese Tatsache weder mir - noch wohl auch ihm selbst - wirklich verständlich machen. Offenbar echt Orwellsches Zwiedenken.

Und selbstverständlich ist für solche Bücher hier Platz, wie auch nicht. (Meinst du mit dem Philosophen N. Nietzsche? Und warum glaubst du, dass Nietzsche hier tabu sein bzw. über ihn nicht diskutiert werden sollte???? Wobei ich Nietzsche weniger für einen Philosophen denn für einen sein eigenes Psychogramm wieder und wieder niederschreibenden Schriftsteller halte. Die Gefahr bei Diskussionen über Nietzsche liegt aber in seiner aphoristischen Schreibweise, dadurch findet sich jeder etwas bzw. legt es nach seinem Gutdünken aus. F. A. aus dem Klassikerforum führt etwa eine Zeile in seiner Signatur an, die auch SS-Organisationen nach dem Krieg zu ihrer Verteidigung gebrauchten. Bei Nietzsche kann sich jeder nach Belieben bedienen und wird zumeist auch fündig. Abgesehen von dieser (aphoristischen) Gefahr kann man wunderbar über Nietzsche diskutieren.) Kein Platz ist hier für Gläubige jeder Couleur bzw. besser: Für diejenigen, welche den Inhalt dieses Glaubens meinen vertreten zu müssen, da, wie schon zuvor ausgeführt, eine argumentative Auseinandersetzung mit solchen Inhalten einfach unmöglich ist und man ganz automatisch auf Justamentstandpunkte rekurriert.

Der Aries gehört zu meinen zerlesensten Büchern überhaupt. Teilweise sind seine Thesen (angeblich) überholt, trotzdem würde ich das erwähnte Buch bezüglich der Bereiche Tod, Sterben, Begräbnisrituale, Jenseitsvorstellungen etc. für ein Standardwerk und unverzichtbar halten. Aries bezieht seine Beispiele im übrigen auch aus der Literatur (Rilke, Tolstoi, mittelalterliche Legenden usf.), das, was du von Brück diesbezüglich schreibst, hat mich erst auf Aries gebracht.

lg

orzifar
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Re:Michael von Brück: Ewiges Leben oder Wiedergeburt?
« Reply #6 on: 20. März 2011, 13.38 Uhr »

Ich denke, ich kann ja nur ganz vage vermuten, so rein aus dem Netz und Lektüre, dass mombour auf der Suche ist. Die große Suche nach dem Sinn, den Zweck des Lebens, das Wohin und Wofür. Ferner denke ich, dass der, der sich auf der Suche begibt, auf keinem Fall -

Einen Weg für mich habe ich gefunden, den ich schreite bis zum Sterbebett ;D, wobei es hier natürlich nicht um mich geht und wir leicht in off-topic-Bereiche rutschen, was bei diesem (bewegendem :) )aber verständlich ist. Ich sage nur, dass ich, was orzifar über die Kirche sagt, auch meine Meinung ist und ich mich nicht um Diskussionen um Moral und Gott bemühen kann, desweiteren ich vieles in der (bes.) katholischen Kirche für unchristlich halte, mich deswegen diese Organisation nicht interessiert. Die Kirche ist ein Spielball im Kapitalismus und, jawohl, es geht ihr um Macht, was auch m.M. n. den Sinn des Christentums verfehlt. Nun, bevor wie hier in fahrige Diskussionen verfallen und keinen Ausgang mehr finden, wende ich mich mich weiter dem Buch  zu, das zu besprechen gilt.

Das Buch hat drei Hauptteile:
I. Der Mythos
II. Der Ritus
III. Das Geheimnis als Hoffnung


Diese drei Hauptteile gliedern sich jeweils in zwei Unterteile auf, die einen Blick auf den europäisch-christlichen Raum werfen und dann den hinduistisch-buddhistischen Raum beleuchten. Im ersten Teil "Der Mythos" auch ein Blick auf China geworfen wird.

I. DER MYTHOS

Anhand vom Mythos wird versucht einen Blick auf die Menschliche Erfahrung der Zeitlichkeit zu gewinnen. Es stellt sich nicht nur die Frage der Zeit an sich, sondern woher kommt die Zeit. Die Frage nach dem Ursprung der Zeit. Unser Bewusstsein agiert in der Zeit, sagt von Brück, es richtet sich aber auch nach einem Horizont aus, der jenseits der Zeit liegt, diesen Bereich Menschen als Transzendenz bezeichnen, oder als eine metaphysische Dimension. Ich habe die vage Vermutung, Zeit wird durch unser eigenes Bewusstsein geschaffen, in der mystischen Erfahrung  von Transzendenz, gleichzeitig mit dem Überschreiten des eigenen Egos auch die Zeitlichkeit überschritten werden kann.

Jetzt aber erst einmal ein Gedicht aus Rainer Maria Rilkes Stundenbuch, welches im Buch zitiert wird:

Wer seines Lebens viele Widersinne

Wer seines Lebens viele Widersinne
versöhnt und dankbar in ein Sinnbild fasst,
der drängt
die Lärmenden aus dem Palast,
wird anders festlich, und du bist der Gast,
den er an sanften Abenden empfängt.

Du bist der Zweite seiner Einsamkeit,
die ruhige Mitte seinen Monologen;
und jeder Kreis, um dich gezogen,
spannt ihm den Zirkel aus der Zeit.


