Das, was du in den letzten beiden Postings beschreibst, ist ein Spiegelbild meiner Unzufriedenheit mit solchen Werken. Dabei geht es gar nicht so sehr um die christliche Komponente, die hier ein mehr-weniger zufälliges Akzidens ist, sondern vielmehr um den Versuch, die Geschichte, Realität, die Welt einem einzigen Gedanken, einer Idee unterzuordnen. Diese eine Idee mag sogar geistreich sein, für einen bestimmten Bereich interessante Lösungen anbieten; wenn aber alles Sein und jedwede Erscheinung diesem Gedanken subsummiert werden, um genau dieser Philosophie zu entsprechen, wird's meist lächerlich. Da nimmt man dann seinen philosophischen Hut, stülpt ihn allem und jedem über, schneidet weg und fügt hinzu nach Gutdünken - immer nur in dem Gedanken, dass sich die Wirklichkeit der Idee fügen müsse. Widersprechendes wird ausgeklammert oder umgedeutet, Gegenbeispiele werden als irrelevant abgetan.
In der Geschichtsphilosophie nimmt derlei besonders üble Formen an. Denn zumeist entwirft der Philosoph oder Historiker im Geiste ein Zukunftsszenario, wie denn die Welt sein wird oder sein soll, sucht nach Gesetzmnäßigkeiten für seine Vorhersagen (die ich schon per se für ein Ding der Unmöglichkeit halte, wenn sie über Trivialitäten hinausgehen). Und dann wird die Vergangenheit einer eingehenden Prüfung unterzogen, sie wird daraufhin examiniert, inwieweit sich in ihr Dinge finden lassen, die die vorgefassten Ideen bestätigen. Bei derart eingeschränktem Blickwinkel wird man immer fündig, die Geschichte bietet einen so weiten Raum, dass jeder in ihr für sein eigenes Süppchen problemlos die entsprechenden Zutaten findet.
Deine Einwürfe erinnern mich auch an ein Lesevorhaben, dass ich nun schon länger vor mich herschiebe. Wolfgang Röd: Der Gott der reinen Vernunft. In diesem Buch wird der Versuch unternommen, zwischen ontologischem Gottesbeweis und rein rationalistischen Philosophien einen Zusammenhang herzustellen. Ein Hegelscher Weltgeist etwa ließe sich lt. Röd ohne solche rationalistischen Gottesspekulationen von Anselm über Thomas bis Descartes gar nicht denken. Aber ein solches Lesevorhaben ufert meist aus in umfangreicher phil. Zusatzlektüre - und ich zweifle, ob ich zu derlei genug Muße finden würde im Hier und Jetzt. (Wenn du aber unbedingt wollen würdest - oder andere

...)
lg
orzifar