Als ich im Alter von acht Jahren zum ersten Mal den "Huckleberry Finn" las, eröffnete er mir einen Blick auf die Städte am Mississippi und das Leben in Flußnähe, auf das Verhältnis zwischen Schwarzen und Weißen im 19. Jahrhundert. Den Dialog zwischen Huck und dem Schwarzen Jim über die Sprachen kenne ich noch auswendig: "... Ist der Franzose ein Mensch? Warum spricht er dann nicht wie ein Mensch?" Diese Szene ist humorvoll und zeigt doch, wie sehr die Unbildung unter den ehemaligen Sklaven verbreitet war - "unverschuldete Unmündigkeit".
In den darauf folgenden Jahrzehnten bekam man in der DDR nur selektiv Literatur über die USA zu lesen. Harriet Beecher-Stowe, Jack London, Hemingway und Faulkner wurden im Handel vertrieben. Ich griff aber immer wieder zu Mark Twain.
Literatur also im wahrsten Sinne des Wortes auch als Informationsquelle in einer Zeit, in der es nur außerordentlich wenige Sachbücher gab.
In den 1960/70er Jahren, als das Fernsehen Einzug hielt in die Wohnungen, wirkten in erster Linie die Eindrücke vom schrecklichen Vietnam-Krieg, wenn man nicht Westfernsehen sah, gezwungenermaßen oder freiwillig.
Sicher haben sich etliche für amerikanische Lebensweise begeistern lassen (die Kanzlerin hat sich mitunter in diesem Sinne geäußert), aber man braucht sich nicht zu wundern, dass für viele Menschen in den östlichen Landesteilen Amerika sehr fremd geblieben ist, Russland dafür, auch aus eigener Anschauung, um so näher ist.
Da müssten diejenigen genauer hinschauen und nicht jede kritische Äußerung vorschnell als "Anti-Amerikanismus" denunzieren, die mit einem durchweg positiven Amerika-Bild aufgewachsen sind, die dort Freunde haben und dort eine zeitlang gelebt haben.