Trotz des etwas biederen Stils, einer manchmal oberstudienrathaften Darstellung, habe ich das Buch gern gelesen. Lombardei, Toskana, Triest - Prag, Wien, Budapest, Belgrad - von all diesen Orten wird auf nostalgisch-anrührende Weise erzählt, so - und das ist bei mir selten - dass ich mir für das Frühjahr oder den Sommer einige kleine Reisen vorgenommen habe (was denn für jemanden, der der stabilitas loci huldigt, eine Seltenheit ist). Der Plauderton, in dem Geschichtliches, Erlebtes erzählt und vermischt wird, macht das Buch zur Lehnsessellektüre, unterbrochen von klugen Bemerkungen, wenn Dor etwa von der psychiatrischen Klinik in Triest erzählt und den untragbaren Zuständen dort, die die Verantwortlichen dazu veranlasst haben, alle Patienten "freizulassen" (das Experiment hat im übrigen wunderbar geklappt) und daran anknüpfend feststellt, dass die einzige Geisteskrankheit, die er kenne und bedenklich finde, im Nationalismus, Patriotismus besteht. Vielleicht nicht die einzige, aber doch eine der schlimmsten.
Dor, in Budapest geboren, im Banat aufgewachsen, in Belgrad zur Schule gegangen und in Wien lebend, vermeidet bewusst das - häufig negativ konnotierte - Wort Heimat, er versteht sich als Mitteleuropäer, als Mensch. Und so, wie er dieses sein Menschentum beschreibt, versteht man kaum, warum diese Selbstverständlichkeit nicht von jedermann akzeptiert wird; v. a. weil es so leicht schiene - und so viel erleichtern würde. Die Hoffnung, der er in manchen Essays Ausdruck verleiht, hat - etwa in Bezug auf Jugoslawien - etwas Kurios-Trauriges; denn wenige Jahre, nachdem diese geschrieben wurden (in den später 80igern, Anfang der 90iger) wurde dieser Optimismus von der Realität ad absurdum geführt.
Für einen großen Schriftsteller halte ich Dor nicht unbedingt, dafür fehlt der letzte Schliff, der Witz, Esprit. Aber lesbar ist das allemal, auch dieses natürlichen Humanismus' wegen, der das ganze Buch durchzieht.
lg
orzifar