Author Topic: Olivier Rolin: Meroe  (Read 2253 times)

Offline mombour

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Olivier Rolin: Meroe
« on: 14. Juli 2009, 18.53 Uhr »
Hallo

Im Zuge mit der Beschäftigung mit J. M. G. Le Clézios Roman „Onitsha“ stieß auf auf Olivier Rolin „Meroe“ und bin sehr froh, diesen Roman gelesen zu haben. Während der Lektüre schreitet man in die faszinierende Geschichte des Sudans. Der Roman vermittelt schöne Gedanken, es wird philosophiert. Außerdem vermittelt das Buch sanfte Wellen von Melancholie, handelt es doch vom Scheitern in der Welt, von verpassten Gelegenheiten, vom sog. „zu spät“, im rechten Moment abwesend zu sein, von Zufällen die eintreten, dadurch sich bewegende Wendungen in der Historie und im individuellem Bereich ergeben.

„SOS- Rufe , die im Äther verpuffen, vergebliche Flaschenpost. Ein Zufall hilft, oder auch nicht.“


Wir lesen aus der Perspektive des Erzählers, der sich in einem Hotelzimmer in Khartum an zurückbleibende Ereignisse erinnert, die ihm persönlich sehr Nahe gehen. Daraus kristallisieren sich drei Handlungsebenen. Er denkt zurück an Alfa, seine große Liebe, die ihn in Paris im Jardin du Luxembourg anpricht, die er zwar verloren hat, aber immer noch sehr intensiv herbeisehnt, so intensiv, dass er seine Gefühle und auch Alfas Stimme auf andere Frauen projiziert. Wir haben es also mit jemanden zu tun, der sich die Vergangenheit in die Gegenwart holen will. Trotzdem weiß er

„Man kann die Intensität der Liebe nicht messen....weder der Liebe noch des Entsetzens, des Leidens, nicht einmal der Literatur...“ Wenn man sagt, man habe ein Buch mehr geliebt als alle anderen so ist das „dummes Zeug“. „Es ist nicht EIN Buch, sondern das Gewitterdonnern der Literatur, das einem von Zeit zu Zeit einen Blitz in den Pelz jagt....“

„Was erinnert an eine Frau, die man geliebt hat? Ein Negativabdruck. Ein paar Erinnerungen, die um den Punkt herumflirren, wo sie sich auflösen. Wie die gleißende Materie am Rande eines schwarzen Lochs, von dem alles Licht geschluckt wird...“

Herrlich in den Roman integriert werden die geschichtlichen Ereignisse um den britischen Generalmajor und Generalgouverneur von Charles Gordon, der im Jahre 1885 während des dortigen Mahdi-Aufstandes kurz bevor helfende englische Truppen eintrafen, geköpft worden war, (es handelt sich um die genannte „Gordon Relief Expedition“ unter der Führung von Garnet Joseph Wolsey). Die Truppen kamen zu spät und Gordon scheiterte.

Die dritte Handlungsebene sind die Geschehnisse um die Archäologen der. Heinrich Vollender. In einem Gepräch mit dem Spezialisten für christliche Altertümer im Sudan ergeben sich interessante geschichtsphilosophische Überlegungen. Natürlich wird auch von der Fazination gesprochen, warum Vollender ausgerechnet in den Sudan gekommen ist. Vollenders Fazination am Sudan liegt darin, dass die alten Kulturen sich im heißen Wüstensand wie eine Konserve gehalten haben im Gegensatz zur DDR, die einfach verschwunden ist, und Ruinen zurücklässt „von denen die Archäologen kommender Jahrhunderte nicht einmal eine Spur davon auffinden werden. Das Gespräch mit Vollender gipfelt in Überlegungen des historischen und individuellen „zu spät“. Natürlich kennt Vollender die Ereignisse um Carles Gordon, erzählt aber auch von Flauberts „Lehrjahre des Gefühls“, in dem eine Frau nach sehr vielen Jahren zu einem Mann zurückkehrt. Der Mann liebt sie zwar noch, die Frau schneidet aber eine Strähne aus ihrem Haar. Es ist einfach „zu spät“.

