Author Topic: Klaus Harpprecht: Thomas Mann  (Read 7286 times)

Offline orzifar

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Klaus Harpprecht: Thomas Mann
« on: 28. Juli 2009, 16.39 Uhr »
Hallo!

Eine Biographie beachtlichen Umfangs (über 2000 Seiten), die bislang einen recht guten Eindruck hinterlässt (obschon bemerkt werden muss, dass der Autor manchmal in einen "Rhetorische Fragen"-Wahn verfällt: Welche zu stellen er über eine ganze Seite nicht müde wird und die als Stilmittel - gelinde gesagt - befremdlich wirken). Davon abgesehen aber sehr lesbar, angenehme Sprache (ich bin hofstadtergeschädigt, den ich nach diversen Auswüchsen wieder einmal auf Eis gelegt habe) und mit dem sichtbaren Bemühen um Objektivität.

Mann war, aber dies war mir schon zuvor bewusst, ein fürchterlicher Schnösel. "Ein feines, blasses Bürgerprinzchen, auf einer vergoldeten Stuckempore unter einem Lorbeerkübel sitzend" - so hat in Theodor Lessing angetroffen. Und weiter: "Überall caballero de triste figura. Nur zum Träumen und Dichten gut, wie Hamlet. [...] So eine stille, späte Goldschnittseele, nicht vom Weibe geboren; wohl von der lieben Mama bei Wertheim in der 'Abteilung für feine kunstgewerbliche Raritäten' billig und mit Geschmack alt-eingekauft." Das ist schön gesagt.

Davon unabhängig seine stilistische Brillanz in bereits ganz jungen Jahren und selbst dort, wo er allenthalben Kitsch verbrochen hat. (Ein fürchterliches, dumm-pubertäres Rührstück z. B. "Die Hungernden"). Auch anderes, wo er sich allzu pathetisch auf den Gegensatz Künstler - "blauäugiges" Leben berief, selbstgefällige Attitüden, weinerliche Empfindlichkeit. Aber von sentimentalen Passagen abgesehen eine frappante Sprach- und Formulierungssicherheit, die einfach Respekt abnötigt.

Wohltuend ist, dass Harpprecht nicht - wie andere, von der Psychologie angekränkelte Biographen - alles und jedes mit der unterdrückten homoerotischen Neigung Manns zu erklären sucht. Natürlich ist sie von Bedeutung - und vor allem in einer Zeit, in der man dafür noch das Strafgesetzbuch bemühte (Wilde war nur kurz zuvor inhaftiert worden). Aber Th. Mann auf den Unterleib zu reduzieren scheint ein wenig billig (wenn dieser ihn auch gequält haben dürfte, so träumt er davon, "die Hunde im Souterrain endlich an die Kette zu legen"). Sein sozialer und künstlerischer Ehrgeiz war enorm und er entblödete sich nicht, bekannten Kritikern genaue Kriterien dafür anzugeben, wie sie etwa die "Buddenbrooks" zu besprechen hätten. Dazu seine Arroganz und Rücksichtslosigkeit in Freundschaften, das Umgeben mit rückgratlosen Schleimern wie z. B. sein Jugendfreund Grautoff einer war. Oder seine vollkommene Indolenz gegenüber sozialen Problemen.

Falls jemand Lust und Laune verspürt, irgendetwas von Th. Mann zu lesen - ich wäre dabei (so als Nebenlektüre). Vielleicht kann Anna auch noch etwas aus den Tagebüchern beisteuern (bis ich zu den Erektionsproblemen des alternden Dichters komme wird allerdings noch einige Zeit vergehen, derzeit scheint ihm eher das Gegenteil Kopfzerbrechen zu bereiten bzw. sehr viel mehr die Objekte seiner Begierde wie P. Ehrenberg).

Und meine Berichte über die Biographie sind mit Vorbehalt zu lesen - insofern, als dass hier immer wieder Persönliches einfließt (wie etwa in diesem Posting der dritte Absatz, dies dürfte aber für den geneigten Leser kenntlich sein  :).

Liebe Grüße

orzifar
« Last Edit: 29. Juli 2009, 20.26 Uhr by orzifar »
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Offline Anna

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Re:Klaus Harpprecht: Thomas Mann
« Reply #1 on: 28. Juli 2009, 16.59 Uhr »
Hallo orzifar!

Ich habe das Buch vor fast vierzehn Jahren von meinen Eltern zur Geburt meiner Tochter geschenkt bekommen und fand alle paar Seiten ein Scheinchen darin. Eine schöne Erinnerung!

Es ist lange her, dass ich die Biographie gelesen habe. An die vielen rhetorischen Fragen kann ich mich nicht erinnern, sie sind mir damals wohl nicht aufgefallen. Aber darin, dass Harpprecht um Objektivität bemüht war und Manns homosexuelle Neigung Gott sei Dank nicht so fürchterlich überbewertet hat, stimme ich Dir zu. Mir kamen allerdings seine Ausführungen über die politisch-geschichtlichen Hintergründe und Zusammenhänge zum Teil etwas ausufernd und penibel vor. Das kann aber auch an meiner mangelnden Geduld (schreiender Säugling plus Kleinkind) gelegen haben. Mal sehen, wie Du das empfindest.

Quote
orzifar>Davon unabhängig seine stilistische Brillanz in bereits ganz jungen Jahren [...] eine frappante Sprach- und Formulierungssicherheit, die einfach Respekt abnötigt.

Ja, deswegen lese ich ihn auch immer wieder gern, obwohl ich keineswegs all seine Romane mag. Aber seine Sprache genieße ich sehr. Mir liegt auch seine Art von Humor. Er schreibt in den späten Tagebüchern, er habe sich immer in erster Linie als Humorist verstanden.