Der Mensch im chaotischen Betrieb des Lebens, Ängsten, Leid, und Stress, eben dem Widersinn des Lebens ausgesetzt, fasst dankbar ein versöhnendes Sinnbild, vielleicht Gott, in seinen Geist und erfährt seinen inneren ruhenden Wesenskern, hier als Metapher gesetzt, durch einen sanften Abend. So kommt der Mensch zu seiner ruhigen Mitte. Die Angst vor dem Tod entflieht und wir wachsen aus dem Kontinium von Zeit und Raum heraus.

Quote from: Michael von Brück
In der Ekstase z.B. wird die Einheit der Gegensätze als Einheit in der Vielfalt konkret erfahren, und dies betrifft auch die Differenzierung in Vergangenes und Zukünftiges, die in der Ekstase als Gleichzeitigkeit des Jetzt erscheint, wie es bei den Mystikern heißt.

Aufgrund dessen, dass es verschiedene Bewusstseinszustände gibt, Wachzustand, Traum Tiefschlaf, Ekstase, sagt William James (1842-1910), es sei zumindest problematisch den normalen Wachzustand des Menschen als Maß aller Dinge zu erheben.

Nun ein Blick auf Mythen in Bezug auf Lebenszeit, Tod

Kronos, der Gott der Zeit, verschlingt seine Kinder (abgesehen von Zeus) und speit sie wieder auf. Er frisst ihre Lebenszeit, und gibt ihnen das Leben wieder zurück.

Orpheus kann seine verstorbene Eurydike mit  Hilfe seiner schönen  Musik aus dem Totenreich zurückholen. Aber, indem sich  Orpheus umdreht und Eurydike erblickt, hat er das Vertrauen auf die natürliche Ordnung, die seine Musik symbolisiert, verloren, und Eurydike muss zurück in die Häuser des Hades.

Dionysos verkörpert das Mysterium von Tod und Todesüberwindung. Dionysos ist ein Halbgott, seine Mutter, die sterbliche Semele, der Vater ist der unsterbliche Zeus. Durch diese Figuration wird das Thema von Zeitlichkeit und Unsterblichkeit thematisiert. Semele die sich betrogen fühlte, weil  Zeus sie  Menschengestalt verführte, wollte auf eifersüchtigen Rat der Hera, in das wahre Antlitz des Gottes schauen, sie deswegen im göttlichen Lichtblitz verbrannte und Zeus den Embryo Dionysos in seinen Schenkel einnähte, um ihn austragen zu können.

Von Brück über Dionysos:

„Er ist ein All-Gott, der den Zusammenfall der Gegensätze darstellt und doch gleichzeitig  Vernichtung herbeiführen kann. Rausch und Ekstase, das Zerstören der Ordnung  von Raum und Zeit, sind sein Heilswerk – wer ihn verehrt, erlebt Befreiung von der Vergänglichkeit, eine Entgrenzung des Ich und seiner Zeitempfindung, die Aufhebung der Grenzen zwischen Mensch und Natur, ein erleben universalen Einsseins, das in der heiligen Kommunion des Opfertieres gipfelt, das die Mänaden auf dem Höhepunkt der Ekstase blutig verzehren. Das Opfertier aber ist Gott selbst...“

Das erinnert an die Heilige Kommunion der Katholiken, bzw. Abendmahl, wo der Leib und das Blut Christi verzehrt wird. Wahrlich, die Kirche ist heidnisch. ;D

Um Dionysos entsteht eine frühgriechische Theologie, in der  Pentheus, der Gegenspieler dionysischer Mysterien, „die Welt entsühnt,  die aus der Einheit gefallen ist und Mensch und Natur getrennt hat.“ und mit Dionysos „ein Durchgang durch den Tod zu einer Auferstehung mit Dionysos, dem neuen Menschen, dem Gott-Menschen“ zelebriert wird (vgl. „Die Bakchen“ des Euripides).

Demeter verkörpert den Rhythmus der Natur des Werdens und Vergehens. Göttin der Fruchtbarkeit, des Getreides , der Saat. Hades entführt ihre Tochter Persephone, Demeter daraufhin aus Trauer kein Korn wachsen lässt. Zeus verlangt, Hades müsse für zwei Drittel des Jahres Persephone freigeben. Dieser Mythos begründet den Lauf der Jahreszeiten und die Kulturerfindung des Ackerbaus. Es kann nur in gewissen Zeitzyklen, wenn Hades Persephone freigibt, geerntet und gesät werden, zu anderer Zeit, wenn Persephone beim Hades weilt, ist die Erde unfruchtbar. Leben und Tod.  Im bekannten Psalm 104 wird Gottes Schöpfung gepriesen, darin Gott Leben schenken aber auch Leben nehmen kann.

„nimmst du weg ihren Odem
so vergehen sie
und werden wieder Staub.
Du sendest aus deinen Odem
so werden sie geschaffen,..“
(Psalm 104, 29,30)

Es ist immer ein Werden und Vergehen. Der Tod als Voraussetzung für neues Leben.

Im Psalm 90 wird festgestellt, dass Gottes Zeit eine andere Zeit ist, als die des Menschen. Von Brück spricht von einem anderen Zeitmaß.  Ich vermute aber hier eine Zeitlosigkeit, denn der HERR ist „von Ewigkeit zu Ewigkeit“, das bedeutet für mich, er ist zeitlos. Ewigkeit ist so gewaltig, dass wir sie mit unserem Verstand niemals erfassen können. Im Psalm 90 heißt es auch, Tausend Jahre seien für Gott das, was für den Menschen ein Tag ist. Ich vermute, dass Tausend eben eine so große Zahl ist, dass sie hier für eine Zeitlosigkeit steht.

