Author Topic: "De l’Allemagne“ - Kontroverse Ausstellung im Louvre  (Read 5601 times)

Offline Sir Thomas

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"De l’Allemagne“ - Kontroverse Ausstellung im Louvre
« on: 09. April 2013, 15.08 Uhr »
Eine Schau deutscher Kunst im Louvre ("1800 - 1939: Von C.D. Friedrich zu Beckmann") sorgt für Entsetzen hierzulande. Die FAZ befindet, es handele sich um die Bildergeschichte eines abgründigen, von starken dunklen Kräften gebeutelten Landes, das über die Romantik, die bizarren Welten Böcklins und einen grünstichigen Expressionismus hindurch mehr oder weniger geradlinig auf den Nationalsozialismus zusteuerte. [...] Wer die Katalogbeiträge nicht liest und nur der Beschilderung der Schau folgt, gewinnt den Eindruck, dass die Deutschen sich nach einem kurzen Moment der Faszination für die Antike in ihre Wälder zurückzogen und dort, im grün vermoosten Dickicht, unter den giftigen Farben von Erde und Schimmel, gegen 1900 verrückt wurden, bevor sie schließlich im Nationalsozialismus wieder herausgekommen sind.

Hier geht es zum gesamten Beitrag:
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst/de-l-allemagne-im-louvre-aus-tiefem-tal-direkt-zu-riefenstahl-12141764.html

Was an der Sache fasziniert: Wir feiern in diesen Tagen recht unkritisch (wie mir scheint) unseren romantischen Nationaltonsetzer Richard Wagner. Da wird heillos gelobt ("der Ring - das komplexeste und vielschichtigste Werk des 19. Jahrhunderts") und schwadroniert. Vom „Mythos Wagner“ faselt der Politikwissenschaftler Udo Bermbach, der seine Thesen aus dem Jahr 1994 (Der Wahn des Gesamtkunstwerks – Richard Wagners politisch-ästhetische Utopie, 2. erw. Auflage 2004) recycelt und erneut behauptet, Wagner habe sein „Gesamtkunstwerk“ als ästhetisches Modell einer demokratischen Gesellschaft konzipiert; dass Wagner als Künstler danach strebte, Kunst und Politik zu versöhnen; dass Wagner letztlich ein falsch verstandener Revolutionär sei, der quasi durch dieses Missverständnis zum Nationalkünstler avanciert wurde.

Dem lobhudelnden Autor sei die Lektüre des Buchs „Seelenzauber“ empfohlen. Der Thomas Mann-Exeget Hans Rudolf Vaget zeichnet darin ein anderes Bild der deutschen Musik des 19. Jahrhunderts - und das war fast ausschließlich die romantische, ab der Jahrhundertmitte insbesondere die Wagnersche Musik. Seine These lautet, dass der nationalsozialistische Imperialismus schon in einem seit der Romantik herrschenden Kulturimperialismus angelegt war – und zwar in der als selbstverständlich angenommenen Vorrangstellung der deutschen Musik spätestens seit Beethoven und Schubert. Besonders der weltweite Triumph Wagners war jedoch Ausdruck einer kulturellen Hegemonie, die im deutschen Kaiserreich und später auch vom NS-Regime (stets im Einklang mit dem imperialistischen Großbürgertum) in einen Anspruch auf politische Hegemonie umfunktioniert wurde.

Thomas Mann war es auch, der als vielleicht erster Wagnerianer ahnte, worauf er sich eingelassen hatte. Die Wagnersche Kunstrevolution sei ein der Nazi-Revolution verwandtes Phänomen, heißt es in seiner Washingtoner Ansprache "Schicksal und Aufgabe" (Oktober 1943). Der Ring des Nibelungen sei „im Grunde gegen die ganze bürgerliche Kultur und Bildung gerichtet“, ein Werk aus „Urtümlichkeit und Zukünftigkeit“, das sich „an eine nichtexistente Welt klassenloser Volkheit wendet.“ Wagners Werk sei „der deutsche Beitrag zur Monumentalkunst des 19. Jahrhunderts“, aber in einer Erscheinungsform, die vom Sozialen und Gesellschaftlichen nichts weiß und auch nicht wissen will, von unhistorisch-zeitloser [= ästhetischer!?] Urpoesie der Natur und des Herzens dafür umso mehr. „Der deutsche Geist ist sozial und politisch … uninteressiert. Im tiefsten ist diese Sphäre ihm fremd.“     

Nimmt man den Romantikessay Rüdiger Safranskis hinzu (Romantik – eine deutsche Affäre, 2007), dann steht die Romantik (durch die Betonung des dionysischen Lebens und dem daraus ableitbaren Ideal der ungehemmten Selbstverwirklichung des starken Lebens auf Kosten des schwächeren) unter dem dringenden Verdacht, die Entwicklung eines rationalen und humanistisch orientierten Politikverständnisses in Deutschland behindert oder gar unmöglich gemacht zu haben. Die Sehnsucht nach einer ästhetischen und daher unpolitischen Politik (an der auch der junge Thomas Mann mitgestrickt hat! siehe „Betrachtungen eines Unpolitischen“) habe letztlich auch das Bündnis zwischen der romantisch-wagnerisch orientierten deutschen Elite und dem Nazi-Mob gestiftet.

ALSO: Was gibt es eigentlich zu meckern an der Ausstellung im Louvre (außer, dass deren zentrale These vielleicht etwas mehr Ausführlichkeit und Argumentationsschärfe nötig hat)?

Offline sandhofer

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Re: "De l’Allemagne“ - Kontroverse Ausstellung im Louvre
« Reply #1 on: 22. April 2013, 21.19 Uhr »
Schlägt mittlerweile selbst in der Schweiz Wellen:

«Der Louvre sollte sich der Diskussion nun offen annehmen»

War jemand vor Ort?
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Offline Sir Thomas

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Re: "De l’Allemagne“ - Kontroverse Ausstellung im Louvre
« Reply #2 on: 23. April 2013, 11.50 Uhr »
Schlägt mittlerweile selbst in der Schweiz Wellen:

«Der Louvre sollte sich der Diskussion nun offen annehmen»

War jemand vor Ort?

Leider nein, und das wird wohl auch so bleiben. Ohnehin interessiert mich der Katalog mehr als die Ausstellung selbst (vorausgesetzt, er ist in einer Übersetzung ins Englische oder Deutsche verfügbar).

Offline Gontscharow

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Re: "De l’Allemagne“ - Kontroverse Ausstellung im Louvre
« Reply #3 on: 26. April 2013, 17.15 Uhr »

Einen  ganz hervorragenden Artikel zur Ausstellung hat Jürgen Ritte in der NZZ geschrieben.
Er bringt schlicht und ergreifend alles zur Sprache und auf den Punkt, was mich an dem, was ich von der Ausstellung bislang gehört habe, irritiert: Der  Titel, der an das von Mme de Stael geprägte Deutschlandbild von annodunnemal anknüpft, die düsteren Visionen des Zeitgenossen Anselm Kiefer im Entree, die befremdlichen Eckdaten 1939(!), die unselige wie kunsthistorisch unsinnige Opposition zwischen Apollinischem und Dionysischem, die höchst sonderbare Auswahl und (Aussparung!) von Künstlern  etc. Vor allem aber, dass die deutsche Kultur und Geschichte auf einen Sonderweg in die Katastrophe reduziert und hochrangige Kunstwerkezur Illustrationen einer Vision der deutschen Geschichte im 19. und frühen 20. Jahrhundert degradiert werden.

Ehrlich gesagt, wundert mich das alles nicht allzu sehr. Klischees und Vorurteile sind zählebig und erfreuen sich wegen des Wiedererkennungswertes großer Beliebtheit. Gr0ße Schauen und Kunstausstellungen geben sich häufig  populistische, Klischees bedienende Titel. (Ich war mal in einer sehr schönen Ausstellung , die Kunstwerke  aus der Tretjakow-Galerie zeigte - unter dem konsalik-verdächtigenTitel „ Die russische Seele“.)
Ich vermute besucherquotentechnische Gründe. Die Franzosen sollen sich wieder so richtig schön gruseln dürfen vor ihren deutschen Nachbarn.Und nach wie vor: Nicht nur sex sells, auch Hitler sells!
Auch wenn ich vor Ort wäre, würde ich De l’Allemagne nicht besuchen. Eher die grandiose Ausstellung Schwarze Romantik. Von Füssli zu Max Ernst im Musee d’Orsay,wenn ich die nicht schon in Frankfurt gesehen hätte. Da wird nämlich u.a. deutlich, dass Romantik kein spezifisch deutsches, sondern ein gesamteuropäisches Phänomen ist.

