Author Topic: Wozu Lit(t)eratur?  (Read 18184 times)

Offline dumbler

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Re:Wozu Lit(t)eratur?
« Reply #15 on: 17. Juli 2009, 06.00 Uhr »
Und mit etwas lerne ich bei der Lektüre sogar noch etwas.

Das nehme ich dankend in Kauf, intendiere es bei meiner Lektürauswahl aber so gut wie nie.

Ich wähle meine Lektüre auch nicht immer gezielt danach aus, aber es hat sich gezeigt, das ich mich besser unterhalten fühle, wenn ich noch etwas beim Lesen lernen kann. Ist wohl meine persönliche Marotte und funktioniert nicht immer (ich denke da an meine mißglückte Kosmos-Lektüre).
Allgemeinwissen durch Romane zu erwerben ist ein netter Nebeneffekt, doch gewiss eignen sich Lexika eher dafür. Was man aber tatsächlich lernen kann, ist die menschliche Natur, ihre Erfahrungen und Träume, ihre Gedankenmuster und ihr Verhalten. Lernen, wie der Mensch tickt. Für mich der eigentliche Antrieb, nach Literatur zu greifen. Ich will weder aus meiner Welt ausbrechen noch fiktive Abenteuer erleben. Lediglich den Menschen begreifen.

Gruß,
dumbler

Offline dora

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Re:Wozu Lit(t)eratur?
« Reply #16 on: 17. Juli 2009, 10.56 Uhr »
Und mit etwas lerne ich bei der Lektüre sogar noch etwas.

Das nehme ich dankend in Kauf, intendiere es bei meiner Lektürauswahl aber so gut wie nie.

Ich wähle meine Lektüre auch nicht immer gezielt danach aus, aber es hat sich gezeigt, das ich mich besser unterhalten fühle, wenn ich noch etwas beim Lesen lernen kann. Ist wohl meine persönliche Marotte und funktioniert nicht immer (ich denke da an meine mißglückte Kosmos-Lektüre).
Allgemeinwissen durch Romane zu erwerben ist ein netter Nebeneffekt, doch gewiss eignen sich Lexika eher dafür. Was man aber tatsächlich lernen kann, ist die menschliche Natur, ihre Erfahrungen und Träume, ihre Gedankenmuster und ihr Verhalten. Lernen, wie der Mensch tickt. Für mich der eigentliche Antrieb, nach Literatur zu greifen. Ich will weder aus meiner Welt ausbrechen noch fiktive Abenteuer erleben. Lediglich den Menschen begreifen.

Mir geht es wie BigBen. Wenn ich den Eindruck habe, durch das Gelesene neue Horizonte zu entdecken, dann fühle ich mich unterhalten. Lexika sind dann weiterführend. Galizien hat mich erst interessiert, nachdem ich Joseph Roth entdeckt habe und ganz aktuell: Mit der Todesstrafe in der Geschichte Europas habe ich mich befasst während der laufenden LR (der Idiot).
In meinen Augen verbinden gute Romane genau das, was ihr beiden nennt: Wissen aneignen und den Menschen begreifen. Der Mensch ist in einem Roman ja ein Teil seiner Zeit, gesellschaftlichen und geographischen Umgebung. (ich weiß nicht, ob ihr versteht, was ich meine, bekomme es nicht besser hin.  :-\ )

liebe Grüße
dora
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Offline dumbler

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Re:Wozu Lit(t)eratur?
« Reply #17 on: 18. Juli 2009, 04.48 Uhr »
Hallo dora,
Aber läuft man nicht Gefahr, von den Emotionen des Autors geleitet zu werden? Roths Galizien kenne ich nun nicht, nähmen wir jedoch Millers Beschreibung über New York, müsste ich davon ausgehen, dass Amerika ein naives, unfähig denkendes Volk sei und sie nichts Positives hervorbringen können - halt ein klimatisierter Misthaufen. Es ist immer nur die Sicht eines Autors, der mal verklärt, schwelgend oder angewidert eine Sache beschreibt. Vielleicht auch eine gesellschaftliche Auffassung der jeweiligen Epoche?