Schließlich gelangen wir zum Christentum. Paulus sagt der Tod sei ein Sold der Sünde(Röm.6,23), aber wer an Jesus glaubt, wird des ewigen Lebens teilhaftig. Aber wie sieht das ewige Leben aus? Zur Zeit von Jesu, so von Brück, habe sich bei den Juden eine „Hoffnung auf eine Auferstehung der Toten etabliert“ und Christus habe eine neue Weltzeit eingeleitet. Die christliche Taufe „wird von Paulus als Mit-Sterben  mit Christus interpretiert, wobei der alte Mensch (Adam) ertränkt und ein neuer, eben Christus, in jedem Menschen geboren wird" (Röm.6), wobei  der Leib der Auferstehung ein anderer ist, als der somatische Körper. Da musste ich erst Michael von Brück lesen, um auf solch eine Stelle aufmerksam gemacht zu werden.

„Es wird gesät ein natürlicher Leib und wird auferstehen ein geistlicher Leib.“ (1. Korinther, 15,44 und man lese auch ff).

Die Auferstehung im Christentum wirft für mich einige Fragen auf. Es wird immer gesagt, und wir können es nachlesen, Jesus sei auferstanden. Ja gut. Aber bei den Evangelisten ist der somatische Körper auferstanden, denn Jesu Grab war leer und Zeitzeugen wie Maria Magdalena und einige Jünger sollen Jesu dann ja noch gesehen haben, bevor er in den Himmel gefahren ist. Ein geistlichen, oder himmlischen Körper können wir doch mit unseren physischen Augen nicht wahrnehmen. Allerdings ist Jesu plötzlich in einem geschlossenen Raum erschienen, in dem sich Jünger befanden (ein pysischer Leibt durch eine Wand geht nicht). Ok. Wunder über Wunder. Diese Sache können wir nicht klären, sie sei nur angesprochen.

Zwei Phänomene haben die frühchristliche Entwicklung geprägt:

1) Die Endzeiterwartung und die Wiederkehr Christi bestehe unmittelbar bevor.
2)  Erwartung einer 1000 jährigen Zwischenzeit vor dem jenseitigen Gericht, in der die Gottesherrschaft eingerichtet wird.

Liebe Grüße
mombour


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Re:Michael von Brück: Ewiges Leben oder Wiedergeburt?
« Reply #7 on: 23. März 2011, 10.45 Uhr »
 Das Kapitel zur  „Entwicklung der europäischen Philosophie der Zeit“ ist ziemlich zusammengerafft. Das kann nicht glücklich machen. Über das neunzehnte Jahrhundert zumindest hätte ich mir doch mehr gewünscht: Über den Tod n der romantischen Literatur, über den Heldentod und Erlösungstod bei Richard Wagner. Da hätte von Brück sicher mehr einfallen können, als nur eine Erwähnung  am Rande. Wenn schon schon so viele Erwähnungen am Rande gemacht werden, hätte ich zumindest eine Quellenangabe, z.B. zu Baudelaire, wo er über die Hast der Zeit schreibt, oder auch eine Quellenangabe zu Novalis' Auffassung von Raum und Zeit. Dieses lockere Darüberhinweggehen ist mir  ein Dorn im Auge, auch wenn ich inzwischen gemerkt habe, dass es sich um ein Einführungsbuch für Laien handelt, und dass es kein akademisches Buch ist. Es fehlt Register, Literaturhinweise werden  nur in  einer Auswahl angeführt. Keine Frage, das Buch hat viel wertvolle Information, aber auf einige Schwachpunkte muss hingewiesen werden.

 Am Anfang steht die Kontroverse zwischen Heraklit und Parmenides,  Heraklit sagt, alles ist ein Prozess des Werdens und Vergehens, währenddessen Parmenides für die Unveränderlichbarkeit des Seins plädierte, Platon einen Kompromiss einging, das Universum in eine zeitlichen und überzeitlichen Bereich aufteilte (Timaios). Aber ich frage mich, wie soll den ein überzeitlicher Teil aussehen, ich meine innerhalb des Universums. Das ist nicht haltbar, denn wir wissen doch, der Kosmos befindet sich noch in der Phase des Werdens (Ausdehnung) und irgendwann vergeht er aber. Ich hege mehr Sympathie für Heraklit.

Jean Piaget u.a. Forscher haben aufgezeigt, „Zeiterfahrung ist abhängig von der Umwelt des Erfahrenden, sowie vom Zustand seines wahrnehmenden Bewusstseins..“ Herder vertrat die Ansicht, jedes Ding habe seine eigene Zeit, d.h. Es müsse unzählbare Zeiten geben.  In den letzten dreihundet  Jahren, so von Brück, sei die Geschichte verzeitlicht worden und erscheint uns heute anders als im europäischen Mittelalter. Den Grund sieht er in der Beschleunigung der Lebensprozesse, die in unserer Wahrnehmung als Fortschritt angesehen wird, andererseits auch eine Art Dekadenz ist, weil viele Menschen heute durch das Arbeitsleben und Stress in eine abgehetzte Mentalität gerutscht sind, die sich darin ausdrückt, „Ich habe keine Zeit“, „es ist höchste Eisenbahn“ usw. Es ist zu hinterfragen, ob hierin nicht eine bedauerndswerte Entwicklung über uins gekommen ist, dass wir Opfer von Zeitabläufen geworden sind. Aus einem zeitlosen Augenblick herauszuleben, wie  Michael von Brück in dem abschließenden Teil mystischer Zeiterfahrung betrachtet, scheint uns bitterlich verlorengegangen zu sein, darum so mancher getriebende Westling sich dazu entscheidet, auf einem Kissen mystische Versenkungsmethoden zu üben (Ich halte es für sehr bedauerlich, dass in christlichen Kirchen nicht christlichje Meditation und Kontemplation gelehrt wird. Das wäre vielleicht ein Segen). Die aktuelle Ausgabe von „Der Spiegel“, Sperialausgabe „Wissen“, Nr. 1, 2011 behandelt „Das überforderte Ich – Stress, Burnout, Depression.“ Das ist der Preis, den viele Menschen heute zahlen müssen.