Quote
orzifar> Oder seine vollkommene Indolenz gegenüber sozialen Problemen.


Thomas Mann ist es finanziell immer ausgesprochen gut gegangen. Er hatte ein kleines Erbteil, sein Schwiegervater steuerte eine beachtliche Summe zur Ehe bei und seine Romane verkauften sich gut. Auch während der Emigration,erst in die Schweiz, dann nach Amerika musste er sich nie einschränken. Ihm war ein komfortabler Lebensstil conditio sine qua non, er sah ja in jeder Unbequemlichkeit, z.B. in einem nicht seinen Vorstellungen entsprechenden Hotelzimmer, schon eine persönliche Kränkung. In den Tagebüchern macht sich bei ihm immer mal wieder Nervosität breit wegen angeblicher finanzieller Engpässe (die Ängste eines Millionärs). Bei ausstehenden Gagen für Vorträge oder Artikel konnte er sehr energisch und unangenehm reagieren. Obwohl er nicht eigentlich knauserig war, hätte er doch nie soviel abgegeben, dass es ihm weh getan hätte.

Quote
orzifar>Falls jemand Lust und Laune verspürt, irgendetwas von Th. Mann zu lesen - ich wäre dabei (so als Nebenlektüre).


Ich hatte eigentlich vor, den "Joseph" mal wieder zu lesen, weil ich den als einziges von Manns Werken bisher nur einmal gelesen habe. Andererseits ist die Lektüre der anderen Bücher auch schon so lange her, dass ich schon Lust hätte. Nur nicht auf den "Krull". Also schlag was vor!

Was die Erektionsprobleme betrifft: Der alte Thomas Mann hat sich halt gefreut, wenn es ihn im Schlaf überkam, und hat es stolz im Tagebuch verzeichnet. In "Lotte im Weimar" fängt das große Goethekapitel doch auch damit an, dass der betagte Dichterfürst sich ordentlich über seine Morgenlatte freut ("Wie? In hohen Prachten?"). Ihr Männer seid manchmal einfach rührend!

Gruß Anna
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Offline orzifar

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Re:Klaus Harpprecht: Thomas Mann
« Reply #2 on: 28. Juli 2009, 21.52 Uhr »
Hallo!

Quote from: Anna
Ich habe das Buch vor fast vierzehn Jahren von meinen Eltern zur Geburt meiner Tochter geschenkt bekommen und fand alle paar Seiten ein Scheinchen darin. Eine schöne Erinnerung!

Durch den Umfang des Buches eine möglicherweise äußerst lukrative Angelegenheit.

Quote from: Anna
Es ist lange her, dass ich die Biographie gelesen habe. An die vielen rhetorischen Fragen kann ich mich nicht erinnern, sie sind mir damals wohl nicht aufgefallen. Aber darin, dass Harpprecht um Objektivität bemüht war und Manns homosexuelle Neigung Gott sei Dank nicht so fürchterlich überbewertet hat, stimme ich Dir zu. Mir kamen allerdings seine Ausführungen über die politisch-geschichtlichen Hintergründe und Zusammenhänge zum Teil etwas ausufernd und penibel vor. Das kann aber auch an meiner mangelnden Geduld (schreiender Säugling plus Kleinkind) gelegen haben. Mal sehen, wie Du das empfindest.

Bisher, ich halte allerdings erst auf Seite 260, kann ich das nicht bestätigen. Ich habe ja gerade wegen des Umfangs zu dieser Biographie gegriffen, anderen Lebensbeschreibungen kenne ich schon teilweise, ich wollte aber eben bewusst eine detaillierte Auseinandersetzung, die - natürlich - auch die historischen Hintergründe analysieren muss. Da in der Lektüre der erste Weltkrieg bevorsteht (und so nebenher die unsäglichen "Betrachtungen eines Unpolitischen", die Mann in diesem Zusammenhang verfasst hat), so werde ich alsbald feststellen, ob Harpprecht tatsächlich zu übermäßiger Geschwätzigkeit neigt.

Quote from: Anna
Ja, deswegen lese ich ihn auch immer wieder gern, obwohl ich keineswegs all seine Romane mag. Aber seine Sprache genieße ich sehr. Mir liegt auch seine Art von Humor. Er schreibt in den späten Tagebüchern, er habe sich immer in erster Linie als Humorist verstanden.

Naja, er schreibt viel davon, _wie_ er gern verstanden werden möchte. Seine - mit Recht - gelobte Ironie scheint mir aber zu einem Gutteil aus Lebensangst und -unsicherheit herzurühren, sie ist für ihn ein Vehikel, nicht direkt Stellung beziehen zu müssen bzw. sich auf diesen ironischen Unterton zurückziehen zu können. Aber gerade über diese Distanzierung gegenüber den eigenen Werken, seine Betonung, dass man einerseits als Künstler niemanden Rechenschaft schuldig ist (dem ich nun prinzipiell zustimmen würde), dass aber andererseits das gerade bei ihm darauf abzuzielen scheint, sich eben nicht rechtfertigen zu _müssen_, wenn ihm mal wieder eine homoerotische oder antisemitische Passage unterläuft, ist etwas zweischneidig und mit einem Gran Heuchelei versehen.

Ich habe - und nicht erst seit der Lektüre dieser Biographie - den Eindruck, dass er alles und jedes nur und ausschließlich auf seine Person bezog, dass er etwa zu dem, was man gemeinhin unter "Liebe" versteht, überhaupt nicht fähig war (seine Heirat mit Katja Pringsheim wäre ohne deren Vermögen nie und nimmer zustande gekommen), dass er auch sonst Personen einzig dazu verwendet hat, sich in ihnen zu bespiegeln. Und selbst dort, wo er tatsächlich "begehrt" hat (ausschließlich bei den blonden und blauäugigen Jünglingen) schien es ihm selten um die Person zu gehen denn vielmehr um ein schlichtes Objekt der sexuellen Begierde.

