Author Topic: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes  (Read 101485 times)

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #105 on: 29. Dezember 2011, 01.09 Uhr »
Hallo!

Seit die Antike beendet ist, lese ich wieder wesentlich lieber, Russel scheint auch wieder mit mehr Engagement bei der Sache zu sein. Augustinus (insbesondere seine Gedanken zur Zeit) finden einige Anerkennung (zu Recht), wobei ich ihn als Theologe und nicht als Philosoph betrachte. Der Unterschied liegt auf der Hand: Der Theologe ist von seinem göttlichen Recht überzeugt und bereit, für die Durchsetzung seiner Ansichten auch den Tod seiner Gegner in Kauf zu nehmen, während nur wenige Philosophen die Todesstrafe für ihre Widersacher gewünscht haben oder gar zu vollziehen bereit gewesen wären. Ausnahme der Marxismus (und Schopenhauer in bezug auf Hegel ;)), wobei dem Marxismus damit doch teilweise Unrecht widerfährt (allerdings birgt ein teleologisches Geschichtskonzept wie das des Marxismus eine solche radikale Grundhaltung). Schön im übrigen auch das vergleichende Schema von Christentum und Marxismus bei Russel, wobei ich an ein ausgezeichnetes und hier nun empfohlenes Buch erinnert wurde: De Marchi, Luigi: Der Urschock. Unsere Psyche, die Kultur und der Tod. Eine sehr ähnliche und weiter differenzierte Betrachtung des Marxismus.

Was mich bei Augustinus so sehr abstößt ist sein durch und durch negatives Menschenbild, seine Verbissenheit, die Verbohrtheit und Intoleranz des bekehrten Asketen, der alles Lachen, alle Freude, alle Toleranz und lächelnde Nachsichtigkeit aus dem Leben verbannen will. Da ist jemand von seiner eigenen Sündhaftigkeit derart durchdrungen, dass er in jeder freudigen Äußerung des Lebens nur etwas Furchtbares und Abgründiges zu erkennen vermag, jegliche sexuelle Freude ist des Teufels, sodass man gerade noch mit verbissenem Gesicht und wutentbrannt innerhalb der Ehe Kinder zeugen darf. Diese Ernsthaftigkeit, Humorlosigkeit, Körperfeindlichkeit ist mir aus meiner katholischen Jugend nur zu gut bekannt, diese Haltung ist nicht immer (aber sehr häufig) mit Gläubigkeit verbunden, es sind diese zerquälten Gesichter der Nachkriegszeit, die ihrer eigenen Geschichte wegen auch allen anderen nur das Furchtbarste wünschen, nur unter Schweiß und Tränen und größter Mühsal darf "etwas erreicht" werden und zu Unzeiten zu lachen ist mehr als verpönt (der häufig von solchen Leuten ausgesprochene Wunsch, dass "euch das Lachen auch noch vergehen wird", womit der tiefe Wunsch ausgedrückt wird, dass auch die anderen keine Freude am Leben haben sollen, spricht Bände).

Sehr viel Augustinus hat im christlichen Glauben überlebt, sowohl im Protestantismus als auch im Katholizismus. Vor allem das durch und durch negativ geprägte Menschenbild, das Verbot von Freude, Lust, Neugier, Forschergeist  hat sich bis in unsere Zeit erhalten. Wenn man sich denn eine Versammlung von Kirchenoberen ansieht ist denn auch das letzte, was einem zu den Gesichtern einfällt, dass dies die Protagonisten einer Religion der Nächstenliebe seien.

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #106 on: 05. Januar 2012, 17.31 Uhr »

Hallo,

Nachtrag zu Augustinus: Zusätzlich abstoßend wirkt die Prädestinationslehre, die in Teilen des Protestantismus überlebt hat. Dass es nämlich völlig unabhängig vom Verhalten des Betreffenden ist, ob nun dieser die ewige Seligkeit erreicht, sondern es nur am unergründlichen Ratschluss Gottes hängt. Dieses sich einer Macht bereitwillig ausliefern ist eine Form der Untertanenmentalität, des Delegierens von Verantwortung, die jegliche moralische Handlung desavouiert und bis in unsere Zeit wenig Erbauliches zeitigt.