Quote from: Michael von Brück
Der Tod darf nicht sein..., denn er verletzt den Machtbarkeits-Wahn  des modernen Menschen,...Wissenschaft und Technik gelten als einzig gültige Deutungsmuster von Wirklichkeit, von denen aller „Fortschritt“ erwartet wird.

Diese moderne Einsicht halte ich für bedenklich. Was für einen Fortschritt bringen denn Atomkraftwerke? Den Tod, der ja eigentlich doch nicht sein sollte, und dann wird im Gegensatz dazu viel Geld für Verjüngungskosmetik ausgegeben, denn altwerden ist nicht modern. Das ist nichts anderes als shizophren und stellt meines Erachtens eine tragische Fehlentwicklung dar.

ABER,
wie war das denn früher?

Die europäische Entwicklung wurde geprägt von apokalyptischen Denken und Utopie. Juden erwarteten die Vollendung der Geschichte durch Gott am Ende der Zeit, auch Christen lebten in einer Endzeiterwartung, sie glaubten, diese Endzeit sei durch Christus schon angebrochen, Endzeit also unmittelbar bevorstehe. Diese Zukunftserwartungen zu den Utopien gehören, die sich Menschen erdacht haben. Es gibt räumliche Utopien wie Atlantis, oder ein Land, in dem Milch und Honig fließt, zeitliche Utopien, wie die eines Goldenen Zeitalters und Bewusstseinsutopien, die aus dem Munde israelischer Propheten, Buddha, Jesus, New-Age-Bewegung kommt.

Renaissance

Der Mensch als schöpferisches Individuum (z.B: Erfindungen, Naturwissenschaft) tritt „“als Subjekt des Handelns an die Stelle von Gott.“  Der Mensch als selbstbewusstes Wesen . „Meine Heimat ist die Welt überhaupt“, sagt Dante. Der Mensch war aber noch in einem religiösen Kosmos eingebunden.. Alles war von Gott geordnet (z.B. Keplers Gesetze der Planetenbahnen). Das Weltbild war damals noch der der  christlich-kirchlichen Metaphysik verpflichtet.

Aufklärung

Die Aufklärung entklerikalisiert das Weltbild, was zählt, ist die Vernunft des Menschen und es entstehen neue Geschichtstheorien wie die von Hegel, in der , wie von Brück sagt,

Quote
Geist, Recht und Wirtschaft verschmolzen werden zu einer „innerweltlichen Heilsgeschichte“, die im Staat Preußen Erfüllung finden soll.

Das neunzehnte Jahrhundert

Darwins Evolutionstheorie: Fortschritt ist zweckmäßige Anpassung, eine kausale Kombination von  Zufall und Auswahl. Der Tod auch zweckmäßig wird, weil zweckmäßige Anpassung sich nach Erhaltung und Vermehrung der Arten definiert. Natürlich gab es vorher noch den romantisch verklärten Tod.

Neugierig werde ich, wenn Michael von Brück über Baudelaire schreibt, dass in seiner Poesie das Vergehen jedes Augenblicks bewusst wird. Da kein Gedicht als Beispiel genannt wird, muss man also in den Fleurs du Mal herumsuchen, oder kennt jemand aus dem Stehgreif ein passendes Gedicht?

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Re:Michael von Brück: Ewiges Leben oder Wiedergeburt?
« Reply #8 on: 24. März 2011, 09.32 Uhr »
Im Zweiten Teil des ersten Hauptteils „Der Mythos“ wird ein Blick in den „ Hinduistisch-buddhistischen Raum“ geworfen.

Was den Hinduismus betrifft, sind neben den Upanishaden, der Bhagavad Gita u.a. auch die einfachen Rituale der Menschen auf den Dörfern zu berücksichtigen. Gerade die Totenrituale bilden einen starken Kontrast zur All-Einheitslehre von Brahman-Atman. Was sich hier im Volksglauben eingenistet hat, finden wir auch in vielen anderen Kulturen Afrikas, Ozeaniens, Lateinamerikas u.a., diese Vorstellung auch uns nicht fremd vorkommen mag, entstanden letztendlich aus solchen Vorstellungen diverse Horrorgeschichten und Vampirmythten. Der Tote geht in die Welt der Ahnen ein und führt eine Art Schattenexistenz. Zu den Lebenden gehören die Toten dazu. Wenn die Toten in Unfrieden sterben, noch eine Schuld abzutragen ist u.ä. Kehren die Toten zurück und können Unheil bringen, deswegen die Toten rituell befriedet werden müssen. In den frühesten indischen Texten der vedischen Samhitas findet man noch keine Karma-Lehre, auch keinen Wiedergeburtsgedanken. Das Schicksal des Toten wird mit rituellem Opfer in Verbindung gebracht, durch das Feuer (agni) das Schicksal in  übermenschliche Sphären gelangt.

