Author Topic: Hans Albert: Traktat über kritische Vernunft  (Read 1735 times)

Offline orzifar

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Hans Albert: Traktat über kritische Vernunft
« on: 20. Juni 2014, 06.04 Uhr »
Hallo!

Ein Klassiker der philosophischen Literatur, die vielleicht wichtigste Publikation für den Kritischen Rationalismus im deutschsprachigen Raum, wenn man von den Büchern Karl Poppers absieht.  Albert war der erste Philosoph Deutschlands, der das Konzept der Falsifikation, Fallibilität und rationalen Kritik für sich selbst adaptierte, andere epistemologische Ansätze auf dieser Basis kritisierte und vor allem auf den verderblichen Versuch einer Letztbegründung der Erkenntnis hinwies, eine Letztbegründung, die aufgrund des hier erstmals vorgestellten (und später "berühmt" gewordenen) Münchhausen-Trilemmas nicht durchführbar ist.

Sicherheit über Wahrheiten lassen sich nur im rein analytisch-definitorischen Bereich erzielen. Allerdings sagen solche Wahrheiten nichts über die Welt aus, das etwa von Kant erträumte synthetische Apriori lässt sich auf diese Weise nicht erreichen. Synthetische Aussagen sind hinwiederum immer mit Unsicherheit behaftet: Entweder man gerät in einen infiniten Begründungregress (da sich immer alle für die Wahrheit einer Aussage angeführten Gründe bezweifeln lassen) oder aber man setzt, wie etwa bei induktiven Beweisführungen, das zu Beweisende bereits voraus. Die einzige Möglichkeit, diesen Fallstricken zu entgehen besteht darin, dass man den Begründungsregress an einer Stelle (vorgeblich wohlüberlegt) dogmatisch abbricht, wie dies vor allem im metaphysisch-theologischen Denken geschieht. Selbstverständlich unterliegt aber dieses Dogma genauso der Kritik wie die zuvor erwähnten Begründungsversuche, auch wenn es verschieden raffinierte Versuche gibt, diese Dogmen absolut zu setzen und damit kritikimmun zu machen.

Ob es nun empirische Versuche wie im Neopositivismus sind (die für bestimmte Protokollaussagen Gewissheit in Anspruch nehmen wollten), ob man die "Evidenz" von Einsichten behauptet (in deren Gefolge Husserl seine "reine Schau" der Dinge entwickelt hat), eine Evidenz, über deren Klarheit zumeist kein Einvernehmen besteht oder sich auf "unhintergehbare Lebenswelten" bzw. "ideale Kommunikationsgemeinschaften" beruft - nie entkommt man diesem Trilemma, auch wenn der Begründungsabbruch entweder kaschiert oder als "für alle einsichtig" beschrieben wird. Die Methode der rationalen Kritik beweist vor allem bei solchen Immunisierungsversuchen ihre wahre Stärke. Und Albert zeigt überzeugend, dass die Methode der rationalen Kritik anderen - etwa hermeneutischen - Ansätzen überlegen ist. So muss auch die Hermeneutik für die "Sicherheit" ihrer Erkenntnisse eine quasi-theologische Einsicht voraussetzen, die dann einem elitären Personenkreis zugesprochen wird und wieder einen dogmatischen Anspruch erhebt. Auf diese Weise erfährt die Theologie eine metaphysische Fortsetzung in hermeneutischem Gewand.

Interessant sind die Ausführungen Alberts zum Problem der Sozialwissenschaften, wobei sich hier die Diskussionen des "Positivismusstreits" widerspiegeln. Albert ist es vor allem darum zu tun, dass es für die Sozial- bzw. Geisteswissenschaften keiner "besonderen" Methode bedarf, sondern die rationale Kritik auch in diesem Bereich erfolgreich eingesetzt werden kann. Die vorgeschlagene Methodendifferenz im Sinne Diltheys erinnert stark an die mittelalterliche Trennung von Philosophie und Theologie bzw. an das Konzept der "doppelten Wahrheit". Und läuft im Grunde wiederum darauf hinaus, durch die Anerkennung besonderer Fähigkeiten einzelner oder aber die Einsichtigkeit bestimmter Aussagen ein unhintergehbares Fundament zu erzeugen.

Ebenso trifft die Kritik die Sprachphilosophie im Wittgensteinschen Sinne: Sobald über das bloß deskriptive Moment hinausgegangen und irgendeine hypothetische Äußerung getan wird, ist diese Hypothese wieder rational kritisierbar. Einzig, wenn man sich auf sprachimmanente, logische Konzepte zurückzieht (wie dies Wittgenstein im Tractatus gemacht hat), erreicht man die erstrebte Sicherheit, allerdings bleibt dann - wie Wittgenstein auch selbst bemerkte - die Welt als solche, die Wirklichkeit, auf der Strecke. Es ist allerdings nicht einzusehen, warum die Philosophie auf ihre Beziehung zur Realität Verzicht leisten sollte: Wenn man keinen Absolutheitsanspruch erhebt, lassen sich über diese unsere Wirklichkeit sehr wohl sinnvolle Aussagen treffen.

Der "Traktat über kritische Vernunft" enthält in nuce die gesamte Philosophie Alberts, viele seiner späteren Bücher dienten der Präzisierung oder aber waren als Erwiderung auf Angriffe gedacht. Das Außergewöhnliche dieses Werkes besteht in der Präzision und Verständlichkeit, mit der Albert seine Positionen vorträgt, ein auch in dieser Hinsicht beispielhaftes Werk.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline sandhofer

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Re: Hans Albert: Traktat über kritische Vernunft
« Reply #1 on: 20. Juni 2014, 19.37 Uhr »
Danke! Ist mal zur Lektüre notiert - ich habe gerade festgestellt, dass ich (im Gegensatz zu Popper) von Albert nichts hier stehen habe ...
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus