Eine Schau deutscher Kunst im Louvre ("1800 - 1939: Von C.D. Friedrich zu Beckmann") sorgt für Entsetzen hierzulande. Die FAZ befindet, es handele sich um
die Bildergeschichte eines abgründigen, von starken dunklen Kräften gebeutelten Landes, das über die Romantik, die bizarren Welten Böcklins und einen grünstichigen Expressionismus hindurch mehr oder weniger geradlinig auf den Nationalsozialismus zusteuerte. [...] Wer die Katalogbeiträge nicht liest und nur der Beschilderung der Schau folgt, gewinnt den Eindruck, dass die Deutschen sich nach einem kurzen Moment der Faszination für die Antike in ihre Wälder zurückzogen und dort, im grün vermoosten Dickicht, unter den giftigen Farben von Erde und Schimmel, gegen 1900 verrückt wurden, bevor sie schließlich im Nationalsozialismus wieder herausgekommen sind. Hier geht es zum gesamten Beitrag:
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst/de-l-allemagne-im-louvre-aus-tiefem-tal-direkt-zu-riefenstahl-12141764.html Was an der Sache fasziniert: Wir feiern in diesen Tagen recht unkritisch (wie mir scheint) unseren romantischen Nationaltonsetzer Richard Wagner. Da wird heillos gelobt ("der Ring - das komplexeste und vielschichtigste Werk des 19. Jahrhunderts") und schwadroniert. Vom „Mythos Wagner“ faselt der Politikwissenschaftler Udo Bermbach, der seine Thesen aus dem Jahr 1994 (Der Wahn des Gesamtkunstwerks – Richard Wagners politisch-ästhetische Utopie, 2. erw. Auflage 2004) recycelt und erneut behauptet, Wagner habe sein „Gesamtkunstwerk“ als ästhetisches Modell einer demokratischen Gesellschaft konzipiert; dass Wagner als Künstler danach strebte, Kunst und Politik zu versöhnen; dass Wagner letztlich ein falsch verstandener Revolutionär sei, der quasi durch dieses Missverständnis zum Nationalkünstler avanciert wurde.
Dem lobhudelnden Autor sei die Lektüre des Buchs „Seelenzauber“ empfohlen. Der Thomas Mann-Exeget Hans Rudolf Vaget zeichnet darin ein anderes Bild der deutschen Musik des 19. Jahrhunderts - und das war fast ausschließlich die romantische, ab der Jahrhundertmitte insbesondere die Wagnersche Musik. Seine These lautet, dass der nationalsozialistische Imperialismus schon in einem seit der Romantik herrschenden Kulturimperialismus angelegt war – und zwar in der als selbstverständlich angenommenen Vorrangstellung der deutschen Musik spätestens seit Beethoven und Schubert. Besonders der weltweite Triumph Wagners war jedoch Ausdruck einer kulturellen Hegemonie, die im deutschen Kaiserreich und später auch vom NS-Regime (stets im Einklang mit dem imperialistischen Großbürgertum) in einen Anspruch auf politische Hegemonie umfunktioniert wurde.
Thomas Mann war es auch, der als vielleicht erster Wagnerianer ahnte, worauf er sich eingelassen hatte. Die Wagnersche Kunstrevolution sei ein der Nazi-Revolution verwandtes Phänomen, heißt es in seiner Washingtoner Ansprache "Schicksal und Aufgabe" (Oktober 1943). Der Ring des Nibelungen sei „im Grunde gegen die ganze bürgerliche Kultur und Bildung gerichtet“, ein Werk aus „Urtümlichkeit und Zukünftigkeit“, das sich „an eine nichtexistente Welt klassenloser Volkheit wendet.“ Wagners Werk sei „der deutsche Beitrag zur Monumentalkunst des 19. Jahrhunderts“, aber in einer Erscheinungsform, die vom Sozialen und Gesellschaftlichen nichts weiß und auch nicht wissen will, von unhistorisch-zeitloser [= ästhetischer!?] Urpoesie der Natur und des Herzens dafür umso mehr. „Der deutsche Geist ist sozial und politisch … uninteressiert. Im tiefsten ist diese Sphäre ihm fremd.“
Nimmt man den Romantikessay Rüdiger Safranskis hinzu (Romantik – eine deutsche Affäre, 2007), dann steht die Romantik (durch die Betonung des dionysischen Lebens und dem daraus ableitbaren Ideal der ungehemmten Selbstverwirklichung des starken Lebens auf Kosten des schwächeren) unter dem dringenden Verdacht, die Entwicklung eines rationalen und humanistisch orientierten Politikverständnisses in Deutschland behindert oder gar unmöglich gemacht zu haben. Die Sehnsucht nach einer ästhetischen und daher unpolitischen Politik (an der auch der junge Thomas Mann mitgestrickt hat! siehe „Betrachtungen eines Unpolitischen“) habe letztlich auch das Bündnis zwischen der romantisch-wagnerisch orientierten deutschen Elite und dem Nazi-Mob gestiftet.
ALSO: Was gibt es eigentlich zu meckern an der Ausstellung im Louvre (außer, dass deren zentrale These vielleicht etwas mehr Ausführlichkeit und Argumentationsschärfe nötig hat)?