Dazu das Künstliche und immer Selbstverliebte seines Gebarens - ich hätte diesen Menschen nicht ausgehalten. Die Beschreibung der Salons erinnert mich an manche Vernissagen unserer Tage, zu denen ich eingeladen zu sein das zweifelhafte Glück hatte. Und wo ich, weil alles blasiert und entrückt sich schnöselhaft dem vorgeblichen Kunstgenuss widmet, das tiefinnerliche Bedürfnis verspüre zu furzen wie ein Bauarbeiter (was ich denn doch unterlasse), worauf wahrscheinlich die Hälfte der Gesellschaft in Ohnmacht fallen, die andere Hälfte errötend nach Riechsalz verlangen würde.

Quote from: Anna
Ich hatte eigentlich vor, den "Joseph" mal wieder zu lesen, weil ich den als einziges von Manns Werken bisher nur einmal gelesen habe. Andererseits ist die Lektüre der anderen Bücher auch schon so lange her, dass ich schon Lust hätte. Nur nicht auf den "Krull". Also schlag was vor!

Nicht wenig Gemeinsamkeiten - sowohl was die von allen Werken Manns nur einmalige Lesung Jospehs betrifft, als auch die Skepsis und eher geringe Begeisterung (wenn ich denn das richtig interpretiere) für den Krull. (Das andere, eher schwächliche Werk ist "Königliche Hoheit", Bartlebooth hat in anderem Zusammenhang einmal von Zuckerwatte gesprochen, ein Vergleich der gerade auf dieses Buch wunderbar passt). Von den Buddenbrooks bis zum Faustus würd ich alles gerne lesen, bei letzterem wäre es schön, wenn sich ein musikalisch Verständiger der Lektüre anschließen würde (ich selbst wandle unbeleckt von allem musikalischen Fachwissen - leider - durchs Leben).

Quote from: Anna
Was die Erektionsprobleme betrifft: Der alte Thomas Mann hat sich halt gefreut, wenn es ihn im Schlaf überkam, und hat es stolz im Tagebuch verzeichnet. In "Lotte im Weimar" fängt das große Goethekapitel doch auch damit an, dass der betagte Dichterfürst sich ordentlich über seine Morgenlatte freut ("Wie? In hohen Prachten?"). Ihr Männer seid manchmal einfach rührend!

Und ich, der ich das Buch zweimal (wenn auch vor längerer Zeit) gelesen habe, kann mich an diese Stelle nicht mal erinnern. Aber so seid ihr Frauen, immer auf die Rührung der Männer achtend ;).

Liebe Grüße

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Offline mombour

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Re:Klaus Harpprecht: Thomas Mann
« Reply #3 on: 28. Juli 2009, 22.24 Uhr »
Hallo orzifar,

den "Doktor Faustus" habe ich dreimal gelesen. In die holde Musik nur beschränkt eingeweiht. Immerhin kann ich Noten lesen und eine Schönbergsche Zwölftonreihe durchdringen. Immerhin, ein wenig das Pianoforte klimpern,  nur ein wenig, ja.

Übrigens, den Harpprecht habe ich auch, bisher aber nur als Nachschlagewerk benutzt.

Sonst habe ich von Hermann Kurzke: Thomas Mann. Das Leben als Kunstwerk.

Also, zum Doktor Faustus könnte ich mich gerne noch mal aufraffen  ;D (frühestens aber Juni 09). Im Literaturcafé gab es mal eine schöne Lesung mit einem Komponisten. Ach, war das schön, und alles nun in den elektronischen Orkus gelandet. Schade. Ich zehre aber heute noch davon. Wenigstens das.

Liebe Grüße
mombour
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Offline orzifar

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Re:Klaus Harpprecht: Thomas Mann
« Reply #4 on: 29. Juli 2009, 00.39 Uhr »
Hallo!

Wenig Lesen, noch weniger Schreiben. Zwischendurch den Wolfgruberroman gelesen, außerdem die beeindruckend-bedrückenden "Briefe aus Stalingrad", über beide Bücher wollte ich noch kurz berichten.

Eines erhellt sich mir bei dieser Biographie: Manns Unzahl an Lobeshymnen für mehr als durchschnittliche Werke, Lobeshymnen, die sich noch heute auf den Buchdeckeln so mancher Werke finden. Ich habe mich früher immer gewundert, warum er jeden Schmarrn beachtlich findet und lobend erwähnt (wobei der Geschmack - selbst guter - Schriftsteller häufig zu wünschen übrig lässt). Bei ihm aber liegt der Grund wohl und vor allem in der Ängstlichkeit, man könnte im Gegenzug auch seine Werke einer kritischen Beurteilung unterziehen, die Empfindlichkeit, mit der er auf Kritik reagierte, war enorm. Andererseits schien er sehr wohl anderes beurteilen zu können, so weist er - mehr-weniger dezent - auf die höchst mittelmäßigen Stellen in den Werken seines Bruders hin (wobei mittelmäßig hier noch als Lob zu verstehen ist).

