Hallo,
meine Erwartungshaltung hat sich leider voll und ganz bestätigt. Das ist ein sehr biederes, bescheidenes Werk im Stile eines pensionierten Hofrats, manche moralischen Hinweise sind - wenn auch inhaltlich richtig - einfach bloß peinlich. (An solchen Stellen erhebt sich immer die Frage nach dem Lektorat: Hat denn da niemand den Mut, auf Platitüden à la "Hitler war aber ein großer Bösewicht" hinzuweisen - bzw. diese stillschweigend dem Datennirvana anheim fallen zu lassen?)
Das ganze Buch ist eine große Paraphrase der Forderung nach einer Moral, die mit unserer genetischen Disposition nicht im Widerspruch stehen sollte. Moralvorstellungen müssen im Einklang mit unserer biologischen Natur stehen, sie sollen diese berücksichtigen und keine allzu hehren, weil unmöglich zu erreichenden Ziele postulieren. Das ist selbstredend richtig, die kirchliche Sexualmoral ist eine solche, auf den Menschen nicht anwendbare Forderung, die bei jenen, welche sie zu befolgen wünschen, entweder durch das Scheitern Frustration bewirkt oder aber durch die willkürliche und widernatürlich Einschränkung Neurosen zeitigt.
Diese Forderung nach einer "natürlichen, lebbaren Moral" ist also die Quintessenz des Buches; um nun aber 250 Seiten füllen zu können, müssen diese Aussagen abgewandelt und nur leicht geändert wiederholt werden. Dadurch entsteht ein Werk, dem man zwar oft zustimmen kann, dass aber schal wirkt, durch die enervierenden Wiederholungen unstrukturiert und auf die Dauer ziemlich langweilig. Der Mangel an Ideen wird - wie so oft - durch das Anführen abstruser Thesen anderer kompensiert. Solches habe ich schon bei Dürrs "Traumzeit" kritisiert, hier verhält sich der Autor ganz ähnlich. Man nehme eine dubiose, leicht zu widerlegende Aussage, breite sie in aller Ausführlichkeit vor dem Leser aus, um sie schließlich zu widerlegen und sich aufgrund dieser Widerlegung selbst Tiefsinnigkeit zuzuschreiben. Das ist v. a. seitenfüllend, für den Leser aber wenig beglückend und die Geduld strapazierend.
--- Je weiter ich komme, desto deutlicher wird, dass Wuketits eine Art Stammtisch-Soziologe oder auch -Evolutionsbiologe ist. Er bezieht sich auf die verschiedensten Phänomene von Sport bis Horrorfilm, seine Analysen (die diese Bezeichnung im Grunde nicht verdienen) bleiben aber derart oberflächlich, das man an Ratgeberliteratur erinnert ist. Zudem scheint er auch zu vergessen, was er mit manchen Ausführungen will, welchen Gedanken er verfolgt. So beginnt er ein Kapitel mit der Frage, was denn eine Welt ohne das "Böse" bedeuten könnte. Er beschreibt und zählt auf, verliert sich in diese und jene Einzelheiten, während der geneigte Leser in meiner Person - vergeblich - auf die Schlussfolgerung wartet. Mit der Aufzählung hat sich's nämlich schon bzw. mit der Feststellung, dass das alles schwer vorstellbar ist und mit der uns umgebenden Welt nichts zu tun hat. Sowas aber auch ...
Um einen Eindruck von der sprachlichen Kraft und der beeindruckenden Gedankentiefe zu vermitteln: "Im nachhinein werden Menschen, die gegen unmoralische oder kriminelle Aktivitäten ihrer jeweiligen Regierungen protestiert hatten, zu Helden stilisiert. Meist nützt es ihnen allerdings nichts mehr. Auch im Dritten Reich gab es einige Unerschrockene, die nicht nur das ganze verbrecherische System durchschauten, sondern auch offen dagegen ankämpften. Leider war ihnen kein langes Leben gegönnt." Und so ähnlich klingen viele Schlussfolgerungen, stilistisch und gedanklich erinnernd an die Ergebnisse von Aufgabenstellungen für 12jährige: Mein schönstes Ferienerlebnis.
