Ausgelesen inklusive des umfangreichen, informativen Nachwortes, das v. a. auf die Schwierigkeiten Bräunigs bezüglich der Publikation des Romans Bezug nimmt. Hier wurde offenbar ein Exempel statuiert, wobei ich es für besonders befremdlich, seltsam halte, dass die inkriminierten Passagen, die Vorwürfe nicht jene Teile des Romans aufgreifen, die eine tatsächliche Systemkritik enthalten. So wird v. a. das namensgebende Kapitel "Rummelplatz" verurteilt, hier würde die Arbeiterklasse denunziert, das Verhältnis zur Sowjetunion verunglimpft und - besonders kurios in meinen Augen - festgestellt, dass es pornographisch, ordinär, wüst sei.
In meiner ersten Einschätzung wollte ich gerade die Dezenz hervorheben, mit der Bräunig alle irgendwie sexuell konnotierten Szenen behandelt, vieles, fast alles bleibt unausgesprochen, angedeutet, nirgends etwas Plakatives. Eine einzige "ordinäre" Episode, ein Biertischgespräch der bereits angetrunkenen Wismut-Arbeiter gibt es, aber kaum der Erwähnung wert, allerdings von großer Eindringlichkeit und hoher Qualität. Der Verfasserin des Nachwortes ist diese eigenartige Diskrepanz auch aufgefallen, dort (v. a. im letzten Teil des Romans), wo wirklich schonungslos Missstände aufgezeigt werden, wo jene selbstgefällige Funktionärsgarde geschildert wird, die die Wahrheit gepachtet zu haben vorgibt und von ihrer Stellung aus zu wissen glaubt, was denn das Allseligmachende für die Menschheit ist, dort, wo Willkür in Verhaftung und Justizsystem geschildert werden, hatte die Kritik offenbar nichts (zumindest nichts Konkretes) einzuwenden, sondern erging sich einzig in schwammigen Formulierungen.
Der Roman ist Fragment, endet mit dem 17. Juni 1953 und dem Tod eines Arbeiters, kommunistischen Kämpfers der ersten Stunde. Er endet v. a. mit der Frage, was denn vom Leben eines Arbeiters bleibt nach seinem Tod? Der zweite, geplante Teil sollte den Zeitraum bis etwa 1960 umfassen, den Weg der etwa 4 Hauptpersonen im Nachkriegsdeutschland (Ost und West) zeigen, eigentlich ein "Entwicklungsroman". Das Fragmentarische des Romans ist auch erzähltechnisch und stilistisch offenkundig, Brüche, Kapitel, die offenbar noch der Überarbeitung bedürften. Aber dennoch ein großes und sehr lesenswertes Stück Literatur, eine Schilderung der Nachkriegszeit in der DDR, wie ich sie in dieser Intensität noch nicht gelesen habe. So ist dieses Buch eine Empfehlung in doppelter Hinsicht: Sowohl was die Qualität der Darstellung (abzüglich der dem Fragmentarischen geschuldeten Stolpereien) als auch eines, das wie kaum ein anderes die Nachkriegsstimmung in Deutschland einzufangen verstand.
lg
orzifar