Auch in Indien gab es einen Gott der Zeit: Muhakala, der im tantrisch buddhistischen kalacakra-System fortwirkt. Im Brahmavaivartapurana betet der Dichter zu Gott:

„Von allen Maßen bist Du die Zeit. Du bist der Herr der Zeit, der Ursprung der Zeit. Du bist jenseits von Zeit und wohnst doch in der Zeit.“ (das trifft, meine ich, auch auf den Gott des AT's zu).

Die Welt als Traum Vishnus

Was für ein wunderbar farbiger Mythos.

Vishnu umspannt das All, er schläft auf der Weltenschlange Shesha im unermesslichen Weltenozean, die Zeit schaffend, in dem er rhythmisch atmet. Es sei zu bemerken das im Yoga, Stichwort Pranaenergie, und im Buddhismus großen Wert auf bewusstes Atmen gelegt wird. Im Mythos heißt es, der Nabel hebt und senkt sich,  aus dem Nabel eine Lotosblüte erwächst, darin der Schöpfergott Brahma sitzt. Daraus ergibt sich, dass die Menschen damals schon der hohen Stellenwert richtiger Bauchatmung bekannt war. Bewusstes Atmen klärt den Geist, lässt den Praktizierenden den gegenwärtigen Moment erleben. Indem Vishnu schläft, entsteigen seinen Ohren zwei schreckliche Dämonen, die Brahma bedrohen. Die Lotosblüte gilt im indischen Raum als Wechselspiel der Gegensätze. Brahma bittet Devi, der Mutter des Universums, um Hilfe. Devi ist die Kraft, aus der das Nichts, Tag, Nacht, Leben und Tod geformt sind. Sie lässt  Vishnu schlafen und wachen, weckt ihn, damit er gegen die Dämonen kampfen kann. Ein Wechselspiel zwischen schlafen und erwachen.

Quote from: Michael von Brück
All das ist das Spiel der Devi, sie ist Vishnus Schlaf und Vishnus Erwachen, die Morgenröte und die Abenddämmerung, die Kraft der Schöpfung und die Macht der Zerstörung, der Rhythmus des Tanzes und die Ruhe der Vollendung.

Shivas kosmischer Tanz

Shiva bündelt kosmische Energien und zerstört das Geschaffene wieder. Seine schöpferische Kraft aktiviert er durch Meditation. Wenn Shiva tanzt, dann tanzt er „den kosmischen Tanz der Schöpfung und der Zerstörung, er erzeugt Ordnung, bezwingt das Chaos, sein Tanz ist der Rhythmus zeitlicher Bewegung. Er ist die Spannung der Gegensätze, ein Mythos des Sterbens und Werdens, das nie zum Stillstand kommt.


Doch schreiten wir nun in die indische Philosophie der Zeit, des Todes, der Wiedergeburt, dabei wir darauf hingewiesen werden, das  im frühen Samkhya-System (das älteste philosophische System Indiens) es noch kein ausgearbeitetes Zeitkonzept gegeben hat. Im späteren Samkhya-Yoga  gibt es Zeit nur als eine aufeinanderfolge von Ereignissen. Und nun rächt sich die knappe Darstellung des Buches wieder. Es heißt, im Yoga ist der Moment die kleinste Einheit der Zeit, bloß in welchem Yoga das erstmals auftritt, darüber wir in Unkenntnis gelassen werden. Die Zeit gilt jedenfalls als eine Kette von ununterbrochenen Momenten, „deren unablässiger Fluss dem Bewusstsein als Zeit erscheint.“

Im Yoga-Sutra 4,12 des Patanjali wird zu verdeutlichen Versucht, dass Vergangenheit und Zukunft ihrem Wesen nach gegenwärtig seien, schreibt von Brück (dazu sei ergänzend bemerkt, Patanjali lebte in nachvedischer Zeit, entweder im zweiten Jahrhundert vor Chr. oder im 4.5: nachchristlichen Jahrhundert. So unbestimmt wissen wir das).

Und nun, man merkt, Michael von Brück kostet das wunderbar, er erzählt vom mystischer Meditationserfahrung. Das sei ein Zitat wert [dau]

Quote from: Michael von Brück
Vergangenheit,Gegenwart und Zukunft sind nur Modifikationen des  zu Grunde liegenden Substrats und das wahre Wesen des Menschen besteht in einer trans-temporalen unzerstörbaren Wirklichkeit, die in der Meditation nach einen Loslösung vom Fluss der zeitlichen Modifikation erfahren wird, wobei die durchaus real existierenden Dinge von einem meditativen Bewusstsein in ihrer Ganzheit und Vollkommenheit erfasst werden.

In der frühen Literatur des Vedanta haben sich zwei widersprechende philosophische Systeme entwickelt.
1.) ein nicht dualistisches System, in dem der menschliche Wesenskern des Brahman identisch ist, und die Vielheit der Welt als eine Illusion gedeutet wird.
2.) ein  dualistisches System, in dem sich Mensch und Gott gegenüberstehen, durch eine göttliche Gnade nach dem Tod in eine ewige Existenz bei Gott eingehen kann.

Prana

liegt allen sichtbaren Prozessen zugrunde. Eine Lebensenergie, die im Yoga durch Atemübung und Atemkontrolle aufgenommen werden soll. Die Atmung zeigt sehr deutlich den Rhythmus des Lebens, so glaubt man, dass besonders in der Atmung sich die Lebensenergie des Prana zeigt. Prana gilt als brahman selbst  und als dessen Manifestationen in allen Lebensenergien. In dieser Anschauung steckt eine Theorie der Einheit zwischen Geist und Materie.

