Author Topic: Imre Kertész: Kaddisch für ein nicht geborenes Kind  (Read 4826 times)

Offline mombour

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Imre Kertész: Kaddisch für ein nicht geborenes Kind
« on: 08. Januar 2010, 12.37 Uhr »
Hallo orzifar,

An so einem schweren  Text wie Kaddisch muss ich mich vorsichtig herantasten. Fast kein Absatz wie bei Thomas Bernhard, es kommen auch Wiederholungen vor wie bei Bernhard, aber weitaus nicht so exzessiv wie bei dem Österreicher. Sonst hat der Text selbst mit Bernhard nichts zu tun, sondern wir entdecken hier  einen typischen Kertész, auch wenn es sich im Gegensatz zum „Roman eines Schicksallosen“ um einen inneren Monolog handelt. Ich vermute, Kertész hat den „Roman eines Schicksallosen“ leicht lesbar gestaltet, weil es dort um einen Jungen geht, außerdem hat es den Nebeneffekt, dass so ein Roman viele Leser findet. "Kaddisch für ein nicht geborenes Kind“ ist etwa um zwei Schwierigkeitsgerade höher.

Tief Luft holen und verinnerlichen, was auf den ersten zweiundzwanzig Seiten zu lesen war:

Der Erzähler des Monologes geht mit einem Herrn, dem Doktor Oblath, einem Philosophen in einem Buchenwald eines ungarischen Mittelgebirges spazieren. Da er sich in Botanik nicht ausgeht, könne es aber auch ein Eichenwald oder Lindenhain sein, da ist er sich nicht so sicher. Die Nennung Buchenwald auf der der ersten Romanseite spielt warscheinlich auf das KZ Buchenwald an. Sie wohnen in einem Haus, welches „Erholungsheim“ genannt wird. Doktor Oblath fragt den Erzähler, ob er Kinder habe (Seite13), was er verneint, diese Frage ihn aber aufgewühlt hatte. Oblath betrachte seine Kinderlosigkeit als „Versäumnis“, die Chance verpasst,

Quote from: Kertész
..über die Selbsterhaltung hinaus das Weiterleben, das Überleben dieses seines Daseins, also seines Selbst, verlängert und vervielfältigt in den Nachkommen....(Seite 16).
Dabei geht es um eine existentielle Sinnfrage, dass er, der Mensch
Quote from: Kertész
sich nicht als verstümmelt, überflüssig und letzten Endes überflüssig vorkomme;..

Oblath fürchte sich insbesondere „vor einer Gefühlsverkalkung“, was man auch immer darunter zu verstehen habe.

Ja, es geht sogar um Existenzberechtigung und Sinnfragen nach der Gebrechlichkeit des Menschen. Dabei sei zu bemerken, der Waldspaziergang geht durch das Herbstlaub und das Beispiel eines mißtönigen Englischhorns schwingt um unser schwaches Dasein.

Stöhn, ach ich weiß nicht, ob das nicht übertrieben ist, wenn ich lesen muss

Quote from: Kertész
..daß die bloße Existenz des Lebens eigentlich eine Unkultiviertheit sei.. (Seite 20).
na, ja, es steht dort „eigentlich“, vielleicht ist das gar nicht so entgültig gemeint. Es geht hier wohl darum, wie man  nach Auschwitz weiterleben kann.

Auf den ersten 22 Seiten wird das „Nein“ (= ich habe keine Kinder) viermal wiederholt. Das „Nein!“ ist im Roman so wichtig, dass der Roman mit diesem Ausruf beginnt. Er beginnt auch mit der Passage über Instinkte und Gegensinstinkte, die bisher dreimal wiederholt wurde, ich aber, den Sinn dessen, nicht gerafft habe.

Das ein kleiner Anstoß zum Beginn, der den Stein ins Rollen bringt. Ich hoffe, auf meine Weise versuchte analytische Eskapaden, dienen der Sache, sich einen Zugang zu dem anspruchsvollen Text zu verschaffen, mombourius auch gleich weiterliest, weil er nicht zur Arbeit muss, ein wenig herumkränkelt wie die Herrschaften im Herbstlaub. ;D

Liebe Grüße
mombour

PS: Die Seitenzahlen beziehen sich auf die Taschenbuchausgaben des Rowohltverlages, Zweite Auflage, 2002.
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Re:Imre Kertész: Kaddisch für ein nicht geborenes Kind
« Reply #1 on: 08. Januar 2010, 16.00 Uhr »
Hallo!