So nebenher ein Hinweis auf die - mir lächerlich erscheinende - Mode, dass denn eigentlich Heinrich der bessere Schriftsteller gewesen sei: Was schlichter Nonsens ist, dieser hat eine Unzahl äußerst schwacher Bücher verbrochen, pathetisch und oberflächlich, außer dem "Untertan" und "Professor Unrat" gibt's nicht viel, was lesenswert ist. Heinrich konnte als Schriftsteller seinem Bruder nicht das Wasser reichen, auch wenn er als moralische Person und politischer Kopf ihm weit überlegen war. Der Wunsch, dass ein höheres Maß an Integrität auch größere schriftstellerische Potenz im Gefolge hat, mag zwar verständlich sein, seine Erfüllung bleibt aber von solchem Wunschdenken unberührt. Ich könnte mir gut vorstellen, dass Heinrich ohne seinen Bruder heute weitgehend unbekannt geblieben wäre - und wenn man Werke wie "Im Schlaraffenland" oder die "Göttinnen-Trilogie" sich ansieht, wäre dies wohl kaum bedauernswert zu nennen.

lg

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Re:Klaus Harpprecht: Thomas Mann
« Reply #5 on: 29. Juli 2009, 00.40 Uhr »
Hallo!

Nach einer Pause zu Thomas Mann zurückgekehrt (bezüglich Leserunden: Wie wär's mit "Lotte in Weimar", "Tod in Venedig", "Buddenbrooks", mit dem Faustus würde ich gerne noch zuwarten, ebenso mit der Joseph-Tetralogie, die mir derzeit zu umfangreich ist. Vielleicht auch andere kürzere Stücke, jenes über Moses habe ich in guter Erinnerung (sollte gut zu "Exodus" passen, unsere Bibellesestunde will ja auch fortgesetzt werden)).

Der Mensch Thomas Mann ist schlicht ein Ekel. In allem eitel, selbstgefällig, borniert - oftmals auch dumm (ich bin gerade bei seinen patriotischen Aufrufen zu Beginn des ersten Weltkrieges angelangt, die an Schwachsinn kaum zu übertreffen sind). Rene Schickele trifft den Nagel auf den Kopf wenn er sagt, dass man von einem Schriftsteller nicht unbedingt "politische Sachkenntnis erwarten dürfe. Aber dann sollten die Betreffenden auch schweigen".

Schwierig für die meisten dieses Metiers, wo sie doch meist hauptberufliche Schwätzer sind (was sich auch in unseren Tagen kaum geändert hat; die diversen verbalen Ausscheidungen bezüglich aktueller politischer Ereignisse sind meist ebenso gehaltvoll wie die der Olympiasieger im Weitspucken). Bei Mann bleibt ein Hauptcharakterzug immer vorhanden: Eine ungeheuerliche Egozentrik, die die Umwelt als bloßes Material betrachtet, völlig unfähig der Empathie, ohne die mindeste Abstraktionsfähigkeit für die Probleme anderer. Der entrückte Dichterprinz, der sich in der Gleichsetzung von Krieger/Soldat und Künstler ergeht, der in seinen Elaboraten den ganzen weihevollen Schwulst des Nationalsozialismus vorwegnimmt.

Dass es eine Unzahl solcher Schriftsteller gab, die - wie später der Postkartenmaler - den "Kampf als Gottesdienst" sahen, macht es nicht besser. Eher schlimmer, müsste man vom Intellektuellen (bzw. dem, der einer zu sein vorgibt) doch ein mehr an Nachdenken, Kritik erwarten. Wobei für Th. Mann auch der Krieg nur Instrument für Selbstinszenierung war, er hat diesen benutzt, um seine verqueren Ansichten des heiligen Künstlertums, des "Kämpfers mit der Feder" zu verbreiten. Kein Gedanke an das Leid derer, die in den Schützengräben krepierten, er betrachtet das Schauspiel an seinem Schreibtisch wie ein Kind seine Zinnsoldaten, die da zu seinem Vergnügen Schlachten aufführen.

- Interessant und neu war für mich die Tatsache, dass sich Mann mit einer Erzählung der Altersliebe Goethes getragen hat (als sich der alternde Hofrat in die 19jährige Ulrike von Levetzow verguckte - siehe die - wundervolle - Marienbader Elegie) - und zwar zu einem Zeitpunkt, als er schließlich den "Tod in Venedig" schrieb. Gerade weil ich - in Unkenntnis dieser Dinge - die Elegie und die Novelle immer als wesensverwandt betrachtet habe, als eine Art Abschiednehmen von Jugend, Liebe, von Träumen, die sich als für immer und endgültig vergangen erweisen. Und dadurch das Bild des Todes evozieren.

Was mich bei Mann immer wieder stört ist sein Doppelspiel mit der Moral. Natürlich ist zu einer Zeit, in der Homosexualität unter Strafe stand, eine gewisse Vorsicht nur allzu verständlich; bei ihm ist dieses Vexierspiel aber oft feige und auch mit den vorurteilsbehafteten Bildern des "typisch Homosexuellen" belastet: Das sind geschminkte, perverse ältere Herren, die allenthalben auftreten, das dümmliches Klischee der Homoerotik breittretend (derartige Darstellungen sind auch in Filmen Legion, ständig kichernde, sich ins Hinterteil zwickende Schwule, die mit fistelnder Kopfstimme einander dümmliche Witze erzählen). Mann selbst versteckt sich (etwa bei Aschenbach) hinter abgehobenen ästhetischen Idealen, am besten - weil unverfänglichsten - androgynen Vorstellungen (seine öfter vorkommenden Beschreibungen von Geschwisterpaaren weisen auch in diese Richtung), asexuelle Verklärungen. Für das Triebhafte bleiben die zur Karikatur werdenden Homosexuellen übrig.

Liebe Grüße

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Re:Klaus Harpprecht: Thomas Mann
« Reply #6 on: 29. Juli 2009, 00.41 Uhr »
Zum Tonio Kröger meint Harpprecht: "Ein kleines Meisterwerk, das nichts von seiner Qualität eingebüßt hätte, wenn der Knalleffekt am Ende fehlte." Mir aus dem Herzen gesprochen, diese der Wirklichkeit eines Italienurlaubs geschuldete Begebenheit hat sich in vielem ähnlich zugetragen, nur dass der Magier von Mario nicht erschossen wurde, sondern dieser ein wenig "beschämt dagestanden" hätte.

