Hallo!
Solche Artikel lassen mich immer einigermaßen ratlos zurück. Was will mir der Autor sagen, ist das eine von den vielen kulturpessimistischen Tiraden, die da anhand neuer Medien die Apokalypse des Geistes prophezeihen? Der akademische Aufschrei anlässlich eines vermeintlichen Verlustes elitär-abgehobener Kritiken? Wobei meine Ratlosigkeit auch durch jene Autoren bzw. Werke verstärkt wird, die der Verfasser des Artikels zu seiner Rechtfertigung zitiert: Denn - ich kenne sie nicht. Und ich verstehe auch nicht wirklich, warum ich Bücher lesen sollte, von denen ich vermute, dass sie mich nicht im mindesten interessieren. Denn keinesfalls lese ich (wie vielleicht der Verfasser) Bücher deshalb, weil ich "up to date" zu sein wünsche oder mich bei irgendwelchen Abendunterhaltungen informiert zeigen will.
Wirklich unsinnig scheint mir aber die Behauptung, dass eine gediegene Auseinandersetzung mit Werken durch die neuen Medien und Kommunikationsmöglichkeiten verhindert werde. Ich bin nun kein großer Freund des "Zwitscherns", der 140-Zeichen-Statements, aber darin die Ursache zu sehen, dass einem Werk nicht die gebührende Aufmerksamkeit gezollt werden würde, ist schon grenzwertige Dummheit. Denn gäbe es diese Möglichkeit nicht, so würden die Betreffenden nicht einmal diese zwei Zeilen absondern (unabhängig vom Gehalt derselben), ebenso verhält es sich mit Blogs. Wobei es bei diesen durchaus ansprechende gibt, die eine Bereicherung darstellen. Blogs verhindern rein gar nichts (wie auch Foren), sie sind eine zusätzliche Informationsquelle von - zugegeben - oft bescheidener Qualität. Aber die wenigen gehaltvollen Seiten sind eine Art Mehrwert, den es ohne die Möglichkeiten des Internets gar nicht gäbe.
Und was Hielscher von der "neuen Metaphysik" sagt ist bestenfalls ein alter Hut. Das Gesicht des Wunderglaubens hat sich sukzessive geändert, die Strömungen vermischen sich und sie gebären altes Neues. Orthodoxe Glaubensvorstellungen wurden von der Psychoanalyse (die weit mehr Metaphysik als Wissenschaft ist), im Rahmen der 68iger von östlichen (oft missverstandenen) Glaubensvorstellungen abgelöst; und heute wankt der bachblütengetränkte Mondgläubige taichi-verseucht über die öffentlichen Grünflächen, um sich anschließend zu meinen Nachbarn zu begeben, wo man sich durch nackichtes Trampolinspringen und Aromatherapie am Lagerfeuer die verlorengegangene Libido wiederherstellen lassen kann. Gegen gutes Geld.
lg
orzifar