Hallo zusammen!
Um mal eine seriöse Antwort zu versuchen ...
Ich kann mit der Formulierung der Frage nicht viel anfangen, ehrlich gesagt. "Wozu dient Literatur?" Hm ... Mein Auto dient mir dazu, dass ich mich von A nach B bewegen kann. Mein Haus dient mir dazu, dass ich einigermassen vor Witterungseinflüssen und wilden Tieren geschützt bin. Und analog sollte also Literatur dazu dienen, mich (geistig) zu bewegen oder mich vor Ausseneinflüssen zu schützen? Ich weiss nicht ...
Es gibt jene famose Unterscheidung zwischen Körper und Geist. Und gerne werden sodann den körperlichen Trieben geistige entgegengesetzt. Den niederen die höheren. Wer wird in seinem Lebenslauf für eine Stellenbewerbung unter Hobbies schon hinschreiben: "Ich b... gern meine Nachbarin"? Nein, man nennt das Lesen als Hobby, selbst wenn man allenfalls einmal im Monat die Bunte Illustrierte Quick-Revue beim Friseur liest. Man hat sich in unserer Kultur seiner Lüste zu schämen, sie zu verschweigen.
Nun gibt es aber auch die Variante einer Überhöhung (oder Sublimierung, um auch die andere Himmelsrichtung einzubeziehen) seiner Lüste. Casanova fand ja im Grunde genommen nicht die Eroberung und (ich nenne es jetzt mal so) Inbesitznahme einer Frau interessant, sondern alle seine Pläne und Machinationen, um an die Frau heranzukommen. Wenn er sie mal "hatte", interessierte ihn schon die nächste. Und wie es Casanova mit den Frauen geht, geht es mir mit der Literatur. Einen Text lesen ist wie mit einer Frau flirten. Natürlich gibt's die ganz Unnahbaren, hermetisch Verschlossenen (jedenfalls für mich, andern mögen sie problemlos Zutritt gewähren.) Und es gibt die, die sich dir schon an den Hals werfen, wenn du nur schon deine Stammbuchhandlung betrittst, und die dich fragen: "Zu dir oder zu mir?" An beide verschwende ich so wenig Zeit wie möglich. (Manchmal merkt man leider zu spät, dass man ein einen von der Sorte geraten ist.) Interessant sind nur die, die, ohne sich gleich ganz zu entblössen, durchaus etwas von sich preisgeben, und noch etwas mehr, wenn man etwas mehr Zeit und Mühe darauf verwendet. Im Idealfall trifft man auf einen Text, der bei jeder neuen Begegnung Neues von sich preisgibt. Das sind oder werden dann die sog. Klassiker. Roland Barthes verwendete die Analogien zur Striptease-Tänzerin und zur Zigeunerin mit Rissen im Kleid, die uns immer wieder kurz mal Einblicke gewähren, diese aber gleich wieder verschwinden lassen, und nie alles aufs Mal preisgeben.
Ein erotisches Verhältnis zur Literatur also. Oder, unverfänglicher formuliert: Ich will nicht lernen, sondern entdecken. Und wenn es nicht die Struktur des Textes ist, die mich etwas erahnen lässt, wie v.a. im Gedicht, dann wenigstens sein Inhalt. Deshalb liebe ich neben Gedichten auch Autobiografien und alte Reiseberichte.
Grüsse
sandhofer