Author Topic: Bücher, die es nicht ins Blog schaffen ...  (Read 11727 times)

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Re: Bücher, die es nicht ins Blog schaffen ...
« Reply #15 on: 10. November 2019, 03.46 Uhr »
"Die Zentrierung des Westens auf ein autonomes Ich ist umso erstaunlicher, als dieses genealogische Modell den Menschen auf eine biologisch vorgeschriebene Existenz festlegt, also wenig Raum für individuelle oder gar prozessuale Veränderungen bietet. Die Paradoxie, dass das Individuum in der westlichen Gesellschaft einerseits im Mittelpunkt steht, andererseits aber auch seinem biologischen Schicksal ohnmächtig ausgeliefert ist, hat dazu geführt, dass das Ich in der westlichen Gesellschaft in zweit Gestalten daherkommt: Auf der einen Seite ein kleines ich, dem ein kurzes Leben auf der Welt beschieden ist; auf der anderen Seite ein großes ICH, das Anspruch auf eine das eigenen Leben überdauernde Existenz erhebt, daber nur in entleibter Form lebensfähig ist: als Name, als Buchtitel, als Vermögen zum Beispiel. Dieses große ICH ist verwandt, aber nicht identisch mit dem Über-Ich der Psychoanalyse (womit die Verinnerlichung von Gesetz und Normen gemeint ist). Es ist ein Sprössling, des Unvergänglichkeitsgedanken, der mit der Schrift einhergeht und repräsentiert überwiegend Männlichkeit."

Gibt's davon auch eine deutsche Übersetzung?

Drogenabusus? Derrida (und Foucault und Kristeva und Liotard und Deleuze und und und ...) haben ja ganze Bücher geschrieben in einem Sprachduktus, der das obige Zitat noch um Längen an Unverständlichkeit übertrifft. Während ich deren Unsinn noch allenthalben bis zum bitteren Ende gelesen habe, entsorge ich solche Bände nun früher. Vielleicht bin ich ja doch in Maßen lernfähig.

lg

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Re: Bücher, die es nicht ins Blog schaffen ...
« Reply #16 on: 18. November 2019, 20.37 Uhr »
Derrida (und Foucault und Kristeva und Liotard und Deleuze und und und ...) haben ja ganze Bücher geschrieben in einem Sprachduktus, der das obige Zitat noch um Längen an Unverständlichkeit übertrifft.

Meine Erfahrung in meiner Studienzeit war, dass die Literaturprofessoren und (v.a.!) -studenten völlig auf diese Namen abfuhren, während die Philosophen da weniger enthusiastisch waren.
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Re: Bücher, die es nicht ins Blog schaffen ...
« Reply #17 on: 19. November 2019, 20.10 Uhr »
Derrida (und Foucault und Kristeva und Liotard und Deleuze und und und ...) haben ja ganze Bücher geschrieben in einem Sprachduktus, der das obige Zitat noch um Längen an Unverständlichkeit übertrifft.

Meine Erfahrung in meiner Studienzeit war, dass die Literaturprofessoren und (v.a.!) -studenten völlig auf diese Namen abfuhren, während die Philosophen da weniger enthusiastisch waren.

Stimmt, da hast du Recht, diese Erfahrung habe ich auch gemacht.

lg

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Re: Bücher, die es nicht ins Blog schaffen ...
« Reply #18 on: 28. November 2019, 05.00 Uhr »
Hallo!

Ferdinand von Schirach: Tabu. - Diesmal also der Enkel des Reichsjugendführers, der für seine Krimis bekannt ist. Und "Tabu" ist ein sprachlich ansprechender, ungewöhnlicher und gut geschriebener Kriminalroman (wobei - ist er das wirklich? - wer da auf das Ende sieht (das natürlich nicht verraten wird) mag da so seine Zweifel haben). Nachdem die Lebensgeschichte des Protagonisten Sebastian von Eschburg ausführlich geschildert wird (und man gegen Ende immer stärker verunsichert wird, ob man denn all das Erzählte wirklich so hat glauben dürfen), geschieht ein Mord(?), den Sebastian schließlich nach unmissverständlicher Androhung von Folter auch gesteht. Das alles erinnert nicht von ungefähr an den Fall Metzler und der anschließenden Diskussion darüber, wozu jemand berechtigt sei, der noch jemanden in Lebensgefahr Befindlichen retten zu können glaubt. Kurzweilige Lektüre, gut geschrieben, angenehm gehobene Unterhaltung.

lg

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Re: Bücher, die es nicht ins Blog schaffen ...
« Reply #19 on: 09. Dezember 2019, 04.19 Uhr »
Hallo!