Der Wunsch des (eines) Autors nach effektvollem Schluss, einem sinnigen Ende, einer Moral lässt so oft ein schales Gefühl zurück. Die allermeisten begreifen nicht, dass derlei aufdringlich, konstruiert wirkt, dass man mit einem derart "geistreichen Abschluss" Geschichten und Romane zu ruinieren im Begriffe ist. Oder aber sie begreifen es, kommen aber einem Leserwunsch entgegen, der diese abgerundeten Enden aus Groschenromanen und Daily Soaps gewöhnt ist und auch im Buch darauf nicht verzichten will. Mir stoßen solche Dinge immer sauer auf, eine wirklich gute Beschreibung braucht dies nicht - im Gegenteil: Sie gewinnt dadurch ungeheuer.

Wie steht's mit der gemeinsamen Mann-Lektüre? Buddenbrooks, Kürzeres, Lotte oder dergleichen?

lg

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Re:Klaus Harpprecht: Thomas Mann
« Reply #7 on: 29. Juli 2009, 00.42 Uhr »
Hallo!

Mittlerweile bin ich im Jahr 1933 angekommen, der Beginn des unfreiwilligen Exils. Mann scheint das "Glück" gehabt zu haben, dass ihn die Umstände zu einer humaneren, vernünftigeren politischen Haltung _gezwungen_ haben, auch wenn eine langsame Ablösung von seiner pathetischen Kampfesschrift "Betrachtungen eines Unpolitischen" bereits in den 20igern zu spüren war. Dennoch braucht er - auch aus ökonomischen Erwägungen - sehr lange, um sich endgültig vom Deutschland Hitlers loszusagen, da ist einerseits die - verständliche - Hoffnung, zurückkehren zu können, seine Habe zu retten, zum anderen aber auch der noch immer vorhandene, nationalistisch gefärbte Unverstand - und vor allem: Seine absolute Unfähigkeit, sich von einmal Geschriebenem, Geäußertem loszusagen. Fehler einzugestehen, Meinungen zu revidieren war ihm schlicht unmöglich, hier ist eine eitel-selbstgefällige Grundhaltung spürbar, die als eine allgemein menschliche angesehen werden kann, in dieser extremen Ausprägung aber selten ist. Das starre Festhalten, einem seltsamen Stolz und Durchhaltevermögen geschuldet, ist häufig Ursache für allerlei Unglück. ("Stolz" ist eine jener vielen, meist zur Schau gestellten Eigenschaften, die ich auf den Tod nicht ausstehen kann: Ein theoretisches Konstrukt, dass immer nur als Vorwand dient, nicht über Dinge nachzudenken, sondern starr an Überzeugungen festzuhalten. "Stolz" im positiven Wortsinne kann man auf das Gegenteil sein: Auf die Größe, Fehler einzugestehen. Etwas, was Thomas Mann sein ganzes Leben lang konsequent vermieden hat.)

(Rene Schickele wird häufig in dieser Zeit der Emigration erwähnt - kennt irgendjemand etwas von ihm und wenn: Ist es lesens- bzw. empfehlenswert?)

Eine sehr treffende Charakterisierung Manns durch Joseph Roth: "Er hat die Gnade besser zu schreiben, als er denken kann." In politischer Hinsicht war das unzweifelhaft so. Andererseits ist die Kritik verschiedener Schriftstellerkollegen wohl auch unter dem Gesichtspunkt zu betrachten, dass sie sich leichter lossagen konnten, weil ihr finanzieller Verlust im Vergleich zu Mann (dessen erster Josephband noch unter den Nazis erschien) kaum in Betracht gezogen werden konnte. (Wiegt aber nicht der Verlust des Wenigen sogar schwerer als der des Begüterten, welcher Th. Mann damals noch war?) Es bleiben Bedenken bezüglich Thomas Manns moralischer Haltung, immer hat man den Eindruck, dass, wäre der Preis nicht allzu hoch gewesen, er zu einer stillschweigenden Duldung der Barberei hätte sich zumindest anfangs hinreißen lassen. (Eine mir in dem Ausmaß unbekannte Tatsache ist die Haltung Gottfried Benns: Wie sehr er sich am Anfang der Machtübernahme Hitlers zu dummdreisten, nationalistischen Gepolter hergegeben hat - und wie wenig einsichtig er später war bzw. wie dürftig er sein Tun zu bemänteln suchte.)

Natürlich wäre Th. Mann niemals als Nationalsozialist tauglich gewesen; sein aristokratisches Gehabe hätte ihm verboten, sich mit der Menge gemein zu machen, sein Ästhetizismus ihm vom lauten und derben Geschrei entfernt. Allerdings lassen sich Passagen seiner "Betrachtungen" ohne großen intellketuellen Aufwand als eine Huldigung an den Hurrapatriotismus lesen - und so wäre er schon als ein im Hintergrund leise wirkender Literat bis vielleicht zu Kriegsbeginn vorstellbar. Alles spekulativ - natürlich, seine Umstände (die er allerdings nicht als glücklich empfand oder die er - wären sie anders gewesen - als glücklicher empfunden hätte) - als da sind: Erika und Klaus, die entschieden gegen die Nazis auftraten, eine jüdische Frau, ein offen mit den Linken sympathisierender Bruder, auch seine eigene Naivität (die als entschuldigend gelten kann, war er doch über die teilweise Interpretation seines Wagneressays baff erstaunt) haben dies verhindert.

lg

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Offline sandhofer

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Re:Klaus Harpprecht: Thomas Mann
« Reply #8 on: 29. Juli 2009, 06.44 Uhr »
Hallo!

