Hallo orzifar,
An so einem schweren Text wie
Kaddisch muss ich mich vorsichtig herantasten. Fast kein Absatz wie bei Thomas Bernhard, es kommen auch Wiederholungen vor wie bei Bernhard, aber weitaus nicht so exzessiv wie bei dem Österreicher. Sonst hat der Text selbst mit Bernhard nichts zu tun, sondern wir entdecken hier einen typischen Kertész, auch wenn es sich im Gegensatz zum
„Roman eines Schicksallosen“ um einen inneren Monolog handelt. Ich vermute, Kertész hat den
„Roman eines Schicksallosen“ leicht lesbar gestaltet, weil es dort um einen Jungen geht, außerdem hat es den Nebeneffekt, dass so ein Roman viele Leser findet.
"Kaddisch für ein nicht geborenes Kind“ ist etwa um zwei Schwierigkeitsgerade höher.
Tief Luft holen und verinnerlichen, was auf den ersten zweiundzwanzig Seiten zu lesen war:
Der Erzähler des Monologes geht mit einem Herrn, dem Doktor Oblath, einem Philosophen in einem Buchenwald eines ungarischen Mittelgebirges spazieren. Da er sich in Botanik nicht ausgeht, könne es aber auch ein Eichenwald oder Lindenhain sein, da ist er sich nicht so sicher. Die Nennung Buchenwald auf der der ersten Romanseite spielt warscheinlich auf das KZ Buchenwald an. Sie wohnen in einem Haus, welches „Erholungsheim“ genannt wird. Doktor Oblath fragt den Erzähler, ob er Kinder habe (Seite13), was er verneint, diese Frage ihn aber aufgewühlt hatte. Oblath betrachte seine Kinderlosigkeit als
„Versäumnis“, die Chance verpasst,
..über die Selbsterhaltung hinaus das Weiterleben, das Überleben dieses seines Daseins, also seines Selbst, verlängert und vervielfältigt in den Nachkommen....(Seite 16).
Dabei geht es um eine existentielle Sinnfrage, dass er, der Mensch
sich nicht als verstümmelt, überflüssig und letzten Endes überflüssig vorkomme;..
Oblath fürchte sich insbesondere
„vor einer Gefühlsverkalkung“, was man auch immer darunter zu verstehen habe.
Ja, es geht sogar um Existenzberechtigung und Sinnfragen nach der Gebrechlichkeit des Menschen. Dabei sei zu bemerken, der Waldspaziergang geht durch das Herbstlaub und das Beispiel eines mißtönigen Englischhorns schwingt um unser schwaches Dasein.
Stöhn, ach ich weiß nicht, ob das nicht übertrieben ist, wenn ich lesen muss
..daß die bloße Existenz des Lebens eigentlich eine Unkultiviertheit sei.. (Seite 20).
na, ja, es steht dort
„eigentlich“, vielleicht ist das gar nicht so entgültig gemeint. Es geht hier wohl darum, wie man nach Auschwitz weiterleben kann.
Auf den ersten 22 Seiten wird das „Nein“ (= ich habe keine Kinder) viermal wiederholt. Das
„Nein!“ ist im Roman so wichtig, dass der Roman mit diesem Ausruf beginnt. Er beginnt auch mit der Passage über Instinkte und Gegensinstinkte, die bisher dreimal wiederholt wurde, ich aber, den Sinn dessen, nicht gerafft habe.
Das ein kleiner Anstoß zum Beginn, der den Stein ins Rollen bringt. Ich hoffe, auf meine Weise versuchte analytische Eskapaden, dienen der Sache, sich einen Zugang zu dem anspruchsvollen Text zu verschaffen, mombourius auch gleich weiterliest, weil er nicht zur Arbeit muss, ein wenig herumkränkelt wie die Herrschaften im Herbstlaub.

Liebe Grüße
mombour
PS: Die Seitenzahlen beziehen sich auf die Taschenbuchausgaben des Rowohltverlages, Zweite Auflage, 2002.