Offline sandhofer

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Re:Wozu Lit(t)eratur?
« Reply #18 on: 18. Juli 2009, 06.26 Uhr »
nähmen wir jedoch Millers Beschreibung über New York, müsste ich davon ausgehen, dass Amerika ein naives, unfähig denkendes Volk sei und sie nichts Positives hervorbringen können

Na ja, ist das denn anders?  ;D
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Offline dora

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Re:Wozu Lit(t)eratur?
« Reply #19 on: 18. Juli 2009, 10.33 Uhr »
Hallo dora,
Aber läuft man nicht Gefahr, von den Emotionen des Autors geleitet zu werden? Roths Galizien kenne ich nun nicht, nähmen wir jedoch Millers Beschreibung über New York, müsste ich davon ausgehen, dass Amerika ein naives, unfähig denkendes Volk sei und sie nichts Positives hervorbringen können - halt ein klimatisierter Misthaufen. Es ist immer nur die Sicht eines Autors, der mal verklärt, schwelgend oder angewidert eine Sache beschreibt. Vielleicht auch eine gesellschaftliche Auffassung der jeweiligen Epoche?

Vielleicht, wenn man nur einen einzigen Roman im Leben liest...  ;)
Millers Sicht auf die USA ist eben eine Sicht von vielen und die ist genau so richtig oder falsch wie die Sicht eines Autors, der die USA als Land der großen Freiheit ansieht. Ich meinte ja, dass du durch die Literatur die Sicht des Autors erfährst, was der Geographie, der Epoche und dem Teil der Gesellschaft eine menschliche Perspektive gibt. Es ist dann an dir herauszufinden, was du damit machst. Ich werde nach Dostojewskis Idioten ja auch nicht plötzlich gläubig werden.  ;D

liebe Grüße, dora die jetzt mit Kenavo einen leckeren Cappuccino trinken geht  :D
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Offline orzifar

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Re:Wozu Lit(t)eratur?
« Reply #20 on: 18. Juli 2009, 12.08 Uhr »
Allgemeinwissen durch Romane zu erwerben ist ein netter Nebeneffekt, doch gewiss eignen sich Lexika eher dafür. Was man aber tatsächlich lernen kann, ist die menschliche Natur, ihre Erfahrungen und Träume, ihre Gedankenmuster und ihr Verhalten. Lernen, wie der Mensch tickt. Für mich der eigentliche Antrieb, nach Literatur zu greifen. Ich will weder aus meiner Welt ausbrechen noch fiktive Abenteuer erleben. Lediglich den Menschen begreifen.

Ich unterscheide da gar nicht so sehr zwischen Belletristik und Fach/Sachliteratur. Eines führt zum anderen, gibt Anstöße in Lexika nachzuschlagen, Biographien zu lesen etc. Und Bücher sind für relativ lange Zeit das einzige probate Medium gewesen für eine solche allgemeine Befriedigung der Neugier. (Ich glaube, dass sich das durch's Netz ein wenig ändern wird, geändert hat. Ich etwa verwende das Netz als eine Art Nachschlagewerk - mit der gebotenen Vorsicht.)

Den Menschen verstehen? das scheint mir ein sehr hohes Ziel - und ich bin mir (für mich) nicht sicher, ob ich das immer will. Allerdings ist es in der Literatur hilfreich, wenn dem Schreibenden "nichts Menschliches fremd ist", ansonsten muss man sich durch hochstilisierte, erdachte Abgründe quälen. Denn tatsächliche Leidenschaften, Schmerzen, Schicksale sind oft wenig "literarisch", sondern trivial, unauffällig, dadurch nicht weniger schrecklich. Der hochstilisierte Tod des Selbstmörders in der Literatur ist häufig ein bloß frivoles Spiel mit dem Morbiden, das langsame Sterben in geriatrischen Anstalten hingegen wenig spektakulär (und die Gestaltung verspricht kaum ökonomischen Erfolg). Das darstellen zu können scheint mir weitaus schwerer als das etwa beliebte Spiel mit Berühmtheiten a la Kehlmann, Verrückten, Genies.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline dumbler

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Re:Wozu Lit(t)eratur?
« Reply #21 on: 19. Juli 2009, 05.44 Uhr »
@dora, Romane wecken Dein Interesse, doch Wissen eignest Du Dir durch sie nur bedingt an. Sie geben Dir den Anstoß nachzuforschen, doch das befriedigende Wissen erlangst Du erst, nachdem Du entsprechende Fachliteratur oder/und Lexikaeinträge nachgeschlagen hast, wie die zur Todesstrafe im Idioten.
@orzifar, mir geht es nicht darum, das große theatralische Drama der Literatur in meinem Umkreis zu suchen, furchtbar genug, wenn sich hoffnungslos Verliebte sich von der Brücke werfen, weil die Angebetete ihnen den Rücken dreht.  ;) Ich sehe vielmehr die Möglichkeit in ihnen, Gesten, Reaktionen und unauffällige Zeichen meines Gegenübers richtig zu deuten. Stimmt aber, der Autor sollte über einen Grad an Menschenkenntnis verfügen.

