Mit drei oder vier Jahren lesen war bei mir kaum möglich, da hätte es jemanden gebraucht, der sich mit Kindern beschäftigt hätte. War aber nicht, Kinder waren als Nebenprodukt endokrinologischer Notwendigkeiten angesehen, waren im Weg, lästig.
Also brav mit 6 gelernt - aber nach zwei Monaten mit dem Lesebuch durch. Und dann alles, aber wirklich alles gelesen, was mir zwischen die Finger kam, sämtliche 5 Freunde, Detektiv Kim, Blitz (irgendein Rennpferd, dabei waren mir mit menschlichen Attributen ausgestattete Tiere immer ein Gräuel), die Arnoldkinder, Hanni und Nanni - und was weiß ich, was es damals noch an Serien gab. Das Kinderabteil der Stadtbibliothek war bald mal durch - und dann gab's andere Serien: SF-Romane, Western, Krimis, alle auf dickem, weichem Papier gedruckt und wohl von bescheidener Qualität. Und schließlich der (so mit 10 oder 12) endgültig vom harschen Bibliothekar erlaubte Gang zur Erwachsenenabteilung, wenn auch das Geliehene noch seiner Kontrolle unterlag. Da aber ahnunglos wandelte ich auf den Spuren des Sartreschen Autodidakten aus dem Ekel: Ich las alphabetisch. Artmann, Bernhard, Böll, Brecht, Camus, Dostojewski, Dürrenmatt usf. Wobei ich langsam zu begreifen begann, dass Literatur nicht bloß Geschichten erzählen oder Flucht aus der Realität bedeutet.
Mein erstes eigenes Buch war der Räuber Hotzenplotz (geschenkt), das erste selbst gekaufte ein Vampirroman (mit einer halbnackten Frau auf dem Umschlag - und ich weiß nicht, inwieweit mich das als 12jähriger bei meiner Kaufentscheidung beeinflusste). Und dann - aus Geldmangel - fast nur zitronengelbe Reclam: Studium der Klassiker am verrauchten Gasthaustisch, von Goethe bis Robbe-Grillet. Später viel auf Flohmärkten, in Antiquariaten - ziemlich bald war die Sammlung auf einige Tausend angewachsen. Und natürlich das sandhofersche Problem: Umzüge, bei denen es eine Unzahl Bananenkisten zu schleppen galt, meist wohnte ich in Bruchbuden auf dem Land, groß, baufällig (etwa eine aufgelassene Volksschule im hintersten Winkel) und vollgestopft mit Büchern. Zwischendurch habe ich immer wieder Bücher vor Umzügen verschenkt (insgesamt rund 2000), wobei ist feststellte, dass es selbst mit dem Verschenken schwierig ist: Kein Schwein interessiert sich für Bücher.
Mittlerweile wieder rund 6000, allüberall Regale, etwa die Hälfte Belletristik (nicht ganz), der Rest Fach- und Sachbücher, viel Naturwissenschaft, Philosophie, Germanistisches, Informatik. Bedauerlich: Übersicht und Ordnung sind v. a. im Sach- und Fachbuchbereich vollkommen verloren gegangen, ich weiß zwar meistens noch, wo sich manche Bücher ungefähr befinden, manches, von dem ich mit Sicherheit weiß es zu besitzen, bleibt dann doch verschollen.
Ich kaufe noch immer billig, durcheinander, meistens spontan. Ein Projekt wie Sandhofer allerdings kann (und will) ich mir nicht leisten, angesichts der noch ungelesenen Bücher (Dostoevski würde der Schlag treffen oder sich schwer suizidgefährdet in Klausur begeben, um all das Ungelesene aufzuarbeiten) und des Wunsches, noch so manchen Philosophen intensiver zu lesen, habe ich versucht, mein Leben ein wenig entsprechend diesem Wunsch einzurichten. Was mit beachtlichen finanziellen Engpässen einher geht, sodass ich mir eine Herder-Gesamtausgabe nun nicht gönnen würde - und könnte (allerdings ist dieses mein Bedürfnis, Herders gesamtes Schrifttum hier zu wissen, als ohnehin eher gering anzusehen, vielmehr hätte ich statt der 20 Einzelbände Fontanes - wobei dann doch wieder einiges fehlt - eine entsprechende Gesamtausgabe).
So nebenbei: Ich vermute, dass eines der konstituierenden Merkmale einer Bibliothek ihre ewige Unvollständigkeit ist. Und - soweit sie im Privatbesitz sich befindet, ihre partielle Ungelesenheit.
lg
orzifar