Author Topic: Werner Bräunig: Rummelplatz  (Read 2254 times)

Offline orzifar

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Werner Bräunig: Rummelplatz
« on: 08. Mai 2010, 15.11 Uhr »
Hallo!

Werner Bräunig ist nur wenig bekannt, das aber offenbar zu Unrecht. In jedem Fall ist dieser viele Jahre nach dem Tod des Autors erschienene Roman ein bemerkens- und lesenswertes Stück Literatur, das zu Lebzeiten Bräunigs des real existierenden Sozialismus wegen nicht erscheinen durfte. Dabei (ich halt auf Seite 430 von 625) scheint es mir eine sehr wohlwollende Kritik am System zu sein, Hermann Kant hat das pointierter, spitzer formuliert und wurde doch verlegt.

Die Geschichte spielt im Nachkriegsdeutschland, beginnend mit der Konstituierung der DDR 1949. Bräunig bietet ein umfangreiches Pesonal: Den Professorensohn Kleinschmidt, dem vorläufig seiner nichtproletarischen Abstammung wegen das Studim versagt wird, den Abenteurer Loose, einen Speichellecker namens Mehlhorn, den ehemaligen KZ-Insassen Fischer und zahlreiche andere, die das vorhergehende Grauen mehr-weniger gut überlebt haben. Sie finden sich wieder in der "Wismut", dem Erzbergbau, sie haben aber auch Verbindungen in den Westen (wo etwa Kleinschmidts Onkel wohnt). Aber es gibt keine klare Scheidung in Gut und Böse, keinen guten Kommunisten und bösen Nationalsozialisten, sondern bloß differenziert dargestellte Menschen mit ihren Schicksalen, Traurigkeiten, mit ihrer Traumatisierung durch Krieg und Lager. Vielleicht war für die DDR bereits dieser Realismus ausschlaggebend, um Bräunig an der Publikation zu hindern; dass da nicht von der glorreichen Arbeiterschaft die Rede ist, sondern vom Menschsein im Allgemeinen: Kriechern, Speichelleckern, von Stolzen, Hilflosen und Dummen, die sich über alle gesellschaftlichen Schichten verteilen und keineswegs sich auf die Ewig-Gestrigen beschränken.

Der Roman ist wohl Fragment geblieben, aber wie fast immer beim Lesen gilt, dass der Weg das Ziel sei. Rummelplatz ist eines der besten Porträts der Nachkriegszeit, die ich bislang gelesen habe, eine facettenreiche Darstellung, auch sprachlich ansprechend. Umso bedauerlicher, dass man Bräunig das Schreiben, Veröffentlichen so schwer gemacht hat, dieses Buch ist ein beeindruckender Hinweis auf die Fähigkeiten eines Schriftstellers, der ein wirklich Großer hätte werden können. Schwierigkeit und Kritik scheinen aber seinen Hang zum Alkoholismus verstärkt zu haben, er starb mit erst 42 Jahren.

lg

orzifar
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Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
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Re:Werner Bräunig: Rummelplatz
« Reply #1 on: 11. Mai 2010, 23.51 Uhr »
Ausgelesen inklusive des umfangreichen, informativen Nachwortes, das v. a. auf die Schwierigkeiten Bräunigs bezüglich der Publikation des Romans Bezug nimmt. Hier wurde offenbar ein Exempel statuiert, wobei ich es für besonders befremdlich, seltsam halte, dass die inkriminierten Passagen, die Vorwürfe nicht jene Teile des Romans aufgreifen, die eine tatsächliche Systemkritik enthalten. So wird v. a. das namensgebende Kapitel "Rummelplatz" verurteilt, hier würde die Arbeiterklasse denunziert, das Verhältnis zur Sowjetunion verunglimpft und - besonders kurios in meinen Augen - festgestellt, dass es pornographisch, ordinär, wüst sei.

In meiner ersten Einschätzung wollte ich gerade die Dezenz hervorheben, mit der Bräunig alle irgendwie sexuell konnotierten Szenen behandelt, vieles, fast alles bleibt unausgesprochen, angedeutet, nirgends etwas Plakatives. Eine einzige "ordinäre" Episode, ein Biertischgespräch der bereits angetrunkenen Wismut-Arbeiter gibt es, aber kaum der Erwähnung wert, allerdings von großer Eindringlichkeit und hoher Qualität. Der Verfasserin des Nachwortes ist diese eigenartige Diskrepanz auch aufgefallen, dort (v. a. im letzten Teil des Romans), wo wirklich schonungslos Missstände aufgezeigt werden, wo jene selbstgefällige Funktionärsgarde geschildert wird, die die Wahrheit gepachtet zu haben vorgibt und von ihrer Stellung aus zu wissen glaubt, was denn das Allseligmachende für die Menschheit ist, dort, wo Willkür in Verhaftung und Justizsystem geschildert werden, hatte die Kritik offenbar nichts (zumindest nichts Konkretes) einzuwenden, sondern erging sich einzig in schwammigen Formulierungen.

Der Roman ist Fragment, endet mit dem 17. Juni 1953 und dem Tod eines Arbeiters, kommunistischen Kämpfers der ersten Stunde. Er endet v. a. mit der Frage, was denn vom Leben eines Arbeiters bleibt nach seinem Tod? Der zweite, geplante Teil sollte den Zeitraum bis etwa 1960 umfassen, den Weg der etwa 4 Hauptpersonen im Nachkriegsdeutschland (Ost und West) zeigen, eigentlich ein "Entwicklungsroman". Das Fragmentarische des Romans ist auch erzähltechnisch und stilistisch offenkundig, Brüche, Kapitel, die offenbar noch der Überarbeitung bedürften. Aber dennoch ein großes und sehr lesenswertes Stück Literatur, eine Schilderung der Nachkriegszeit in der DDR, wie ich sie in dieser Intensität noch nicht gelesen habe. So ist dieses Buch eine Empfehlung in doppelter Hinsicht: Sowohl was die Qualität der Darstellung (abzüglich der dem Fragmentarischen geschuldeten Stolpereien) als auch eines, das wie kaum ein anderes die Nachkriegsstimmung in Deutschland einzufangen verstand.

lg

orzifar
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