Bei der Durchsicht der Literaturgrundlage fiel mir schon auf, dass sich der Autor große Freiheiten bei der Auswahl nimmt. Ich habe mich gefragt, warum er das 1988 erstmals erschienene Standardwerk über die Philosophie in Deutschland für die Zeit zwischen 1550 und 1650 sowie die anderen Publikationen dieses Autors im Literaturverzeichnis nicht erwähnt, obwohl es ein "Ziegelstein" mit mehr als 1000 Seiten Umfang war:
Siegfried Wollgast: Philosophie in Deutschland zwischen Reformation und Aufklärung 1550-1650. Berlin 1988. jetzt 2. Auflage, Reprint 2015.
Der 1933 geborene und jahrzehntelang in Dresden wirkende Philosophiehistoriker, der zu Sebastian Franck und zahlreichen anderen Denkern Quellenstudien angefertigt hatte, war der führende Experte für die Philosophie jener Zeit in der DDR. Er bezog auch Autoren ein, in deren Wirken nicht die traditionelle Philosophie im Mittelpunkt stand, sondern auch Belletristen und eine große Anzahl jener "Vergessenen und Verkannten" (Titel eines Sammelbandes Wollgasts von 1993), die nicht an den Universitäten tätig waren, sondern im Untergrund oder als Alchemisten in dunklen Kellergewölben wirkten und mit Phiolen hantierten, wie der Faust.
Ist es der Umstand, dass sich Wollgast als Marxist verstand, obwohl die entsprechenden "Klassikerzitate" sich bei diesem Werk aus der Endzeit der DDR sehr in Grenzen halten und sich die Philosophiegeschichtsschreibung des Westens in den 1970er Jahren auch am Marxismus rieb? Der 1954 geborene Thomas Leinkauf müsste eigentlich darüber stehen, Angehöriger jener Nachkriegsgeneration, die den "kalten Krieg" auch auf Geistesgebieten voll mitbekam.
Ist die obere chronologische Grenze, das Jahr 1600, deutlich überschritten?
Auf "Deutschland" im Sinne "deutscher Sprachraum" hatte sich Wollgast nicht beschränkt und etwa französische und italienische Autoren ebenfalls einbezogen.
Hatte die Plagiatsaffäre um das Buch von Wollgast über die Entwicklung der Intelligenz nachgewirkt? Die liegt über zwanzig Jahre zurück. Oder sollte dem Werk Wollgasts doch die "Wissenschaftlichkeit" abgesprochen werden, hat sich in der Zwischenzeit ein anderes Verständnis von Philosophiegeschichtsschreibung durchgesetzt?
Dass der große Wurf Siegfried Wollgasts kein Plagiat war, sondern auf detaillierten Einzelstudien basierte, kann als erwiesen gelten. Das hätten Rezensenten damals gemerkt.
Titel in englischer Sprache finden sich in überaus großer Anzahl. Das ist sicher eine ganz andere Forschergesellschaft, in der sich Siegfried Wollgast kaum bewegt hatte, aber Neues in Buchform hatte er durchaus zur Kenntnis genommen und auch nach der Wende Einladungen in westliche Zentren wahrgenommen.

* Nachsinnen über das Thema der Vergänglichkeit allen Autorenruhms und die Verschiedenheit der Gesellschaften, in denen sie sich bewegten*
Jetzt könnte noch der Forist Karamzin gefragt werden, warum das für ihn so wichtig ist: vielleicht Autobiographisches bei der Erinnerung an die Zeit 1988/89, als man sich das dicke Buch zugelegt hatte und daraus neues Wissen saugte ...