Author Topic: Thomas Leinkauf: Grundriss Philosophie des Humanismus und der Renaissance  (Read 14612 times)

Offline sandhofer

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Ich glaube, ich habe mir soeben ein weiteres Mammutprojekt aufgehalst: Thomas Leinkaufs Grundriss Philosophie des Humanismus und der Renaissance. 2 Bände à beinahe 1'100 Seiten... Nach dem Inhaltsverzeichnis zu urteilen, scheint es sich um mehr als eine blosse Philosophiegeschichte zu handeln. Kulturgeschichte trifft es vielleicht eher.
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline orzifar

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Führe mich nicht in Versuchung, dafür lässt mir meine Bücherliste keine Zeit. Aber klingt schon sehr verlockend ...

lg

orzifar
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Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
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Würde sich allerdings lohnen. Ist von Inhalt, Ziel und Aufbau her ein Pendant zu Zellers Philosophiegeschichte des griechischen Altertums. Und Leinkauf verfügt in "seiner" Epoche über ein ebenso breit gefächertes Wissen, wie Zeller in der seinen.
« Last Edit: 30. Mai 2017, 20.21 Uhr by sandhofer »
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Offline orzifar

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Hallo,

aufgrund des Buchpreises werde ich wohl den Ankauf der Bibliothek überantworten. Dann kann das Werk seine desaströse Wirkung auf meine Leseliste ohne ökonomische Kalamitäten entfalten.

lg

orzifar
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Ich habe im Moment Ferien und daher hatte ich Zeit, da ein wenig hineinzuknien. So kommt es, dass Band 1 bereits im Blog zu finden ist.  lvw
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Offline sandhofer

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Meine Ferien neigen sich dem Ende zu; aber auch Band 2 habe ich noch geschafft. Äusserst interessant und faktenreich, dieser Grundriss.
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Offline sandhofer

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Das gibt Nachwehen: Ich habe mir noch De amore von Ficini bestellt und ein Werk von Pico della Mirandola.
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Das gibt Nachwehen: Ich habe mir noch De amore von Ficini bestellt und ein Werk von Pico della Mirandola.

Den Pico, der kurz war, habe ich unterdessen im Blog vorgestellt.
« Last Edit: 02. Juli 2017, 06.50 Uhr by sandhofer »
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Offline sandhofer

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Der Ficino ist ein bisschen ein grösseres Kaliber ...
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Offline sandhofer

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Der Ficino ist ein bisschen ein grösseres Kaliber ...
Irgendwie ist es zu heiss für Renaissance-Philosophie.
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Offline Karamzin

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Bei der Durchsicht der Literaturgrundlage fiel mir schon auf, dass sich der Autor große Freiheiten bei der Auswahl nimmt. Ich habe mich gefragt, warum er das 1988 erstmals erschienene Standardwerk über die Philosophie in Deutschland für die Zeit zwischen 1550 und 1650 sowie die anderen Publikationen dieses Autors im Literaturverzeichnis nicht erwähnt, obwohl es ein "Ziegelstein" mit mehr als 1000 Seiten Umfang war:
 
Siegfried Wollgast: Philosophie in Deutschland zwischen Reformation und Aufklärung 1550-1650. Berlin 1988. jetzt 2. Auflage, Reprint 2015.

Der 1933 geborene und jahrzehntelang in Dresden wirkende Philosophiehistoriker, der zu Sebastian Franck und zahlreichen anderen Denkern Quellenstudien angefertigt hatte, war der führende Experte für die Philosophie jener Zeit in der DDR. Er bezog auch Autoren ein, in deren Wirken nicht die traditionelle Philosophie im Mittelpunkt stand, sondern auch Belletristen und eine große Anzahl jener "Vergessenen und Verkannten" (Titel eines Sammelbandes Wollgasts von 1993), die nicht an den Universitäten tätig waren, sondern im Untergrund oder als Alchemisten in dunklen Kellergewölben wirkten und mit Phiolen hantierten, wie der Faust.
Ist es der Umstand, dass sich Wollgast als Marxist verstand, obwohl die entsprechenden "Klassikerzitate" sich bei diesem Werk aus der Endzeit der DDR sehr in Grenzen halten und sich die Philosophiegeschichtsschreibung des Westens in den 1970er Jahren auch am Marxismus rieb? Der 1954 geborene Thomas Leinkauf müsste eigentlich darüber stehen, Angehöriger jener Nachkriegsgeneration, die den "kalten Krieg" auch auf Geistesgebieten voll mitbekam.
Ist die obere chronologische Grenze, das Jahr 1600, deutlich überschritten?   
Auf "Deutschland" im Sinne "deutscher Sprachraum" hatte sich Wollgast nicht beschränkt und etwa französische und italienische Autoren ebenfalls einbezogen.
Hatte die Plagiatsaffäre um das Buch von Wollgast über die Entwicklung der Intelligenz nachgewirkt? Die liegt über zwanzig Jahre zurück. Oder sollte dem Werk Wollgasts doch die "Wissenschaftlichkeit" abgesprochen werden, hat sich in der Zwischenzeit ein anderes Verständnis von Philosophiegeschichtsschreibung durchgesetzt?
Dass der große Wurf Siegfried Wollgasts kein Plagiat war, sondern auf detaillierten Einzelstudien basierte, kann als erwiesen gelten. Das hätten Rezensenten damals gemerkt.
Titel in englischer Sprache finden sich in überaus großer Anzahl. Das ist sicher eine ganz andere Forschergesellschaft, in der sich Siegfried Wollgast kaum bewegt hatte, aber Neues in Buchform hatte er durchaus zur Kenntnis genommen und auch nach der Wende Einladungen in westliche Zentren wahrgenommen.

