Hallo!
Klaus Harpprecht, Journalist und Autor, dessen bekanntestes Werk die mehr als 2000 Seiten umfassende Biographie über Thomas Mann ist, begibt sich im Jahre 1986 nach Österreich, das ihm, dem Vielgereisten, wundersamer Weise noch eine terra incognita ist.
Ich weiß nicht, wie dieses Buch seinerzeit aufgenommen wurde; es ist allerdings ein gefährliches Unterfangen, wenn sich ein Vertreter des großen deutschen Bruders unterfängt, den Kleineren einer Kritik zu unterziehen. Da kann er noch so sehr Recht haben, ins Schwarze treffen, er wird missliebig beäugt und alsbald mit dem Vorschlag konfrontiert werden, dass er sich doch dorthin zurückscheren möge, woher er gekommen sei.
Mir aber - als Österreicher - gefiel's. Der Blick von außen sieht vielleicht nicht mehr, aber anderes, zeigt so manches auf, was die Gewohnheit zur Selbstverständlichkeit werden ließ. 1986, das Jahr Waldheims, dem in seiner Biographie ein Jahr ganz wundersam abhanden kam, das Jahr von Haiders Machtübernahme, das eine biertischselige Erleichterung bewirkte, konnte man doch endlich sehen, dass die eigene Dummheit salonfähiger ist als vordem angenommen. Der Beginn einer neuen Ära der großen Koalition, deren Chancen auf vernünftige, oft unpopuläre Politik im dümmlichen Kleinkrieg vertan wurde, weil beide Großparteien wie die Kaninchen auf den wiedererstarkten Stammtisch starrten und vor lauter Angst wegen des dort Platz nehmenden Haiders dessen Parolen flugs im Parteiprogramm zu integrieren suchten.
Es ist auch die Zeit von Peymann und Bernhard, wobei man kaum weiß, wer von beiden mehr überschätzt ist. Und beide bedienen die masochistische Ader des homo austriacus, man übt nicht Kritik, sondern beschimpft, man ist ähnlich kreativ wie so mancher Sprayer, der der Hauswand ein orthographisch zweifelhaftes "Pullenschweine" zumutet. Das Phänomen besteht aber darin, dass der vermeintlich Intellektuelle in der Beschimpfung die Kunst zu entdecken meint, dass er nicht zu widersprechen wagt, um nur ja nicht in den Verdacht zu geraten, zu genau jener reaktionären Gruppe zu gehören, die da dem Furor des Staatsdichters anheim fällt. Nur wer Bernhard lobt kann mit Fug und Recht von sich behaupten, ein aufrechter Antifaschist zu sein, ein Kämpfer gegen Katholizismus und dumpfes Kulturbanausentum.
Und so biedert sich die Kulturschickeria an bei einer ewig revolutionären Jugend (die solch revolutionäres Gehabe an den Tag legen darf und muss), man beklatscht in Salonsteirer und Frack nackt über die Bühne hampelnde Schauspieler oder die Kuh, die sich vor der versammelten politischen Prominenz auf der Bühne einen Erzherzogjodler anhören muss - beim Steirischen Herbst. Harpprecht kann dies alles beschreiben - im doppelten Wortsinne: Er darf es sich erlauben als der fremde Beobachter und Feldforscher der österreichischen Seele - und er besitzt auch die Fähigkeit, dies ansprechend zu tun. Ohne moralisierend zu sein, hingegen manches lobend, das in seinem Deutschland so nicht möglich wäre. Seine Landsleute kritisierend oder konzis beschreibend, wenn er etwa von Peymanns "eitel-moralisierender Überforderung seiner intellektuellen Talente" spricht, was man trefflicher kaum formulieren könnte.
Betroffen macht die Tatsache, dass kaum einer der Missstände, der Seltsamkeiten in den letzten 24 Jahren behoben wurde, dass im Gegenteil die Haiderisierung auch nach dessen besoffener Himmelfahrt sich noch verstärkt hat und man tatsächlich zu einem sich in Fäkalausdrücken äußernden Kulturpessimismus à la Bernhard Zuflucht zu nehmen geneigt ist. Allerdings gilt für Bernhard das von Harpprecht mehrfach zitierte Qualtinger-Wort aus dem Herrn Karl in Bezug auf die herrrschende Klasse mehr als für jeden anderen: "De san a net aunders ois i - und i kenn mi".
lg
orzifar