Author Topic: Ungelesene Literatur  (Read 2544 times)

Offline orzifar

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Ungelesene Literatur
« on: 24. Mai 2017, 03.58 Uhr »
Hallo!

Dostoevskij hat dankenswerterweise auf diese Strudlhof-Elegie hingewiesen - zu Recht. Das jemand wie Kleeberg fast 60 Jahre alt werden musste, um zu Doderer zu finden, ist seltsam genug (wenn man seine literarische Initiation bedenkt - Hemingway - dann wird es eine Spur verständlicher). Dass er aber Canetti Glauben geschenkt hat, ist doch ein wenig kurzsichtig - wie wohl Kleeberg in seiner Begeisterung ob der Strudlhofstiege den Menschen Doderer ein bisschen zu freundlich sieht: Dass nämlich der auch ein ziemliches Arschloch war, steht außer Frage. (Ebenso wie seine literarische Meisterschaft.) Wolfgang Fleischers ausgezeichnete Biographie (Das verleugnete Leben) könnte für Kleeberg einen Erkenntnisgewinn bedeuten.

lg

orzifar
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Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
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Offline sandhofer

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Re: Ungelesene Literatur
« Reply #1 on: 19. Juni 2017, 18.10 Uhr »
Dass nämlich der auch ein ziemliches Arschloch war, steht außer Frage. (Ebenso wie seine literarische Meisterschaft.)

Ich glaube, es war Arno Schmidt, der mal schrieb, ein Autor könne nicht zugleich ein liebenswerter Mensch sein; er brauch nämlich seine ganze Kraft zum Schreiben und habe daher für die Umwelt keine mehr übrig.
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline orzifar

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Re: Ungelesene Literatur
« Reply #2 on: 20. Juni 2017, 05.01 Uhr »
Dass nämlich der auch ein ziemliches Arschloch war, steht außer Frage. (Ebenso wie seine literarische Meisterschaft.)

Ich glaube, es war Arno Schmidt, der mal schrieb, ein Autor könne nicht zugleich ein liebenswerter Mensch sein; er brauch nämlich seine ganze Kraft zum Schreiben und habe daher für die Umwelt keine mehr übrig.

Ich weiß nicht recht ;). Das klingt nach einem Freibrief für den vermeintlich großen Schriftsteller. Denn ich kann nicht erkennen, dass für Liebenswürdigkeit mehr Energie und Kraft vonnöten wäre als zur Drangsalierung seines Nächsten. Der gute Arno erteilt sich selbst die Absolution: Und konzediert sich im gleichen Atemzuge sein geniehaftes Wesen.

lg

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