Gruß,
dumbler
« Last Edit: 19. Juli 2009, 11.44 Uhr by dumbler »

Offline dora

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Re:Wozu Lit(t)eratur?
« Reply #22 on: 19. Juli 2009, 11.28 Uhr »
Hallo Dumbler,
@dora, Romane wecken Dein Interesse, doch Wissen eignest Du Dir durch sie nur bedingt an. Sie geben Dir den Anstoß nachzuforschen, doch das befriedigende Wissen erlangst Du erst, nachdem Du entsprechende Fachliteratur oder/und Lexikaeinträge nachgeschlagen hast, wie die zur Todesstrafe im Idioten.

Das stimmt natürlich. Im Lexikon begegne ich aber nur dem theoretischen, also unpersönlichen Aspekt. Wie "der Mensch" die Todesstrafe als Beobachter erlebt, um bei diesem Beispiel zu bleiben, erfahre ich eben u.a. im Roman.

Fachliteratur ist bestimmt weiterführend und meist unentbehrlich (siehe Die Ästhetik des Widerstands  ;) )

liebe Grüße
dora
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Offline dumbler

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Re:Wozu Lit(t)eratur?
« Reply #23 on: 19. Juli 2009, 12.15 Uhr »
Womit wir wieder beim Menschen und seinen Erfahrungen wären. So kommen wir dann wieder auf einen Nenner.  ;)

Gruß,
dumbler

Offline sandhofer

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Re:Wozu Lit(t)eratur?
« Reply #24 on: 20. Juli 2009, 07.51 Uhr »
Hallo zusammen!

Um mal eine seriöse Antwort zu versuchen ...

Ich kann mit der Formulierung der Frage nicht viel anfangen, ehrlich gesagt. "Wozu dient Literatur?" Hm ... Mein Auto dient mir dazu, dass ich mich von A nach B bewegen kann. Mein Haus dient mir dazu, dass ich einigermassen vor Witterungseinflüssen und wilden Tieren geschützt bin. Und analog sollte also Literatur dazu dienen, mich (geistig) zu bewegen oder mich vor Ausseneinflüssen zu schützen? Ich weiss nicht ...

Es gibt jene famose Unterscheidung zwischen Körper und Geist. Und gerne werden sodann den körperlichen Trieben geistige entgegengesetzt. Den niederen die höheren. Wer wird in seinem Lebenslauf für eine Stellenbewerbung unter Hobbies schon hinschreiben: "Ich b... gern meine Nachbarin"? Nein, man nennt das Lesen als Hobby, selbst wenn man allenfalls einmal im Monat die Bunte Illustrierte Quick-Revue beim Friseur liest. Man hat sich in unserer Kultur seiner Lüste zu schämen, sie zu verschweigen.

Nun gibt es aber auch die Variante einer Überhöhung (oder Sublimierung, um auch die andere Himmelsrichtung einzubeziehen) seiner Lüste. Casanova fand ja im Grunde genommen nicht die Eroberung und (ich nenne es jetzt mal so) Inbesitznahme einer Frau interessant, sondern alle seine Pläne und Machinationen, um an die Frau heranzukommen. Wenn er sie mal "hatte", interessierte ihn schon die nächste. Und wie es Casanova mit den Frauen geht, geht es mir mit der Literatur. Einen Text lesen ist wie mit einer Frau flirten. Natürlich gibt's die ganz Unnahbaren, hermetisch Verschlossenen (jedenfalls für mich, andern mögen sie problemlos Zutritt gewähren.) Und es gibt die, die sich dir schon an den Hals werfen, wenn du nur schon deine Stammbuchhandlung betrittst, und die dich fragen: "Zu dir oder zu mir?" An beide verschwende ich so wenig Zeit wie möglich. (Manchmal merkt man leider zu spät, dass man ein einen von der Sorte geraten ist.) Interessant sind nur die, die, ohne sich gleich ganz zu entblössen, durchaus etwas von sich preisgeben, und noch etwas mehr, wenn man etwas mehr Zeit und Mühe darauf verwendet. Im Idealfall trifft man auf einen Text, der bei jeder neuen Begegnung Neues von sich preisgibt. Das sind oder werden dann die sog. Klassiker. Roland Barthes verwendete die Analogien zur Striptease-Tänzerin und zur Zigeunerin mit Rissen im Kleid, die uns immer wieder kurz mal Einblicke gewähren, diese aber gleich wieder verschwinden lassen, und nie alles aufs Mal preisgeben.

