Author Topic: Alain de Libera: Denken im Mittelalter  (Read 3227 times)

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Alain de Libera: Denken im Mittelalter
« on: 01. September 2015, 06.39 Uhr »
Hallo!

Der Autor untersucht die "Intellektuellen" des Mittelatler - insbesondere jene des ausgehenden 13. und beginnenden 14. Jahrhunderts. Dabei weist er auf zweierlei hin (in Abgrenzung zu le Goffs "Die Intellektuellen im Mittelalter"): Eine Relativierung der Bedeutung des Aristoteles bzw. die Analyse seiner Rezeption (u. a. wurde aristotelische Kritik lange an einem Buch "Liber de causis" festgemacht: Das gar nicht vom Stagiriten, sondern von einem unbekannten Araber, der bei Al Kindi und Proklos geklaut hat, stammt): Denn dadurch setzte sich im Abendland eine arabische Version des "Aristotelismus" durch, die etwa den Rahmen einer nicht-aristotelischen Kosmologie lieferte. Das zweite, auf das de Libera hinweist, sind die "neuen" Intellektuellen: Die hochgebildeten Laien, wobei der Apotheker Dante als Paradebeispiel fungiert.

Außerdem will er diese Epoche nicht nur historisch betrachten, besser: Er will sie in Bezug setzen zur Gegenwart, um ein nicht bloß gelehrtes, langweiliges Buch zu schreiben. (Das allerdings ist nach meinem Dafürhalten eine Selbstverständlichkeit: Jedes gute Buch - sei es so gelehrt wie auch immer - hat einen solchen Bezug.) Der Beginn des ersten Kapitels allerdings verstört: Das ist ein Jammern und Wehgeschreib ob der Nichtachtung der Philosophiegeschichte, diese würde von Philosophen selbst scheel betrachtet, von Historikern desgleichen, da dies nicht "ihr Gebiet" sei. Und überhaupt sei das Ansehen der universitären Forschung in unserer Gesellschaft schlecht - und das der Philosophie im besonderen. Man bedürfe also eines "Foucault", der das intellektuelle Mittelalter in die Geschichte der Philosophie zurückhole (und wahrscheinlich glaubt de Libera, dieser Foucault zu sein).

Das ist mir ein wenig zu viel des Wehklagens - und außerdem müsste das alles erst bewiesen werden: Dass Philosophie nicht die Massen begeistert ist eine Trivialität, das ist aber in der Paläontologie ebenso wie bei der Entomologie. Ich hoffe, dass seine Ausführungen zum einen den hochgestellten Zielen gerecht werden und einen Grund dafür bieten, dass die mittelalterliche Philosophie in aller Munde ist. Allein mit Selbstbemitleiden wird das aber nicht zu bewerkstelligen sein.

lg

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Re: Alain de Libera: Denken im Mittelalter
« Reply #1 on: 05. September 2015, 00.25 Uhr »
Hallo!

De Libera hat sich nun bei mir eingeschleimt: Wie er elegant Julia Kristeva absolute Ignoranz und sinnfreies "Name-Dropping" nachweist - das hat schon was. Diese "Philosophin" (die Anführungszeichen müssen einfach sein: Denn sie ist bestenfalls die Karikatur einer solchen) besitzt tatsächlich ein gewisses Talent, ihre pseudointellektuellen Ergüsse aus den verschiedensten Wissenszweigen nach reinem Zufallsprinzip zusammenzustoppeln; nicht von ungefähr wurde ihr in Sokal/Bricmont "Eleganter Unsinn" ein Kapitel gewidmet. De Liberas Abfuhr bezüglich ihrer Vergleiche von mittelalterlichen und gegenwärtigen Philosophen hat in seinem (fast) unpolemischen, aber fein gewähltem Sprachduktus einiges für sich und mich gut unterhalten.

Wobei: Schreiben kann er, aber - wie das oft zu sein pflegt: Er läuft Gefahr, dieses sein Talent zu sehr zu strapazieren - und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass so manches nur der Formulierung wegen da steht. Und nach wie vor habe ich über das Denken im Mittelalter selbst wenig erfahren, nur darüber, wie die Lage für Mediävisten in Frankreich sich darstellt (seiner Meinung nach beschissen). Da mag er Recht haben wie auch mit dem implizit ausgedrückten Wunsch, dass eine vermehrte, philosophische Beschäftigung (auch mit scheinbar Abwegigem) etwas Positives ist. Aber der Buchtitel versprach anderes. Insofern bisher: Thema verfehlt.

lg

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Re: Alain de Libera: Denken im Mittelalter
« Reply #2 on: 09. September 2015, 05.13 Uhr »
Hallo!

