Author Topic: Stanislaw Lem: Eden  (Read 5924 times)

Offline orzifar

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Stanislaw Lem: Eden
« on: 24. Mai 2010, 23.09 Uhr »
Hallo!

Wieder mal ein Lem (die Leserunde kam leider nicht zustande), den ich ja ausnehmend gern lese (und schätze). Trotzdem bin ich bislang ein wenig enttäuscht, das ist eher ein 0815-SF-Roman als ein typischer (geistreicher) Lem. "Der Unbesiegbare" oder - mein Favorit - "Die Stimme des Herrn" sind sehr viel genauer durchkomponiert, bedienen weniger Klischees, sind einfach "intelligenter". Vielleicht wird's ja noch, ich habe erst etwa die Hälfte des Buches gelesen.

Zum Inhalt: Ein Raumschiff mit 6 Passagieren strandet auf dem Planet Eden, wird mit den dortigen Lebensformen konfrontiert. Dabei aber geht's mir bislang zu kämpferisch zu, außerdem gibt es viele ermüdende Passagen mit Schilderungen der Umwelt des Planeten. Und jemand, der schon mit den Naturschilderungen des Planeten Erde manchmal (oft) auf Kriegsfuß steht, muss sich von den zahllosen kristallinen, amorphen Strukturen, Maserungen, seltsamen Pflanzen, Verkehrswegen etc. ein bisschen genervt fühlen. Diese Beschreibungen ufern aus und vermögen kaum noch ein eingängiges Bild von Eden zu erzeugen (bzw. jenes, das Lem vorgeschwebt ist). Mir jedenfalls will es nicht recht gelingen.

lg

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Offline Anita

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Re:Stanislaw Lem: Eden
« Reply #1 on: 25. Mai 2010, 10.50 Uhr »
Danke für diesen ersten Eindruck. Und damit geht meine Ausgabe als Spende zur Bücherei, oder möchtest du sie haben Sandhofer? Ich würde sie dir gerne zuschicken, es handelt sich um eine limitierte Sonderausgabe von 1972 Nymphenburger Verlag, mit den üblichen Alterungserscheinungen.

LG
Anita
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Offline sandhofer

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Re:Stanislaw Lem: Eden
« Reply #2 on: 25. Mai 2010, 22.46 Uhr »
Ich warte mal noch orzifars Schlussbetrachtung ab ;).
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Offline orzifar

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Re:Stanislaw Lem: Eden
« Reply #3 on: 25. Mai 2010, 22.55 Uhr »
Hallo!

@anita: So schlecht wollte ich das Buch keineswegs darstellen, dass du es stante pede verschenkst ;).

Das Buch ist ein wenig unausgegoren, eine Vielzahl von Ideen, die aber oft nur kurz gestreift werden, fragmentarisch bleiben. Weniger wäre mehr gewesen, so bleibt die Analyse der außerirdischen Überlebensformen blass und schemenhaft. Interessante Anmerkungen verschwinden unter einem Wust an Phantasiereichtum, sodass man von vielem etwas, nichts aber wirklich genau erfährt.

Ähnlich ist es auch mit den 6 Protagonisten, die (bis auf eine Ausnahme) nur über ihre Berufsbezeichnung angesprochen werden. Chemiker, Physiker, Kybernetiker, Doktor, Koordinator, Ingenieur. Spezifische Charaktereigenschaften sind zwar auszumachen, aber die Interaktion bleibt oberflächlich, wenig strukturiert, weshalb auch die Konflikte, unterschiedlichen Anschauungen bezüglich des auf dem Planeten Erlebten nebulös bleiben.

