Author Topic: Wozu Lit(t)eratur?  (Read 18183 times)

arbor

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Wozu Lit(t)eratur?
« on: 16. Juli 2009, 09.21 Uhr »
Ganz allgemein gesprochen ist Literatur erst einmal die Welt des Geschriebenen. Später hat sich der Begriff gewandelt in Richtung "Gelehrsamkeit".
Inzwischen gibt es sicher zahlreiche Ansätze, wozu Literatur dienen soll.

Zum einen kann sie sicherlich die Beschreibung der Welt um uns herum sein; aber stellt sie damit letztlich nicht einfach nur die Verdopplung etwas ohnehin Vorhandenen dar?

Zum anderen kann Literatur die Erfassung der Welt sein, d.h. das Begreifen-Wollen der Dinge und Sachverhalte mittels Sprache.

Schließlich gibt es auch die Literatur als Flucht vor der Wirklichkeit; man baut eine Mauer aus Worten um sich herum, um die Welt und ihre Leiden nicht mehr so unmittelbar wahrzunehmen.

Außerdem gibt es die Formen der Literatur als "Abenteuer im Kopf", als Spiel mit Worten ohne den unmittelbaren Bezug zur einer wie auch immer gearteten Wirklichkeit.

Vielleicht genügen diese einführenden Bemerkungen für eine Diskussion, welche Art Literatur man selbst bevorzugt, ob es noch weitere Ansätze für Literaturverstehen gibt usw.

Offline Dostoevskij

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Re:Wozu Lit(t)eratur?
« Reply #1 on: 16. Juli 2009, 09.26 Uhr »
Moin, Moin!

Schließlich gibt es auch die Literatur als Flucht vor der Wirklichkeit; man baut eine Mauer aus Worten um sich herum, um die Welt und ihre Leiden nicht mehr so unmittelbar wahrzunehmen.

Ich bekenne, ein solcher eskapistischer Leser zu sein und finde nichts Ehrenrühriges daran. Ich entfliehe dem profanen Alltag, indem ich gute Bücher lese, bestreite allerdings, daß man so gleichzeitig weltflüchtig per se sein soll. Beides widerpricht sich nicht. Man kann ein wacher Zeitgenosse sein und trotzdem in literarischen Fantasiegebirgen herumklettern. Was ist am Alltag denn so sankrosankt, daß man spannungsgeladen dasitzen sollte, um möglichst keine Sekunde des Geschehens zu verpassen?
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BigBen

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Re:Wozu Lit(t)eratur?
« Reply #2 on: 16. Juli 2009, 09.40 Uhr »
Einerseits dient mir die Literatur zur Unterhaltung. Mit diesem Anspruch lese ich sowohl Trivialliteratur als auch Klassiker. Desweiteren mag ich das Spiel mit der Sprache (wie es z.B. Arno Schmidt in Extremum getrieben hat). Und mit etwas lerne ich bei der Lektüre sogar noch etwas.

Offline Dostoevskij

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Re:Wozu Lit(t)eratur?
« Reply #3 on: 16. Juli 2009, 09.42 Uhr »
Moin, Moin!

Und mit etwas lerne ich bei der Lektüre sogar noch etwas.

Das nehme ich dankend in Kauf, intendiere es bei meiner Lektürauswahl aber so gut wie nie.
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BigBen

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Re:Wozu Lit(t)eratur?
« Reply #4 on: 16. Juli 2009, 09.45 Uhr »
Und mit etwas lerne ich bei der Lektüre sogar noch etwas.

Das nehme ich dankend in Kauf, intendiere es bei meiner Lektürauswahl aber so gut wie nie.

Ich wähle meine Lektüre auch nicht immer gezielt danach aus, aber es hat sich gezeigt, das ich mich besser unterhalten fühle, wenn ich noch etwas beim Lesen lernen kann. Ist wohl meine persönliche Marotte und funktioniert nicht immer (ich denke da an meine mißglückte Kosmos-Lektüre).

Offline Sir Thomas

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Re:Wozu Lit(t)eratur?
« Reply #5 on: 16. Juli 2009, 09.51 Uhr »
Zum anderen kann Literatur die Erfassung der Welt sein, d.h. das Begreifen-Wollen der Dinge und Sachverhalte mittels Sprache.

Hallo arbor,

dazu bedarf es mMn. nicht der Literatur, noch nicht einmal der Schrift. Schriftlose (Natur)Völker verstehen sehr wohl ihre Welt und verfügen auch über hinreichende (nichtwissenschaftliche) Erklärungen darüber, was "die Welt im Innersten zusammenhält".

Schließlich gibt es auch die Literatur als Flucht vor der Wirklichkeit ...

Außerdem gibt es die Formen der Literatur als "Abenteuer im Kopf" ...