In einigen Teilen besinnt sich de Libera nun doch auf das eigentliche Thema. U. a. liefert er einen wichtigen (und mittlerweile auch bekannten) Hinweis auf eine lange vergessene Errungenschaft des mittelalterlichen Denkens: Nämlich auf die Sprachphilosophie. Dass in der Lehre von der suppositio und der significatio die modernen Begriffe von Intension, Extension, Denotation, Konnotation etc. verborgen sind und viele in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der Sprachphilosophie aufgeworfene Themen damit so neu gar nicht waren, hat man lange Zeit übersehen. Darauf hinzweisen, die Entstehung dieser Begriffe zu analysieren versteht der Autor ausgezeichnet. Ein weiteres, sehr gut aufbereitetes Thema ist jenes von den "zwei Wahrheiten", die nach de Libera auf eine teilweise Fehlinterpretation zurückzuführen sind. Erst durch den Syllabus (1277) von Stephan Tempier entsteht dieser Konflikt: Denn bei dem den Konflikt auslösenden Boethius von Dacien klingt die Aufteilung in Philosophie und Theologie noch recht gemäßigt. Jeder solle sich entsprechend seiner Kompetenzen auf seinen eigenen Bereich beschränken. Der Philosoph muss Gründe und Beweise vortragen (hier kann der Gläubige nichts beitragen), während auf dem Gebiet des Glaubens der Philosoph schweigen muss. Erst durch Tempiers Erfindung der doppelten Wahrheit entsteht hier ein Konflikt.*

Dann gibt es wieder Auslassungen zur gegenwärtigen (1991) politischen Lage: Le Pen und Bernard Tapie finden Erwähnung, im Zusammenhang mit dem Averroismus meint de Libera, dass man den zahlreichen muslimischen Einwanderern (und den Einheimischen) die Bedeutung der arabisch-philosophischen Tradition klar machen sollte. Sollte man, zugegeben. Überhaupt wäre die Welt vielleicht eine bessere, in der man sich weniger um Geld und Reichtum und Ansehen kümmert als um philosophische Erkenntnis. Aber das arabische Jugendliche aus den Banlieues aufgrund der vermittelten philosophischen Tradition weniger Autos anzünden werden, will ich denn doch bezweifeln. Diese Betrachtungen von Intellektuellen zur allgemeinen gesellschaftlichen Lage haben (wie so häufig) etwas eminent Weltfernes - und das ist auch hier nicht anders.

lg

orzifar

*) Im übrigen wird der den Anhängern Occams zugeschriebene Agnostizismus oft fälschlicherweise mit Atheismus verwechselt: Tatsächlich führt dieser Agnostizismus aber zum Fideismus - auch bei den Nominalisten. Einem solchen Fideismus wird auch durch Tempier (unwissentlich?) das Wort geredet. Darauf aber geht (bisher) der Autor kaum ein.
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Re: Alain de Libera: Denken im Mittelalter
« Reply #3 on: 10. September 2015, 04.42 Uhr »
Hallo!

Da nie ganz auszuschließen ist, dass hier jemand mitliest, der auch das in Frage stehende Buch kennt, muss ich den brandstiftenden Jugendlichen von gestern relativieren: De Libera bringt ein ganz ähnliches Beispiel, durchaus ironisch gemeint, weshalb man meinen könnte, das mir dieselbe entgangen sei, indem ich das Beispiel dieser Ironie wieder entkleide. Tatsächlich aber liegt das Problem darin, das de Libera in seiner Bildungsbeflissenheit zwar auch bezweifelt, ob der renitente Vorstadthalbstarke sich von mittelalterlicher Philosophie beeinflussen lässt, nichts desto weniger ein solches Programm trotzdem vertritt.

