Hallo allerseits!
Ich habe den MoE schon einmal bis zum Ende des zweiten Buches (also "Seinesgleichen geschieht") gelesen und musste dann leider aufgeben, da mich die reflexiven Passagen so sehr in den Wahnsinn getrieben haben, dass ich von der Handlung gar nichts mehr mitbekommen habe.
Hier verwirrst du mich. Das Kapitel "Seinesgleichen geschieht oder warum erfindet man nicht Geschichte?" befindet sich mitten im zweiten Teil des ersten Buches, irgendwie muss dir da ein Lapsus unterlaufen sein.
Das mit den Dialogen sehe ich anders, vor allem sind die Anforderungen an einen Dialog bei Drama und Prosa gänzlich andere. Musil war ebensowenig Dramatiker wie Th. Mann, weder "Vinzenz" noch Manns Savonaroladrama sind bühnenfähig (oder nur mit großen Einschränkungen). Hingegen sind die ausufernden Dialoge zwischen Settembrini und Naphta, auch die zauberbergschen Tischgespräche nach meinem Dafürhalten ebenso lesbar und unterhaltsam wie jene zwischen Ulrich und Konsorten, Diotima und Arnheim etc. Dass es sich hier um "künstliche" Dialoge handelt (das tut es ja immer - und vor allem im Roman) tut der Qualität der Unterhaltungen keinen Abbruch, im Theater würden sie allerdings Gähnen hervorrufen (siehe Vinzenz).
MRRs Ansichten zu Musil darf man ja getrost vernachlässigen, vielleicht war es eine Art von Altersstarrsinn und Borniertheit, dass er die musilschen Fähigkeiten nie anerkennen wollte, vielleicht versperrte ihm auch die anspruchsvolle Intellektualität Musils den Blick aufs Werk oder aber er wollte neben seinem hochgeliebten und verehrten Thomas Mann keinen anderen "Großschriftsteller" gelten lassen. Wie auch immer, MRRs Urteile haben häufig etwas Seltsames, so hat er uns auch u. a. die Aufnahme Sandor Marais in die "hohe" Literatur beschert, indem er ein Rührstück wie "Die Glut" völlig unverständlicherweise mit Lobeshymnen bedacht hat.
Ich sehe beim MoE einen qualitativen Bruch beim Beginn des zweiten Buches, dem Auftauchen der "vergessenen Schwester". (Das erste Buch halte ich sprachlich und gedanklich für zum Besten, Geistreichsten, Witzigsten gehörig, was je in deutscher Sprache geschrieben wurde. Und schon gerate ich ins Schwärmen

) Musil scheiterte im Grunde an seinem eigenen Konzept bzw. an der Unfähigkeit, eines solches Konzept umzusetzen. Er verpasste sich selbst ein Handlungskorsett (z. B. mit diesem Zwillingsmotiv), das er einzuhalten versucht, hingegen nicht einzuhalten fähig ist. Dieses krampfhafte Bemühen, in das ursprüngliche Flussbett der einmal vorskizzierten Handlung zurückzukehren, ist dem Roman mit zunehmender Dauer immer stärker anzumerken und es ist wohl auch - einer - der Gründe, weshalb das Ganze Fragment blieb. Die Beschränkung, die Musil seiner eigenen Kreativität, seinem Witz und Gedankenreichtum durch ein solches Konzept auferlegte, führt mit zunehmender Seitenzahl zu schwer lesbaren, psychologisierenden Innenansichten. Er hätte, überspitzt formuliert, das Ganze als ein Fragment konzipieren sollen, als ein breites Gebilde ohne Ziel und Sinn, das bloß Vorwand für sein Schreiben und Fabulieren bildet. (Ich bin mir allerdings dessen bewusst, dass dies ein bloß frommer Wunsch ist: Ohne Konzept kein Schreiben, ohne die Vorstellungen und Pläne Musils bezüglich des MoE wäre der Nachwelt auch der brilliante erste Teil nicht überliefert worden.)
Was den Möglichkeitssinn anbelangt bin ich ganz auf Bartlebooths Seite: Ich glaube keinesfalls, dass damit einer gezielten geschichtlichen Gestaltung das Wort geredet werden sollte, sondern im Gegenteil: Es ist eine Kritik an (hegelscher?) teleologischer Geschichtsauffassung, ein Hinweis auf die Ziellosigkeit und Unberechenbarkeit der Zukunft. Die Unzahl an Möglichkeiten führt teleologische Konstruktionen ad absurdum: Es hätte eben immer auch anders kommen können und die Tatsache, dass es ist wie es ist, bedeutet nicht, dass es auch so hat sein müssen.
lg
orzifar