Wie in einem andern Forum schon erwähnt, lese ich dieses Buch nun als seine 2. Chance und bin sehr verwundert …
Was er glaubte, so nennen zu dürfen, war Wissen, das er sich aus Büchern angelesen hatte, großes Mißtrauen und große Verachtung gegenüber seinesgleichen.
Brentani möchte seine Angelina nämlich das Leben beibringen, da er der Meinung ist, dass ihre erste Begegnung mit der Liebe ein unbedachter Fehltritt war. Er hat sehr sonderliche Vorstellungen von der Liebe >>In beengten Verhältnissen könnte ich nicht einmal lieben.<< Angelina dagegen würde mit ihm in "Armut und Ergebung" leben.
..., er selbst könne das Mädchen erziehen. Als Ausgleich für die Liebe, die er von ihr bekam, konnte er ihr nur eines Bieten: Lebenserfahrung und die Kunst das Leben auszukosten. ... Auf diese Weise würde sie sich durch sein Verdienst selbst das Vermögen erobern, das er ihr nicht bieten konnte.
Weil er zu feige ist. Sie wird später diesen gutbetuchten Schneider kennen lernen.
Diese Gegenüberstellung fand ich dann noch krass:
Balli denkt über Amalia
Seiner Ansicht nach war es statthaft zu leben nur, wenn man den Ruhm, die Schönheit oder die Kraft oder doch wenigstens den Reichtum genoß, sonst aber nicht, denn dann wurde man zur Last und zum Hindernis im Leben anderer.
Sie denkt über ihn
Nachdem er ihr als Grobian geschildert worden war, sah sie ihn zum ersten Mal beim Tod des Vaters; sie faßte sofort Zutrauen zu ihm, erstaunt über seine Sanftmut. Er war ein hervorragender Seelsorger.
Etwas später denkt er:
Der Zauber, den ihre vermeintliche Sanftmut über Amalias graues Gesicht gebreitet hatte, verflog …
(Aha, doch ein Zauber…)
Ich denke, anhand dieser Beispiele kann man gut erkennen, worum es im Buch geht. Es sind diese Gegenüberstellungen, von Figuren sprich also Menschen, was sie denken und was sie letztendlich verkörpern oder sagen.
Vor drei Jahren rieb ich mich sehr an der verschmockten Gesellschaft, nun kann ich das ganz anders lesen, viel ruhiger, entspannter und habe sogar meinen Spaß dabei, wenn ich lese …
wie Brentani andere ständig leiten und lenken möchte, obwohl er selber keinerlei Lebenserfahrung besitzt, und dadurch seine Schwester unglücklich macht und Angelina in die Hände des Schneiders treibt. Svevo gibt dem Leser das Gefühl, oben vom Olymp herab betrachten zu können, dieser Schmunzeleffekt, der sich dadurch einstellt, sagt mir zu. Was mir nicht so gut gefällt, sind a. die weiblichen Figuren, vielleicht liegt es wieder an der Zeit, die ich mir nicht wirklich vorstellen kann (1898), sprich die
weiblichen und gesellschaftlichen Verpflichtungen, oder, das denke ich eher, es sind arge Stereotypen, weil sie ins Konzept passen müssen. B. insgesamt ist die Figurenkonstellation überzeichnet.
Aber auf keinen Fall wurde das nun zum Abbruch führen, dafür schwelge ich sprachlich zu sehr. Ich könnte mir vorstellen, dass das im Original dieses wunderbare Italienisch ist, welches ich vom Klang her so sehr liebe.
LG
Anita