Diese beiden "Änsatze zum Literaturverstehen" scheinen mir fruchtbarer zu sein. Die ersten literarischen Werke der Menschheitsgeschichte (Gilgamesch, Ilias, Odyssee) deuten jedenfalls in diese Richtung.

LG

Tom

arbor

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Re:Wozu Lit(t)eratur?
« Reply #6 on: 16. Juli 2009, 13.30 Uhr »
Keine der genannten Möglichkeiten wollte ich ab- oder aufwerten - es sollte alles nur eine Grundlage der Diskussion sein.

Allerdings habe ich auch eine Vorliebe für Literatur, die als "Kopfabenteuer" daherkommt und sich nicht einfach in der Beschreibung einer vorhandenen Wirklichkeit verliert.

Was Naturvölker und ihre Erfassung der Wirklichkeit angeht, melde ich meine Zweifel an. Sie bleiben ja wohl nicht in ihrem "Naturzustand" stecken, weil sie große kulturelle Leistungen errungen haben.
Ich denke schon, dass man mit Worten einen wesentlicheren Zugriff auf die Wirklichkeit hat, gehe sogar soweit zu sagen, wir erkennen eigentlich nur, was wir benennen können (also wofür wir einen Begriff haben).

Offline Sir Thomas

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Re:Wozu Lit(t)eratur?
« Reply #7 on: 16. Juli 2009, 14.40 Uhr »
Hallo arbor,

auch wenn Du den von mir hochgeschätzten Oscar Wilde zitierst und somit Deine Ausführungen über den schriftlichen Zugang zur Wirklichkeit sympathischerweise mit einem Literaten (und nicht mit einem Wissenschaftler) begründest, möchte ich das nicht unkommentiert lassen. Ich bin weder in den Neurowissenschaften noch in den Tiefen der Erkenntnistheorie außerordentlich bewandert, aber soviel scheint festzustehen: Schrift ist eine kulturelle Leistung und eine notwendige Voraussetzung für die Entwicklung von Hochkulturen, aber deshalb noch lang nicht der alleinige Königsweg zu einem grunsätzlichen Verständnis der Welt oder der Wirklichkeit.

Natürlich sind Schriftkulturen den illiteraten Gesellschaften haushoch überlegen. Dennoch bedarf es nicht der Schrift (wohl aber der Sprache, denn: "Worte ermöglichen einen wesentlicheren Zugriff auf die Wirklichkeit", wie Du schreibst), um Erkenntnisse über die Lebenswelt zu gewinnen und diese nutzbar zu machen (über die Art dieser Erkenntnisse müssen wir uns nicht unterhalten; sie sind wohl eher lebenspraktischer und nicht philosophischer o.ä. Natur). Denken, Begreifen, Verstehen und Sprechen sind vorschriftliche Errungenschaften, die über einen sehr langen Zeitraum der Menschheitsgeschichte vollkommen ausreichten, unserer Spezies zum Erfolg zu verhelfen.

Schrift und Literatur tauchten in den angehenden Hochkulturen erst auf, als wesentliche Probleme der materiellen Grundversorgung dauerhaft gelöst waren. Dennoch sind sie seit ihrer Erfindung alles andere als eitler Luxus, denn im irgendwann einsetzenden Wettbewerb zwischen Völkern und Kulturen waren schnell diejenigen einen Schritt voraus, die ihr Wissen dauerhaft niedergelegt oder gar kodifiziert hatten und es somit effizient und verzerrungsfrei an folgende Generationen weiterreichen konnten. Das gesamtgesellschaftliche Wissen wurde durch die Erfindung der Schrift von einflußreichen und mächtigen Individuen (Häuptlingen, Clanführern, Priestern, Schamanen, Druiden etc.) losgelöst und auf den zunehmend größeren Kreis derjenigen verlagert, die schrift- und lesekundig waren. Der Übergang von der Mündlichkeit zur Schriftlichkeit ist ein faszinierendes Momentum unserer Entwicklungsgeschichte!

LG

Tom

Offline Bonaventura

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Re:Wozu Lit(t)eratur?
« Reply #8 on: 16. Juli 2009, 15.10 Uhr »
Natürlich sind Schriftkulturen den illiteraten Gesellschaften haushoch überlegen.

Was ist der Gradmesser für die haushohe Überlegenheit einer Kultur über die andere? Die Anzahl von Toten, die sie in einem beliebigen, aber fest gewählten Zeitraum erzeugen kann?

Offline sandhofer

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Re:Wozu Lit(t)eratur?
« Reply #9 on: 16. Juli 2009, 15.27 Uhr »
Natürlich sind Schriftkulturen den illiteraten Gesellschaften haushoch überlegen.

Was ist der Gradmesser für die haushohe Überlegenheit einer Kultur über die andere? Die Anzahl von Toten, die sie in einem beliebigen, aber fest gewählten Zeitraum erzeugen kann?