Schöpfung

Shankara (um 800 n. Chr.) gilt als bedeutender Vertreter des indischen Nicht-Dualismus (Advaita-Vedanta). Einerseits ist brahman „völlig gestaltlos und ohne jede Bestimmungen  und erscheint zugleich als Absolutes mit Bestimmungen und Eigenschaften. Schöpfung, Erhaltung und Auflösung der Welt wird brahman zugeschrieben.
Brahman erscheint in die kosmischen Formen:

1) Isvahara ist der Schöpfer der Welt
2) Hiranyagarbha ist der erste Keim aus dem sich alles entfaltet. Alles ist in ihm schon enthalten.
3) Viraj ist die grobstoffliche Form der Dinge.

Wir haben hier so eine Art Pantheismus. Die diese drei Aspekte von brahman, also brahman selbst erscheint durch maya, welches das schöpferische Prinzip ist, „durch das Eins als Vieles erscheint.“

Karma(n)

Karman ist die Gesetzmäßigkeit von Ursache und Wirkung. Die Ursache liegt vor der Wirkung und die Wirkung ist an die Ursache rückgekoppelt.
Quote from: Michael von Brück
Die Gegenwart ist Folge des vergangenen und Zukunft ist nichts anderes als Explikation des gegenwärtigen karman.

Die Zeitbewegung ist kreisförmig. So ist der Tod einer körperlichen und geistigen Form einerseits das Ende, aber auch der Anfang einer weiteren neuen Form. So lauft das Prinzip der Reinkarnation ab. Irgendwann ist das karman aufgebraucht und der Mensch ist befreit (moksha). Diese Befreiung ist als Seligkeit (ananda) beschrieben worden

Was ich mir noch gewünscht hätte, ist, ob der hinduistische Karma-Lehre wirklich einfach nur fatalistisch ist. Wenn ich heute z.B. ein armseliges blödes Leben habe,[heul] dann habe ich mir das also alles selbst zuzuschreiben, weil ich in früheren Inkarnation irgendwelche Dummheiten gemacht habe. Michael von Brück erzählt auch von anderen Grundenergien (guna), die Einfluss auf unser Schicksal haben. Bei Unfällen, Krankheiten, frühzeitiger Tod spielt das Schicksal eine ebenso große Rolle wie karman.

Damit  haben wir unseren kleinen philosophischen Einblick in den Hinduismus beendet, den ich hier nur in aller Kürze zu raffen bemüht war.

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Re:Michael von Brück: Ewiges Leben oder Wiedergeburt?
« Reply #9 on: 30. März 2011, 16.25 Uhr »
Das folgende Kapitel im Buch heißt

Zeiterfahrung und Tod im Buddhismus

und das beginnt so:

Quote
Der Buddha selbst hat Fragen nach einem "Jenseits" des Todes als irrelevant für den Heilsweg zurückgewiesen.

Auf die Frage nach dem Leben nach dem Tode antwortete Buddha

Quote from: Michael von Brück
mit dem Gleichnis eines Menschen, der von einem vergifteten Pfeil verletzt ist und diesen unverzüglich herausziehen müsse, ohne erst nach dem Woher und Warum bzw. dem Urheber der Verletzung zu fragen.

Quote from: Michael von Brück
Zeit entsteht durch die gegenseitige Wechselwirkung der zwölf Glieder des Entstehens in gegenseitiger Abhängigkeit, deren grundlegende die Unwissenheit ist, was Leid verursacht. Leid (dukha) entsteht, wenn der Mensch seinem Bedürfnis nach...Anhaften an Beständigem nachgibt und sich dem Strom von Werden und Vergehen nachgibt.

12 Glieder des abhängigen Entstehens

Denn der Buddhismus lehrt, die Wirklichkeit ist nicht etwas feststehend Substantielles. Die Zeit ist genauso wenig von Substanz. Nach der späteren Mahayana-Schule ( bes.Madhyamika-Schule Nagarjunas, 3. Jh. n. Chr.) ist die jede mögliche Theorie der Zeit keine Beschreibung der Wirklichkeit, sondern eine Projektion des ICH. Das Avatamsaka-Sutra lehrt das gegenseitige Durchdringen aller Phänömene. Auch die Zeiten (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft) bedingen einander gegenseitig. Zeit ist keine Abfolge aufeinander folgender Ereignisse

Quote from: Michael von Brück
sondern der gegenwärtige Augenblick vollkommener Wachheit, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammenfallen.

(Darum Leben im HIER UND JETZT)

Eine Trennung wie in manchen theistischen Systemen, in denen Welt und Gott getrennt wird, gibt es im Buddhismus nicht.

Wenn man im Wasser den gespiegelten Mond anblickt, nur die Spiegelung wahrnimmt,  so hält man diese gespiegelte Welt für wahr (die raum-zeitliche Existenzform). Sich darauf zu fixieren bringt nichts ein, eine Spiegelung im Wasser kann man auch nicht greifen. Die absolute Wirklichkeit ist leer (shunya) in Bezug auf Substanz.

Leerheit (shunyata) fasst von Brück wie folgt zusammen:

Quote
„als die gegenseitige Durchdringung aller Zeitmomente (kshana), wie sie im Entstehen in gegenseitiger Abhängigkeit (pratityasamutpada) angeschaut wird, sowie

als Jenseitigkeit gegenüber jeder möglichen begrifflichen Bestimmung.“


Dann erzählt Michael von Brück über Meister Dogen (1200-1253, Lehrmeister des Zen-Buddhismus) Dogen kritisiert die indisch evolutionistische Auffassung,  dass sich die Buddhanatur im Menschen erst allmählich entfaltet. Nein, sie ist immer da.

