Author Topic: Paracelsus  (Read 5974 times)

Offline sandhofer

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Paracelsus
« on: 13. Juni 2010, 17.41 Uhr »
Hallo zusammen!

Ich habe mir neulich die 5bändige Paracelsus-Ausgabe, herausgegeben von Will-Erich Peuckert, bei der WBG gekauft. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Erster Eindruck: "Übersetzung" ins Neuhochdeutsche, wie Peuckert sagt, ist relativ. Um eine möglichst grosse Nähe zum Original beizubehalten, hat Peuckert nicht nur den Satzbau sondern oft auch den Sprachlaut von Paracelsus beibehalten, ebenso die lateinischen Termini, die Paracelsus in grosser Zahl verwendet. Die Sprache stört mich, da selber Oberdeutscher und Lateiner, nicht. Inhaltlich hatte ich schon eher Mühe. Peuckert lässt seine Ausgabe mit medizinischen Schriften beginnen. Und da wiederum mit den Frühschriften. Astrologische und alchemistische Begriffe werden vorausgesetzt. Jetzt bin ich im Volumen Paramirum, wo Paracelsus zum ersten Mal seine Lehre über die 5 Ursachen der Krankheiten - Gestirne, Gifte, Konstitution, Geister, Gott - erklärt. Alle 5 sind bei einer Therapie zu berücksichtigen. Trotz fremder Nomenklatur leuchtet mir nun zum ersten Mal ein, warum Paracelsus zum Ahnherr der modernen Medizin geworden ist, da hier wohl zum ersten Mal einer empfiehlt, unvoreingenommen an die Krankheit heranzugehen und nicht anhand der Lehre, der man anhängt, zu therapieren, sondern anhand der Krankheitsursache.

Im übrigen macht Paracelsus seine Kollegen aber sehr herunter. Kein Wunder, war er unter Zeitgenossen wenig beliebt.  :angel:

Grüsse

sandhofer
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Offline sandhofer

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Re:Paracelsus
« Reply #1 on: 13. Juni 2010, 20.35 Uhr »
Ha! Wusst' ich's doch! Meine Frau und meine Freunde lachen mich immer aus, wenn ich im Restaurant, aber auch zu Hause, bei Salat und Gemüse sehr zurückhaltend bin, weil ich Angst vor einer Gemüsevergiftung habe. Und nun finde ich schon bei Paracelsus das "Gemüsgift". Jawoll!  :opa:
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BigBen

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Re:Paracelsus
« Reply #2 on: 14. Juni 2010, 08.11 Uhr »
Du suchst Dir ja interessante Lektüre aus.  ;)

Offline sandhofer

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Re:Paracelsus
« Reply #3 on: 14. Juni 2010, 23.20 Uhr »
Ich mag diese Übergangsgestalten. Hier ist es Paracelsus - an der Grenze von mittelalterlicher Alchemie, Kabbalistik und Astrologie zur modernen Medizin. Alexander von Humoldt, Darwin ...
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BigBen

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Re:Paracelsus
« Reply #4 on: 15. Juni 2010, 07.59 Uhr »
Ich mag diese Übergangsgestalten. Hier ist es Paracelsus - an der Grenze von mittelalterlicher Alchemie, Kabbalistik und Astrologie zur modernen Medizin. Alexander von Humoldt, Darwin ...

Da hätte ich hier noch "Die magischen Werke" von Heinrich C. Agrippa von Nettesheim stehen. Das paßt in die Liste.  8)

(BTW, wo ist der Amazon Button?)


Offline sandhofer

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Re:Paracelsus
« Reply #5 on: 15. Juni 2010, 19.52 Uhr »
Agrippa steht m.W. der Kabbala bzw. der Alchemie näher als Paracelsus. Von ihm habe ich zwar auch eine - allerdings völlig ungenügende - Ausgabe ...  ;)
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Offline sandhofer