Hallo Bonaventura!

Das erinnert mich daran, dass ich Deine Kommunikationstechnik für mich selber schon mal "Guerilla-Posting" genannt habe ...   ;) : Kommt aus dem Hinterhalt, sticht einmal kurz zu - und weg ist er. Wilhelm Tell soll's auch so gemacht haben.

Aber ich bin mit Dir einig, dass Aussagen wie «im "Naturzustand" stecken bleiben» oder das von Dir monierte «andern Gesellschaften haushoch überlegen sein» tatsächlich problematisch sind, da sie nun entweder mit sehr viel Hintergrund ausgestopft werden müssen oder sich den Vorwurf gefallen lassen müssen, eindimensional, eurozentrisch zu sein. (Ich vermeide mal das Wort "rassistisch" - aber es hängt im Raum.) Es müsste wirklich zuerst ge- oder erklärt werden, warum der "Naturzustand" (gibt es den überhaupt?) rückständiger ist als eine Schriftkultur. Ist es (z.B.) nicht auch eine Kulturleistung, eine ganze homerische Odyssee auswendig vortragen zu können einerseits, ruhig zuzuhören und nicht wegzuzappen andererseits? Und ... und ... und ... Alle diese und noch weitere Fragen stecken in Deiner kleinen Pfeilspitze, Bonaventura. Vermute ich jetzt mal. Aber vielleicht übersetzt Du dich selber?  ;D

Grüsse

sandhofer
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Offline Sir Thomas

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Re:Wozu Lit(t)eratur?
« Reply #10 on: 16. Juli 2009, 15.59 Uhr »
Was ist der Gradmesser für die haushohe Überlegenheit einer Kultur über die andere?

Die Anzahl möglicher und (über)lebensfähiger (viabler) Realitätskonstrukte und die sich daraus ergebende Vielfalt der Handlungsoptionen. Anders formuliert: Das Wissen über eine Vielzahl alternativer Zugänge zur Realität. Und schließlich die Fähigkeit zu erkennen, dass jede Wirklichkeit eine Konstruktion ist, die auf der Verabredung beruht, sie als Wirklichkeit zu akzeptieren.

@ sandhofer: Darin "Eurozentrismus" oder gar "Rassismus" zu sehen, ist für mich nicht mehr als ein vorschneller Reflex.

Offline sandhofer

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Re:Wozu Lit(t)eratur?
« Reply #11 on: 16. Juli 2009, 17.26 Uhr »
@ sandhofer: Darin "Eurozentrismus" oder gar "Rassismus" zu sehen, ist für mich nicht mehr als ein vorschneller Reflex.

Aber ein natürlicher. Wenn's nämlich so unausgestopft dasteht, wie es zu Beginn da gestanden hat. ;)
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arbor

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Re:Wozu Lit(t)eratur?
« Reply #12 on: 16. Juli 2009, 18.04 Uhr »
@ Sir Thomas
Ich habe an keiner Stelle ausschließlich von "Schrift" gesprochen, sondern vom "Wort" (das sowohl mündlich als auch schriftlich überliefert werden kann, sogar visuell). Insofern rennst du offene Türen ein mit deiner Argumentation.
Im übrigen gibt es eine Reihe kultureller Leistungen, die ich nicht missen möchte. Ich denke, es gehört dazu, dass sich der Mensch vom reinen Naturwesen zu einem Kulturwesen entwickelt hat. Naturvölkern, die dies nicht geschafft haben, sind in der Tat im Kreislauf des reinen Lebenserwerbs stecken geblieben. Ich will das nicht werten, ich möchte nur so nicht leben (müssen).

Offline Bonaventura

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Re:Wozu Lit(t)eratur?
« Reply #13 on: 16. Juli 2009, 20.09 Uhr »
Natürlich sind Schriftkulturen den illiteraten Gesellschaften haushoch überlegen.

Was ist der Gradmesser für die haushohe Überlegenheit einer Kultur über die andere? Die Anzahl von Toten, die sie in einem beliebigen, aber fest gewählten Zeitraum erzeugen kann?

Aber vielleicht übersetzt Du dich selber?  ;D

Wozu? Ich werde hier doch prima verstanden.  :D

Offline sandhofer

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Re:Wozu Lit(t)eratur?
« Reply #14 on: 16. Juli 2009, 20.36 Uhr »
Natürlich sind Schriftkulturen den illiteraten Gesellschaften haushoch überlegen.

Was ist der Gradmesser für die haushohe Überlegenheit einer Kultur über die andere? Die Anzahl von Toten, die sie in einem beliebigen, aber fest gewählten Zeitraum erzeugen kann?

Aber vielleicht übersetzt Du dich selber?  ;D

Wozu? Ich werde hier doch prima verstanden.  :D

Nun ja: Es hat nicht jeder meine psychoanalytische Vorbildung ...   :P
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