Erich Hackl: Auroras Anlaß. - Ich habe von Erich Hackl bislang noch gar nichts gelesen, obschon er - zumindest in Österreich - zu den bekanntesten Schriftstellern zählt. Seine ersten Bücher ("Auroras Anlaß" war der Erstling) waren große Verkaufserfolge, in den letzten Jahren ist es ein wenig stiller um ihn geworden. (Es war wohl auch der Rummel um seine Bücher, der mich Abstand nehmen ließ.) Ein wenig zu unrecht, was die vorliegende Erzählung anlangt (die sich an realen Figuren orientiert): Aurora wächst in Spanien zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf, zu einer Zeit, in der Frauen keine Rechte besaßen, mehr oder weniger Sklaven ihrer Männer waren. Sie beschließt dagegen anzukämpfen, sieht sich aber außerstande, allein diese Änderungen zu erwirken und lässt sich gezielt schwängern (der Erzeuger verpflichtet sich, auf alle Rechte bezüglich des Kindes zu verzichten): So wird Hildegart geboren, die sich (trotz oder wegen der Erziehung durch Aurora) zu einem Wunderkind entwickelt, noch im Teenageralter Bücher schreibt, mit 17 ein Jus-Studium abschließt und sich gemeinsam mit ihrer Mutter in sozialistischen bzw. anarchistischen Kreisen um Gleichberechtigung bemüht. Doch Hildegart ist mit ihrer Bestimmung, Bevormundung nicht einverstanden, sie will dem strengen Diktat der Mutter entfliehen, wird aber auch von schlechtem Gewissen gegenüber Aurora gequält und bittet diese schließlich, sie zu erschießen. Mit diesem Mord beginnt die Erzählung, dann wird der Werdegang der beiden Frauen geschildert. Aurora wird wegen Mordes verurteilt, später als unzurechnungsfähig eingestuft, entkommt aber dem Irrenhaus während der revolutionären Wirren.

Ein eigentlich aktuelles Thema: Eltern beschließen (zum Wohle des Kindes) diesem eine hervorragende Ausbildung angedeihen zu lassen, merken aber nicht, dass dies nur eine andere Form der Tyrannei darstellt und sie dem Kind jede individuelle Entwicklungsmöglichkeit benehmen. Daneben wird in Hackls Buch die Unterdrückung der Frau gezeigt, der Kampf um sexuelle Eigenständigkeit, die fragwürdige Moral jener sozialistischen Politiker, die da angetreten sind, um den Armen zu helfen und beizustehen, die aber - einmal bei den Fleischtöpfen angelangt - nur ihre eigenen Interessen verfolgen. Gut geschrieben, einfühlsam und ohne Platitüden. Ich werde mir wohl auch einige andere Bücher Hackls noch zu Gemüte führen.

lg

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Re: Bücher, die es nicht ins Blog schaffen ...
« Reply #20 on: 12. Dezember 2019, 19.53 Uhr »
Ich habe von Erich Hackl bislang noch gar nichts gelesen, obschon er - zumindest in Österreich - zu den bekanntesten Schriftstellern zählt.

Der Name sagt mir nichts. Zumindest nicht für einen Schriftsteller. Aber gab es nicht einmal einen Skirennfahrer Hackl?
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Re: Bücher, die es nicht ins Blog schaffen ...
« Reply #21 on: 13. Dezember 2019, 01.00 Uhr »
Ich habe von Erich Hackl bislang noch gar nichts gelesen, obschon er - zumindest in Österreich - zu den bekanntesten Schriftstellern zählt.

Der Name sagt mir nichts. Zumindest nicht für einen Schriftsteller. Aber gab es nicht einmal einen Skirennfahrer Hackl?

Du meinst wahrscheinlich den Rennrodler Georg (Schorsch) Hackl (ein Bayer). Und einen Burgschauspieler Karl-Heinz Hackl, der in Ö sehr bekannt war (und den ich nicht mochte: Möglicherweise war er der Grund, warum ich um den Schriftsteller einen Bogen gemacht habe - in der irrigen Annahme, dass sich da mal wieder ein Schauspieler im Metier verirrt), gab es auch. Mittlerweile habe ich noch "König Wamba" (Märchen) und "Abschied von Sidonie" gelesen, alles ganz annehmbar. Hackl verlegt im übrigen bei Diogenes, schon deshalb hatte ich vermutet, dass du ihn kennen würdest.

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Re: Bücher, die es nicht ins Blog schaffen ...
« Reply #22 on: 13. Dezember 2019, 20.09 Uhr »
Du meinst wahrscheinlich den Rennrodler Georg (Schorsch) Hackl (ein Bayer).