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Lem hier einfach drauflos geschrieben hat, ohne sich nach einem bestimmten Plan zu richten oder ein Konzept zu entwerfen. Übersprudelnde Einfälle, auftauchend, bald wieder verschwindend, auf deren Auflösung, genauere Beschreibung man leider vergebens wartet (ich bezweifle, ob die restlichen 50 Seiten dies bieten werden können). Amüsant im übrigen immer die technischen Zukunftsvorstellungen, von denen Lem selbst in der "Summa technologiae" sagt, das sie einer engen Beschränkung der Vorstellungskraft unterliegen. So wie sich eine römische Galeerenbesatzung die Zukunft der Schifffahrt bzw. deren Verbesserung durch überdimensionale Ruder oder Segel vorgestellt haben mag (keinesfalls aber mit Motorbooten), so sind auch Lems futuristische Gedanken vom Wissensstand der 50iger und 60iger geprägt. Das stört aber kaum, amüsiert jedoch, wenn etwa Fortbewegung oder Filmtechnik anachronistisch anmuten, hingegen die Atomtechnik höchst ausgereift ist. Es amüsiert - und stimmt nachdenklich, weil wir im Hier und Jetzt erkennen, dass auch unsere eigene Phantasie zwangsläufig höchst beschränkt bleibt und wir nur konstatieren können, dass wir nicht wissen was die Zukunft bringt.

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Ausgelesen. Tatsächlich scheint sich Lem mit der Fülle an Ideen ein wenig übernommen zu haben, so dass der Schluss überstürzt und vorschnell wirkt. Trotzdem macht's immer wieder Spaß, seine Spekulationen zu verfolgen, seine Einfälle bezüglich anderer Lebensformen, die ja trotz aller Unterschiedlichkeit immer noch stark anthropozentrisch getönt sind (wie auch nicht). Und diese Darstellung anderer Zivilisationen ist immer auch Gesellschaftskritik, eine Form von Utopia.

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Schöne Leserunden (zumindest in meiner Vorstellung): "Summa technologiae", "Phantastik und Futurologie" oder "Philosophie des Zufalls", wobei ich ersteres schon kenne, aber wiederlesen würde (es lohnt sich).

lg

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Offline sandhofer

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Re:Stanislaw Lem: Eden
« Reply #4 on: 26. Mai 2010, 21.24 Uhr »
Schöne Leserunden (zumindest in meiner Vorstellung): "Summa technologiae", "Phantastik und Futurologie" oder "Philosophie des Zufalls", wobei ich ersteres schon kenne, aber wiederlesen würde (es lohnt sich).

Alle 3 mal bestellt. Antiquarisch. Mal schauen, was ich wirklich kriege ...
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Offline sandhofer

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Re:Stanislaw Lem: Eden
« Reply #5 on: 27. Mai 2010, 20.32 Uhr »
"Summa technologiae", "Phantastik und Futurologie"

Wurden mir bereits bestätigt ;) ...
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Offline sandhofer

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Re:Stanislaw Lem: Eden
« Reply #6 on: 28. Mai 2010, 09.04 Uhr »
Das Buch ist ein wenig unausgegoren, eine Vielzahl von Ideen, die aber oft nur kurz gestreift werden, fragmentarisch bleiben. Weniger wäre mehr gewesen, so bleibt die Analyse der außerirdischen Überlebensformen blass und schemenhaft. Interessante Anmerkungen verschwinden unter einem Wust an Phantasiereichtum, sodass man von vielem etwas, nichts aber wirklich genau erfährt.

Dein Eindruck erinnert mich ein bisschen an den, den ich von Lems Erstling (?), "Die Astronauten", zurückbehalten habe. Inkl. der merkwürdigen Eindrücke, die es auf uns macht, wenn wir sehen, was als möglich oder wahrscheinlich für die technische oder politische Entwicklung der nächsten 100 Jahre gedacht worden ist.

"Philosophie des Zufalls"

Auch das wurde mir unterdessen bestätigt.  :hi:
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Offline orzifar

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Re:Stanislaw Lem: Eden
« Reply #7 on: 28. Mai 2010, 13.03 Uhr »
Dein Eindruck erinnert mich ein bisschen an den, den ich von Lems Erstling (?), "Die Astronauten", zurückbehalten habe. Inkl. der merkwürdigen Eindrücke, die es auf uns macht, wenn wir sehen, was als möglich oder wahrscheinlich für die technische oder politische Entwicklung der nächsten 100 Jahre gedacht worden ist.

Haargenau. Wobei die Konzeption von Astronauten ("Planet des Todes" heißt meine Uraltausgabe) noch durchdachter ist.

