Hallo!
Die Hoffnung auf echte Kritik und weniger Gewäsch wurde enttäuscht - im Gegenteil: Das völlig substanzlose Gestammel des zweiten Teiles des Buches ist schon fast eine Frechheit (einem Studenten würde man eine solche Aneinanderreihung von Leersätzen und Platitüden kaum durchgehen lassen). Es liest sich wie eine Sonntagspredigt für Kritische Rationalisten: Sie sollten doch kritischer sein, offener, man müsse eine Neustrukturalisierung des KR ins Auge fassen, eine Neubewertung seiner Ansätze, weil das alles nun schon lange nicht mehr erfüllt sei. Seitenlange Äußerungen wie diese:
"Der kritische Rationalismus verschließt sich de facto gegen die Kritik von der anderen Seite. Damit macht er sich nicht nur des Verstoßes gegen die eigene Forderung rückhaltloser Kritikoffenheit schuldig, sondern verzichtet auf die Nutzbarmachung von Anrgegungen, Einsichten und Ergebnissen alternativer Philosophie für die Weiterentwicklung der eigenen phil. Konzeption. Denn es hat sich inzwischen zur Genüge herausgestellt, daß manche Probleme, zumal ungelöste, in der Philosophiegeschichte vorhergesehen und manche Lösungsvorschläge des KR vorgedacht und nicht grundlos für ungenügend befunden worden sind. Und über die zukünftige Entwicklung - gerade auch der eigenen Konzeption - haben Vertreter eine philosophie ouverte sowieso nicht allein zu befinden. Aber mit dieser halb als Feststellung, halb als Forderung gemeinten Schlußfolgerung des immerhin nicht zuletzt aus denselben Popperschen Ideen hervorgegangenen Kritischen Pluralismus tut sich der orthodoxe KR schwer." Usf.
Es wird behauptet, wo argumentiert werden müsste, Vermutungen werden als bewiesen hingestellt und auf eine konkrete Analyse einzelnen Positionen anhand von Textbeispielen wartet man vergebens. Häufig werden die Bücher in ihrer Gesamtheit zitiert (z. B. Spinner 1974, Albert 1968), erfolgt auch eine Seitenangabe, so schlägt man den inkriminierten Tatbestand vergeblich dort nach (da ich fast alle Bücher von Popper und Albert besitze, habe ich diesen Versuch unternommen). Der immer gleiche substanzlose Inhalt (kritischer sein, Umstrukturierung) ausgewalzt auf unzählige Seiten, ohne selbst Vorschläge zu machen (außer eben jene in dieser Sonntagspredigtmanier) oder gar konkrete Punkte anzusprechen. (Konkret im Spinnerschen Sinne wäre dann etwa: "Der Kritische Rationalismus muss ein analytisches Instrumentarium entwickeln, um eine Makroanalyse gesellschaftlicher Strukturen durchführen zu können; ein solches Instrumentarium fehlt." Wie dieses aussehen, was es ersetzen könnte, warum es effizienter wäre als die übliche Methode des KR, was damit gewonnen wäre, welche unterschiedlichen Ergebnisse so etwas zeitigen könnte etc. bleibt der Kreativität des Lesers überlassen. Oder die wiederholte Feststellung, dass sich alle Kritischen Rationalisten der empirischen Sozialforschung verweigern würden, wodurch der gesamte soziologische Teil des KR unbefriedigend sei. Weder ein Beleg dafür, dass dem überhaupt so ist noch welche Konsequenzen sich konkret daraus ergeben würden, wenn denn diese Forschungen einbezogen würden. Zumeist erfolgt dann - in verschiedenen Abwandlungen - ein Satz wie dieser: "Hier ist nicht der Platz, diesen Ansatz weiter auszuführen." Wo - wenn nicht in diesem Buch - der Platz der geeignete wäre, bleibt unerfindlich. Schlussfolgerung des Ganzen: Das "Prinzip" Kritik müsse wieder stärker in den KR einbezogen werden, denn es ging verloren durch die Untätigkeit der einzelnen Kritischen Rationalisten, vor allem der deutschen, die sich im Positivismusstreit verzettelt hätten und dort einzig die Wertdimension berücksichtigt hätten.
Fazit von Spinner ist, dass "eine kritische Sozialwissenschaft für angebracht gehalten wird, denn sie ist hier und jetzt erforderlich, die Probleme sind da, die auf eine problemorientierte Wissenschaft oder Philosophie anzusetzen wären" (Hevorhebung durch den Autor). Mehr Substanzielles als solche einfältige Phrasendrescherei ist dem Autor nicht zu entlocken. Wenn er auf diese Weise dem KR die im Untertitel des Buches beklagten "verlorenen Maßstäbe" zurückzugeben sucht, dann wäre der KR zu beklagen gewesen. Auch wenn ich etwa Feyerabends Kritik in keinster Weise teile: Er hat wenigstens versucht, nicht im auschließlich polemischen Predigtstil die vermeintlichen Irrwege des KR zu korrigieren (auch wenn er sich dabei in relativistische Untiefen verloren hat und später nur noch als Stichwortgeber für den esoterischen Stammtisch diente). Bei Spinner hat man hingegen den Eindruck, dass es ihm gar nicht um die in Frage stehende Philosophie, sondern vielmehr um die mit ihr befassten Personen geht, denen er pauschal Unfähigkeit unterstellt. Dadurch auch der polemische Stil, die Attitüde des unverstandenen Kritikers, der hier vergeblich gegen die universitäre und politische Macht des KR ankämpft. (Das wahrscheinlich schlechteste Fachbuch dieses Lesejahres ...)
lg
orzifar