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Re:Paracelsus
« Reply #6 on: 20. Juni 2010, 07.13 Uhr »
Ich komme noch nicht so ganz draus. Noch immer bin ich im ersten Band der (frühen) medizinischen Schriften. Ich habe den Überblick ehrlich gesagt nicht, ob Peuckert die in chronologischer Reihenfolge sortiert hat. Jedenfalls irritiert es mich, dass er in einer Schrift (dem Herbarius z.B.) doch sehr nahe an der modernen Medizin ist, im nächsten Text aber dann wieder alchimistisch argumentiert. Aber das ist vielleicht wirklich ein Zeichen für eine, wie ich es nenne, Übergangsfigur. (Nebenbei: Im Herbarius & Co. erinnert er mich nicht nur an die moderne Medizin, sondern auch an die - nennen wir es: - Kräuterheilkunde. An Hildgard von Bingen (die fast nichts von dem Quatsch geschrieben hat, der heute unter ihrem Namen veröffentlicht wird, und - von ihren Visionen abgesehen - eine resolute und bodenständige Frau gewesen sein muss, der wohl ob dem esoterischen Unsinn, der heute unter ihrem Namen begriffen wird, noch im Grabe die Haar zu Berge stehen) oder an den Liebling meiner Kindheit, den Kräuterpfarrer Johann Künzle.)
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Offline Anita

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Re:Paracelsus
« Reply #7 on: 20. Juni 2010, 11.32 Uhr »
An Hildgard von Bingen (die fast nichts von dem Quatsch geschrieben hat, der heute unter ihrem Namen veröffentlicht wird, und - von ihren Visionen abgesehen - eine resolute und bodenständige Frau gewesen sein muss, der wohl ob dem esoterischen Unsinn, der heute unter ihrem Namen begriffen wird, noch im Grabe die Haar zu Berge stehen) oder an den Liebling meiner Kindheit, den Kräuterpfarrer Johann Künzle.)

Gut, dass du das mal erwähnst  :) Obwohl, ich möchte mich auch mal über die Verunglimpfung, des Begriffs Esoterik "beschweren"  ;) und deine Erläuterung "Unsinn"  ;D (Wiki sagt dazu: Esoterik (von altgriechisch ἐσωτερικός esōterikós „innerlich“) ist in der ursprünglichen Bedeutung des Begriffs eine philosophische Lehre, die nur für einen begrenzten „inneren“ Personenkreis zugänglich ist ... ) Mehr eigentlich nicht! Aus diesem Grund kann man wohl auch Paracelsus als Esoteriker bezeichnen. Er schwankte zeit seines Lebens zwischen wissenschaftlicher Medizin und Alternativen, da die Medizin schon seit Anbeginn Körper und Geist trennte, was zur Heilung nicht unbedingt dienlich ist/war, wusste er nie wo er nun tatsächlich stand.

Was heute meist unter dem Begriff Esoterik verstanden wird, ist wohl tatsächlich Unsinn  :angel: Insbesondere wenn kranken Menschen für ein bisschen Hoffnung das Geld aus den Taschen gezogen wird  :(

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Anita
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Offline sandhofer

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Re:Paracelsus
« Reply #8 on: 20. Juni 2010, 12.04 Uhr »
Aus diesem Grund kann man wohl auch Paracelsus als Esoteriker bezeichnen.

Im heutigen Gebrauch des Wortes sicherlich. Aber Paracelsus hat eben auch genau darum geschrieben, weil er der Meinung war, dass gewisse Kenntnisse eben nicht nur einem Kreis von Eingeweihten zugänglich sein sollte, sondern - zumindest - allen Ärzten. Und dieses sein Schwanken, das Du erwähnst, kann man tatsächlich schon nach der Hälfte des ersten Bandes (von fünfen) der Peuckert-Edition feststellen.
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Offline sandhofer

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Re:Paracelsus
« Reply #9 on: 01. Juli 2010, 20.24 Uhr »
In den späteren Schriften wird Paracelsus zusehends "moderner" und legt das Gewicht vermehrt auf die Praxis, nicht irgendein angelesenes Wissen. Eine paradoxe Situation: Wir eignen uns Paracelsus lesend und literar-, wissenschafts-, geistesgeschichtlich an - etwas, das er selber gerade verurteilte ...
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Offline sandhofer