Die nachfolgenden Kapitel über Benedikt, Gregor den Großen und die Entwicklung des Papsttums bis zum 11. Jahrhundert sind recht lesbar. Sehr seltsam hingegen das Kapitel über Johanndes Scotus: Über den gibt es eigentlich nichts zu sagen außer dass er die aristotelischen Kategorien mit neuen Pelzbesatz versehen wieder inthronisiert und zu zweifelhaften Ehren bringt. Das Kapitel wirkt denn auch entsprechend hilflos und könnte ohne weiteres gestrichen werden, das wenige, was über Scotus gesagt werden kann und von Bedeutung ist, hätte auch in den anderen Abschnitten Platz gefunden.

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #107 on: 05. Januar 2012, 19.38 Uhr »
Du machst mir ein schlechtes Gewissen, weil ich Russell zugunsten von Raeber vernachlässige ...  ;)

Ja, der Calvinismus ...
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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #108 on: 06. Januar 2012, 16.29 Uhr »
Als katholisch sozialisierter Mensch sehe ich mich in der Lage (und willens), dich von diesen deinen Sünden freizusprechen. So kann man sich über die Konfessionsgrenzen hinweg ein wenig helfen ;).

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #109 on: 12. Januar 2012, 18.27 Uhr »
Hallo,

ich bin nun bis zum Kapitel "Das 12. Jahrhundert" gekommen. Der Abschnitt über die Kirchenreform lesbar, auch jener über den mohammedanischen Einfluss auf die scholastische Philosophie - aber: Etwas Besonderes sind diese Beschreibungen nicht. So ist etwa der Einfluss von Averroes auf die mittelalterliche Scholastik in Minois' "Geschichte des Atheismus" konziser und aussagekräftiger dargestellt, obschon nur einen Teilaspekt dieses Philosophen behandelnd.

Ich bekomme immer mehr den Eindruck, dass Russel sich bloß einer vorgenommenen Aufgabe - und das recht lieblos - entledigt. Und das Problem liegt eben in dieser Aufgabenstellung, nämlich die gesamte abendländische Philosophie abzuhandeln. Er hätte wahrscheinlich besser daran getan, sich mit einzelnen, ausgewählten Philosophen oder philosophischen Strömungen auseinanderzusetzen, mit jenen, für die er auch persönlich ein besonderes Interesse besitzt. Dann hätte er sich die vielen, recht belanglosen, ins Kraut geschossenen Enzyklopädieartikel erspart und stattdessen einzelne Aspekte genauer behandeln können. Das war offenbar nicht im Sinne des Schreibers, aber es wäre in meinem Sinne (und wohl auch in dem manch anderer Leser) gewesen.

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #110 on: 15. Januar 2012, 15.35 Uhr »
Hallo

Ich hinke weiter hinterher. Gerade mal Kapitel 2 gelesen. Im Grunde genommen eine historische Zusammenfassung der ersten vier christlichen Jahrhhunderte. Vieles davon, will mir scheinen, aus dem Gibbon entnommen. Wohl im Grossen und Ganzen korrekt, wohl auch notwendig für die weitere Darstellung, aber nichts Weltbewegendes.

Grüsse

sandhofer
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Offline orzifar

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #111 on: 18. Januar 2012, 03.42 Uhr »
Hallo,

lass dir nur Zeit, meine ist derzeit auch wieder knapp bemessen, wobei ich außerdem ein bisschen Sekundär- (Primär-??)Literatur zu den Scholastikern bzw. den mittelalterlichen Philosophen zu lesen hoffe.

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #112 on: 29. Januar 2012, 16.17 Uhr »
Ich habe nun Russells Einführung in die drei Doctores Ecclesiae gelesen. Mir will scheinen, dass Russell dort, wo er es eher mit Biografischem, Anekdotischem, philosophisch Periphärem zu tun hat (positiv formuliert: dort, wo er seinen Anspruch, Philosophie in Gesellschaft und Politik einzubetten, einlöst), besser in seinem Element ist, als dort, wo er Thesen, Theorien referieren sollte. Ich meine, irgendwo mal gelesen zu haben, Russell habe von sich gesagt, nach dem Abschluss der Principia Mathematica habe er jede Fähigkeit verloren, über längere Zeit stringent-logisch zu denken oder zu schreiben. Das scheint sich auch in seiner Philosophiegeschichte zu bewahrheiten.
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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #113 on: 30. Januar 2012, 15.53 Uhr »
Hallo,

