Hallo!
In einem sarkastischen, lakonischen Ton beschreibt der Ich-Erzähler sein Leben in Kriegszeiten - und gerade dieser Tonfall ist es, der dem Buch die besondere Tragik verleiht. Celine scheint manchmal zu einer nonchalanten Betrachtungsweise zu verführen, indem er spöttelt, ironisiert, um im nächsten Augenblick durch die Schilderung ungeheurer, aber wie selbstverständlich wirkender Brutalitäten den Leser zu ernüchtern. Die Sprache, die, auf jedes Pathos verzichtend, von den größten Ungeheuerlichkeiten erzählt wie in einer leichten Abendunterhaltung, macht aus dem Buch eine beklemmende, verstörende Lektüre, die ihresgleichen sucht. Das Selbstverständliche und doch Unerträgliche des Grauens, die ganze Unmenschlichkeit von Krieg und Patriotismus, all die hohlen Phrasen spiegeln sich im Denken der Hauptfigur Bardamu, der nichts wünscht als zu überleben, der das Perverse diese Schlächtereien nie und nirgendwo vergessen kann, die Unsinnigkeit eines Krieges, der mit Bardumus Leben, seinen Wünschen, seinen Träumen nichts zu tun hat, der ein Krieg der Mächtigen ist, die auf dem Altar der patriotischen Phraseologie v. a. die Armen opfern.
Ein wenig erinnert der Roman an Remarques "Im Westen nichts Neues" (schon thematisch drängt sich dieser Vergleich auf). Doch der Tonfall des Erzählens, die Balance zwischen Sarkasmus und der abgrundtiefen Angst desjenigen, der einfach nur zu leben wünscht ist das Besondere, dasjenige, das dieses Buch weit über vergleichbare Werke stellt. Eine Abrechnung mit Autoritätsglauben, mit der Macht, die immer nur auf Kosten der Unterprivilegierten agiert und ihre Spiele treibt, eine große Anklage gegen den Krieg und jene Personen, die für diese generalstabsmäßig geplanten Schlächtereien verantwortlich sind. Einen Gymnasialprofessor für Geschichte lässt er räsonieren über die Ergebnislosigkeit und Unsinnigkeit jedweden Todes im Krieg, über die unzähligen Erstochenen, Erschossenen, Verhungerten dieser Auseinandersetzungen, von Menschen, die nichts weiter gewünscht hatte als ein klein wenig zu leben. Die Perversion der Religionskriege wird durch die nationalen Kriege abgelöst: "Die Anbetung der Fahne ersetzte prompt die des Himmels, diese alte, schon von der Reformation geschwächte Wolke, die sich längst in die Sparschweine der Bischöfe abgeregnet hat."
Das Eigenartige bei Celine, der hier als ein großer Verächter des Krieges und der Macht auftritt: Seine Affinität zum Nationalsozialismus, sein Antisemitismus, der sich in zahlreichen Pamphleten geäußert hat, seine Kollaboration mit den deutschen Besetzern im Zweiten Weltkrieg, wegen der er in Abwesenheit verurteilt wurde und erst nach der allgemeinen Amnestie heimkehrte. Ich kenne Celines Leben nur in groben Umrissen, aber es scheint voller Paradoxien: 1932 veröffentlicht er dieses Antikriegsbuch par excellence, findet dann im Nationalsozialismus seine geistige Heimat, um nach seiner Rückkehr nach Frankreich bis zu seinem Tode als Armenarzt zu arbeiten. Kuriosität am Rande: Des späteren Antisemiten Buch wurde 1932 von Isak Grünberg übersetzt, konnte nach der Machtübernahme Hitlers zuerst gar nicht, dann nur gekürzt und geändert erscheinen, da seine Antikriegshaltung den Machthabern suspekt war. Dies einem Autor, der später unverhohlen mit den Nazis sympathiesierte.
Die neue Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel wird gerühmt und, ohne das Original zu kennen, scheint dieses Lob berechtigt zu sein. Durchgängig in einer faszinierenden, eingängigen Sprache geschrieben, die den Roman auch zu einem deutschen Kunstwerk macht.
lg
orzifar