Author Topic: Richard Dawkins - Der blinde Uhrmacher  (Read 9467 times)

Offline orzifar

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Re:Richard Dawkins - Der blinde Uhrmacher
« Reply #15 on: 20. Mai 2010, 23.43 Uhr »
Hallo mombour,

Das also das Gottesproblem in Evolutionsbüchern angesprochen wird, hat historische Gründe. Das hat nichts mit Dawkins zutun.

Das stimmt so nicht ganz. Natürlich war die Evolutionstheorie eine der ersten, die auf wissenschaftlich fundierte Weise den überkommenen Schöpferdarstellungen und Mythen widersprochen hat. Und dass der Glaube an allen möglichen Humbug immer noch in den Köpfen der Menschen steckt ist auch unzweifelhaft. Allerdings ist die Penetranz, mit der Dawkins agiert, durchaus nicht üblich, sondern (vielleicht mit einem Blick Richtung Verkaufserfolg) schon außergewöhnlich. Ich kenne durchaus Bücher über Evolutionsbiologie, die so gut wie jeden "Schöpfergedanken" außen vor lassen und sich mit den uns zur Verfügung stehenden Fakten begnügen. Das ist dann halt weniger erfolgreich bezüglich Verkaufen, eher ein Lesebuch für Studenten. Wie gesagt - mich nervt diese Penetranz und - manchmal - auch die Unsinnigkeit (wie im "Gotteswahn"), mit der Dawkins auf diesem Thema rumreitet (und so nebenher irgendwelchen Gottesgläubigen auch noch Argumente - ungewollt - zuspielt).

Zum anderen geht es natürlich - auch - um Aufklärung. Aber ich nehme eben für mich in Anspruch, dass ich einer solchen - was den Schöpfungsglauben (in all seinen Varianten) anlangt - nicht mehr bedarf. Diskussionen mit religiösen Menschen ermüden mich, ich vermeide derlei, weil ich einerseits niemanden beleidigen will (da gibt's ja liebe und nette Naivlinge darunter), andererseits aber auch keine Lust habe, mich auf Grundlage religiösen Gedankenguts auf Diskussionen einzulassen.

Wenn es schon um Aufklärung geht, sollte man aber bestimmte Diskussionsmuster vermeiden. So wie Dawkins mutatis mutandis das völlig unsinnige "Wettargument" Pascals wieder aufnimmt. (Im übrigen eine der häufigsten Varianten unsinnigen Argumentierens: Zwei Alternativen anzubieten und so zu tun, als ob damit der Bereich an Möglichkeiten erschöpft wäre. Wobei eine der Alternativen mit offenkundig angenehmeren Konsequenzen verbunden ist) Er begibt sich damit auf eine unredliche Argumentationsschiene - und das ist dann bezüglich "Aufklärung" kontraproduktiv. Dawkins hat in England eine Art Werbekampagne gestartet, indem man Texte des Inhalts "There is probably no god" geschaltet hat. Abgesehen davon, dass ich mich am "probably" stoße, halte ich derlei im Sinne einer "Aufklärung" für wenig zielführend. Möglicherweise ist sogar das Gegenteil der Fall. Bezüglich der Kampagne haben sich nicht von ungefähr die Kirchen positiv geäußert: Man spreche endlich wieder über Gott. (Im Grunde mache ich grad den gleichen Fehler: Ich poste schon wieder ;)).

Dawkins halte ich für medien- bzw. öffentlichkeitsgeil. Vor gar nicht allzu langer Zeit hat er sich nicht entblödet, sich mit Th. Gottschalk in einer Kerner(? - kann auch ein anderer dieser Futzis gewesen sein, ich kann sie nicht unterscheiden)-Talkshow auseinanderzusetzen. Gottschalk als Verteidiger eines obskuren Gottesglaubens, Dawkins als sein Widerpart. Das hat nun gar nichts mehr mit Aufklärung zu tun, sondern mit Wichtigmacherei (und/oder PR-Arbeit).

Es geht hier doch nicht um lokale Kleingottgläuberei, sondern darum, ob es eine höhere Instanz gibt, die alles erschaffen hat.

Klein- und Großgötter? ;) Mit Verlaub, das ist alles dasselbe. Die Götter werden nur ungreifbarer, nebulöser im Laufe der Geschichte, weil sich deren reale Ausstattung selbst für Gläubige als mit der Zeit unglaubhaft erwiesen haben.

Das sich heutige Evolutionsbiologen wie z.B. Ulrich Kutschera mit dem Kreationismus beschäftigen müssen, hat zeithistorische Gründe. Kreationisten in den USA haben sehr zugelegt (in Deutschland auch) und versuchen mit allen Mitteln die Evolutionstheorie zu verunglimmpfen, auch mit unlegalen Mitteln (man lese hierzu bitte die amazon- Rezension von Thomas Junker zu Ulrich Kutschera: "Tatsache Evolution"). Wenn Biologen heute sich mit dem Kreationismus beschäftigen, dann geht es um Aufklärung. Das finde ich in Ordnung.

Prinzipiell ja. Aber man sollte auch nicht jedem Unsinn nachgehen. Wer jeden religiös motivierten Schwachsinn zu widerlegen sich anschickt, tut irgendwann nichts mehr anderes.

