Author Topic: Milo Dor: Mitteleuropa. Mythos und Wirklichkeit  (Read 1497 times)

Offline orzifar

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Milo Dor: Mitteleuropa. Mythos und Wirklichkeit
« on: 27. Februar 2011, 18.48 Uhr »
Hallo!

Ein alles in allem etwas biederes Werk, sowohl inhaltlich als auch sprachlich. Trotzdem lesbar, getragen von der müden Melancholie eines Schriftstellers, der in diesem Mitteleuropa seiner eigenen Herkunft nachspürt. Und gerade dort, wo er nicht versucht, allgemeine Wahrheiten über den halb- bzw. ganzvergangenen Mythos des k. u. k. Reiches zu verbreiten, dort, wo erinnert, dort ist das Buch am lesbarsten. Sodass der Essay (aus solchen besteht der Band) über die Wojwodina bislang der eindrucksvollste war, ein nostalgisches Nachspüren, sich Sehnen nach einer vergangen Welt, doppelt vergangen gar (denn geschrieben wurde dieser Essay 1980).

Ich mag eigentlich solche Bücher, allerdings sollten sie's mit der Melancholie nicht übertreiben, die nur jenem reizvoll erscheinen will, der mit diesen nostalgisch-müden Attitüden ein bisschen spielt. Selbst älter werdend mag ich's lieber heiterer, gelassener. Auch - und vor allem - in der Literatur, da die Realität das Heitere nicht immer bereithält, weil sich in einem natürlichen Prozess die Erinnerungen an Tod, Unwiederbringliches stets vermehren und ihre Bedeutung ohnehin einfordern. Bislang aber erträglich.

Trotzdem überall spürbar: Das man sich selbst überlebt, dass man ebenfalls bereits von Dingen erzählen könnte (und es auch tut), die einer vergangenen Zeit angehören. Im Ohr die Stimme des jungen Mädchens, das erstaunt auf meine - schwarzweißen - Kinderfotos blickte und auf  überrascht-konsterniert feststellte "boah - bist du alt". Und - sich ihres Satzes bewusst werdend - meinte, mich so halb und halb umarmen zu müssen, tröstend, zu relativieren, "also - nicht jetzt, aber ... äh, die Fotos - ich mein ..." und verstummt, während ich dann doch herzhaft lachen musste. Ist ja so. Kann man sich nur nicht vorstellen, vorher ...

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
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Re:Milo Dor: Mitteleuropa. Mythos und Wirklichkeit
« Reply #1 on: 03. März 2011, 17.55 Uhr »
Trotz des etwas biederen Stils, einer manchmal oberstudienrathaften Darstellung, habe ich das Buch gern gelesen. Lombardei, Toskana, Triest - Prag, Wien, Budapest, Belgrad - von all diesen Orten wird auf nostalgisch-anrührende Weise erzählt, so - und das ist bei mir selten - dass ich mir für das Frühjahr oder den Sommer einige kleine Reisen vorgenommen habe (was denn für jemanden, der der stabilitas loci huldigt, eine Seltenheit ist). Der Plauderton, in dem Geschichtliches, Erlebtes erzählt und vermischt wird, macht das Buch zur Lehnsessellektüre, unterbrochen von klugen Bemerkungen, wenn Dor etwa von der psychiatrischen Klinik in Triest erzählt und den untragbaren Zuständen dort, die die Verantwortlichen dazu veranlasst haben, alle Patienten "freizulassen" (das Experiment hat im übrigen wunderbar geklappt) und daran anknüpfend feststellt, dass die einzige Geisteskrankheit, die er kenne und bedenklich finde, im Nationalismus, Patriotismus besteht. Vielleicht nicht die einzige, aber doch eine der schlimmsten.

Dor, in Budapest geboren, im Banat aufgewachsen, in Belgrad zur Schule gegangen und in Wien lebend, vermeidet bewusst das - häufig negativ konnotierte - Wort Heimat, er versteht sich als Mitteleuropäer, als Mensch. Und so, wie er dieses sein Menschentum beschreibt, versteht man kaum, warum diese Selbstverständlichkeit nicht von jedermann akzeptiert wird; v. a. weil es so leicht schiene - und so viel erleichtern würde. Die Hoffnung, der er in manchen Essays Ausdruck verleiht, hat - etwa in Bezug auf Jugoslawien - etwas Kurios-Trauriges; denn wenige Jahre, nachdem diese geschrieben wurden (in den später 80igern, Anfang der 90iger) wurde dieser Optimismus von der Realität ad absurdum geführt.

Für einen großen Schriftsteller halte ich Dor nicht unbedingt, dafür fehlt der letzte Schliff, der Witz, Esprit. Aber lesbar ist das allemal, auch dieses natürlichen Humanismus' wegen, der das ganze Buch durchzieht.

lg

orzifar
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