Ein Essayband zur österreichischen Literatur unter dem Gesichtspunkt des prekären Verhältnisses der Schriftsteller zu ihrer Heimat. - Mir selbst ist jeder Heimatbegriff suspekt, wird er doch allzu oft in Verbindung mit Formen des Patriotismus verwendet (und dieser ist mir nicht nur suspekt, sondern auch fremd und schwer verständlich). Heimat bestenfalls als ein - nicht zwangsläufig geographischer - Ort, an dem man sich wohl, aufgehoben, verstanden fühlt.
Sebald wählt seine Personen, Themen unter dem Aspekt einer verlorenen, fremden Heimat aus, desjenigen, der, durch welche Umstände auch immer, aus seiner bisherigen Lebensumgebung vertrieben wird, sich unerwünscht fühlt. Von diesem Gesichtspunkt aus wird "Heimweh" nachvollziebarer, es ist - wie bei einem Schriftsteller verständlich - oft die Sehnsucht nach dem heimatlichen Idiom.
Der erste von ihm behandelte Autor ist Karl Postl (Charles Sealsfield), der sich nach seinem mehr-weniger freiwilligen Bruch mit der katholischen Kirche (er war im Kloster) zur Auswanderung gezwungen sah. Postl war eine widerspruchsvolle Gestalt, der sich einerseits als Republikaner verstand und als Gegner des Metternichschen Systems, andererseits diesem Metternich aber von sich aus Spitzeldienste offerierte. Auch seine Bücher von ähnlicher Ambivalenz: Das Aufzeigen der Unterdrückung der amerikanischen Urbevölkerung neben der als selbstverständlich angesehenen Doktrin, dass diese "primitiveren Völker" einem natürlich Ausrottungsprozess zum Opfer fallen müssten.
Sebald gelingt in diesem ersten Teil ein - sprachlich wie immer - eindrucksvolles Stück über Zerrissenheit, Heimatverlust und Verstörung. Die Hassliebe Postls zu seiner österreichischen Heimat, die Widersprüchlichkeit seiner Empfindungen, all das spiegelt sich wider in den Büchern. Und ist Anlass dafür, dass er von allen nur möglichen politischen Richtungen für ihre Zwecke vor den oft zweifelhaften Karren gespannt wird. Also auch ein Stück Rezeptionsgeschichte, Beweis der Kreativität literaturhistorischer Bemühungen, einen einmal ins Auge gefassten Autor für die eigenen Zwecke zu instrumentalisieren.
lg
orzifar