Charles Dickens: Oliver TwistIch mache eine Lesung von drei Dickens Romanen. Hier die Frucht meiner ersten Lesung:
Früher, das waren noch andere Zeiten, so sagt man leichtfertig, doch auch früher gab es böse Verbrecher, soziale Missstände. Bessere Zeiten waren das nicht. Wirklich nicht. Das Kinderarbeit im 19. Jahrhundert normal war, davon zeugt Charles Dickens' Roman
„Oliver Twist“. Kinder wurden als kleine Erwachsene angesehen, natürlich konnten die arbeiten. Ganz schlimm war es, so lesen wir im Roman, wenn man als Waisenkind aufwachsen musste. Olivers Mutter stirbt bei der Geburt, der Vater nicht greifbar. Doch es ist nicht die soziale Schieflage, die Oliver Twist ins Verbrechermilieu schlittern lässt. Er wird ja nicht zum Verbrecher, sondern bleibt stets einer der Guten. Ein sensibler Junge, der das große Pech hat, in ungünstiger Umgebung aufzuwachen. Die Erzieher des Armenhauses wirtschaften in die eigene Tasche und lassen die Kinder am Hungertuch nagen. Der Kirchspieldiener Mr. Bumble, der die Verantwortung für die Erziehung Olivers trägt, will ihn für Geld an einen Arbeitgeber verhökern. Kinder waren damals völlig rechtlos. Das Verhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern war damals ein völlig anderes als heute. Prügelstrafe, Erniedrigung ( na, ja, gibt's heute auch noch, ist aber nicht mehr Programm). Für Oliver ein großes Leid. Er formuliert das so:
So einsam und verlassen, Sir, so schrecklich einsam", schluchzte der Kleine. "Niemand kann mich leiden. Bitte seien Sie nicht auch noch böse auf mich.
Von Verantwortlichkeit der Behörden ist nichts zu spüren. Dickens gehört sicher zu den ersten, die diese Verantwortungslosigkeit, die Unmenschlichkeit, kritisiert haben. Der strenge Mr. Bumble setzt den Jungen psychisch unter Druck, damit er mit diesem unheimlichen Schornsteinfeger mitgeht, der einige Kinder schon auf dem Kerbholz hat, Kinder, die im Schornstein erstickt sind. Oliver gelingt es, sich nicht in die Krallen des Schwarzen Mannes zu begeben. Doch als er flieht, seine schreckliche Vergangenheit hinter sich lassend, fällt er in London einen Bösewicht in die Hände, dem jüdischen Verbrecher Fagin, der junge Männer ausschickt, die für ihn stehlen. Der Roman teilt die Menschen in gut und böse. Das ist ein wenig trivial. Die guten Menschen helfen Oliver, die schlechten wollen ihm schlechtes antun. So einfach ist das. Der Jude Fagin ist so übel, dass er es geschafft hat, auf einer wikipedia-seite zu landen. Bewusst spielt Dickens mit jüdischen Klisches, ja, zu seiner Zeit war das nicht ungewöhnlich (vgl. Gustav Freytag, Soll und Haben). Fagin ist
...ein uralter, vertrockneter Jude, sein schurkisches Gesicht mit den abstoßendsten Zügen von der Welt von rotem Kraushaar beschattet.
(Joseph Roth setzte in seinem Roman Tarabas dem heute wenig geläufigen Typus des rothaarigen russischen Juden ein Denkmal).
Herrlich ist wie Gustav Meyrink die Dialektsprache des Fagin ins Deutsche gesetzt hat. Ich kann es mir jetzt auch nicht verkneifen, einen reizvollen Verbrecherjargon aufzutischen:
Draußen steht Bill Sikes, und du liegst da und schnarchst, als wenn du Laudanum gefressen hättst. Na also, was is? Bist du schon munter, oder soll ich dir noch nen eisernen Leuchter an den Schädel schmeißen?
Wenn ich das so lese, wie Oliver Twist in unangenehme Situation stolpert, und andere Leute zwangsläufig denken müssen, er sei doch ein schlechter Junge, obwohl er es nicht ist, und wenn ich lese, wie viel bösen unmoralischen Leuten Oliver begegnet ist, so spukt in meinem Kopf, wie übel muss das 19. Jahrhundert doch gewesen sein. Die Menschen damals müssen abgrundtief geistesvergiftet gewesen sein, was immer man sich auch darunter vorstellen mag. Das Böse wütet um sich und will die Guten vergiften. So scheint es:
..der alte schlaue Jude hielt Oliver geschickt in seinem Netz gefangen, nachdem er ihn vorher durch Einsamkeit soweit gebracht, daß er jede Gesellschaft den traurigen Gedanken in dem öden verlassenen Hause vorzog. So hoffte Fagin, seinem Herzen langsam das Gift einzuträufeln, das, wie er annahm, seine Seele mit der Zeit verderben.
Es hätte also sein können, auch aufgrund seiner schwierigen Vergangenheit, dass Oliver eine Verbrecherkarriere loslegt. Aber dem ist nicht so. Überraschenderweise bleibt er so, wie er ist. Nämlich gut, ich meine, es gibt doch andere, die wegen solch gravierender Lebenserfahrungen ganz woanders landen, nicht wahr? Ok, ein wenig Glück hat Oliver eben doch und trifft auf Menschen, die ihm helfen.
Fast gleitet dem Charles Dickens Oliver Twist in der zweiten Romanhälfte. Er taucht immer seltener auf, dafür werden andere Personen in den Vordergrund gerückt. Mir hat das nicht gefallen, weil der Protagonist durchlässig wird. In der ersten Romanhälfte könnte ich dem Schicksal des kleinen Helden nachfühlen, später dann, wurde er mir aus den o.g. Gründen so ziemlich egal. Ich hatte zeitweilig sogar den Eindruck, der Roman gerät mittendrin in einen Stillstand. Es taucht aber noch ein großer Charakter auf, die Prostituierte Nancy, die im Verbrecherdunst ihr Leben fristet, bei der ich wirklich mitfühlen konnte, wie groß ihr Herz wirklich ist und das nicht nur gegenüber Oliver. Ich hüte mich an dieser Stelle, Romaninhalte preiszugeben, aber Nancy ist für mich ein entscheidender Grund, warum ich diesem Roman mit seinen Schwächen doch meinen Lesesegen gebe. „Oliver Twist“ ist ein unterhaltsamer Actionroman, der von Action lebt. Heute gedenken wir den 199. Geburtstag von Charles Dickens.
Liebe Grüße
mombour