Nur mal so dazwischen, ohne konkreten Textbezug.
Da hatte sich in den 1960/70er Jahren im Osten Deutschlands eine Gesellschaft herausgebildet, die ohne jeglichen Religionsbezug auskam. Mochten die zwei oder drei Schüler einer Schulklasse vielleicht auch die Christenlehre besuchen - die überwiegende Mehrzahl der Heranwachsenden in Ostdeutschland hatte gar nichts mit dem Christentum zu tun.
Georges Minois und Michel Onfray in Frankreich haben davon, Jahrzehnte später, offenbar noch nie etwas gehört, sie berichten nichts von millionenfacher Gottlosigkeit im Realsozialismus oder von den Millionenauflagen jedem zugänglichen religionskritischen Schrifttums (La Mettrie, Holbach, Feuerbach, eben auch der (u.a. Rassist) Haeckel). Ob es jetzt im Rückblick Fritz Mauthner ist oder in der Gegenwart der gefeierte Richard Dawkins: sie alle kommen aus Gesellschaften, in denen der Glaube als das "Normale" erschien und der Atheismus als etwas Abzulehnendes, im günstigen Fall als etwas Fremdes und Merkwürdiges. Der famose Präsident Joachim Gauck bekennt sich nicht nur durch einen militärischen Gottesdienst zum traditionellen, durch Römer abgesicherten Ritual - er "glaubt" etwas, und sein ganzes Volk muss ihm folgen können, in seinem Glauben an Vorgänge, die sich in der Wüste vor zweitausend Jahren abgespielt haben mögen.
Christentum = Morallehre. Wer sich ausklinkt und sich mit dem ganzen Glaubens-Kram nicht beschäftigt, obwohl er gar kein "militanter Atheist" sein will (nicht alle sind Bücherwürmer wie wir, sondern einfach, ohne Absicherung durch Lektüre, den Alltagssorgen des 21. Jahrhunderts verfallen), fällt unter das Verdikt das Verfallens an einen "Materialismus" (sinnlichen Werten verfallen), diesen Menschen "fehlt dann irgend etwas" angeblich.
Was Winfried Schröder betrifft: seine Verdienste sehe ich in der konsequenten Historisierung: nicht früher als Ende des 17. Jahrhunderts konnte sich im deutschen Sprachraum ein "Atheismus" im engeren Sinne des Wortes etablieren - hat mit Paul Hazards Konstruktion einer "Krise des europäischen Geistes" wenig zu tun, der Jansenismus wurde wirkmächtig in der Mitte des 18. Jahrhunderts, als Maria Theresia selbst die Jesuiten zum Teufel schickte, die sie erzogen hatten.
Man müsste eher untersuchen, was sich da um 1690 abspielte, als das "Betrügerbuch" frohe Urständ feierte und sich gerade die Hamburger die clandestine Literatur mit wachsender Begeisterung in die hintere Reihe ihrer Bücherladen stellten, was anderswo im Reich nicht so ohne weiteres zu beobachten war.
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