Author Topic: H. G. Wells (und der Rassismus)  (Read 2928 times)

Offline orzifar

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H. G. Wells (und der Rassismus)
« on: 31. Juli 2017, 04.53 Uhr »
Hallo!

Angeregt durch das Buch von John Carey lese ich mich derzeit durch die Romane von H. G. Wells. Interessiert hat mich vor allem, ob der dort erhobene Rassismusvorwurf aufrecht erhalten werden kann (ich hatte Wells anders in Erinnerung). Bisher - nach acht Romanen - scheint diese meine Erinnerung nicht getäuscht zu haben: Man kann aufgrund der Geschichten einen solche Vorwurf durchaus konstruieren, er scheint mir aber tatsächlich konstruiert. Denn nicht alles, was uns heute rassistisch erscheint, war es auch zum damaligen Zeitpunkt (nicht jeder, der um 1900 "Neger" schrieb, meinte das abwertend). Allerdings sind die meisten Belege von Carey aus seinen Sachbüchern: Ob ich mir diese auch noch antun werde - weiß nicht. Die Romane lesen sich aber flüssig und spannend, sie sind auch durchwegs originell und zeigen den an der Naturwissenschaft interessierten Wells. (Ich hätte nicht weitergelesen, wenn mir die Lektüre nicht Spaß gemacht hätte.)

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Re: H. G. Wells (und der Rassismus)
« Reply #1 on: 31. Juli 2017, 19.49 Uhr »
Hallo!

Ich kann mich auch nicht an rassistische Äusserungen Wells' erinnern. Natürlich kommen in seinen Romanen fast nur Weisse vor. Aber es kamen wohl auch in seinem Leben fast nur Weisse vor...

Grüsse

sandhofer
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline orzifar

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Re: H. G. Wells (und der Rassismus)
« Reply #2 on: 01. August 2017, 05.15 Uhr »
Hallo!

Dass es fast nur weiße Protagonisten gibt, ist für Carey nicht das Problem: Sondern die abfällige Beurteilung der "gelben und schwarzen" Rassen als auch die Verachtung der unteren Schichten. Gerade letzteres kann ich nicht unterschreiben: Auch wenn die Arbeiterschicht wenig anziehend dargestellt wird, so wird sie für dieses ihr Dasein, ihre Kultur nicht verantwortlich gemacht (sondern vielmehr die dekadente Oberschicht, die kapitalistische Klasse). Einige Zitate von Carey sind allerdings schon starker Tobak: Ich weiß aber nicht, ob sie nicht aus dem Zusammenhang gerissen sind (gerade die betreffenden Bücher habe ich an der UB nicht auftreiben können).

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Re: H. G. Wells (und der Rassismus)
« Reply #3 on: 03. August 2017, 21.11 Uhr »
Einige Zitate von Carey sind allerdings schon starker Tobak: Ich weiß aber nicht, ob sie nicht aus dem Zusammenhang gerissen sind (gerade die betreffenden Bücher habe ich an der UB nicht auftreiben können).

Aus welchen Texten stammen die denn?
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Offline orzifar

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Re: H. G. Wells (und der Rassismus)
« Reply #4 on: 04. August 2017, 06.22 Uhr »
Hallo!

Nachgelesen: Sehr viele der Zitate stammen doch aus den Romanen, die aber m. E. missinterpretiert werden. Denn Wells spricht zwar sehr oft abfällig von den Massen, hält  aber nicht sie für schuldig an ihrem Zustand, sondern die gesellschaftlichen Verhältnisse. In "The open conspiracy" lässt er sich über den Orient bzw. Asien wie folgt vernehmen (ich zitiere alles nach Carey): [...] findet eine rapide Zunahme der minderwertigen, physisch wie geistig verkümmerten Bevölkerung statt, die den notwendig sich entwickelnden Fortschritt der Zivilisation verzögert." Hier - wie auch teilweise in den Romanen - ist er offensichtlich von Malthus beeinflusst. In "Anticipations" wird er zitiert mit "... sind lasterhafte, unselbständige und verarmte Massen" entstanden. Diese "Menschen des Abgrunds" werden von den den anderen überlegenen Nationen "einer Auslese unterzogen, sie werden erzogen, sterilisiert, exportiert oder vergiftet". Allerdings wird in den Romanen nach meinem Dafürhalten stets die gesellschaftliche Organisation als Ganzes für den Zustand der Massen verantwortlich gemacht, sind sind nicht genetischer Ausschuss per se, sondern dazu gemacht worden. Carey zitiert sehr selektiv die Romane betreffend - und vielleicht bewusst manipulativ. Ich werde diese Kapitel nochmal lesen, "The Salvaging of Civilization" habe ich hier, außerdem "Anticipations of the reaction of mechanical and scientific progress in human life", vielleicht lässt sich dort erkennen, wie ernst es ihm mit diesen Dingen war.

lg

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