@Tom: Den Katalog gibt es nur auf französisch. Und die Audio-Guides auch, wie Leute berichteten, die vor Ort waren. 

Offline sandhofer

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Re: "De l’Allemagne“ - Kontroverse Ausstellung im Louvre
« Reply #4 on: 27. April 2013, 08.44 Uhr »
Den Katalog gibt es nur auf französisch.

Ich muss mal schauen, ob ich mir den bestellen kann.
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Offline Gontscharow

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Re: "De l’Allemagne“ - Kontroverse Ausstellung im Louvre
« Reply #5 on: 27. April 2013, 08.59 Uhr »
Den Katalog gibt es nur auf französisch.

Ich muss mal schauen, ob ich mir den bestellen kann.

Hier.

Offline Sir Thomas

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Re: "De l’Allemagne“ - Kontroverse Ausstellung im Louvre
« Reply #6 on: 27. April 2013, 10.24 Uhr »
... dass Romantik kein spezifisch deutsches, sondern ein gesamteuropäisches Phänomen ist.

Ja, aber nur in Deutschland hat sie bis tief in das 20. Jahrhundert hinein ihre antiaufklärerische Wirkung entfalten können. Noch der erste Weltkrieg wurde von Konservativen wie Thomas Mann zum Kampf deutscher Kultur (und das war für ihn die apolitische Kultur des Eichendorffschen Taugenichts!) gegen die rationalisierte und politisierte westliche Zivilisation stilisiert.   

Offline Gontscharow

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Re: "De l’Allemagne“ - Kontroverse Ausstellung im Louvre
« Reply #7 on: 29. April 2013, 10.37 Uhr »
... dass Romantik kein spezifisch deutsches, sondern ein gesamteuropäisches Phänomen ist.

Ja, aber nur in Deutschland hat sie bis tief in das 20. Jahrhundert hinein ihre antiaufklärerische Wirkung entfalten können. Noch der erste Weltkrieg wurde von Konservativen wie Thomas Mann zum Kampf deutscher Kultur (und das war für ihn die apolitische Kultur des Eichendorffschen Taugenichts!) gegen die rationalisierte und politisierte westliche Zivilisation stilisiert.   

Stilisiert ..ja, von Thomas… Dass es, selbst wenn man aus dem selben Stall kam, auch anders ging, zeigt Bruder Heinrich… Und dass Militaristen, Imperialisten, Diktatoren und deren Ideologen alles Mögliche aus der Tradition, von der römischen Antike bis zum Futurismus etc, zur ideologischen Unterfütterung und Rechtfertigung ihrer Umrtriebe stilisieren und instrumentalisieren, ist kein spezifisch deutscher Weg.

Aber hier geht es ja um Romantik in der bildenden Kunst und ihre Tentakel bis ins 20.Jahrhundert. Da empfiehlt sich als Gegengift gegen die Darstellung der teleologisch in den Abgrund führenden spezifisch deutschen Entwicklung ein Blick in die Einführung der Städel-Ausstellung im Musee d’Orsay, die dort L’ange du bizarre [/url] heißt, und in das witzige Video mit den Bildzitaten.
Kostprobe aus der Einführung:

Angesichts der Nichtigkeit und Ambiguität des Fortschritts interessieren sich ab 1880 zahlreiche Künstler für die schwarze Romantik. Sie lassen die Mythen wieder aufleben und machen sich die Erkenntnisse der Traumdeutung zunutze, um dem Menschen seine Ängste und Widersprüche vor Augen zu führen: die jedem Menschen inhärente Grausamkeit und Boshaftigkeit, die Gefahr einer kollektiven Degeneration, die beklemmende Wunderlichkeit des Alltags, die in den fantastischen Erzählungen von Poe oder de Barbey d’Aurévilly aufgedeckt wird. So tauchen während der zweiten industriellen Revolution Hexen, grinsende Skelette, unförmige Dämone, lüsterne Teufel, unheilvolle Zauberinnen … auf,...
« Last Edit: 29. April 2013, 12.09 Uhr by Gontscharow »