Hallo!
Ein ausnehmend informatives und ausgezeichnet zu lesendes Buch, das in der Hauptsache nicht jenen Positivismusstreit behandelt, der allgemein bekannt zwischen Adorno und Popper stattfand, sondern besonderes Augenmerk auf die Auseinandersetzung der Frankfurter Schule mit dem Wiener Kreis legt (zwei Drittel des Buches sind diesem Konflikt gewidmet).
Dieser Streit begann anlässlich eines polemischen Artikels Horkheimers im Jahr 1937, nachdem zuvor sogar Möglichkeiten der Zusammenarbeit ausgelotet wurden. Inwieweit Dahms Darstellung vorurteilsfrei und objektiv ist, kann ich nicht beurteilen, allerdings zeugen seine Ausführungen zumindest von einer profunden Kenntnis der Materie. Und sie sind - in nuce - ein Grund für meine Abneigung gegenüber der Kritischen Theorie und seiner Vertreter (v. a. Adornos und Horkheimers), an deren philosophischer Redlichkeit ich meinte schon öfter zweifeln zu müssen. Das, was Dahms beschreibt, entspricht diesem Bild: Man kritisiert, ohne auch nur Texte zu kennen, man versteckt sich hinter Wortkaskaden bzw. kritisiert den Lösungsansatz zu einem Problem ohne sich mit dessen Voraussetzungen zu beschäftigen oder gar selbst eine Lösung vorzuschlagen.
So wird etwa Adornos Kritik am Logizismus beschrieben, die von einer völligen Unkenntnis der Probleme (und Lösungsansätze) zeugt, Adorno, der von Russel einzig (ein noch dazu fehlinterpretiertes) Antinomieproblem kennt (die Principia mathematica hat er nachweislich nicht gelesen) und aufgrund dessen die gesamte Logik als fehlerhaft nachzuweisen versucht. Ein eigenartiges Sammelsurium von Unkenntnis und Verdrehungen: Man zählt - staunend vernimmt's der anbetroff'ne Chef - Jaspers den Positivisten zu, auch in Teilen Heidegger, obwohl man diesen zu loben versucht dort, wo er vom Wiener Kreis angegriffen wird, man ortet der versucht objektiven Grundhaltung wegen politische Indifferenz, Unterstützung eines bürgerlichen Liberalismus oder den Mangel an ethischer Letztbegründung (der natürlich auch von der Frankfurter Schule nicht behoben wurde) - kurz, man äußert sich wortreich über Dinge, die man nicht verstanden hat oder man gerne in eine bestimmte Ecke drängen würde (es wurde etwa auch eine Naheverhältnis zur faschistischen Ideologie zu konstruieren versucht, im Grunde deshalb, weil im Kreis die hegelsche, dialektische Geschichtsauffasung mit Recht als metaphysisches Konstrukt aufgefasst wurde).
Eine Stelle in Dahms Buch erinnerte mich stark an Diskussionen über die Frankfurter Schule: "Sie (die materialistische Dialektik) soll einerseits offenbar einen zentralen Stellenwert bekommen und wird deshalb verschiedentlich geradezu beschworen. Andererseits wird doch völlig darauf verzichtet, wenigstens im Umriß anzugeben, was man sich darunter vorzustellen habe." Genau so habe ich dies immer wieder erlebt (im übrigen noch stärker bei Vertretern des Poststrukturalismus): Man bedient sich einer Begrifflichkeit, die der Bedeutung ermangelt oder aber von Fall zu Fall divergierend gebraucht wird. Macht man darauf aufmerksam, so wird diese Unterschiedlichkeit zum Prinzip erhoben, will man eine Erklärung, Definition, muss man sich den Begriff dialektisch prozessual aneignen und außerdem seine geschichtliche Bedingtheit berücksichtigen. Insistiert man, bekommt man zur Antwort, dass "so einfach die Welt eben nicht sei", und dieser mangelnden Einfachheit wegen ist sie nur in fließenden, verschwommenen Termini zu beschreiben, wobei genau diese Terminologie die Personen von jedem Anspruch auf Klarheit und Präzision befreit. Und so wird schwadroniert und gefaselt und diese Schwammigkeit auf dem Altar der Dialektik zum Anbetungswürdigen. Denn alle Schwierigkeiten entheben nicht von der Verpflichtung, genau diese zu beheben zu versuchen, in das Komplizierte Klarheit zu bringen. Das mag misslingen, sollte aber Richtschnur für alles Philosophieren sein. Sonst entsteht der - nicht unberechtigte - Eindruck, dass es hier keine Problem zu lösen gebe, sondern um den Wortschwall an sich geht.
lg
orzifar