Hallo!
@wolves: Stimmt, habe gerade nachgelesen. Wenn wir alle beteiligten Personen zusammenbringen, könnten wir den Thread hierher übertragen (nikki, kenavo, dora und wir beide). Allerdings scheint mir das eher zweifelhaft.
Bei Austerlitz hat mich einzig die Grundkonstruktion gestört: Ein in der Welt lebender, aufgeschlossener Kunsthistoriker, dem eine beinahe völlige Unkenntnis der Konzentrationslager unterschoben wird. Das wirkt unglaubwürdig und ist m. E. ein Manko. Dennoch handelt es sich um ein ausnehmend empfehlenswertes Buch (und von Abwertung kann keinesweges die Rede sein). Ich hab im alten Thread gestöbert:
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"Die von blaßgrünen, grauweißen, ocker- und orangefarbenen Flechten überzogenen Sarkophage waren zerbrochen, die Gräber selbst teilweise aus dem Boden gehoben, teilweise in ihn versunken, so daß man glauben konnte, ein Erdbeben habe das Quartier der Toten erschüttert, oder diese seien, aufgerufen zum Letzten Gericht, ihren Behausungen entstiegen und hätten dabei in ihrer Panik die ihnen von uns aufgezwungene schöne Ordnung durcheinandergebracht."
- Ein wunderbares Bild der flüchtenden, sich unruhig erhebenden Toten, dazu das Foto mit umgestürzten Grabsteinen, schiefen Einfassungen. Ein Winkler könnte sich an solchen Metaphern ein Beispiel nehmen, Sprache, die ohne dramatischen Schwulst auskommt und dadurch sehr viel mehr vermag.
Ich mochte das Buch bis zum Ende (und habe deshalb bereits mit den "Ringen des Saturn" begonnen, das mir bislang noch besser gefällt), die unaufgeregte, ruhige Schreibweise, die schon erwähnte Genauigkeit, Behutsamkeit. Auch das Ende des Buches, das kein Abschließendes, gar Moralisierendes ist, vielmehr ein langsames Versiegen der Erzählung, das etwas von einer ewigen Suche nach den Wurzeln vermuten lässt. Ein Buch des Erinnerns - bzw. der Verweigerung, des Vergangenen zu gedenken, spät, im Alter von 60 Jahren erst begibt sich Austerlitz auf die Spuren seiner Herkunft, während er zuvor in einem Art Überlebensreflex all das ihn möglicherweise Berührende auszublenden verstand.
Austerlitz' Spurensuche, die ihn nach Prag, Theresienstadt führt, nach Paris ins Exil seines Vaters, wird ohne erklärendes Beiwerk beschrieben, beschränkt auf das Faktische, kein Hadern mit sich selbst ob "vertaner Chancen", nur irgendwann die Feststellung einer hermetischen Existenz, die auf Vermeidung bedacht war. Nichts aber lässt darauf schließen, dass eine frühere Auseinandersetzung mit seinem Leben ihn zufriedener, glücklicher gemacht hätte, nirgendwo vernimmt man dramatisch-anklagende Stimmen, weder von der (Kunstfigur?) Austerlitz, noch vom Autor selbst. Und diese so unaufdringliche Beschreibung macht die Qualität aus, sie zeigt einen verletztlichen, unsicheren, in der Vergangenheit suchenden Menschen, ohne all das explizit zu erwähnen. Der Verzicht auf Peripetien aller Art ist paradigmatisch für diese fast bescheiden anmutende Sprache, die eben - weil sie streicht, präzisiert, sich konzentriert - so viel mehr ist.
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lg
orzifar