Ein erotisches Verhältnis zur Literatur also. Oder, unverfänglicher formuliert: Ich will nicht lernen, sondern entdecken. Und wenn es nicht die Struktur des Textes ist, die mich etwas erahnen lässt, wie v.a. im Gedicht, dann wenigstens sein Inhalt. Deshalb liebe ich neben Gedichten auch Autobiografien und alte Reiseberichte.

Grüsse

sandhofer
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Offline Kenavo

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Re:Wozu Lit(t)eratur?
« Reply #25 on: 20. Juli 2009, 16.36 Uhr »
Um mal eine seriöse Antwort zu versuchen ...
ach wie nett.. jemanden den ich vor allem so kenne: , versucht eine seriöse Antwort zu geben..

aber richtig so, ich finde dieses Forum reichlich unseriös  ;D
"Jener, der sich in seiner Leidenschaft verliert, hat weniger verloren als jener, der seine Leidenschaft verloren hat.“
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Offline sandhofer

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Re:Wozu Lit(t)eratur?
« Reply #26 on: 20. Juli 2009, 17.17 Uhr »

Möchtest Du das Smilie im Standard-Set haben?  8)
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline thopas

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Re:Wozu Lit(t)eratur?
« Reply #27 on: 21. Juli 2009, 10.51 Uhr »
Ich will nicht lernen, sondern entdecken.

Hallo,

diese Aussage von sandhofer trifft es - zumindest für mich - ziemlich genau. Wobei ich durch das Entdecken meist auch gleich etwas neues lerne; beides geht sozusagen Hand in Hand. Für mich ist Literatur (v.a. Klassiker) oft wie eine Zeitmaschine: ich möchte bei meiner Lektüre entdecken, wie die Menschen früher z.B. in London gelebt haben (wobei "früher" dann 18. Jh., 19. Jh. oder die Zwanziger Jahre des 20. Jhs. sein können). Inwiefern ein Roman, z.B. von Charles Dickens oder Virginia Woolf, mir dies dann authentisch vermittelt, ist natürlich eine andere Frage. Ergänzen muß ich meine Eindrücke durch Sachbücher, die sich ebenfalls mit diesem Thema beschäftigen. Somit entdecke und lerne ich gleichermaßen.

Viele Grüße
thopas

Offline dora

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Re:Wozu Lit(t)eratur?
« Reply #28 on: 21. Juli 2009, 11.05 Uhr »
Wobei ich durch das Entdecken meist auch gleich etwas neues lerne; beides geht sozusagen Hand in Hand.

So war es auch von meiner Seite gemeint. Lernen klingt wohl zu sehr nach "Streber", nach "nicht-genießen".  :D

liebe Grüße
dora
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Offline Kenavo

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Re:Wozu Lit(t)eratur?
« Reply #29 on: 21. Juli 2009, 11.20 Uhr »
Möchtest Du das Smilie im Standard-Set haben?  8)
wohl eher nicht.. du könntest so schlecht widerstehen ihn immer mal wieder einzusetzen  ;)

und betreff des Themas dieses Threads - ich habe festgestellt dass ich die letzten Jahre wohl eher ganz klar zur "Unterhaltungs-leserin" mutiert bin.
Wohlgemerkt, das beinhaltet in keinster Weise die übliche 'Literatur' die man gemeinhin in "Unterhaltungsromane" klassiert.. aber mir ist inzwischen ein Roman von Colum McCann der mich klug und gut unterhält (sein neuer Roman ist übrigens übermässig fabulös und gar zu gut!!) genauso lieb wie ein Buch aus einer "gehobeneren" Klasse  :)


lg
Kenavo
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