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Eine alte Frau erzählt ihr Leben, ein Leben der Armut, des Hungers, des Krieges. Ihr Mann kämpft im Bürgerkrieg gegen Franco, wird verhaftet, gefoltert, auch sein Bruder landet im Gefängnis, jahrelang droht ihm nach seiner Verurteilung der Tod. Es ist ein Kampf ums nackte Überleben, in diesen Kampf verflochten die Schicksale der Familienmitglieder: Der im Alter wieder zum Kind werdende Großvater, der dahinsiecht und stirbt, die Verzweiflung des anderen Großvaters, der seine Kräfte schwinden spürt, sich unnütz fühlt und schließlich dem Leben selbst ein Ende macht, die lebenslustige Schwägerin, die sich mit allen überwirft und von Alkohol und Krebs zerfressen einen verlassenen Tod stirbt. Dazu die stille Romanze zwischen Ana, der Erzählerin, und ihrem Schwager, der spät endlich auch aus dem Gefängnis entlassen wird. Nichts geschieht zwischen den beiden, doch die Spannung ist immer spürbar, ihr Mann verschließt die Augen vor dem Offensichtlichen. Bis "sie" auftaucht, die Frau mit der schönen Schrift, die sich für etwas Besseres hält und Antonio, den Schwager, umgarnt, mit ihm wegzieht, ein feudales Leben führt, keine Berührungsängste kennt gegenüber den Rechten, die jetzt an der Macht sind. Die Freundschaft der Brüder zerbricht, Anas Mann stirbt verzweifelt, betrunken bei einem Unfall. Und erst nach Jahren taucht Antonio wieder auf, alt und müde geworden, zum Sterben bereit, aber noch immer ohne wirklich verstanden zu haben, welche Auswirkungen sein Leben auf die Familie hatte.
Auf der letzten Seite erinnert sich Ana an die Legende von den Seeleuten, die sich weigern schwimmen zu lernen: Um im Falle des Unglücks schneller den Tod zu finden. "Ich konnte den Neid auf jene nicht unterdrücken, die gleich am Anfang gegangen sind, die nicht Zeit gehabt haben, unser aller Schicksal zu erleben." Nun ist sie "müde geworden", wartet auf den Tod, während sie ihrem Sohn diese Geschichte erzählt: Der was Besseres hätte werden sollen und geworden ist. Und auf den Tod der Mutter wartet, damit das Haus abgerissen werden kann um Platz zu machen für größere Häuser, ein Abriss, von dem sie in diesem ihren Leben nichts wissen will. Denn wenn auch die Erinnerungen durchwegs traurig sind, so sind sie doch auch das einzige, das sie noch besitzt. "Wenn ich sterbe, könnt' ihr machen, was ihr wollt. Ihr werdet nicht lange warten müssen."
Eindrucksvoll, ohne Pathos erzählt Chirbes diese Geschichte, ohne alle Sentimentalität, ohne Trost zu versprechen. Ein Dutzendleben, das gelebt zu werden sich kaum lohnte, desillusionierend, müde machend. Und trotzdem spürt man die Kraft dieser Frau, auch wenn diese Kraft möglicherweise vergeudet war: "Denn ich habe erfahren müssen, dass die ganze Anstrengung umsonst war. Jetzt warte ich." In ihrem Leben gibt es nur noch ein Ereignis, auf das sie warten kann.
lg
orzifar