Duerr leidet an progressiver Fußnotendiarrhoe. Nun ist gegen die Anzahl eigentlich nichts zu sagen, sehr wohl aber gegen deren Form: Denn es handelt sich nicht bloß um Hinweise auf zitierte Quellen oder Sekundärliteratur, sondern um oft seitenlange Textzitate. Dies hinwiederum ist eher ein Hinweis auf nachlässiges Arbeiten denn allzu große Gelehrsamkeit, weil doch das Zusammenfassende und Erläuternde zitierter Stellen die Qualität eines Textes u. a. bestimmen. Duerr scheint aber von der Fülle des Materials erschlagen zu werden und kann sich auch nicht dazu durchringen, auf einige, oft auch den Gedankengang wenig erhellende Beispiele zu verzichten. Dass er dann trotz dieses umfänglichen Apparates fast gänzlich auf die Übersetzung fremdsprachlicher Texte vergisst, dass er nicht nur englische, französische, lateinische, spanische und italienische Quellen zitiert, sondern auch mittelalterliche Literatur im Original wiedergibt (und somit vom Leser eine Kenntnis der altertümlichen Form dieser Sprachen erwartet), grenzt an eine gewisse Unverfrorenheit.
Und so war ich nach der Lektüre der ersten hundert Seiten einigermaßen verwundert, dass der Klappentext von einem sogenannten "Kultbuch" sprach, eine Bezeichnung, die ohnehin schon zur Skepsis Anlass geben sollte. Es wird also kreuz und quer zitiert, aufgezählt, beschrieben, während der Grund, weshalb das eine hier, das andere dort zu stehen kommt, nicht wirklich klar wird. Dieser unausgesetzte Beschuss mit mythologischer Gelehrsamkeit scheint aber einzig dazu dienen zu müssen, die ihm zweiten Teil höchst trivial-abstrusen Thesen des Autors zu stützen. Wobei es weniger eine konzise Argumentation ist, mit der er seinen Ideen Plausibilität verleiht als die Unzahl von Anmerkungen; wer so gelehrt ist, kann doch nicht gänzlich falsch liegen.
Allerdings brennt Duerr ein höchst bescheidenes Feuerchen ab, auf dem der aufgeschlossene Leser sein esoterisches Süppchen kochen soll. Es ist eines dieser vielen, dem epistemischen Relativismus huldigenden Büchlein, das seinen Lesern erklärt, wie relativ Wahrheit und wie schwierig dessen Findung sei. Letzteres mag nun durchaus der selbigen entsprechen, aber - wie so häufig bei solchen Elaboraten - schließt Duerr aus der Schwierigkeit auf die Unmöglichkeit, er schließt kreuz und quer und vor allem kurz. Und er singt das Hohelied der "bewusstseinserweiternden" Drogen, schwafelt endlos von der - möglichen - Wirklichkeit des in solchem Zustand Erlebten, lässt sich seitenlang über Carlos Castaneda aus (und ob der nun "in realiter" geflogen sei oder nicht bzw. ob man überhaupt innerhalb der Alltagssprache über solche "außerweltlichen" Erfahrungen sprechen könne etc.), ergeht sich in esoterischen Kalendersprüchen ("man beutet keine Natur aus, zu der man spricht"), rechnet diesbezüglichen mit energischem Kopfnicken der alternativmedizinischen Hausfrau (und darf von der Annahme ausgehen, dass diese seine Rechnung aufgeht), wobei er implizit mit solchen Sätzen ausdrückt, dass, wer mit der Brombeerhecke vor dem Haus keine Zwiesprache pflegt, mit Sicherheit ein neoliberaler Ausbeuter seiner Umwelt ist. Aber obwohl ich selten ausführlicher mit dem mich umgebenden Nadelgehölz Unterhaltungen führe, weder Silikatgestein noch den Ameisenhaufen erkenntnistheoretischer Ausführungen würdige, lebe ich naturfreundlicher und konsumfeindlicher als die allermeisten der mir bekannten Personen. Beschränktheit allein ist noch kein Garant für naturgemäßes Leben.
Im Grunde ist die Kernaussage Duerrs höchst trivial: Dass Menschen früherer Zeiten oder anderer Kulturen noch eher zu mystischem Erleben neigten als der Bewohner einer technisierten Welt. Er unterscheidet zwei Bereiche - den jedem zugängigen, in westlicher Terminologie mit Wirklichkeit umschriebenen und einen, der nur unter bestimmten Bedingungen, durch halluzinogen Hilfsmittel bzw. durch ein naturnahes Leben zu erreichenden - und von dem im Grunde nicht gesprochen werden kann. Hier muss man dem Autor beipflichten, soweit seine eigene Rede betroffen ist; aus dem oft wirren Gestammel kann nur erahnt werden, was uns das Buch sagen will. Er schreibt endlos über die Grenzen zwischen Mystik und Realität, von der Überschreitung dieser Grenzen, welche den Menschen fundamental geändert zurücklassen würde. Und hat den Eindruck, dass in dürren Worten bloß die erste Drogenerfahrung eines Jugendlichen geschildert würde.
Aber natürlich freut sich das Herz des dauerbekifften Aussteigers; er erhält die gelehrte Absolution, dass seine halluzinatorischen Erfahrungen von größtem epistemologischen Wert sind und ganz nebenbei wird ihm die Erhöhung seines kreativen Potentials konstatiert. Was auch nötig erscheint, wer je mit solchen Personen Umgang gepflogen hat, kann das kreative Element des solcherart Benebelten auf die faszinierende Erscheinung reduzieren, dass das Kurzzeitgedächtnis des Betreffende gegen null geht und man in einem Zeitintervall kleiner 10 Minuten mit der ewig gleichen Geschichte beglückt wird.
Und noch einen beliebten Trick wendet der Autor an: Man zitiere möglichst dämliche Autoren (in seinem Fall etwa die schon nirgendwo mehr ernstgenommen Ethnozentristen), stelle deren Theorie (mit Recht) in Abrede und folgere daraus, dass wer nicht seinen, des Autors Erklärungen anhänge, zwangsläufig die gerade widerlegten vertreten müsse. Diese impliziten Unterstellungen machen das Buch - neben den ansonsten wirren und oft zum Lachen reizenden Beschreibungen - zu einem Ärgernis. Weil es dadurch der Einfalt das Wort redet, einer Weltsicht, in der man nur zwei Möglichkeiten hat: Sich mit den frisch gepflanzten Blautannen vor dem Haus zu unterhalten oder der gesamten Umgebung mit Fertigbeton den Garaus zu machen. Aber vielleicht, vielleicht könnte auch eine Entschuldigung gefunden werden für Hernn Duerr: Ob er beim Schreiben des Buches nicht doch eventuell ... also, nein, da war wohl nix Bewusstseinerweiterndes im Spiel.
lg
orzifar