Author Topic: Ignazio Silone: Fontamara  (Read 1724 times)

Offline orzifar

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Ignazio Silone: Fontamara
« on: 03. Mai 2014, 05.24 Uhr »
Hallo!

Ein Dorf irgendwo in Italien zur Zeit des Faschismus, dessen Einwohner ("Cafoni") ausgebeutet und erniedrigt werden, deren einzige Erfahrung mit der Obrigkeit darin besteht, dass ihnen von dem wenigen, das sie besitzen, noch genommen wird. Und es sind keine Revolutionäre, sondern schicksalsergebene Kleinbauern, für die jedes neue Edikt, jede neue Steuer wie ein von Gott verhängtes Schicksal getragen werden muss. So hat sich ihr Schicksal auch zu der Zeit der Schwarzhemden nicht wirklich gewandelt: Einzig, dass die Verbrechen nun im Schutze und gestützt von der Obrigkeit begangen werden, überrascht die Bewohner von Fontamara.

Die Armut hat ihre eigenen Gesetze. Vor allem aber: Sie macht die Menschen nicht besser, sie läutert nicht oder fördert altruistische Neigungen. Sondern führt zum Kampf um das tägliche Brot, führt zum Egoismus, zu einem Überlebenwollen um jeden Preis. So erzeugt die Unterdrückung keine Solidarität, sondern Konkurrenz, Neid, Unmoral. Einzig Berardo, ein vom Schicksal besonders verfolgter junger Mann, weist immer wieder darauf hin, dass mit Reden allein einem nicht geholfen würde. Man müsse auch etwas tun! Und trotzdem ist auch er ein Kind seines Dorfes: Mit einer selbstverständlichen Hochachtung vor der Macht, falschen Ehrbegriffen und geprägt von den gesellschaftlichen Zwängen des Dorfes.

Sein Versuch sich eine Existenz aufzubauen scheitert. Und im Tod wird er zum Helden, er stirbt für eine revolutionäre Bewegung, die er eigentlich nicht versteht, die ihm aber ebenso schicksalhaft erscheint wie sein ganzes Leben. Das Dorf wird ausgelöscht, einige fliehen, andere sterben. Die Sinnhaftigkeit des Widerstandes bleibt unklar, klar hingegen ist die Ungerechtigkeit der Welt, der Wunsch des "Cafone" auf ein menschenwürdiges Leben. Aber nirgends eine Obrigkeit, die dafür zuständig wäre.

Der Roman besticht durch eine einfache, aber sehr genaue Sprache, die mit einem eigentümlich sarkastischem Humor durchzogen ist. Die Schicksalsergebenheit der verarmten Bauern bewegt sich zwischen enttäuschter Hoffnung und einem nüchternen Realitätssinn, der weiß, dass die Welt im Grunde ungerecht ist. Diese Stimmung zu beschreiben gelingt Silone auf ganz wunderbare Weise, keine Glorifizierungen klassenkämpferischer Art, keine moralisch erhabenen Armen, sondern abergläubische, der Tradition verhaftete Bauern, die selbst in ihrer größten Verzweiflung fast nur wider Willen revoltieren. Ein Roman, der beeindruckt, ein Autor, der sein Metier versteht.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
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Offline sandhofer

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Re: Ignazio Silone: Fontamara
« Reply #1 on: 03. Mai 2014, 19.17 Uhr »
Hallo!

Danke für Deine Eindrücke. Dennoch und trotz allem: Ich kann mich für die Italiener - jednefalls die so ungefähr nach der Renaissance - nicht begeistern. Keine Ahnung, warum.

Grüsse

sandhofer
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus