Author Topic: F. M. Dostojewski: Aufzeichnungen aus einem Toten Hause  (Read 2041 times)

Offline orzifar

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F. M. Dostojewski: Aufzeichnungen aus einem Toten Hause
« on: 12. April 2011, 13.46 Uhr »
Sowohl meine Erinnerung als auch Gontscharows Prognose hat sich bestätigt: Die "Aufzeichnungen" waren ein fast ungetrübtes Lesevergnügen. Die monierte Rahmenhandlung stellte sich als annähernd belanglos heraus (und hätte ersatzlos gestrichen werden können, wie ich überhaupt solche billigen literarischen Tricks hasse: Nabokov hat sich bei "L o l i t a" ähnlicher Unsinnigkeiten schuldig gemacht), die eigentliche Beschreibung der Strafgefangenen aber entbehrt auf wohltuende Weise der sonst bei Dostojewski im Übermaß auftretenden "tiefen, russischen Seelenzustände". Wenn es in diesem Buch denn edle Verbrecher gab, so waren es keine konstruierten Charaktere, keine der Philosophie zugetanen Schwerverbrecher und herzensguten Prostituierten, welche sich irgendwelcher verlorener Alkoholiker annehmen. Wie ja überhaupt die dostojewskische Frau einzig rettender Engel und/oder Prostituierte zu sein pflegt, die auf dem Altar der großen Liebe sich selbst opfert.

Hier bekommt man eine Vorstellung vom russischen Strafvollzug, von den Eigenheiten einer erzwungenen Männergesellschaft mit sich intern entwickelnden Hierarchien, der Verachtung für bestimmte Gruppen (Polen, Adelige), die mich stark an meine Bundesheerzeit erinnerte (wobei sich dort die Gruppe der Akademiker, Gebildeten einer ebensolchen Verachtung ausgesetzt sah). Man entwickelt Überlebensstrategien, bildet Zweckgemeinschaften, weiß sich aber im Grunde immer allein, immer in einem Zwischenzustand, der irgendwie überstanden werden muss. Selbst Lebenslange entwickeln ihre Träume, Hoffnungen, ohne die zu leben und überleben ihnen nicht gelingen könnte.

Es ist offenkundig, dass Dostojewski aus diesem Fundus an teilweise wahnsinnigen, verbrecherischen Charakteren sich lebenslang für sein Werk bediente; hier aber sind sie - im Gegensatz zu manch literarisch stilisierten Protagonisten - weitgehend echt, unverfälscht, sind glaubwürdig und authentisch. Echte Mörder bedürfen keiner künstlerischen Motivation für ihr Tun, das Böse ist banal, trivial, es ist auch nie nur böse, sondern durchsetzt mit spezifisch menschlichen Ängsten und Wünschen. Viele Figuren in diesem "toten Haus" bleiben ungreifbar, unerklärbar - und sind genau dadurch ungleich realistischer als Kirillow, Myschkin & Co.

Und wie ein roter Faden durchzieht das Buch die völlige Konzeptlosigkeit, Unsinnigkeit eines bloß auf Bestrafung ausgerichteten Justizsystems. Gewährt man ein auch nur geringes Maß an Eigenständigkeit, wird den Gefangenen auch nur ein geringes Maß an Menschlichkeit zuteil, "funktionieren" die Gefangenen plötzlich erstaunlich gut, erledigen ihre Arbeit mit Engagement und in kürzerer Zeit. Die drohende Prügelstrafe treibt die Betreffenden zu verzweifelten Handlungen, einzig aus Gründen der Macht, des Wunsches nach Erniedrigung werden diese Maßnahmen eingesetzt. Der sadistische Platzmajor wird zum Inbegriff dieser Willkür - und er demonstriert, dass der Unterschied zwischen Aufseher und Insasse ein kleiner, oft ganz zufälliger ist. So bleibt es Dostojewski nur zu bedauern, dass in diesen Lagern so viel Kraft, Jugend zum Dahinvegetieren verdammt ist.

Das Erlebte, Authentische macht dieses Buch außergewöhnlich, hebt es nach meinem Dafürhalten über Dostojewskis "große" Romane hinaus, die heute doch ein wenig antiquiert und pathetisch wirken.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline sandhofer

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Re:F. M. Dostojewski: Aufzeichnungen aus einem Toten Hause
« Reply #1 on: 13. April 2011, 19.44 Uhr »
Ich glaube, das Buch auch mal gelesen zu haben. Mit ähnlicher Begeisterung. Müsste aber Zugriff auf meine Bibliothek haben ...
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline gertrude

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Re: F. M. Dostojewski: Aufzeichnungen aus einem Toten Hause
« Reply #2 on: 08. Juli 2011, 11.34 Uhr »
Ich muss noch so viel nachholen, habe bis jetzt nur ein Buch von Dostojewski gelesen und mein Ziel ist ihn irgendwann mal im Orginal zu lesen...eine Herausforderung... genauso wäre Bulhakow oder Tolstoi am besten zu lesen...