Die Ausflüge in die sudanesische Geschichte finde ich äußerst faszinierend. Im mittelalterlichen Sudan, gemeint ist hier die Kultur von Makuria, die Kultur, die die Epoche der Meroe abgelöst hat, war die griechische Sprache vorhanden. Gewissermaßen ist Makuria ein Ableger von Byzanz, der aber aufgrund seiner angeschirmten Lage (Wüste) so ziemlich auf sich selbst gestellt war und von der Welt der Kulturen, die um das Mittelmeer herum existiert haben, ausgegrenzt war. Die Fazination liegt eben genau darin, dass die christliche Welt auch in den Wüsten des Sudan Spuren hinterlassen haben. Das war mir auch neu. Die Geschichte Ägyptens ist mir zwar vertraut, im Sudan eröffnete sich für mich eine neue Welt.

„Bis zu Anfang des 14. Jahrhunderts gibt es in Makuria, bis zu Anfang des 16. in Aloa schwarze Könige, die sich für den Kaiser von Byzanz halten, sich als Basileus ansprechen lassen und auf Griechisch zu ihrem gekreuzigten Gott beten.“

Darüber kann ich nur staunen.

Der Roman steht unter dem Motto eines Zitates von Rimbaud, aus dem Brief an seine Mutter, 20.02. 1891:

„Man altert hier sehr schnell, wie überhaupt im Sudan.“

Bevor der erste Teil des Buches beginnt, erzählt Olivier Rolin zur Einstimmung einiges über den Sudan. Es handelt sich nicht um ein typisches Vorwort, sondern es gehört schon zum Roman, darin wir erfahren, das „Bilal el Sudan“ das „Land der Schwarzen“ bedeutet , das größte Land Afrikas. Es werden die zahlreichen Länder aneinandergereiht, die am Sudan angrenzen. Erwähnt wird auch Wadi Halfa, „die Grenzstation zu Ägypten, wo Flaubert, Maxime du Camp zufolge, die Eingebung von Name und Vorname der Emma Bovary hatte.“ Dann auch wieder Infos zur Geschichte. 1820 eroberte Khedif Mohammed das Land (ägyptische Kolonisierung) und dann fällt erstmals der Name von Charles Gordon.,

„den man auch den 'Chinesen' nannte, weil er zuvor eine Armee von Glücksrittern gegen die T'ai -ping ins Feld geführt hatte...“

Zur Einstimmmung in den Sudan, sind solche historischen Einwürfe oder auch bestimmte Mentalitäten der Sudanesen sehr willkommen. So fällt ein sudanesisches Sprichwort, Allah, der nicht gerade für seinen Humor bekannt sei, sei nach der Erschaffung des Sudans in ein unstillbares Gelächter ausgebrochen, und Gordon schrieb in sein Tagebuch (1884); „...It's a beautiful country for trying experiments with your patience.“ Das British Empire währte bis 1955, heute eine islamische Militärdiktatur. Im ersten Buchteil, Kap.2 schreibt Rolin sehr spitz:

„ Allenthalben beginnt das Geplärre des Alleinigen Gottes, und mit ihm der Sturzangriff Seiner Untertanen, der Mücken. Wenn sie nicht wären und die bewaffneten Patrouillen, die jetzt die Straßen besetzen, wäre dies die schöne Tageszeit: kühl und melancholisch.“

In Olivier Rolin's Roman erspürt man die Liebe zum Sudan, auch wenn er (s.o. im Zitat) Kritik an der islamischen Milkitärdiktatur übt. Der Roman ist ein exemplares Beispiel für phantasievolles Erzählens und fordert dem Leser immer wieder zum Nachdenken heraus. Wie schon gesagt, es ist ein Roman voll schöner Sätze, voll schöner Gedanken.

„Die Nacht fällt vom Himmel, drückt auf den malvenfarbenen Fluss, wie grüne Raketen steigen die Minarette aus den hohen schwarzen Gräsern.“

Liebe Grüße
mombour
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