Author Topic: Stewart O'Nan: Abschied von Chautauqua  (Read 4686 times)

Offline orzifar

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Stewart O'Nan: Abschied von Chautauqua
« on: 22. März 2015, 20.07 Uhr »
Hallo!

Eine Woche Sommerferien in Chautauqua mit der gesamten Familie: Nur Großvater Henry fehlt, er starb im Vorjahr an Krebs. Deshalb soll es auch das letzte Mal sein, das Haus am See wird von seiner Witwe Emily verkauft, obwohl es eigentlich allen um das Anwesen leid tut.

Es passiert nicht viel in dieser letzten Woche: Die Kinder Ken und Meg kommen mit ihren eigenen Kindern, man sitzt bei Schlechtwetter im Haus, versucht einander aus dem Weg zu gehen, hofft, dass die Woche so schnell wie möglich um sei. Die Vergangenheit wird erinnert: Die ewigen Streitigkeiten zwischen Emily und ihrer Tochter, die sich nun zu allem Überdruss von ihrem Mann scheiden lässt (oder er von ihr?!), der stille Ken, der vergeblich versucht hat, zwischen Tochter und Mutter zu vermitteln, sich selbst als Künstler (Fotograph) begriffen hat, aber mit allen seinen Unternehmungen kläglich gescheitert ist, dieses Scheitern aber nicht einzugestehen vermag: Die verquere Hoffnung ist alles, was ihm geblieben ist. Seine Frau Lise, mit Emily verfeindet, aus gutem Elternhaus, erträgt ihn (und er sie), manchmal mag man sich sogar, sieht aber dann doch nur das großflächige Scheitern, spürt die Angst, dass den Kindern ein gleiches bevorsteht. Auch Arlene, unverheiratete Schwester des verstorbenen Henry, hat sich wie immer eingefunden, auch sie träumt ihrem vergangenen Leben nach, der einzigen (gescheiterten) Beziehung, denkt an die zahllosen Schüler ihrer Lehrerinnenexistenz, die ihr eigene Kinder nur schlecht ersetzen konnten (und die zu ihrer Nicht Meg eine enge Beziehung aufbaut: Oftmals aber nur, um Emily gemeinsam gegenübertreten zu können). Dazu die 13jährigen Mädchen, Sarah, attraktiv, selbstbewusst, Ella hingegen das Mauerblümchen, die sich zu allem Überdruss während dieser Woche in Sarah verliebt. Und die beiden 10jährigen Jungen mit ihren Spielekonsolen, Justin ängstlich, seine Vorstellungen gespickt mit Szenen aus Horrorfilmen, linkisch, ungeschickt, Sam hingegen selbstbewusster, aber unzufrieden und mit der Neigung, sich Dinge anzueignen, die ihm nicht gehören.

Und schließlich fährt man wieder, das Haus wird doch verkauft (trotz der kurzzeitigen Hoffnungen von Meg und Ken, das noch verhindern zu können), man kehrt zurück in die kleine private Hölle, zu den Alltäglichkeiten, den Schwierigkeiten. Es ist nicht nur ein Abschied von Chautauqua, sondern ein Abschied vom Leben, von den Träumen, Hoffnungen, man denkt an den Tod (wie Emily und Arlene), an die finanziellen Schwierigkeiten und das nun schon halb gelebte Leben (Meg und Ken), das offenbar nicht mehr viel bereithält außer einem Überstehen von Tag zu Tag, Woche zu Woche - oder hat noch kindliche Hoffnungen, von denen der Leser aber schon ahnt, das ihnen genauso wenig Erfüllung beschieden sein wird wie den vergangenen Träumen der Erwachsenen.

Dass dieses weitgehend handlungslose Buch über 700 Seiten durchaus zu beeindrucken vermag liegt an der genauen Beobachtungsgabe O'Nans, seinen psychologisch feinfühligen "inneren Monologen" (die eigentlich keine sind - eher ist " stream of consciousness" angebracht), die selbst die kindlichen Charaktere plastisch und nachvollziehbar erscheinen lassen. Dieses banale Leiden am Leben, das Changieren zwischen Unzufriedenheit und Verzweiflung, die Sinnleere eines so nie gewollten Lebens - das alles wird ganz großartig dargestellt, das man als Leser nie ganz unberührt bleibt von den Gedanken der Protagonisten, sie zu verstehen beginnt in ihrem Suchen, Sehnen nach einem "mehr", das aber nirgendwo sichtbar wird, immer nur Schimäre bleibt.

Ein Buch über Familienbeziehungen, Sinnleere, Aussichtslosigkeit und Alltäglichkeit, das sich nie in Platitüden verliert, das immer einem realistischen, illusionslosen Erzählstil verpflichtet bleibt und die Banalität eines Durchschnittslebens auf verstörende und beeindruckende Weise zum Ausdruck bringt. Wert, gelesen zu werden.

lg

orzifar
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