 ??? * Nachsinnen über das Thema der Vergänglichkeit allen Autorenruhms und die Verschiedenheit der Gesellschaften, in denen sie sich bewegten*
Jetzt könnte noch der Forist Karamzin gefragt werden, warum das für ihn so wichtig ist: vielleicht Autobiographisches bei der Erinnerung an die Zeit 1988/89, als man sich das dicke Buch zugelegt hatte und daraus neues Wissen saugte ...
« Last Edit: 09. Juli 2017, 10.09 Uhr by Karamzin »

Offline sandhofer

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Ich sehe natürlich nicht in Leinkaufs Kopf hinein. Von meiner Seite aus würde ich sagen: Wollgast deckt tatsächlich eine etwas zu späte Periode ab. Dazu kommen Wollgast, wenn ich mich recht erinnere, des öfteren Reformation und reformatorisch-christlich-mystische Strömungen unter. Schliesslich ist Woolgast auch örtlich zu weit von Leinkaufs Schauplätzen - der konzentriert sich stark auf Italien. Deutschland und England kommen vielleicht ein wenig zu kurz; selbst Morus und Erasmus werden kaum erwähnt, am meisten noch der Philosoph der Reformation, Melanchthon. Und dieser immer als Philosoph, nie als Reformator.

Wollgast wäre eher Mauthners Ding gewesen.  :angel:
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Offline Karamzin

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Das mittel- und norddeutsche Milieu der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts war sicher für die Themenwahl Siegfried Wollgasts wichtig. Es gibt bei ihm Kapitel über Jakob Böhme, Spiritualisten und die "Weigelianer", die gerade in diesem Raum aktiv wurden.

Im Reformationsjahr denkt man hierzulande von evangelischer Seite an die Folgen von Luthers Taten 1517 ff.; der Ausgangspunkt für die jungen Philosophiehistoriker, die sich in den 1960/1970er Jahren etwa um Hermann Ley scharten, war allerdings die Philosophie und nicht die Religion. Die erste Generation der nicht unter religiösen Einflüssen aufgewachsenen Menschen richtete sich im Wissenschaftswesen der DDR ein, die auch Zeugnisse geistigen Denkens auf philosophische Grundfragen abklopften, bei denen diese nicht auf den ersten Blick zu erkennen waren. Hermann Ley selbst stand allerdings mit seinem Fünfbänder, in dem er "Aufklärung" schon in der Antike und dann im Mittelalter erkennen wollte, ziemlich allein auf weiter Flur da, während sich die Jüngeren eher an den Maßstäben der jeweiligen Epochen orientieren wollten.

Ein sehr spätes Zeugnis für die in den 1970er Jahren einsetzende Zusammenarbeit zwischen evangelischen Kirchenhistorikern und den nichtreligiös aufgewachsenen Historikern ist etwa die 2016 erschienene Thomas-Müntzer-Biographie von Siegfried Bräuer und Günter Vogler, die überaus quellenbezogen-nüchtern daher kommt, während bei dem Müntzer-Buch von Hans-Joachim Goertz 2015 zu spüren ist, dass der Autor auch aus eigener biographischer Erfahrung heraus emanzipatorische Bestrebungen religiöser Sondergemeinschaften mit ihren Visionen von einer besseren und gerechteren Welt verstehen konnte, die sich gegen die etablierten Kirchen richteten.

