Hallo,
nachdem ich nun schon einiges an Literatur über den Wiener Kreis gelesen habe (und zukünftig noch lessen werde), sollte das bislang beste Buch zum Thema explizit Erwähnung finden: R. Hallers "Neopositivismus" ist keine bloß erzählende Zusammenfassung (wie etwa Geiers Buch), noch auch eine zu sehr ins Detail gehende Darstellung (wie bei V. Kraft, bei dem große Teile ohne eingehende Beschäftigung mit Carnap und seinen Konzeptionen unverständlich bleiben müssen), sondern eine wirklich gut recherchierte, auch anspruchsvolle Darstellung, die vor allem die philophischen und historischen Hintergründe (etwa Duhems und Poincarés Konventionalismus) exzellent zur Darstellung bringt. Und wenn Haller seine Sympathie für diese Richtung auch nicht verbirgt: Er vermeidet es, eine allzu euphorische, euphemistische Beschreibung zu liefern, sondern setzt sich mit den Konzepten kritisch auseinander, sucht Missverständnisse aufzuklären, benennt Fehlentwicklungen, ohne sich vom Standpunkt des später Philosophierenden mehr Einsicht und Klugheit zu konzedieren als möglich.
Die erste Hälfte des Buches, jene, in denen die Voraussetzungen, Vorgängerphilosophien bzw. jene Richtungen und Philsophen, die vor allem Einfluss auf die Gruppe hatten (etwa Wittgenstein und Russel), vorgestellt und analysiert werden, habe ich nun gelesen; der zweite Teil beschäftigt sich mit den Hauptvertretern des Kreises: Schlick, Carnap, Hahn, Frank und Neurath. Gerade letzterer wird von der Philosophiegeschichtsschreibung meist kommentarlos übergangen, einige Worte über das soziale Engagement, einige Anekdoten - erledigt. Das allerdings ist eine Fehleinschätzung Neuraths - weshalb ich auf die gesonderte Darstellung seines Denkens im Buch sehr gespannt bin.
lg
orzifar