Hallo!
Ein eigentlich gut gegliedertes Buch über Todes- und Jenseitsvorstellungen in den großen Religionen, übersichtlich, voller Informationen. Allerdings mit einem äußerst seltsamen Mangel behaftet, der Apostrophitis des Autors, der - warum auch immer - mindestens ein Wort je Satz unter Anführungszeichen zu setzen sich bemüßigt fühlt. Das stört den Lesefluss auf Dauer doch ziemlich, versucht man doch jene verborgene Bedeutung zu eruieren, die dann offensichtlich doch nirgendwo zu finden ist. Eine zweite, seltsame Angewohnheit des Autors ist die Verwendung modern-umgangssprachlicher Ausdrücke (etwa: "Es ist dem Christentum schnuppe ..."), die als Fremdkörper im Text wirken und deren Bedeutung, so denn eine beabsichtigt ist, sich mir ebenso wenig erschließt wie die der exzessiv verwendeten Anführungszeichen.
Inhaltlich - wie erwähnt, ohne Fehl und Tadel, trotz der Herkunft des Autors aus dem christlichen Kulturkreis werden die einzelnen Weltreligionen (und um hauptsächlich jene handelt es sich in diesem Buch) objektiv dargestellt. Die Gliederung orientiert sich an den Todesarten (seliger, unseliger Tod, sozialer Tod), an den Unterschieden zwischen gelebter und verordneter Religion als auch an den verschieden gedachten seelischen Zuständen. Schließlich wird im zweiten Teil ausführlich auf die offiziellen Doktrinen der fünf Hauptreligionen eingegangen (die drei monotheistischen des Judentums, Christentums und Islams), die allesamt eine Form des individuellen Weiterlebens propagieren, als auch auf die östlichen Hauptströmungen des Hinduismus' und Buddhismus', bei denen das Individuum in einem größeren Ganzen aufgeht). Trotz der relativen Kürze des Buches sehr informativ, ohne überflüssiges Beiwerk und - von den erwähnten stilistischen Eigenheiten abgesehen - als Überblick durchaus empfehlenswert.
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Was mich hingegen immer wieder mit - ungläubigem - Staunen erfüllt ist die Tatsache, dass Milliarden Menschen auf dieser Erde an diese neustein- bzw. bronzezeitlichen Deutungsversuche des menschlichen Daseins glauben und verzweifelte Rationalisierungs- und Modernisierungsversuche unternehmen, um diese offensichtlich anachronistischen Welterklärungen in unser rezentes Weltbild zu integrieren. Wenn man etwa die sophistische Auslegung der wasser- und feuerartigen Seele im Hinduismus betrachtet, eine Seele, die bei aufgehendem Mond von diesem aufgenommen, bei abnehmenden an die Erde zwecks Reinkarnation wieder abgegeben wird. Oder ansonsten nach Zwiesprache mit eben diesem Mond (in anderen Varianten der Sonne) an das All abgegeben wird. Wobei auch andere Religionen ebenso abenteuerliche Konstrukte ihr eigen nennen.
Die Versuche, dies alles symbolisch, metaphorisch zu interpretieren gehen an der Wirklichkeit vorbei. Denn zum einen waren diese Modelle so nicht gemeint (sondern zeugen vom eingeschränkten Wissensstand dieser vormodernen Gesellschaften), zum anderen geht durch diese Modernisierungen die Grundlage der Religionen verloren (was bleibt vom Christentum, wenn ich Jesus - der historisch so wie in den Evangelien erzählt, mit Sicherheit nie gelebt hat, wenn ich von diesem Jesus also die jungfräuliche Geburt, die Göttlichkeit, die Wunder, seinen "Gottessohnstatus", seine Höllenfahrt nach dem Tod (eines Gottes?) nebst Auferstehung etc. abziehe? Es bleibt ein geschichtlich kaum greifbarer Guru von vielen, dessen Lehre kaum bekannt ist, auf den sich - rein zufällig im Hegelschen Weltgeistsinne - eine höchst irdische, machtbewusste Priesterschaft beruft, der es kaum jemals um etwas anderes denn Macht ging.)
Neben aller Polemik, die mir diesbezüglich immer wieder in die Tastatur geraten will, bleibt aber tatsächlich das Erstaunen. Wie kann man tatsächlich so etwas glauben?? Im übrigen ist diese meine diesbezügliche Verwunderung vergleichbar mit dem Staunen über "echte" Neonazis (also solchen, die von diesem Quark wirklich überzeugt sind), über Astrologen oder Esoteriker (wollte mir mein benachbarter Guru nicht vor kurzem, weil er mich denn für einen stets freundlichen Menschen hielt, nicht kostenlos mein privates Horoskop stellen?), Dinge, die mich einfach sprach- und hilflos zurücklassen. (Immerhin bewies mein Kleiner Empathie: Da wir den Großmeister des esoterischen Unfugs brummelnd vor seinem Lagerfeuer angetroffen haben, schaute er besorgt: Was hat der Mann, Papa, ist er krank? Kopfaua? (Letzteres habe ich nicht explizit verneint.)
Ich verstehe unsere Vorfahren, die eine ihnen fremde Umwelt mit teilweise unverständlichen Erscheinungen über entsprechende Interpretationen in ihre Lebenswelt zu integrieren versuchten (und im Grunde kann man das Entstehen solch religiöser Vorstellungen durchaus mit Wissenschaft vergleichen: Nur eben mit einer, die nur interpretiert, nicht aber die Vermutungen überprüfen kann). Und so werden v. a. die - teilweise unverständlichen - Naturerscheinungen als auch die Erkenntnis der eigenen zeitlichen Beschränktheit mehr-weniger hilflos interpretiert, rationalisiert. Aber wie heute nur noch wenige die Erde als Scheibe begreifen oder den Weg zur Unterwelt in irgendwelchen Klüften und Höhlen suchen, so sollten doch auch die Religionen irgendwann ausgedient haben. Aber offenbar gibt es ein ungeheures Bedürfnis nach Gewissheit, welche nur die Metaphysik bieten kann - und dieses Allzu Menschliche ist mir auf stupende Weise fremd.
lg
orzifar