Hallo!
Erich Hackl: Auroras Anlaß. - Ich habe von Erich Hackl bislang noch gar nichts gelesen, obschon er - zumindest in Österreich - zu den bekanntesten Schriftstellern zählt. Seine ersten Bücher ("Auroras Anlaß" war der Erstling) waren große Verkaufserfolge, in den letzten Jahren ist es ein wenig stiller um ihn geworden. (Es war wohl auch der Rummel um seine Bücher, der mich Abstand nehmen ließ.) Ein wenig zu unrecht, was die vorliegende Erzählung anlangt (die sich an realen Figuren orientiert): Aurora wächst in Spanien zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf, zu einer Zeit, in der Frauen keine Rechte besaßen, mehr oder weniger Sklaven ihrer Männer waren. Sie beschließt dagegen anzukämpfen, sieht sich aber außerstande, allein diese Änderungen zu erwirken und lässt sich gezielt schwängern (der Erzeuger verpflichtet sich, auf alle Rechte bezüglich des Kindes zu verzichten): So wird Hildegart geboren, die sich (trotz oder wegen der Erziehung durch Aurora) zu einem Wunderkind entwickelt, noch im Teenageralter Bücher schreibt, mit 17 ein Jus-Studium abschließt und sich gemeinsam mit ihrer Mutter in sozialistischen bzw. anarchistischen Kreisen um Gleichberechtigung bemüht. Doch Hildegart ist mit ihrer Bestimmung, Bevormundung nicht einverstanden, sie will dem strengen Diktat der Mutter entfliehen, wird aber auch von schlechtem Gewissen gegenüber Aurora gequält und bittet diese schließlich, sie zu erschießen. Mit diesem Mord beginnt die Erzählung, dann wird der Werdegang der beiden Frauen geschildert. Aurora wird wegen Mordes verurteilt, später als unzurechnungsfähig eingestuft, entkommt aber dem Irrenhaus während der revolutionären Wirren.
Ein eigentlich aktuelles Thema: Eltern beschließen (zum Wohle des Kindes) diesem eine hervorragende Ausbildung angedeihen zu lassen, merken aber nicht, dass dies nur eine andere Form der Tyrannei darstellt und sie dem Kind jede individuelle Entwicklungsmöglichkeit benehmen. Daneben wird in Hackls Buch die Unterdrückung der Frau gezeigt, der Kampf um sexuelle Eigenständigkeit, die fragwürdige Moral jener sozialistischen Politiker, die da angetreten sind, um den Armen zu helfen und beizustehen, die aber - einmal bei den Fleischtöpfen angelangt - nur ihre eigenen Interessen verfolgen. Gut geschrieben, einfühlsam und ohne Platitüden. Ich werde mir wohl auch einige andere Bücher Hackls noch zu Gemüte führen.
lg
orzifar