Als ich in den 1970er Jahren Fritz Mauthner in der DDR zum ersten Mal las, fiel mir auf, dass er alle möglichen nonkonformistischen Denker und Autoren unter der Rubrik "Atheismus" zusammenfasste, die indes nicht unbedingt alle als "gottlos" oder "glaubensfrei" anzusehen waren. "Atheismus" war über die Jahrhunderte hinweg als ziemlich starke Totschlag-Diffamierung auch für Leute eingesetzt worden, die sich noch nicht völlig vom Glauben abgewandt hatten. Ich habe Mauthner eher mit allgemein kulturgeschichtlichem Interesse gelesen.
Auch George Minois, von dem hier schon die Rede war, brachte in seiner "Geschichte des Atheismus" (Weimar 2000) alle möglichen Denker zusammen. Winfried Schröder vollzog für mich 1999 einen Durchbruch mit seinen Studien über das "Betrügerbuch" und die Anfänge des Atheismus im engeren Sinne am Ausgang des 17. Jahrhunderts.
Nach mehr als einem Jahrzehnt fand ich dann zumindest über das Mittelalter auch terminologisch und methodisch Neuland bei: Dorothea Weltecke: Der Narr spricht: Es ist kein Gott. Atheismus, Unglauben und Glaubenszweifel vom 12. Jahrhundert bis zur Neuzeit. Frankfurt am Main 2010.
Die Zuordnung zum "Atheismus" erscheint mir am Beginn des Zeitalters der Aufklärung am ehesten bei Jean Meslier (1664-1729) einleuchtend, der den Zusammenhang zwischen Religion und Kirche, absolutistischer Staatsmacht und Eigentumsordnung schonungslos aufdeckte, was Voltaire in Schrecken versetzte und auf Abwendungsstrategien verfallen ließ, La Mettrie und Holbach gehörten zu den begüterten und von Mäzenen begünstigten Eliten und dachten nicht an die von Klerus, Königtum, Adel und Grundbesitzern bedrückten armen Menschen. In deutscher Sprache ist Mesliers "Testament" zwar von G. Mensching 1977 wieder in der BRD herausgegeben worden, wird jedoch auch heute noch wegen seiner Sprengkraft eher vorsichtig beäugt, da es auch heutige Ordnungen in Frage stellen kann.