Und der Mediävist spricht pro domo: Nicht immer zum Vergnügen des Lesers (der - in meiner Gestalt - sich nun auch das teilweise beanstandete Buch von Le Goff geliehen hat, um auch die andere Seite zu hören). Denn das philosophische Mittelalter gerät ihm zu einer allüberall missverstandenen Epoche, von fehlerhafter "ternärer Periodisierung" über eine ebenso fragwürdige (weil nicht stattgehabte?) "theologoische Reaktion", die so wissenschaftsfeindlich gar nicht gewesen sei bis hin zum Lobgesang auf die Disputatio, die sich - man staune - als die tatsächliche Vorläuferin der analytischen Philosophie des 20. Jahrhunderts entpuppt. Und historiographische Kategorien darf man schon gar nicht gebrauchen, da sie allesamt fehlerhaft und vereinfachend wären (das haben allerdings Einteilungen in Kategorien so an sich). Dass in all dem natürlich auch berechtigte Kritik verborgen ist, steht außer Frage: Aber der Autor schießt dann doch weit übers Ziel hinaus.

Das alles entscheidende Missverständnis bzw. dessen Analyse steht noch aus: Es handelt sich um die schon erwähnte Verurteilung verschiedener Thesen durch Stephan Tempier. Aber schon der Beginn des Kapitels hat wieder jene pseudointellektuelle Klugschwätzerei im Gefolge, die mich zunehmend nervt: Entblödet sich - nach de Libera - doch da jemand im 20. Jahrhundert von der "Rückkehr des tiefsten Mittelalters" zu sprechen (weil er sich wegen einer Engelsfigur mit erigiertem Penis vor Gericht zitiert sieht). Erst in diesem Ausspruch vom "tiefsten Mittelalter" aber sieht de Libera das wahre Skandalon: Welche Unbildung, welch ein historisches Desaster. Das aber, Monsieur, ist ähnliche Klugscheißerei, wie der von Halbgebildeten vorgebrachte Hinweis, dass der Quantensprung im Sinne seiner üblichen Zitierung keine große, sondern ein höchst bescheidene Änderung sei. Stimmt - wie die wenig historisch fundierte Bemerkung bezüglich des Mittelalters: Sie ist aber im Kontext ihrer gebräuchlichen Verwendung (die sich nicht an formaler Richtigkeit misst) so verständlich wie im Sinne einer pragmatischen Sprachverwendung richtig. Schon Moritz Schlick hat in diesem Zusammenhang festgestellt: Der Gebrauch eines Wortes macht seine Bedeutung aus, die Bedeutung bestimmt seinen Gebrauch nicht. Dies hier nur deshalb in der Ausführlichkeit, weil solche intellektuelle Entrüstung keineswegs das Privileg des in Frage stehenden Autors ist, sondern Sprachpuristen auch im 21. Jahrhundert umtreibt.

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Re: Alain de Libera: Denken im Mittelalter
« Reply #4 on: 17. September 2015, 03.14 Uhr »
Hallo!

Das Nachfolgende über Sexualität oder Astrologie ist äußerst lesbar, auch wenn manche Interpretationen mir ein wenig an den Haaren herbeigezogen scheinen. Im übrigen - um kurz noch einmal auf das "tiefste Mittelalter" zurückzukommen: De Liberas Echauffieren über den pejorativen Tonfall ist eigentlich in doppelter Hinsicht unsinnig: Nicht nur liegt auf der Hand, was da gemeint war, auch kann er keineswegs den Beweis antreten, dass dieses Mittelalter nicht finster war - vor allem die Epoche zwischen 400 und 1200 war in wissenschaftlicher, gesellschaftspolitischer oder philosophischer Hinsicht zappenduster. Da kann man noch so sehr Mediävist von ganzem Herzen sein: In dieser Periode wird man bestenfalls genuin christliche Themen behandelt finden, aber kaum etwas von Belang. Was - ob der Geistfeindlichkeit des Christentums nicht weiter verwundert: Man hat brav auf Augustinus und seinem Verdikt über die Vernunft gehört. Im 5. vorchristlichen Jahrhundert findet man in Athen ungleich mehr zivilisatorischen Geist als in den 800 Jahren in ganz Europa. Da kann man durchaus von schlechten, geistigen Lichtverhältnissen sprechen. (Und ohne arabische Vermittlung hätte es auch keine Scholastik gegeben.) - Aber das nur so nebenbei.

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Re: Alain de Libera: Denken im Mittelalter
« Reply #5 on: 18. September 2015, 05.37 Uhr »
Hallo!

Im zweiten Teil des Buches kommt de Libera schließlich doch noch zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit seiner These. Ob man sich darüber freuen kann ist eine andere Frage. Denn eigentlich ist das Buch schließlich die Bestätigung all der Vorurteile, die der Autor zu Beginn als falsch und irrtümlich bezeichnete. Ich habe nun doch noch eine Blogartikel daraus gemacht.

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