Hallo!
Ich lag mit der Vermutung richtig, dass sich an der Qualität der Darstellung nicht wirklich Entscheidendes ändern würde auf den restlichen Seiten. Ein äußerst biederes, farbloses Werk, manchmal wie zusammengeflickt aus verschiedenen Aufsätzchen, kein großes Ganzes: Beispielhaft die Behandlung der Bekanntschaften und Geliebten Roths, da gibts kleine Kapitelüberschriften und eine - sehr lieblose - Kurzbeschreibung der jeweiligen Person, nirgendwo in ein Gesamtkonzept (gibt's das überhaupt?) integriert, sondern wie ein notgedrungen einzufügender Fremdkörper wirkend.
Roths Person, seine Besonderheiten, Eigenschaften bleiben Sternburg verborgen; er hat sich offenbar einen Schriftsteller für seine biographischen Bemühungen gesucht, dessen Charakter ihm fremd ist. Wenn er über dessen Alkoholismus schreibt, so erweckt dies den Eindruck, dass er für seine Recherchen bezüglich des Suchtverhaltens die Beilage einer Hausfrauenzeitschrift bemüht hat. Dazu kommen krude Theorien über die Vererblichkeit von Süchten, die, selbst wenn sie irgendeinen Wahrheitsanspruch erheben könnten, für Roths eigenes Trinkverhalten vollkommen belanglos sind. Sternburg begreift nicht den Zusammenhang zwischen Alkoholismus und Roths oft seltsamen politischen Ansichten, seinen Lügengebäude bezüglich seiner Herkunft, dem Märchenhafte der Zeit im Ersten Weltkrieg, er versteht nicht, dass diesen Äußerungen eine andere Interpretation zugrunde gelegt werden muss, dass sie nicht bloß verifiziert oder falsifiziert werden können. Mit dem bloßen Konstatieren eines solchen Faktums ist nichts getan, das "warum" bleibt dem Autor aber verborgen.
So liest sich das alles wie ein ins Kraut geschossener Artikel einer Enzyklopädie, uninspiriert und langweilig. Damit will ich keineswegs einer romanhaften Darstellung a la Stefan Zweig das Wort reden (dessen Lebensbeschreibungen sind nun wirklich eine einzige Katastrophe), aber ein Mindestmaß an Einfühlungsvermögen ist für die Interpretation der Fakten notwendig. Sternburg scheint sich schlicht die falsche Person für sein Unternehmen ausgesucht zu haben.
Auch die Behandlung des Rothschen Werkes hat etwas Schüleraufsatzhaftes: Sternburg operiert hier ebenfalls mit Unterkapiteln, referiert brav den Inhalt und ergeht sich bestenfalls in Plattheiten: So ist etwa die Tatsache, dass ein Alkoholiker in seinen Romanen Alkoholiker beschreibt, nicht wirklich überraschend, auch nicht, dass er sich für diese Figuren an seinem eigenen Trinkverhalten orientiert hat. Rückschlüsse, Interpretationen, die über das allzu Offensichtliche hinausgehen, erwartet man aber vergebens.
In der Beurteilung fügt sich Sternburg der überlieferten Meinung, kaum ein eigenes Urteil, eigene Ansichten oder Einsichten zum Werk. Nicht weiter überraschend, dass auch er die "Legende vom Heiligen Trinker" als großes Alterswerk bezeichnet (wobei es viel eher misslungener Ausdruck des Wunschdenkens und Träumens ist: Romantische Verklärung des Trinkens nebst Wundertätigkeit als Gegenstück zu geschwollener Trinkerleber, Hämorrhoiden und elendiglichem Krepieren an Delirium tremens), sodass das Resumee dieser 487 Seiten ein trauriges bleibt: Überdimensionale Seminararbeit, brav recherchiert und dokumentiert, aber ziemlich unbeleckt von jeglicher Einsicht in das Werk und Leben Joseph Roths.
lg
orzifar