(Rene Schickele wird häufig in dieser Zeit der Emigration erwähnt - kennt irgendjemand etwas von ihm und wenn: Ist es lesens- bzw. empfehlenswert?)

Ein paar Gedichte. Ich habe ihn immer in Zusammenhang mit dem Expressionismus wahrgenommen - und ganz am Rande als zweisprachigen Dichter. Nicht, dass er mich vom Stuhl gerissen hätte, aber gern gelesen habe ich die Gedichte wohl.

Grüsse

sandhofer
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

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Re:Klaus Harpprecht: Thomas Mann
« Reply #9 on: 29. Juli 2009, 12.54 Uhr »
Hallo!

Zum ersten Mal stellt sich beim Lesen der Biographie ernsteres Stirnrunzeln ein (nicht in bezug auf die Verhaltensweisen der Mannschen Sippe - das ohnehin, sondern der Darstellung wegen. Ich war schon verwundert, dass die letzten 16 Jahre des Lebens auf rund 1000 Seiten vorgestellt werden und habe eine allzu akribische Darstellung befürchtet. Und tatsächlich langweilt Harpprecht derzeit mit einer Aufzählung von Lesereisen in amerikanische Kleinstädte, welche nicht zu kennen Recht und Privileg jedes Lesenden darstellen. Ich befürchte, dass der Autor exzessiven Gebrauch von den Tagebüchern macht, um mir in Kurzform (von 1000 Seiten) den Inhalt nahezubringen. Und ich befürchte außerdem, dass diese Ausführlichkeit meine Geduld strapazieren wird.

--- Nun schon rund 300 Seiten über die - mich nur peripher - interessierende Beziehung zwischen Agnes Meyer und dem Schriftsteller, unzählige Zitate aus mehr oder weniger verlogenen Briefen (während die Dame zur oft unkritischen Bewunderung neigt, auch - in teilweiser Unkenntnis der homoerotischen Neigungen Manns - ihn zu umgarnen versucht, ist er hauptsächlich an ihren Verbindungen und finanziellen Möglichkeiten interessiert), Abendveranstaltung, Diners, Lesungen. Hier hätte der Rotstift seines Amtes walten müssen, diese ständig sich wiederholenden Episoden zwischen amerikanischen Würdenträgern, Geldgebern und Lesereisen hätte eine kursorische Behandlung verdient.

Politisch präsentiert sich Th. Mann einigermaßen geläutert, wenn man auch nie wirklich den Eindruck gewinnt, dass ihm tiefere Einsichten zuteil werden. Er betrachtet die ganze Situation immer nur aus seinem persönlichen Blickwinkel, wägt Vorteile, Nachteile ab - und auch wenn das einigermaßen menschlich erscheint, so ist das Ausmaß seiner Egozentrik doch befremdlich. Interessant in diesem Zusammenhang auch die Entwicklung des Bruders, der in einer Art Altersstarrsinn an seinem Glauben an die Sowjetunion festhält und die Geständnisse der stalinistischen Säuberungsaktionen für wahr zu halten beschließt. Wie bei vielen Intellektuellen jener Zeit ist der Wunsch Vater des Gedankens: Die Sehnsucht nach einem politischen Gegengewicht zum Faschismus verdunkelt den Blick - und selbst nach dem Hitler-Stalin-Pakt versucht man noch, das Verhalten der Sowjetunion irgendwie zu bemänteln. (Eine in diesem Zusammenhang immer wieder empfehlenswerte Lektüre: Sperbers "Wie eine Träne im Ozean", der den politischen Wahnsinn, die Indoktrinationsbereitschaft auf treffliche Weise beschreibt).

In diesem Zusammenhang erwähnenswert dieser Artikel über Foucault in bezug auf seine Einschätzung der iranischen Revolution: Wobei das Symptomatische, Entlarvende als Zwischenüberschrift weit unten zu finden ist. "Ein Irrtum, den wir alle teilten", lässt sich der Biograph vernehmen. Ähnlich argumentiert Th. Mann in bezug auf den ersten Weltkrieg, H. Mann die Säuberungen Stalins betreffend, Albert hinsichtlich seines Glaubens an den nationalsozialistischen Staat. Solche Dinge sollten aber Anlass sein, sich mit den Meinungen "aller" (die niemals alle sind) auseinanderzusetzen, mit der offenkundigen Tatsache, dass richtige Einschätzungen nicht von der Zahl derer, die sie teilen, abhängig sind, sondern von dem Versuch, sich einem Sachverhalt ohne Voreingenommenheit (soweit möglich) zu nähern. Wunschdenken, die Hoffnung auf Bestätigung der eigenen Haltung überwiegen zumeist.

lg

orzifar
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Re:Klaus Harpprecht: Thomas Mann
« Reply #10 on: 02. August 2009, 13.12 Uhr »
Hallo!

Über weite Strecken neigt Harpprecht in der zweiten Hälfte der Biographie zu enervierender Geschwätzigkeit. Das Schicksal eines Autors, dem ein Übermaß an Material zur Verfügung steht und der es nicht über sich bringt, radikal zu streichen, zu kürzen. Vor allem die Beziehung zu Agnes Meyer wird in völlig übertriebener Weise ausgebreitet und ausgewalzt, jede kleine Eifersüchtelei zwischen Mäzenin und Großschriftsteller beschrieben, sämtliche Vapeurs einem Geruchstest unterzogen.