Ich will nicht zu sehr von Thomas Leinkauf ablenken: hier im Forum werden ja auch manchmal sehr allgemeine Eindrücke kurz zusammengefasst: es ist für mich ein vorwiegend im "Westen" Europas entstandenes Buch, in dem etwa die durchaus beachtlichen philosophiehistorischen Leistungen des europäischen "Ostens" kaum zur Kenntnis genommen werden. Mangelnde Sprachkenntnisse sind keine Entschuldigung, Vieles ist übersetzt worden, oder man kann sich auch einmal mit einem Moskauer unterhalten: gerade über das italienische Renaissancedenken ist dort viel mehr geforscht worden, als etwa über deutsches Denken.
Die im östlichen marxistischen Bereich staatlicherseits gesetzte und kanonisierte offizielle Grenze des philosophischen Denkens ("Grundfrage der Philosophie" in ihren beiden Seiten: 1. Kommt der Materie oder dem Bewusstsein das Primat zu? 2. Ist die Welt erkennbar?) ist in Bezug auf die Erforschung des Spätmittelalters oft gar nicht mehr beachtet worden, und niemand von der Zensur hat es bemerkt, weil man dort bei den Wächtern schlicht keine Ahnung hatte.

Aber für jemanden, der vorwiegend im Heute mit seinen neuen Fragestellungen lebt, mag das alles ferne Vergangenheit sein; hier wird wahrscheinlich von mir eine Oldie-Platte auf einem alten Schallplattenspieler abgespielt, ;) die Sprünge aufweist.
 
« Last Edit: 10. Juli 2017, 09.12 Uhr by Karamzin »

Offline orzifar

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Hallo!

Ist es der Umstand, dass sich Wollgast als Marxist verstand, obwohl die entsprechenden "Klassikerzitate" sich bei diesem Werk aus der Endzeit der DDR sehr in Grenzen halten und sich die Philosophiegeschichtsschreibung des Westens in den 1970er Jahren auch am Marxismus rieb? Der 1954 geborene Thomas Leinkauf müsste eigentlich darüber stehen, Angehöriger jener Nachkriegsgeneration, die den "kalten Krieg" auch auf Geistesgebieten voll mitbekam.

Ich kann hier natürlich nur spekulieren (und über die in Frage stehenden Werke mangels Kenntnis gar nichts sagen): Nachvollziehbar aber wäre (für mich) eine solche Ablehnung wegen des marxistischen Hintergrundes sehr wohl. Ich persönlich vermeide Bücher, die sich einer Ideologie verpflichtet fühlen - ja, mir kann diese ideologische Grundierung Freude und Interesse gänzlich vermiesen. (Siehe http://litteratur.ch/SMF/index.php?topic=1026.0) Anderes Beispiel - Vladimir Rumls "Der logische Positivismus". Dieses Buch beginnt folgendermaßen (und ich konnte mich nicht überwinden, sehr viel weiterzulesen): "Im Imperialismus, dem Verfallsstadium des Kapitalismus, stehen die Klasseninteressen der Bourgeoisie im Widerspruch mit der objektiven Notwendigkeit einer fortschrittlichen gesellschaftlichen Entwicklung." Das geht dann so weiter bis S. 35 ... Noch ein Beispiel: Raymund Schmidts immer wieder neuaufgelegtes Buch "Die drei Kritiken". Derjenige, der sich bis zum Schluss dieses ohnehin ein wenig zweifelhaften Werkes durchkämpft, wird von Schmidt darüber informiert, dass der wahre Kant unter einer ungeheuren Papierflut begraben sei (was möglicherweise so falsch nicht ist, wozu aber Schmidt auch etwas beigetragen hat). Und dann fährt er fort (was einen Hinweis auf das Erscheinungsjahr zulässt, mich würde interessieren, ob das in späteren Ausgaben gestrichen wurde): "Wenigstens glauben wir, daß der Grundsatz, zu dem das neue Deutschland sich bekennt (Gemeinnutz geht vor Eigennutz), daß der Geist der Pflichterfüllung und der opfervollen Hingabe, den der Führer unseres Volkes von uns fordert, aus denselben moralischen Instinkten stammen, die Kant einst veranlassten, den "kategorischen Imperativ der Pflicht" zu formulieren und das Wissen zu zerstören, um für den Glauben und das rechte Handeln Platz zu machen." Stünde das im Vorwort, man müsste ein großer Kantliebhaber sein, um weiterzulesen.

Wie gesagt - ich könnte es verstehen, wenn Thomas Leinkauf einem dezidiert marxistischen Autor ausgewichen wäre. (Ich bin diesbezüglich sensibilisiert: Wenn ich in Online-Antiquariaten auf Buchsuche bin und bei einem interessanten Titel auf den "Deutschen Verlag der Wissenschaften Berlin" stoße, kaufe ich das Buch nicht. Die Chance, mir damit Brennstoff für meinen Zentralheizungsofen einzuhandeln, ist zu groß.) Etwas anderes wäre eine Art von akademisch-wissenschaftlicher Pflicht und Redlichkeit: Da man aber ohnehin nie alles zu lesen vermag, wäre es für mich nachvollziehbar, auf dezidiert marxistische Autoren Verzicht zu leisten.

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