Hallo!
Nach einer Pause zu Thomas Mann zurückgekehrt (bezüglich Leserunden: Wie wär's mit "Lotte in Weimar", "Tod in Venedig", "Buddenbrooks", mit dem Faustus würde ich gerne noch zuwarten, ebenso mit der Joseph-Tetralogie, die mir derzeit zu umfangreich ist. Vielleicht auch andere kürzere Stücke, jenes über Moses habe ich in guter Erinnerung (sollte gut zu "Exodus" passen, unsere Bibellesestunde will ja auch fortgesetzt werden)).
Der Mensch Thomas Mann ist schlicht ein Ekel. In allem eitel, selbstgefällig, borniert - oftmals auch dumm (ich bin gerade bei seinen patriotischen Aufrufen zu Beginn des ersten Weltkrieges angelangt, die an Schwachsinn kaum zu übertreffen sind). Rene Schickele trifft den Nagel auf den Kopf wenn er sagt, dass man von einem Schriftsteller nicht unbedingt "politische Sachkenntnis erwarten dürfe. Aber dann sollten die Betreffenden auch schweigen".
Schwierig für die meisten dieses Metiers, wo sie doch meist hauptberufliche Schwätzer sind (was sich auch in unseren Tagen kaum geändert hat; die diversen verbalen Ausscheidungen bezüglich aktueller politischer Ereignisse sind meist ebenso gehaltvoll wie die der Olympiasieger im Weitspucken). Bei Mann bleibt ein Hauptcharakterzug immer vorhanden: Eine ungeheuerliche Egozentrik, die die Umwelt als bloßes Material betrachtet, völlig unfähig der Empathie, ohne die mindeste Abstraktionsfähigkeit für die Probleme anderer. Der entrückte Dichterprinz, der sich in der Gleichsetzung von Krieger/Soldat und Künstler ergeht, der in seinen Elaboraten den ganzen weihevollen Schwulst des Nationalsozialismus vorwegnimmt.
Dass es eine Unzahl solcher Schriftsteller gab, die - wie später der Postkartenmaler - den "Kampf als Gottesdienst" sahen, macht es nicht besser. Eher schlimmer, müsste man vom Intellektuellen (bzw. dem, der einer zu sein vorgibt) doch ein mehr an Nachdenken, Kritik erwarten. Wobei für Th. Mann auch der Krieg nur Instrument für Selbstinszenierung war, er hat diesen benutzt, um seine verqueren Ansichten des heiligen Künstlertums, des "Kämpfers mit der Feder" zu verbreiten. Kein Gedanke an das Leid derer, die in den Schützengräben krepierten, er betrachtet das Schauspiel an seinem Schreibtisch wie ein Kind seine Zinnsoldaten, die da zu seinem Vergnügen Schlachten aufführen.
- Interessant und neu war für mich die Tatsache, dass sich Mann mit einer Erzählung der Altersliebe Goethes getragen hat (als sich der alternde Hofrat in die 19jährige Ulrike von Levetzow verguckte - siehe die - wundervolle - Marienbader Elegie) - und zwar zu einem Zeitpunkt, als er schließlich den "Tod in Venedig" schrieb. Gerade weil ich - in Unkenntnis dieser Dinge - die Elegie und die Novelle immer als wesensverwandt betrachtet habe, als eine Art Abschiednehmen von Jugend, Liebe, von Träumen, die sich als für immer und endgültig vergangen erweisen. Und dadurch das Bild des Todes evozieren.
Was mich bei Mann immer wieder stört ist sein Doppelspiel mit der Moral. Natürlich ist zu einer Zeit, in der Homosexualität unter Strafe stand, eine gewisse Vorsicht nur allzu verständlich; bei ihm ist dieses Vexierspiel aber oft feige und auch mit den vorurteilsbehafteten Bildern des "typisch Homosexuellen" belastet: Das sind geschminkte, perverse ältere Herren, die allenthalben auftreten, das dümmliches Klischee der Homoerotik breittretend (derartige Darstellungen sind auch in Filmen Legion, ständig kichernde, sich ins Hinterteil zwickende Schwule, die mit fistelnder Kopfstimme einander dümmliche Witze erzählen). Mann selbst versteckt sich (etwa bei Aschenbach) hinter abgehobenen ästhetischen Idealen, am besten - weil unverfänglichsten - androgynen Vorstellungen (seine öfter vorkommenden Beschreibungen von Geschwisterpaaren weisen auch in diese Richtung), asexuelle Verklärungen. Für das Triebhafte bleiben die zur Karikatur werdenden Homosexuellen übrig.
Liebe Grüße
orzifar