Obiges Zitat ist typisch für das ganze Buch: Man kann kaum widersprechen, um aber diese tiefschürfende Erkenntnis zu gewinnen, bedarf es keines Sachbuchs. Ständig zählt er Gräueltaten auf, womit er seine Aufgabe erledigt zu haben glaubt; Schlussfolgerungen gibt es kaum oder aber sie verdienen nicht diese Bezeichnung. Ein bloß plakatives "in unserem Jahrhundert gab es Hitler und wurde die Atombombe erfunden" beweist an und für sich noch gar nichts, außer man begnügt sich mit der ein wenig sensationslüsternen Feststellung vom schlechten Menschen.
Wer an diesem Thema Interesse hat sei auf Frans de Waal verwiesen. Nicht weil er eine positivere Grundhaltung propagiert, sondern weil er ungleich klüger und intelligenter zu argumentieren pflegt und nicht ständig Klischees breittritt. V. a. der letzte Abschnitt des vorliegenden Buches (vielleicht aber ist auch bloß die Geduld des Lesers erschöpft) ist eine derart willkürliche Ansammlung von Binsenweisheiten, das man sich nur noch zwischen Ärgern und Wundern bewegt. (Beispiel: Er stellt fest, dass die Anzahl neuer Gesetze in Ö die Juristen theoretisch zwingen würde, allein 47 Stunden mit dem Lesen derselben zuzubringen, woraus er schließt, dass der Normalbürger seine sozialen Probleme nicht adäquat lösen kann. Zuerst wird eine Notwendigkeit postuliert (jene des Lesens der Texte), die natürlich nicht besteht (wie denn auch der Hausarzt nicht ständig alle medizinischen Publikationen lesen muss, um ein guter Hausarzt zu sein), um auf die Schwierigkeiten des Menschen hinzuweisen, sich moralisch gut und angemessen zu verhalten (weil dies in Unkenntnis der Gesetze schwierig wäre?). Eigentlich aber macht W. ganz etwas anderes: Er versucht durch die Feststellung der Überreglementierung (einem tatsächlichen Missstand) den Leser auf seine Seite zu ziehen, stellt Zusammenhänge her, die es nicht gibt und suggeriert dem Leser indirekt, dass hier das eine aus dem anderen folgen würde.)
Dazu dieser fürchterliche Seminararbeitsstil: Er schreibt (der Zusammenhang ist unwesentlich, weil auch vom Autor vollkommen willkürlich eingefügt): "Das Weltbild des Kindes (vgl. Piaget 1977) sollte nach unserer Auffassung ...". Nun wird fast jeder Student der Geisteswissenschaften irgendwann mit Piaget konfrontiert - und zitiert diesen in seinen Arbeiten ebenso kommentarlos (zwecks Verlängerung der Literaturliste) wie Wuketits. Wenn aber jene noch zu verstehen sind und man halt lächelnd darüber hinweggeht, ist dies hier natürlich einfach nur lächerlich und peinlich. Es wird implizit ausgesprochen, dass zum Weltbild des Kindes von Piaget das Entscheidende gesagt worden wäre (worüber man nun mehr als geteilter Meinung sein kann) - v. a. aber ist dieses Weltbild im Zusammenhang mit dem Beschriebenen vollkommen irrelevant. Erinnert mich an folgenden, einmal gelesenen Satz: "Während des Zweiten Weltkrieges ..." (und hier nun folgten Quellenangaben - und nicht zu knapp

).
Geschafft (hier fehlt ein Erschöpfungssmiley). Ein insgesamt entbehrliches, schwammiges Elaborat von beachtlicher sprachlich-argumentativer Einfalt, weitgehend den common-sense verpflichtet (wodurch Widerspruch manchmal erschwert wird), aber nirgens ein tieferer Gedanke, eine originelle Formulierung oder gar Geist und Esprit. Muss man wahrlich nicht gelesen haben.
lg
orzifar