Hallo!
Da nie ganz auszuschließen ist, dass hier jemand mitliest, der auch das in Frage stehende Buch kennt, muss ich den brandstiftenden Jugendlichen von gestern relativieren: De Libera bringt ein ganz ähnliches Beispiel, durchaus ironisch gemeint, weshalb man meinen könnte, das mir dieselbe entgangen sei, indem ich das Beispiel dieser Ironie wieder entkleide. Tatsächlich aber liegt das Problem darin, das de Libera in seiner Bildungsbeflissenheit zwar auch bezweifelt, ob der renitente Vorstadthalbstarke sich von mittelalterlicher Philosophie beeinflussen lässt, nichts desto weniger ein solches Programm trotzdem vertritt.
Und der Mediävist spricht pro domo: Nicht immer zum Vergnügen des Lesers (der - in meiner Gestalt - sich nun auch das teilweise beanstandete Buch von Le Goff geliehen hat, um auch die andere Seite zu hören). Denn das philosophische Mittelalter gerät ihm zu einer allüberall missverstandenen Epoche, von fehlerhafter "ternärer Periodisierung" über eine ebenso fragwürdige (weil nicht stattgehabte?) "theologoische Reaktion", die so wissenschaftsfeindlich gar nicht gewesen sei bis hin zum Lobgesang auf die Disputatio, die sich - man staune - als die tatsächliche Vorläuferin der analytischen Philosophie des 20. Jahrhunderts entpuppt. Und historiographische Kategorien darf man schon gar nicht gebrauchen, da sie allesamt fehlerhaft und vereinfachend wären (das haben allerdings Einteilungen in Kategorien so an sich). Dass in all dem natürlich auch berechtigte Kritik verborgen ist, steht außer Frage: Aber der Autor schießt dann doch weit übers Ziel hinaus.
Das alles entscheidende Missverständnis bzw. dessen Analyse steht noch aus: Es handelt sich um die schon erwähnte Verurteilung verschiedener Thesen durch Stephan Tempier. Aber schon der Beginn des Kapitels hat wieder jene pseudointellektuelle Klugschwätzerei im Gefolge, die mich zunehmend nervt: Entblödet sich - nach de Libera - doch da jemand im 20. Jahrhundert von der "Rückkehr des tiefsten Mittelalters" zu sprechen (weil er sich wegen einer Engelsfigur mit erigiertem Penis vor Gericht zitiert sieht). Erst in diesem Ausspruch vom "tiefsten Mittelalter" aber sieht de Libera das wahre Skandalon: Welche Unbildung, welch ein historisches Desaster. Das aber, Monsieur, ist ähnliche Klugscheißerei, wie der von Halbgebildeten vorgebrachte Hinweis, dass der Quantensprung im Sinne seiner üblichen Zitierung keine große, sondern ein höchst bescheidene Änderung sei. Stimmt - wie die wenig historisch fundierte Bemerkung bezüglich des Mittelalters: Sie ist aber im Kontext ihrer gebräuchlichen Verwendung (die sich nicht an formaler Richtigkeit misst) so verständlich wie im Sinne einer pragmatischen Sprachverwendung richtig. Schon Moritz Schlick hat in diesem Zusammenhang festgestellt: Der Gebrauch eines Wortes macht seine Bedeutung aus, die Bedeutung bestimmt seinen Gebrauch nicht. Dies hier nur deshalb in der Ausführlichkeit, weil solche intellektuelle Entrüstung keineswegs das Privileg des in Frage stehenden Autors ist, sondern Sprachpuristen auch im 21. Jahrhundert umtreibt.
lg
orzifar