Hallo arbor,
auch wenn Du den von mir hochgeschätzten Oscar Wilde zitierst und somit Deine Ausführungen über den schriftlichen Zugang zur Wirklichkeit sympathischerweise mit einem Literaten (und nicht mit einem Wissenschaftler) begründest, möchte ich das nicht unkommentiert lassen. Ich bin weder in den Neurowissenschaften noch in den Tiefen der Erkenntnistheorie außerordentlich bewandert, aber soviel scheint festzustehen: Schrift ist eine kulturelle Leistung und eine notwendige Voraussetzung für die Entwicklung von Hochkulturen, aber deshalb noch lang nicht der alleinige Königsweg zu einem grunsätzlichen Verständnis der Welt oder der Wirklichkeit.
Natürlich sind Schriftkulturen den illiteraten Gesellschaften haushoch überlegen. Dennoch bedarf es nicht der Schrift (wohl aber der Sprache, denn: "Worte ermöglichen einen wesentlicheren Zugriff auf die Wirklichkeit", wie Du schreibst), um Erkenntnisse über die Lebenswelt zu gewinnen und diese nutzbar zu machen (über die Art dieser Erkenntnisse müssen wir uns nicht unterhalten; sie sind wohl eher lebenspraktischer und nicht philosophischer o.ä. Natur). Denken, Begreifen, Verstehen und Sprechen sind vorschriftliche Errungenschaften, die über einen sehr langen Zeitraum der Menschheitsgeschichte vollkommen ausreichten, unserer Spezies zum Erfolg zu verhelfen.
Schrift und Literatur tauchten in den angehenden Hochkulturen erst auf, als wesentliche Probleme der materiellen Grundversorgung dauerhaft gelöst waren. Dennoch sind sie seit ihrer Erfindung alles andere als eitler Luxus, denn im irgendwann einsetzenden Wettbewerb zwischen Völkern und Kulturen waren schnell diejenigen einen Schritt voraus, die ihr Wissen dauerhaft niedergelegt oder gar kodifiziert hatten und es somit effizient und verzerrungsfrei an folgende Generationen weiterreichen konnten. Das gesamtgesellschaftliche Wissen wurde durch die Erfindung der Schrift von einflußreichen und mächtigen Individuen (Häuptlingen, Clanführern, Priestern, Schamanen, Druiden etc.) losgelöst und auf den zunehmend größeren Kreis derjenigen verlagert, die schrift- und lesekundig waren. Der Übergang von der Mündlichkeit zur Schriftlichkeit ist ein faszinierendes Momentum unserer Entwicklungsgeschichte!
LG
Tom