Wunderbar mit deinen Bestellungen. Wir können ein Lem-Jahr machen ;).

lg

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Re:Stanislaw Lem: Eden
« Reply #8 on: 01. Juni 2010, 20.46 Uhr »
Schöne Leserunden (zumindest in meiner Vorstellung): "Summa technologiae", "Phantastik und Futurologie" oder "Philosophie des Zufalls", wobei ich ersteres schon kenne, aber wiederlesen würde (es lohnt sich).

Alle 3 mal bestellt. Antiquarisch. Mal schauen, was ich wirklich kriege ...

Alle schon da. Allerdings scheint die "Philosophie des Zufalls" einen zweiten Band zu haben, was mir entgangen ist. Jetzt habe ich nur einen mir "Römisch-I" betitelten Band. Aber mit einem der andern beiden können wir jederzeit beginnen. Und ich verspreche, diesmal zu warten.  :angel:
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Offline sandhofer

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Re:Stanislaw Lem: Eden
« Reply #9 on: 01. Juni 2010, 20.49 Uhr »
PS.

Und damit geht meine Ausgabe als Spende zur Bücherei, oder möchtest du sie haben Sandhofer?

Du darfst sie mir ruhig schicken. Selbst ein schlechter Lem ist so übel nicht. (Bisheriger Tiefstpunkt meiner Lem-Erfahrungen: Memoiren, gefunden in der Badewanne. Übler Kafka-Verschnitt.)
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Offline sandhofer

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Re:Stanislaw Lem: Eden
« Reply #10 on: 11. Juni 2010, 17.22 Uhr »
Nach den ersten vier Kapiteln: Ja, der typische frühe Lem. Mit all den Fehlern, die orzifar schon aufgezählt hat. Aber aktuell - bei der Hitze und den übrigen Problemen, mit denen ich mich herumschlage - keine üble Lektüre. Spannend und nicht allzu seicht.
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Offline Anita

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Re:Stanislaw Lem: Eden
« Reply #11 on: 11. Juni 2010, 18.01 Uhr »
- bei der Hitze und den übrigen Problemen, mit denen ich mich herumschlage - keine üble Lektüre. Spannend und nicht allzu seicht.

Das freut mich  :)

LG
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Re:Stanislaw Lem: Eden
« Reply #12 on: 13. Juni 2010, 06.23 Uhr »
So, ich bin durch. orzifars Schlussüberlegungen habe ich wenig hinzuzufügen. Die übersprudelnden Ideen, v.a. in Bezug auf Landschaften und Fortbewegungsmittel, sind typisch für Lem. (Ich persönlich nehme so was relativ oberflächlich zur Kenntnis bei Science Fiction; ich habe noch keinen SF-Autor kennengelernt, der die Schönheit einer fremden Landschaft um der Schönheit dieser fremden Landschaft willen beschreibt. Landschaft ist eigentlich immer ein zusätzliches Mittel, um die Stimmung des Fremden zu evozieren, und wenn es dann dem Autor gelungen ist, diese Stimmung bei mir zu evozieren, dann hat's sich auch für mich, und ich will die Details auch gar nicht verstehen oder ein Puzzle an Beschreibungen zusammenfügen.)

Ein bisschen penetrant kommt hier Lems Lieblingsthema schon daher: Die Unmöglichkeit, eine wirklich fremde Kultur wirklich zu verstehen. Die menschlichen Robinsone spekulieren munter drauf los, was ihren Alien-Freitag denn nun bewogen haben könnte, sich zu ihnen zu flüchten, ohne wirklich auf des Rätsels Lösung zu stossen. Und immer wieder die Warnungen des einen Robinson, des Arztes, dass dieses oder jenes Phänomen auch noch ganz anders aufgefasst werden könnte. Die Auflösung übertrifft aber dann auch die Spekulationen des Arztes. Zum Schluss dann die Versuchung, eine offenbar herrschende Diktatur auf diesem Planeten mit Gewalt aufzulösen. (Eine Versuchung, der bis heute die USA und Pan-Europa immer wieder erliegen. Und die dabei immer wieder auf die Nase fallen...)

Die Figuren sind schematisch und mit einer Ausnahme namenlos. Unvermögen oder Absicht?

Alles in allem: eigentlich eine perfekte "Urlaubslektüre" -spannend und nicht allzu seicht.
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