Tja, so geht's. Will sagen: Unser beider Eindrücke gleichen sich. Nächtens das Buch zur Hand genommen, nur knapp mehr als 150 Seiten und in Erinnerung mit dem Schicksallosen die Erwartung verbunden, dass sich das leicht und im Vorbeigehen lesen ließe. Pustekuchen (wie Onkel Donald sagen würde).

Und heute, nach dem Lever, noch mal begonnen. (Bei meiner Skepsis gegenüber den Fähigkeiten Th. Bernhards wirkt übrigens ein Vergleich mit demselben immer als eine Beleidigung ;)). Ein, wir mir scheint, sehr genau durchkomponierter, intensiver Text, der mir bislang ganz ausgezeichnet gefällt.

Eine Art innerer Monolog mit Kertész als unverkennbarer Hauptfigur, ein Fragen nach der Möglichkeit einer Existenz nach Auschwitz. Schon das Gehen durch einen "Buchenwald" (wo Kertész lange interniert war) scheint kein Zufall, dort, wo er auf den Philosophen trifft, den er mit einem Wegelagerer vergleicht, welcher aber mit Wegelagerei sich nur philosophisch auseinandersetzen würde (wie es denn sein Beruf erheischt), "die Schmutzarbeit aber verrichten die Fachleute, nun, so etwas haben wir schon gesehen ...".

Von Anfang an befindet sie der Protagonist unter einem Rechtfertigungsdruck, er sieht sich gezwungen zu "erklären", alles, das Leben, die Umgebung fordert Erklärungen ab - so lange, bis man sich zu Tode erklärt hat. Sein, des Autors ganzes Schreiben, ein Erklären - und er schreibt, um nicht leben zu müssen, denn müsste er leben, er wüsste nicht, ob er noch am Leben wäre. Und wo er auf dieses Leben trifft, dort ertönt sein "nein", ein nein vor allem zu seinem Weiterleben in einem Kind, "mein Dasein als die Möglichkeit deines Seins betrachtet, das heißt, ich als Mörder".

Das ganze Leben als eine Entschuldigung dafür, noch da zu sein, "meine übertriebene Höflichkeit als flehte ich um meine Existenz". - Ich habe im übrigen nicht den Eindruck, dass sich das Buch nur als eine Rechtfertigung des Lebens nach dem Holocoust lesen lässt, sondern dass es eine Paraphrasierung der Existenzzweifel an sich ist, dass es den "Nachteil, geboren zu sein", die Fragwürdigkeit des Lebens an sich behandelt.

In jedem Fall ein bislang mich faszinierender, weit von meiner Erwartungshaltung abweichender Text (was nun durchaus positiv ist).

lg

orzifar

Wir lesen im übrigen die gleiche Ausgabe. Und gute Besserung, wobei sie so weit fortschreiten solle, dass sie dich nur am Arbeiten, nicht am Lesen verhindert.
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Re:Imre Kertész: Kaddisch für ein nicht geborenes Kind
« Reply #2 on: 09. Januar 2010, 15.26 Uhr »
Hallo,

wegen Großputztag durfte ich heute vormittag nicht an meinem PC, weil dieser im Wohnzimmer stand. Meine Frau verbannte mich ins Schlafzimmer. So nahm ich noch schnell mein Kaddisch und einen Notizblock mit, verkroch mich unter die Decke und las bis Seite 101.