ja, da stimme ich dir zu. Meine zunehmende Enttäuschung (von der ich hoffe, dass sie sich während der Darstellung der neuzeitlichen Philosophie noch legen wird) mag auch von einer zu hohen Erwartungshaltung herrühren. Ich habe etwas anderes (Besonderes?) erwartet als eine mehr-weniger lehrbuchhafte Aufbereitung philosophischer Thesen, etwa neue, originelle Betrachtungsweisen philosophischer Thesen, die Sicht des Philosophen auf seine Vorgänger (gut, teilweise ist man schon mit einer solchen Sichtweise konfrontiert, aber ... naja ...).

Einer der Hauptfehler dieser Darstellung ist, dass sie eben Philosophiegeschichte sein will, dass alle bedeutenden Denker aufgelistet werden, auch solche, zu denen Russel nichts - besser nichts Eigenes, sich von enzyklopädischen Artikeln Unterscheidendes beitragen kann. Wenn ich aber an solchen Informationen Interesse habe, dann greife ich lieber zum Metzler-Philosophenlexikon, dort finde ich mehr und Genaueres zu den entsprechenden Personen.

Nun werde ich parallel meiner mangelnden Kenntnis mittelalterlicher Denker abzuhelfen suchen, mal sehen, ob ich bei Kurt Flasch fündig werde.

lg

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #114 on: 30. Januar 2012, 16.17 Uhr »
Hallo

Vielleicht sollten wir doch Thomas von Aquins Summa contra gentiles lesen? Der Aquinate hat ja bis ins 20. Jahrhundert hinein den einen oder andern Autor stark beeinflusst (C.K. Chesterton, Kuno Raeber ...)

Grüsse

sandhofer
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Offline orzifar

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #115 on: 30. Januar 2012, 17.22 Uhr »
Hallo,

ich muss mal sehen, was ich vom Aquinaten rumstehen habe. Wobei: Ich besitze zwar das Gesamtwerk ledergebunden, allerdings auf Latein, angeschafft in einer Zeit, als ich noch an das ewige Leserleben glaubte. Nun aber will ich's doch lieber auf Deutsch lesen ;). Wenn überhaupt.

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #116 on: 01. Februar 2012, 07.39 Uhr »
Ich habe eine deutsche Übersetzung mit päpstlichem Imprimatur von 1942. Erschienen in Zürich. Übersetzernamen habe ich vergessen. Im Moment lese ich Eusebius' Kirchengeschichte. Der war, wenn ich mich nicht irre, noch Zeitgenosse Konstantins, runde 100 Jahre vor Augustin & Co. (Na ja: "lesen". Ich stecke noch im Vorwort.)
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Offline Regina

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #117 on: 01. Februar 2012, 18.46 Uhr »
An einer Leserunde Summa contra gentiles würde ich gerne teilnehmen (wo Sandhofer schon wieder mit dem Eusebius davonprescht).
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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #118 on: 01. Februar 2012, 19.25 Uhr »
Hallo,

also prinzipiell bin ich einer solchen Leserunde auch nicht abgeneigt. Allerdings gebe ich zu bedenken, dass dies (in der WBG-Ausgabe) mal schlappe 2300 Seiten sind, die wir uns da vornehmen, also nicht unbedingt geeignet für eine Zwischendurchauffrischung mittelalterlicher Philosophie. Ich wäre dafür, dass wir uns vorher Augustinus widmen sollten, dessen Confessiones ohnehin als Leserunde im Raum stehen. Und sollte unser christlich-metaphysisches Bedürfnis nach dieser Lektüre noch nicht gestillt sein, können wir uns gerne dem Aquinaten zuwenden.

lg

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #119 on: 01. Februar 2012, 19.48 Uhr »
(wo Sandhofer schon wieder mit dem Eusebius davonprescht).

Ich stecke, wie gesagt, erst im Vorwort. Willst Du einsteigen?

also nicht unbedingt geeignet für eine Zwischendurchauffrischung mittelalterlicher Philosophie.

Ist schon klar. Mich reizt der Aquinate allerdings bedeutend mehr als Augustinus, aber jetzt gleich sofort kann ich auch nicht. Aber im Hinterkopf behalte ich diese Leserunde.
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