Quote from: Michael von Brück
Der spirituelle Weg ist nichts anderes als ein Gewahrwerden des tatsächlich Gegebenen, nicht ein Wachsen.

von Brück fast schön die Anteile zusammen, was Meister Dogen im "Shobogenzo" niedergeschrieben hat. Die Zeit ist nikon, das absolute Jetzt. Gegenwart, Zukunft, Vergangenheit werden im Erleuchtungsgeist (bodhicitta) in einer absoluten Bewusstheit erfasst. Wesentlicher Auzsdruck der Buddha-Natur ist Gleichzeitigkeit (Dogens nikon entspricht dem "Nun" in der deutschen Mystik). Ein Mensch hat nicht Buddha-Natur, er ist Buddha-Natur. Das drückt sich sehr schon, in einer Zenerfahrung aus, die man bei Phillip Kapleau ("Die drei Pfleiler des Zen") findet:

"...es war immer bei mir, und doch habe ich fünf Jahre gebraucht, um es zu sehen"

Die Frage nach dem Tod spielt im Zen keine Rolle. Der Weg vom Zustand des zeitlich begrenzten Ich-Gefühls in den Zustand des transpersonalen Bewusstseinszustandes ist der Weg zur Befreiung, zur Todlosigkeit.

Vertrauen muss man haben.
Blüten welken - verblühen -
Jede auf ihre Art


(Haiku-Dichter Issa, 1763-1827)

In Folgendem werden "Vorstellungen von der Seele und dem Tod in China" vorgestellt, dabei auf vorbuddhistische Zeit zurückgegriffen ist. In China gabe es diverse Vortsellungen, der Tod als Fortsetzung des irdischen Lebens (ähnlich wie im alten Ägypten. Solche Glaubensvorstellungen mit Begräbnisritualen u.ä. begleitet wurden (Konfuzius natürlich eher Agnostiker u.a.m.). Worauf ich hinaus will, als der Buddhismus im 2. Jahrhundert n. Chr. nach China kam, vermischte er sich mit der dortigen Volksreligion(einen ähnlichen Vorgang gab es in Tibet). Wer gierig gestorben, erntet eine Marter. In himmlischen Paradiesen kann man ungestört meditieren, dem Dharma (de Lehre) folgen. Hier, also in China, sich aber auch Vorstellungen gab, im höchsten Paradise gebe es keine Frauen, da sie ablenken und Begierde enfachen. Auch Shantideva (um 700 n.Chr.) soll gemundet haben, mögen doch alle Frauen als Männer wiedergeboren werden.[kratz]

Betrachten wir das Kapitel über buddhistisch motivierte Selbsttötung.

 Selbsttötung hat es im frühen Buddhismus gegeben, sehr oft in China, auch noch in Vietnam im 20. Jahrhundert, wo sich buddhistische Mönche verbrannt haben, weil sie in einem buddhismusfeindlichen Staat lebten (vgl. Hans-Peter Hasenfratz, Der Tod in der Welt der Religionen). Nachahmungen nicht zu empfehlen.

Bei all den unterschiedlichen motivierten Gründen der Selbsttötungen, die in der älteren Geschichte vorgekommen sind, über die von Brück sehr sorgsam referiert, wird aber auch völlig richtig klargestellt.
Quote from: Michael von Brück
Einerseits ist der Körper das Medium der Begierde, die zwar im Bewusstsein ensteht, sich aber des Körpers bedienen muss, um wirksam zu werden. So finden wir im frühen Buddhismus Meditationen und Anweisungen zu Visualisationen für die Mönche, die Ekel vor dem Körper, besonders dem weiblichen, hervorbringen sollen...um alle Begierden abzutöten. Andererseits ist die Geburt im menschlichen Körper unendlich kostbar, denn nur in dieser Gestalt kann die Ursache des Leidens im Lebenskreislauf erkannt, der Dharma praktiziert und die aus Unwissenheit geborene Gier überwunden werden, d.h. der zeitlich bedingte Körper ist Voraussetzung für die geistige Praxis, die aus der zeitlichen Bedingtheit herausführen soll. Der Körper ist also das Mittel zu einem höheren Zweck.

Da das menschliche Leben so hoch eingeschätzt wird, halte ich buddhistische Selbsttötung für sehr zweifelhaft und wiederspricht buddhistisch ethischen Grundsätzen.

Und damit ist der erste Buchteil "Der Mythos" beendet.
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Re:Michael von Brück: Ewiges Leben oder Wiedergeburt?
« Reply #10 on: 22. April 2011, 15.43 Uhr »
Bevor es mit diesem Buch weitergeht, ein bemerkenswerter Artikel über Das ewige Leben oder Ich bin dann mal weg.
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Re:Michael von Brück: Ewiges Leben oder Wiedergeburt?
« Reply #11 on: 01. Mai 2011, 15.48 Uhr »
II. Der Ritus
 
Anaximander von Milet  hat als Ursprung des Universums ein unbestimmtes grenzenloses apeiron angenommen. Dieser Begriff übersteigt den Unterschied von Sein und Nichtsein. Apeiron ist das Unendliche, Unbestimmbare aus diesem völlig Jenseitigen durch Evolution alles Sein entsteht, und alles was geworden ist, kehrt wieder ins apeiron zurück. Die Wesen sind einander verstrickt, weil sie einander verdrängen, voneinander leben. Darum sind sie in gegenseitiger Abhängigkeit. Was wird muss auch vergehen, damit ein Ausgleich geschaffen wird. Das nennt Anaximander Gerechtigkeit. Ich stelle mir das mal so vor, dass, wenn jemand geboren wird, ein anderes Wesen sterben muss. Eine Art Ausgleich im Kosmos.  Das apeiron erinnert an das nirguna brahman in den Upanishaden, doch, und hier sitzen wir in dem hinreichend bekannten Dilemma, dass wir nicht wissen, ob ein kultureller Austausch zwischen Indien und Griechenland vor dem 4. Jahrhundert v. Chr. Stattgefunden hat. Genauso wie wir auch nicht sagen können, ob Pythagoras die Reinkarnationslehre von den Brahmanen übernommen hat.

