Hallo!
Borsts Buch über das "Alltagsleben" ist eines der meistgelesenen Bücher über dieses Thema - und das eigentlich auch zu Recht. Trotz der über 600 Seiten wünscht man sich sogar viele Kapitel ausführlicher (wird aber mit einer umfangreichen Bibliographie entschädigt, die allerdings aufgrund des Erscheinungsdatums des Buches - 1983 - nicht auf dem neuesten Stand ist). Dies war auch die Zeit, als das Mittelalter plötzlich "in" war, als man neben den "finsteren" Aspekten kultur- und geistesgeschichtliche Entwicklungen genauer zu untersuchen bestrebt war (und in seiner Begeisterung für das Mittelalter mitunter über das Ziel hinausschoss).
Und genau das ist hier teilweise der Fall: Und zwar werden die Ausführungen immer dann ein wenig peinlich, wenn Borst Vergleiche mit der Gegenwart anzustellen sich bemüßigt fühlt. Da werden dann Klischees breitgetreten und über diese Gegenwart jene Platitüden verbreitet, die man aus der Mittelalterforschung zu eliminieren bemüht war. So etwa die Darstellung eines idyllischen Sterbens (im Gegensatz zum klinisch-aseptischen Sterben in den heutigen Krankenhäusern): "Er [der Tod] ist nicht das Unheimliche, von dem man am besten nicht spricht - wie wir das heute gewöhnt sind -, jeder kennt ihn, jeder erlebt ihn, daheim schon das Kind, wenn der Großvater, umringt von Kindern und Enkeln, in seiner Stube die Augen schließt." Dabei vergisst Borst, dass er ein Kapitel zuvor das Durchschnittsalter auf 35 Jahre angesetzt hat (was trauernde Enkel nicht eben wahrscheinlich macht) und dass dieses Sterben am Land höchstwahrscheinlich sehr einsam und Stille erfolgt ist: Denn man wird das Tagwerk nicht haben ruhen lassen können, nur weil der Opa krank war. Zudem mag es sein, dass sich's heute im Krankenhaus einigermaßen anonym stirbt: Aber es ist mitnichten so, dass dort nur gestorben wird. Meine Eltern, die mittlerweile schon fast biblisches Alter erreicht haben, waren des öfteren im Krankenhaus und verdanken dieser Einrichtung (mit durchaus freundlichem Personal, wobei ich selbst schlechtere Erfahrungen gemacht habe) die Tatsache, dass sie nicht schon vor 30 Jahren im Kreise ihrer Lieben dahingeschieden sind.
Überall dort also, wo der Autor seine Gegenwart kritisch zu betrachten sich anschickt (auch etwa in Bezug auf die Wirtschaftsform: Man sei genügsamer gewesen im Mittelalter, weniger gierig und habe nicht gehortet: Mag sein, aber dergleichen hat eben neben der antikapitalistischen Attitüde auch die Auswirkung, dass man aufgrund von Unwettern oder schlechten Ernteerträgen allenthalben zu verhungern geruhte) wird man mit wenig originellen Gedanken konfrontiert. Ansonsten ist dieses Buch immer noch ein anregendes, informatives und wunderbar zu lesendes Werk.
lg
orzifar