Andererseits muss man feststellen, dass Harpprecht ein hervorragender Psychologe ist und man seinen Interpretationen fast immer gern folgt. Manchmal stelle ich mir den Großschriftsteller bei der Lektüre seiner eigenen Biographie vor, den wahrscheinlich peinlich berührten Gesichtsausdruck, wenn er seine vermeintlich gut versteckten Intrigen durchschaut sieht. Oder auch seine verzweifelte, nicht aufrecht erhaltbare Verteidigung der nationalistischen "Bekenntnisse eines Unpolitischen" kommentiert wird: "Thomas Mann war nicht fähig, von sich selbst zu sagen, daß er sich geirrt habe - als fürchte er, mit dem Geständnis der einen Verfehlung breche das grandiose Gebäude seiner moralischen Unfehlbarkeit, seines intellektuellen Stolzes und seines - immer wieder so mühsam stabilisierten Selbstbewusstseins, breche schließlich das Monument, als das er sich der Welt präsentierte, mit einem Donnerschlag zusammen." Das ist schön und treffend ausgedrückt und könnte als Motto über dem Leben des Dichters stehen.

Eine solche aufoktroyierte Selbstbeherrschung muss einem selbst, der Umwelt zur Qual werden. Die vom Schriftsteller so oft und gern angestellten Vergleiche mit dem Weimarer Geheimrat (die in der "Lotte" in einem Art Doppelporträt Goethe/Mann münden) wirken angesichts der Authentizität des Olympiers aufgesetzt, Goethe war - während Mann immer zu sein versuchte. Ein Leben in ängstlicher Selbstbeherrschung, im Privaten, Sexuellen ebenso wie auf geistiger Ebene, in weiten Bereichen fremdbestimmt, weil einzig auf die Meinung seiner Umwelt bedacht, auf seine Wirkung. Dadurch, trotz aller Erfolge, ein armes, eingesperrtes Dasein.

lg

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Re:Klaus Harpprecht: Thomas Mann
« Reply #11 on: 05. August 2009, 01.16 Uhr »
Hallo!

Über Manns politische Kurzsichtigkeit habe ich mich schon mehrmals in diesem Thread verbreitet, die Gefahr mich zu wiederholen ist erheblich. Aber es ist schon erstaunlich, wie wetterwendisch, beliebig, ja dumm seine Kommentare zu den weltpolitischen Entwicklungen sich ausnehmen. Natürlich findet sich bei einem derart inkonsistenten Spektrum an Meinungen immer wieder mal etwas Vernünftiges, die Zufallsverteilung erzwingt dies. Aber es gibt kaum eine durchdachte Äußerung oder gar eine Entwicklung im politischen Denken Manns, er plappert die dümmsten Gerüchte (sofern sie seine gerade vertretene Meinung bestätigen) nach, äußert sich über ein und dasselbe Problem innerhalb kürzester Zeit vollkommen widersprüchlich usf.

Der rote Faden, der sich durch diese gesamten Stellungnahmen zieht, ist die beredte Verteidigung irgendwelcher irgendwann eingenommener Positionen (etwa die ewige Ruminterpretiererei bezüglich seiner dümmlich-nationalistischen Schrift "Bekenntnisse eines Unpolitischen") oder aber die Rechtfertigung seines ihm gerade opportun erscheinenden Verhaltens. Die Verurteilung des Verhaltens anderer ist meist nur durch den Wunsch motiviert, die eigene Position in besserem Licht erscheinen zu lassen. Dass er dabei allenthalben autobiographische Geschichtsklitterei betreibt, nimmt er kaum (oder äußerst widerwillig) zur Kenntnis. So, wenn er die Forderung erhebt, dass alles zwischen 1933 und 1945 in Deutschland Erschienen einzustampfen und zu vernichten wäre - nicht bedenkend, dass die eigenen Bücher auf sein Betreiben hin bis 1937 erschienen und er dieses Erscheinen mit höchst seltsamer Volkserziehungspädagogik zu verteidigen suchte. Auch wenn es ihm hauptsächlich um den ökonomischen Vorteil ging, in zweiter Linie um die persönliche Wichtigkeit im deutschen Sprachraum und er mit seinem Verleger Bermann alle nur erdenklichen Winkelzüge ersann, um dieses Publizieren weiterhin möglich zu machen.

Roths Diktum, dass Mann "besser schreiben als denken könne" hat offenbar bis zum Lebensende des Dichters Gültigkeit. Wobei "denken können" für Mann bedeutet, seinen eigenen moralischen, finanziellen Vorteil zu sichern und nicht, eine intellektuell fundierte Position einzunehmen. "Wo ich bin, ist Deutschland" mag in der Zeit seiner Emigration ein Satz gewesen sein, dem man gern zuzustimmen geneigt ist. Wenn man aber dem Satz eine egozentrische Interpretation verleiht wird er zu dem, was dem Wesen Thomas Manns am ehesten entspricht.

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Re:Klaus Harpprecht: Thomas Mann
« Reply #12 on: 05. August 2009, 20.15 Uhr »
Über Manns politische Kurzsichtigkeit habe ich mich schon mehrmals in diesem Thread verbreitet, die Gefahr mich zu wiederholen ist erheblich.

Ja.  ;D Thomas Mann konnte schreiben - aber denken? Es ist halt trotz allem so, dass, wer gute Literatur zu produzieren weiss, deswegen kein Denker oder Weiser oder auch nur halbwegs brauchbarer Mensch sein muss. (NB: "Kann" - ja; "Muss" - nein.)
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Re:Klaus Harpprecht: Thomas Mann
« Reply #13 on: 06. August 2009, 00.19 Uhr »
Es ist halt trotz allem so, dass, wer gute Literatur zu produzieren weiss, deswegen kein Denker oder Weiser oder auch nur halbwegs brauchbarer Mensch sein muss. (NB: "Kann" - ja; "Muss" - nein.)

