Author Topic: "Fat Books" = mehr Wumms  (Read 3331 times)

Offline sandhofer

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"Fat Books" = mehr Wumms
« on: 13. August 2010, 13.22 Uhr »
Warum lesen immer mehr immer dickere Bücher?

Martin Hielscher, Programmleiter Literatur bei H.C. Beck und Professor der Literaturwissenschaft der Universität Bamberg:

Teil 1: http://www.sueddeutsche.de/kultur/literatur-und-unterhaltung-mehr-wumms-1.987808
Teil 2: http://www.sueddeutsche.de/kultur/literatur-und-unterhaltung-mehr-wumms-1.987808-2

Kultstatus hängt ab von der Dicke der Bücher. Germany sucht the next Top-Novella.
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline Anita

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Re:"Fat Books" = mehr Wumms
« Reply #1 on: 13. August 2010, 14.22 Uhr »
Hm, bei aller Liebe, und vielleicht auch dem entgegen was man von mir evtl. erwartet, wenn ich dann so was lese: "Spiritualität" nehme zu  :D ich kann mit solchen "Kultbüchern" wenig anfangen. Ich denke, da kommt nur so eine Art sportliches Durchhaltevermögen auf, was dazu bewegt, die Dinger bis zum bitteren Ende zu lesen.

Ich habe das jetzt mit Pynchon "Gegen den Tag" versucht, ach ich weiß nicht, ich habe nach 200 Seiten einfach das Interesse verloren "sprechende Hunde"  ::) War einfach nicht meins. Und auch mit Danielewski "Das Haus" ganz experimentell, da wird ja selbst die Schrift und Schriftgestaltung mit ins Spiel gebracht  ???

LG
Anita

« Last Edit: 13. August 2010, 16.38 Uhr by Anita »
Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.  Nietzsche in "Also sprach Zarathustra"

Offline orzifar

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Re:"Fat Books" = mehr Wumms
« Reply #2 on: 13. August 2010, 16.34 Uhr »
Hallo!

Solche Artikel lassen mich immer einigermaßen ratlos zurück. Was will mir der Autor sagen, ist das eine von den vielen kulturpessimistischen Tiraden, die da anhand neuer Medien die Apokalypse des Geistes prophezeihen? Der akademische Aufschrei anlässlich eines vermeintlichen Verlustes elitär-abgehobener Kritiken? Wobei meine Ratlosigkeit auch durch jene Autoren bzw. Werke verstärkt wird, die der Verfasser des Artikels zu seiner Rechtfertigung zitiert: Denn - ich kenne sie nicht. Und ich verstehe auch nicht wirklich, warum ich Bücher lesen sollte, von denen ich vermute, dass sie mich nicht im mindesten interessieren. Denn keinesfalls lese ich (wie vielleicht der Verfasser) Bücher deshalb, weil ich "up to date" zu sein wünsche oder mich bei irgendwelchen Abendunterhaltungen informiert zeigen will.

Wirklich unsinnig scheint mir aber die Behauptung, dass eine gediegene Auseinandersetzung mit Werken durch die neuen Medien und Kommunikationsmöglichkeiten verhindert werde. Ich bin nun kein großer Freund des "Zwitscherns", der 140-Zeichen-Statements, aber darin die Ursache zu sehen, dass einem Werk nicht die gebührende Aufmerksamkeit gezollt werden würde, ist schon grenzwertige Dummheit. Denn gäbe es diese Möglichkeit nicht, so würden die Betreffenden nicht einmal diese zwei Zeilen absondern (unabhängig vom Gehalt derselben), ebenso verhält es sich mit Blogs. Wobei es bei diesen durchaus ansprechende gibt, die eine Bereicherung darstellen. Blogs verhindern rein gar nichts (wie auch Foren), sie sind eine zusätzliche Informationsquelle von - zugegeben - oft bescheidener Qualität. Aber die wenigen gehaltvollen Seiten sind eine Art Mehrwert, den es ohne die Möglichkeiten des Internets gar nicht gäbe.

Und was Hielscher von der "neuen Metaphysik" sagt ist bestenfalls ein alter Hut. Das Gesicht des Wunderglaubens hat sich sukzessive geändert, die Strömungen vermischen sich und sie gebären altes Neues. Orthodoxe Glaubensvorstellungen wurden von der Psychoanalyse (die weit mehr Metaphysik als Wissenschaft ist), im Rahmen der 68iger von östlichen (oft missverstandenen) Glaubensvorstellungen abgelöst; und heute wankt der bachblütengetränkte Mondgläubige taichi-verseucht über die öffentlichen Grünflächen, um sich anschließend zu meinen Nachbarn zu begeben, wo man sich durch nackichtes Trampolinspringen und Aromatherapie am Lagerfeuer die verlorengegangene Libido wiederherstellen lassen kann. Gegen gutes Geld.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline sandhofer

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Re:"Fat Books" = mehr Wumms
« Reply #3 on: 14. August 2010, 06.39 Uhr »
Fasziniert hat mich in jenem Artikel ja weniger der Inhalt, als vielmehr - die Wahl meines Titels deutete es ja schon an - die Wahl gewisser Ausdrücke durch den Autor bzw. die Redaktion. Dass zumindest die Erklärung, warum die gehypten Bücher immer dicker werden, einen interessanten Ansatz vertritt, Bücher nämlich, ebenso wie 100m-Läufer immer schneller werden müssen, immer dicker werden müssen, um noch Aufmerksamkeit zu erregen, glaube ich schon. Gut, damit ist noch nicht viel gesagt. Dass die "neue Metaphysik" nichts Neues ist, dieser Meinung bin ich auch. Neu ist allenfalls die Globalisierung des Phänomens. Jener unsägliche Brasilianer ist weltweit bekannt, Hesse wurde von den 68ern in San Francisco / Berkley verschlungen; Jung-Stilling war ein rein deutschsprachiges Phänomen - aber im Grunde genommen dasselbe.
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus