Hallo!
Ein weiteres nostalgisches Buch. Henisch, außerhalb Österreichs wohl wenig bekannt, hatte mit seinem Erinnerungsbuch "Die kleine Figur meines Vaters" einigen Erfolg (und das durchaus zu Recht). Hier nun unbekanntere Prosa- und Lyrikarbeiten gesammelt nebst Fotos, Interviews, die von seinen Anfängen berichten, von Zeitschriften wie "Manuskripte", in denen Weltbekannte und völlig Vergessene, Versoffene, Verstorbene schrieben. Im übrigen kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es nicht die Besten waren, die Berühmtheit erlangt haben, wohl aber die Konsequentesten, Auffälligsten, Penetrantesten. Eine Aufbruchszeit im Anschluss an die 68iger, viel Avantgarde, linkes Träumertum, verstiegenes Kunstbewusstsein.
Eine zeitlang wars unheimlich en Vogue, daß die Schwierigkeit des Verständnisses als Gradmesser für poetische oder literarische Qualität mißverstanden worden ist. In manchen Fällen mag ja was Inhaltliches dahintergesteckt sein. In vielen Fällen hat es sich aber um eine rein formalistische Qualität gehandelt, sodaß man gar nicht von Dahinterstecken reden kann, weil nur ein Mangel an Inhalt zugeschrieben worden ist. Wo Leute, die nix zu sagen haben oder sich nix zu sagen traun, einfach drüber hinwegschreiben.
Die Texte, Kurzgeschichten, Gedichte sind - naja. Das, was damals so geschrieben wurde, oft schwer unterscheidbar, gesellschaftskritischer Unterton allüberall, Ewiggestrige, Langhaarige (und in einigen Gedichten kommt dieser fast unglaubliche Hass zum Ausdruck, den Bart und lange Haare hinterließen, gerade letztere stellvertretend für alles Subversive, Abstoßende, Verbrecherische, Unmoralische, eins mit Wörtern wie "Rauschgift", das, nicht genauer spezifizierend (nur den Alkohol wie selbstverständlich ausnehmend) ein ebensolcher Inbegriff war für das Verabscheuenswürdige). Heute aber wirkt selbst diese Kritik ein wenig betulich, der Hass der Tüchtigen, der Aufbaugeneration anachronistisch, die da Wut und Frustration freien Lauf ließen als sie sahen, dass es die Kinder nun wirklich besser hatten und dieses besser auch leben wollten. Natürlich ganz anders als jene sich das vorgestellt hatten.
Erinnerung allüberall, das Wiedersehn mit der Vergangenheit, dem Schreiben, Revoltieren, Aussteigen. Ein bisschen wie ein Familienalbum, vergilbte Zeit, die man selbst in Teilen miterlebte, worüber man verwundert die Stirn runzelt. Unrettbares ich.
lg
orzifar