Dawkins' Buch "Der Gotteswahn" habe ich noch nicht gelesen, aber inzwischen mag es ungefähr ein Dutzend contras zu dem Buch geben, weil es die Gegenfraktion aufgewühlt hat. Natürlich wird es nie einen Antigottesbeweis oder Gottesbeweis geben. In "Der blinde Uhrmacher" drückt sich Dawkins noch recht gewählt aus und hält die Existenz Gottes für recht unwascheinlich. Ich verstehe nicht, was daran problematisch sein soll?

Es gibt keine Wahrscheinlichkeit für oder gegen Gott. p = 1/6 für einen Wurf mit ungezinkten Würfeln (dass eine 6 gewürfelt wird). Die Wahrscheinlichkeit für Gott ist weder 1/2 noch liegt sie sonst irgendwo im Bereich zwischen 0 und 1, sondern es gibt diese Wahrscheinlichkeit einfach nicht. Hier wird der math. Begriff der Wahrscheinlichkeit mit dem Alltagssprachgebrauch unzulässig vermischt (wahrscheinlich regnet es morgen, wahrscheinlich werde ich in den nächsten Wochen einige Bücher auf der UB entlehnen - und wahrscheinlich bekommt ein Mann über 60 bei vorwiegend sitzender Tätigkeit veritable Hämorrhoiden. Letzteres wäre aber zumindest einer statistischen Erhebung zugänglich, obschon in diesem Zusammenhang "veritabel" noch zu definieren wäre). Das ist genau diese oben bezüglich der Pascalschen Wette beschriebene Unsinnigkeit. Wie es auch keine Wahrscheinlichkeit bezüglich der Existenz des Osterhasen gibt. Es gibt bestimmte Fakten, die für oder gegen eine Theorie sprechen, Fakten auf empirischer Grundlage, die eine Theorie plausibler als die andere erscheinen lassen. Wobei: Gottesvorstellungen entstanden ursprünglich sicher (u. a.) als Erklärungsmodelle für vorläufig unbegreifliche Phänomene (Blitz und Donner waren nicht umsonst in vielen Kulturen Attribute Gottes). Und im Grunde tut die Theologie auf ihrem Rückzug heute noch nichts anderes: Sie setzt ihre Wesenheit dort ein, wo man nichts Genaues weiß (oder wissen kann). Ein öst. Kardinal war über die Urknalltheorie saufroh: _Vor_ die Singularität hat er seinen Gott platziert.

Quote from: orzifar
Bei Dawkins will es oft so scheinen, als ob Gott und Wissenschaft einander gegenüberstehen, sogar einander bedingen. Tatsächlich aber haben sie nichts miteinander zu tun, sie koexistieren in vollkommen unabhängigen Räumen, so wie Einhörner, fliegende Drachen und Orks in der Biologie keine Rolle spielen. Niemand würde irgendwelche biologische Erkenntnisse als Beweis für oder gegen Fabelwesen betrachten. Hier gibt es schlicht keinen Zusammenhang.

Als großer Sympathisant des Philosophen Ken Wilber sage ich, es hängt alles zusammen. Integrale Theorie, das hat Zukunft.

Nein. Theologie hat in einer wissenschaftstheoretischen Diskussion bestenfalls als abschreckendes Beispiel etwas verloren ;).

lg

orzifar

Nachsatz: Ich habe mehrfach ein Posten in diesem Thread verworfen, weil ich fürchtete, in unfruchtbare "Gottesdiskussionen" verwickelt zu werden. Ich hoffe nun nicht in dem von mir erwähnten Sumpf zu versinken ;) - mit oder ohne Schwert.
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline mombour

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Re:Richard Dawkins - Der blinde Uhrmacher
« Reply #16 on: 21. Mai 2010, 10.49 Uhr »
Hallo orzifar,

mir ist völlig klar, dass Diskussionen um Religion in Foren ein Elend ist. Ich habe da auch meine negativen Erfahrungen gemacht, und mir würde es nie im Traume einfallen, in einem Forum Dawkins'  "Gotteswahn" als Diskussion vorzuschlagen. So etwas mache ich lieber innerhalb meiner eigenen vier Wände oder in einem intimeren Kreis. Obwohl ich mich z.Zt. mit dem Buddhismus beschäftige, werde ich auch darüber keine Diskussionen beginnen. Ich bin doch froh, dass "Der blinde Uhrmacher" schwerpunktmäßig die Evolution behandelt hat und das Gottesproblem ziemlich sekundär. Ich merke z.Zt. sowieso, dass mir Philosophie mehr bringt als theologische Themen.
Nun, lassen wir diesen Gott ruhen in pace ;D, nicht wahr?

Liebe Grüße
mombour
Thomas Hardy: Herzen in Aufruhr
Fernando Pessoa: Buch der Unruhe

Offline orzifar

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Re:Richard Dawkins - Der blinde Uhrmacher
« Reply #17 on: 21. Mai 2010, 16.23 Uhr »
Nun, lassen wir diesen Gott ruhen in pace ;D, nicht wahr?

Unbestätigten Gerüchten zufolge hat Gott auf den vorzeitigen Ruhestand bei vollen Bezügen verzichtet und ist eine (un-)heilige Allianz mit einem ungenannt bleiben wollenden, ehemaligen Erzengel eingegangen. Beide wurde bei der Instandsetzung großer Grillroste beobachtet, vorne prangt angeblich ein Schild "for archbishops only". Viel schweißtreibende Arbeit ...

lg

orzifar
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