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Re:Paracelsus
« Reply #10 on: 03. Juli 2010, 11.29 Uhr »
Im Librum paramirum, 4. Buch, vertritt Paracelsus die Ansicht, dass Männer und Frauen, da sie jeweils eine eigene Anatomie hätten, auch jeweils eigene Krankheiten hätten. Ja, selbst körperliche Bedürfnisse wie Hunger und Durst sind bei den Geschlechter verschieden. Warum? Weil die Frau wesentlich matrix ist. Und Krankeiten und überhaupt alles bei ihr die Wurzel eben in dieser matrix haben. Was mich zu folgendem Gedankenspiel inspierierte: Man stelle sich vor, Paracelsus' Theorie hätte sich in der Medizin durchgesetzt, und wir hätten nun nicht nur Frauenärzte im klassischen Sinn, sondern auch Männerärzte, sowie Fraueninternisten und Männerinternisten, Frauen-HNO und Männer-HNO ...
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Offline Anita

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Re:Paracelsus
« Reply #11 on: 03. Juli 2010, 11.50 Uhr »
Man hat aber jüngst schon entdeckt, dass zum Beispiel Herzinfarkt und Alters-Diabetes bei Männlein und Weiblein sehr verschieden sind, sich anders äußern und gar anders behandelt werden müssen. Dass man beispielsweise Digitales nicht einfach auf das Körpergewicht umrechnen kann (wurde ja bisweilen für die Männer erprobt, alle Studien beliefen sich auf männliche Ergebnisse), weil Frau das anders verstoffwechselt, und meist viel zu hoch dosiert wird, dadurch fast gefährlich aber auf jedem Fall grenzwertig war.

Ich denke, Ärzte für Frauen und Männer getrennt wäre gar nicht so schlecht, aber bitte nicht immer alles über einen Kamm  ;) Auch Kinder kann man nicht gleich mit Erwachsenen Medikamenten behandeln, das wirkt sich oft noch ärger aus!

LG
Anita
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Re:Paracelsus
« Reply #12 on: 03. Juli 2010, 14.18 Uhr »
Ja. Paracelsus argumentiert hier ein bisschen unsicher, will mir scheinen. Mal klingt er so, wie wenn er der Meinung ist, dass tatsächlich die Krankheit eine andere ist und nur gleich oder ähnlich aussieht, deshalb auch anders behandelt werden muss; mal klingt er so, wie wenn es die Physis, die matrix wäre, die derselben Krankheit ein anderes Gepräge gibt.

Jedenfalls gibt es gemäss ihm männliche und frauische Medikamente / Wirkstoffe - und hermaphroditische, also bei beiden Geschlechern wirkende.
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Offline sandhofer

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Re:Paracelsus
« Reply #13 on: 03. Juli 2010, 17.35 Uhr »
Es kommt dann aber noch schöner. Wie der Mann seine Krankheiten aus dem Himmel hat (hier scheint ein Rest Astrologie zu kleben), so auch die Frau. Die aber hat zwei Himmel - denselben, den der Mann hat einerseits (und aus dem auch ihre frauischen Krankheiten kommen), und ihren Mann. So kommt die Frau durch diesen ihren zweiten Himmel zu männlichen Krankheiten. Und offenbar kann dieselbe Krankheit in der Frau nun sowohl frauischen Gepräges sein wie männlichen.
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Re:Paracelsus
« Reply #14 on: 04. Juli 2010, 06.22 Uhr »
Jetzt nähert sich Paracelsus den psychischen Ursachen für Krankheiten. Die ersten Beispiele sind dann aber wieder typisch für seine Zeit: Wenn er den Einfluss des "Glaubens" (so nennt er in Ermangelung eines andern Begriffs dieses Phänomen, er windet sich hier ziemlich, um nicht mit den religiösen Exponenten seiner Zeit in Konflikt zu geraten, findet aber keinen andern Ausdruck) illustriert, greift er auf das sog. "Versehen" zurück, d.h., er geht davon aus, dass eine Schwangere mit entsprechend kräftiger Einbildungskraft (dies im wortwörtlichen Sinn zu verstehen!) in der Lage ist, z.B. eine Schnecke, die sie am Wegesrand erblickt, dem Ungeborenen als Muttermal (auch dieser Ausdruck in seiner wörtlichsten Bedeutung!) z.B. aufs Knie zu projizieren.

Die Theorie, die er entwickelt, ist interessant, die praktischen Beispiele zeigen dann wieder einen in seiner Zeit Verhangenen. Aber das geht uns wohl ebenso.
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