Für beide angeführte Fälle ungeteilte Zustimmung. Wobei man - um genau zu sein - feststellen muss, dass Mann des Denkens fähig gewesen ist. Allerdings stellt er es fast ausschließlich in den Dienst seiner eigenen Befindlichkeiten bzw. um seine widerspruchsvollen, noch öfter sehr kurzsichtigen Äußerungen zu verteidigen. Natürlich sind solche Feststellungen immer relativ - aber: Mir ist kein anderer Autor bekannt, dessen gesamtes Denken, Sein, Tun sich so sehr um die eigene Person, das eigene Schaffen, die Wirkung, den Schein gedreht hätte. Sein Denken funktioniert in Bezug auf das eigene Sein; beschäftigt er sich mit den "objektiven" Dingen der Welt, so ist eben sein Urteil wetterwendisch wie die eigene Befindlichkeit. Und er war ein großer Hypochonder ;)

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Re:Klaus Harpprecht: Thomas Mann
« Reply #14 on: 15. August 2009, 02.54 Uhr »
Hallo!

Politische Dummheit bis zum Ende; Mann wird wegweisend für zahlreiche Intellektuelle und deren Blindheit gegenüber den kommunistischen Verbrechen. Der schreckstarre Blick auf den Faschismus lässt ihn diesen als die einzige Gefahr erscheinen - und er wird zum allüberall drohenden Schreckgespenst. So sieht Mann sowohl in den USA als auch in England prä-faschistische Regierungen am Werk, vermutet, dass man zwecks Abwehr des Kommunismus überall faschistische Regime zu installieren versucht und dergleichen mehr.

Schablonenhaftes Reagieren: Stalinistische Verbrechen werden negiert, als Re-Aktion auf die faschistischen Angriffe gedeutet. Vergessen (oder beschönigt) werden die Schauprozesse schon vor dem 2. Weltkrieg, der Hitler-Stalin-Pakt. Ständiges Aufrechnen der Opfer: Auch in meiner Jugend meinte man die Opfer der kommunistischen Diktaturen mit dem Hinweis auf das us-amerikanische Vorgehen Süd- und Mittelamerika rechtfertigen zu können. (Ob dafür die Gefolterten und Ermordeten in Ost und West viel Verständnis aufgebracht hätten?)

Manns Art des Lebens ist mir schwer verständlich: Die Gier nach Ruhm, den verschiedensten Orden und Ehrungen, die penible Kenntnisnahme, ob denn eine Auszeichnung nicht schon längst fällig wäre, ob sie nicht ein anderer (natürlich ungerechtfertigterweise) vor ihm bekommen habe, das Lesen aller Besprechungen und Kritiken, die Beurteilung der Schreiber einzig danach, ob sie (die Kritiken) denn wohlwollend ausgefallen wären. Sätze wie "er ist ja doch ein netter kluger Mann, er hat viel Gescheites (= Lobendes) über den Faustus geäußert" demonstrieren seine Abhängigkeit von der Umwelt, seine Existieren in den Köpfen anderer. Ein Art von Altersweisheit, Bescheidenheit ist sein Ding nicht: Repräsentation seiner selbst bis in das Grab.

Alles ist Werk, Literatur: Das äußere Leben, sofern nicht literarisch verwertbar, stört bloß, selbst der Tod des Sohnes wird en passant zur Kenntnis genommen: "Hatte schon immer Selbstmordneigung". Der Suizid ist Feigheit, Flucht, Stefan Zweig wirft er posthum diesen Tod vor. Kein Gedanke daran, dass das Leben eines Menschen eine Form der Unerträglichkeit anzunehmen imstande ist, die all diesen Durchhalteparolen ins hohnlacht (Erika notiert beim Tode ihres Bruders etwas in diese Richtung Gehendes).

Gefühllosigkeit in zwischenmenschlichen Beziehungen als das Leitmotiv: Beispielhaft die Betrachtung seiner Jugendliebe Armin Martens (der recht früh starb): "Merkwürdig zu denken auch, daß die ganze Bestimmung dieses Menschenkindes darin bestand, ein Gefühl zu erwecken, das eines Tages zum bleibenden Gedicht werden sollte." - dann im Tagebuch: "... der keine andere Bestimmung hatte, als ein Gefühl einzuflößen, das zum bleibenden Gedicht werden sollte." Kein Gedanke daran, dass der andere, das Gegenüber etwas von einer Funktion unterschiedenes sein könne, gar ein gleichwertiger Mensch. Vollkommene Liebesunfähigkeit, wenn denn Liebe auch nur im geringsten Ausmaß über das Schätzen und Werthalten des anderen definiert wird.

Harpprechts Werk kann als ein Standardwerk gelten, nicht bloß der Umfänglichkeit wegen, sondern aufgrund der nüchternen, psychologisch feinen Betrachtungsweise (neben aller - fast selbstverständlich wirkenden - Sachkenntnis, die überall spürbar ist, aber nirgendwo aufdringlich wirkt). Einzig einige Passagen des Amerikaaufenthaltes Thomas Manns wären lesbarer ausgefallen, wenn sie gestrafft worden wären. Umfang und Akribie eines solchen Buches nötigen mir Bewunderung ab: Eine solches Werk durchzuhalten ist keine geringe Leistung, denn trotz der über 2000 Seiten ist das vorliegende Ergebnis die bloße Essenz des Bemühens. Wieviel an Korrespondenz war zu sichten, wieviel an Sekundärliteratur zu lesen, Gespräche, Begegnungen, Reisen, verworfene und wiederaufgenommen Konzeptionen. Zu all dem gehört neben Fachkenntnis und Begabung ein Arbeitsethos, das nicht jedermanns Sache ist.

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