Hallo!
Seit die Antike beendet ist, lese ich wieder wesentlich lieber, Russel scheint auch wieder mit mehr Engagement bei der Sache zu sein. Augustinus (insbesondere seine Gedanken zur Zeit) finden einige Anerkennung (zu Recht), wobei ich ihn als Theologe und nicht als Philosoph betrachte. Der Unterschied liegt auf der Hand: Der Theologe ist von seinem göttlichen Recht überzeugt und bereit, für die Durchsetzung seiner Ansichten auch den Tod seiner Gegner in Kauf zu nehmen, während nur wenige Philosophen die Todesstrafe für ihre Widersacher gewünscht haben oder gar zu vollziehen bereit gewesen wären. Ausnahme der Marxismus (und Schopenhauer in bezug auf Hegel

), wobei dem Marxismus damit doch teilweise Unrecht widerfährt (allerdings birgt ein teleologisches Geschichtskonzept wie das des Marxismus eine solche radikale Grundhaltung). Schön im übrigen auch das vergleichende Schema von Christentum und Marxismus bei Russel, wobei ich an ein ausgezeichnetes und hier nun empfohlenes Buch erinnert wurde: De Marchi, Luigi: Der Urschock. Unsere Psyche, die Kultur und der Tod. Eine sehr ähnliche und weiter differenzierte Betrachtung des Marxismus.
Was mich bei Augustinus so sehr abstößt ist sein durch und durch negatives Menschenbild, seine Verbissenheit, die Verbohrtheit und Intoleranz des bekehrten Asketen, der alles Lachen, alle Freude, alle Toleranz und lächelnde Nachsichtigkeit aus dem Leben verbannen will. Da ist jemand von seiner eigenen Sündhaftigkeit derart durchdrungen, dass er in jeder freudigen Äußerung des Lebens nur etwas Furchtbares und Abgründiges zu erkennen vermag, jegliche sexuelle Freude ist des Teufels, sodass man gerade noch mit verbissenem Gesicht und wutentbrannt innerhalb der Ehe Kinder zeugen darf. Diese Ernsthaftigkeit, Humorlosigkeit, Körperfeindlichkeit ist mir aus meiner katholischen Jugend nur zu gut bekannt, diese Haltung ist nicht immer (aber sehr häufig) mit Gläubigkeit verbunden, es sind diese zerquälten Gesichter der Nachkriegszeit, die ihrer eigenen Geschichte wegen auch allen anderen nur das Furchtbarste wünschen, nur unter Schweiß und Tränen und größter Mühsal darf "etwas erreicht" werden und zu Unzeiten zu lachen ist mehr als verpönt (der häufig von solchen Leuten ausgesprochene Wunsch, dass "euch das Lachen auch noch vergehen wird", womit der tiefe Wunsch ausgedrückt wird, dass auch die anderen keine Freude am Leben haben sollen, spricht Bände).
Sehr viel Augustinus hat im christlichen Glauben überlebt, sowohl im Protestantismus als auch im Katholizismus. Vor allem das durch und durch negativ geprägte Menschenbild, das Verbot von Freude, Lust, Neugier, Forschergeist hat sich bis in unsere Zeit erhalten. Wenn man sich denn eine Versammlung von Kirchenoberen ansieht ist denn auch das letzte, was einem zu den Gesichtern einfällt, dass dies die Protagonisten einer Religion der Nächstenliebe seien.
lg
orzifar