Wohl möglich.

Hackl verlegt im übrigen bei Diogenes, schon deshalb hatte ich vermutet, dass du ihn kennen würdest.

Wie Du siehst, kenne ich bei weitem nicht alle Diogenes-Autoren. (Eigentlich die wenigsten.  ::) )
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Re: Bücher, die es nicht ins Blog schaffen ...
« Reply #23 on: 21. Februar 2020, 06.03 Uhr »
Hallo,

ein bisschen was nachholen vom zwischendurch Gelesenen: Alex Capus - Königskinder. Ein kleiner Roman, überaus lesbar. Ein Pärchen steckt fest im Schnee und muss die Nacht im SUV verbringen: Worauf er eine Geschichte erzählt, eine Liebesgeschichte aus dem 18. Jahrhundert von einem Hirten, der sich in eine Bauerntochter verliebt. Ein Klassenunterschied, dessen Überspringen eines Aufenthaltes bei den Söldnern bedarf - und der dann im Schatten der französischen Revolution (Jakob wird in die Dienste der Schwester des Königs genommen) seine Erfüllung findet. Aber nicht nur diese Geschichte wird erzählt, sondern auch - in Ansätzen - diejenige der dort oben Eingeschneiten, mit viel Witz und geistreichen Dialogen. Mir hat das Lesen richtig Spaß gemacht (da ich von Capus noch nicht viel kenne, werde ich diesem Umstand nun abzuhelfen wissen).

lg

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Re: Bücher, die es nicht ins Blog schaffen ...
« Reply #24 on: 24. Februar 2020, 06.42 Uhr »
Hallo!

Margaret Atwood: Der Report der Magd. Eine überaus beeindruckende Dystopie über einen Teil der USA, der sich aufgrund von Unruhen, Naturkatastrophen (verbunden mit Schäden durch Atomkraftwerke) zu einem Bibelstaat entwickelt hat (die Regierung wurde in einem Handstreich gestürzt), in dem Frauen die - biblisch fundierte - untergeordnete Rolle von Hausfrauen und Gebärmaschinen zugewiesen wird (man beruft sich u. a. auf Bibelstellen wie jene, in der Sara aufgrund ihrer Kinderlosigkeit Abraham auffordert, zu seiner Magd zu gehen). Neben den "normalen" Ehefrauen (denen aber auch keine Ausbildung gewährt wird, die Schule vermittelt kein Schriftkenntnisse) gibt es die erwähnten Mägde, die dort einspringen, wo der regulären Frau ein Kinderwunsch versagt wird (der Geschlechtsakt wird dann im Beisein der Ehefrau mit der Magd vollzogen, um Gefühle außen vor zu lassen) und die "Tanten", jene Frauen, die sich nicht zur Ehe berufen fühlen. Diese sind die einzigen, denen Lesen und Schreiben beigebracht wird, sie arbeiten mit den Männern (der Staat liegt permanent im Krieg mit anderen Teilen Nordamerikas) zusammen, um "Gilead" (so der biblische Name des Staates) in dieser Form aufrecht zu erhalten. Allüberall wird strengster Gehorsam gefordert, obgleich die in Diktaturen übliche Korruption in hohen Kreisen gang und gäbe ist.

Der "Report" wird sehr viel später gefunden (eine Tonaufzeichnung) und gibt Einblick in diese skurril anmutende Welt, die dann trotzdem so ganz fremd nicht anmutet. Das alles ist glänzend gemacht, spannend, mit dem Blick für das (Un-)Mögliche, das dann doch so weit von den Phantasien der Menschen im Bible-Belt nicht weg ist.

35 Jahre später hat Atwood den Nachfolgeband "Die Zeuginnen" veröffentlicht, die nochmal Einblick in das Funktionieren des religiös-totalitären Staates gibt (beschrieben aus der Sicht einer hochrangigen "Tante", einem in Kanada aufwachsenden Mädchen, das aus Gilead als Baby von seiner Mutter geschmuggelt wurde und einer Tantenanwärterin). Mir hat dieser zweite Band weniger gut gefallen, wenngleich er ebenfalls eine Empfehlung wert ist. Atwood vermag die Stimmung im Überwachungsstaat Gilead glänzend zu transportieren, die Befindlichkeit der Menschen, Mitläufer, all jener, die sich sukzessive an die neuen Umstände gewöhnen. Im Vergleich mit so manch anderen Dystopien von SF-Autoren besticht Atwood durch eine durchstrukturierte Darstellung und sprachliches Können. Ein überaus vergnügliches, manchmal beklemmendes Lesevergnügen.

lg

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