Wenn im Phaidon von der Unsterblichkeit der Seele gesprochen wird, die nach dem Tod weiter existent ist, nimmt die jüdisch-christliche Welt eine Vorstellung auf, die nach dem Tode nicht die Seele vom Körper trennen will, sondern Körper und Seele stirbt als unzertrennbare Einheit, und durch Gott wieder zur Auferstehung gebracht. Mein Kommentar dazu: So ganz begreife ich das nicht, denn der Apostel Paulus spricht von einem geistlichen Leib der wiederaufersteht. Der andere Körper ist der physische, der im Grab verstaubt. Überliefert ist aber, dass das Grab Jesu leer war, nachdem er auferstanden war, also der physische Leib ist auferstanden, obwohl, wenn wir in dem Psalm lesen, der Körper zu Staub zerfällt:

Er weiss, was für Geschöpfe wir sind; er kennt uns doch: Wir sind nur Staub!           (Psalm 103, 14)
Der Mensch ist so vergänglich wie das Gras, es ergeht ihm wie der Blume im Steppenland: (Psalm 103, 15)
Ein heisser Wind kommt - schon ist sie fort, und wo sie stand, bleibt keine Spur von ihr. (Psalm 103, 16)
Denn der Staub muss wieder zur Erde kommen, wie er gewesen ist, und der Geist wieder zu Gott, der ihn gegeben hat. (Prediger 12, 7) .


Wie soll ein Körper wieder auferstehen, wenn der Körper zerfallen ist. Setzen sich die Atome wieder zusammen? Der Prediger 12,7 und der Apostel Paulus im ersten Korintherbrief  15,23ff sind sich einig: Der Geist kommt wieder zu Gott (Auferstehung), nicht der physische Körper.

In der christlichen Taufe, so Michael von Brück, wird der Mensch des alten Zeitalters ertränkt (der schuldige Adam-Typus), durch die Taufe dann der Mensch im neuen Äon entsteht, dem Äon, in der die Zeit der Gottesherrschaft angebrochen ist. (man bedenke manche Christusdarstellungen des Jesu am Kreuz, unter dem Kreuz die Knochen oder der Schädel des Adam zu sehen sind.). Nach frühchristlicher Vorstellung war der getaufte Christ „geistlich“ schon auferstanden, aber noch im vergänglichen Leib gefangen und darum noch dem Leid unterworfen.

Von Brück präsentiert einen zusammenfassenden Überblick über Bestattungsriten der Alten Kirche, Mittelalter und Neuzeit. Hervorheben möchte ich nur, weil ich das für wesentlich halte, dass einige Philosophen (Seneca, Epiktet, Cicero, Marc Aurel) darin müht waren, eine Tugendlehre zu entwickeln (bes. die Stoa), den Tod als naturgegebende Tatsache zu akzeptieren.

Quote from: Michael von Brück
Die Einsicht, dass jeder Augenblick des Lebens der letzte sein könne, sollte zur Qualität des bewussten Lebens, zur Einübung in maßvolle Gelassenheit hier und jetzt, beitragen.
In dieser Sache geht die Stoa Hand in Hand mit dem Buddhismus. In folgender Formulierung kommt Marc Aurel frühbuddhistischer Meditationspraxis sehr nahe:
Quote from: Marc Aurel
„Und Stell dir vor, dass (jedes Wesen) bereits in Auflösung und Wandlung und gleichsam Fäulnis sich befinde oder in Zerstreuung; oder dass jedes gleichsam sterbe, insofern es ist“ (Seite 163).

In dem Kapitel „Sterben, Tod und die Bedeutung der Musik“ beschäftigt sich Michael von Brück in erster Linie mit vier Geistlichen Werken der Musikliteratur: Heinrich Schütz: Musikalische Exequien, J.S. Bach: h-moll-Messe, W.A. Mozart: Requiem, Johannes Brahms: Ein deutsches Requiem, Hans Werner Henze: Requiem. Dieses Kapitel zeigt, dass sich der Autor in klassischer Musik recht gut auskennt, war er doch mal Sänger im Kreuzchor zu Dresden. :)

Wie „Ein deutsches Requiem“ von Brahms, sind auch die „Musikalischen Exequien“ von Heinrich Schütz in deutscher Sprache verfasst. Für Schütz war die Musik nicht nur für das Geleit der Toten zur Grabesstätte gedacht, sondern er will daraus Kraft für das Leben schöpfen. Mitten im Gräul des 30jährigen Krieges besingt er die Herrlichkeit der Schöpfung Gottes. Dieses Musikkapitel sind eine Wohltat für Musikliebhaber und führen in die Musikwerke hervorragend ein. Ungewöhnlich für einen Religionswissenschaftler, nicht wahr?

Das wär's für heute.

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