B. fristet eine schmachvolle Existenz als Schriftsteller und Übersetzer, wobei ja, wenn  man Schriftsteller ist, aber von Übersetzungen leben muss, sich natürlich auf einen niederen Ast fühlen muss. Hat er zu anfangs sein „mein Dasein als Möglichkeit deines Seins“ betrachtet“ wird nun ergänzt mit „Dein Nicht-Sein als radikale Liquidierung meines Seins betrachtet.“ Bisher fünfmal mal erzählt er davon, sein Grab zu schaufeln. Einmal heißt es so schön

 
Quote from: Kertész
..wo ich in die hell glänzende Luft aufblicke, oder in die Wolken, in die ich mein Grab mit dem Kugelschreiber schaufele. (Seite 48)
Kertész bezieht sich direkt auf die „Todesfuge“,  von der zwei Verse als Motto des Romans zitiert werden:

„...streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng.“

Auf den Seiten 78 und 97 wird im Text noch einmal Celan zitiert. Daraus ergibt sich  die  Überlegung, ob sich der komplette Roman auf die „Todesfuge“ bezieht. Wenn wir an die Existenzfragen des Romans denken, hier speziell vielleicht doch die Existenz  nach  einer Auschwitzerfahrung hinterfragt wird (Im dritten Band der Schicksallosigkeit „Fiasko“ geht es im Grunde genommen auch darum). Sehr spannend finde ich des Protagonisten Auseinandersetzung mit der Aussage, das es für Auschwitz keine Erklärung gibt (er ist natürlich anderer Meinung).
Auschwitz hängt schon seit Jahrhunderten
Quote from: Kertész
gleich einer dunklen, von den Strahlen zahloser Schandtaten reifenden Frucht, die darauf wartet, den Menschen auf den Kopf zu fallen,.. (Seite 50/51).
in der Luft.

Darunter verstehe ich die Gewalt, die schon seit Jahrhunderten in der Menschheitsgeschichte brodelt und im 20. Jahrhundert wie ein entsetzlicher Vulkanausbruch über die Menschheit hereingebrochen ist.  Diese durch „Schandtaten reifende Frucht“ ist die Geschichte des Antisemitismus, die schon in der Antike ihren Anfang nahm. Glänzend Kertész' Aufschrei gegen Totalitarismus. Das beeindruckt außerordentlich und brennt sich ins Gehirn.

Sprachkompositorisch kann man diesen Text durchaus als Meisterwerk betrachten. So etwas sage ich ja sehr selten. Die Wiederholungen kommmen so dezent, gerade im richtigen Moment daher, völlig unaufdringlich.

Ja, auf jedenfall ganz anders als der Grantler Bernardo d'Austria.

Liebe Grüße
mombour
« Last Edit: 09. Januar 2010, 20.08 Uhr by mombour »
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Re:Imre Kertész: Kaddisch für ein nicht geborenes Kind
« Reply #3 on: 10. Januar 2010, 16.31 Uhr »
Hallo mombour,

bei mir hat nicht das Hygienebedürfnis das Lesen verhindert, sondern die hiesigen Elektrizitätswerke, welche mir zu meiner bevorzugten Lesezeit des nächtens romantisches Kerzenlicht bescherten.

Dein Tempo hätte ich aber auch sonst nicht zu halten vermögen (ich bin erst auf S. 47). Der Text erfordert große Aufmerksamkeit, "schwer" scheint er mir eigentlich nicht, aber eines genauen Lesens mehr als wert. Selten nur hab ich mit so großem Vergnügen Passagen doppelt gelesen, genaue, witzige Beobachtungen (v. a. seiner selbst) wechseln mit Melancholie, Traurigkeit über die Welt, deren Dummheit, Borniertheit. Beispielhaft vielleicht die auf S. 45ff beschriebene Gesellschaft, die wie in einer Art Spiel oder Wettbewerb verschiedene Gefangenenlager aufzählt, bis jemand mit "Auschwitz" den letzten Trumpf ausspielt und damit endgültig reussiert. Und dann der dämliche Satz "Für Auschwitz gibt es keine Erklärung" fällt, sentenzenhaft, platt und undifferenziert, wie solche Sprüchlein und scheinbar als das Konzentrat eines (Nicht-)Gedankens verfasste Sätzchen meistens sind. Und darauf die Reaktion des Protagonisten, hilflos, ausschweifend, "wie von Logorrhoe befallen", wie er ja überhaupt immer wieder seine Geschwätzigkeit anprangert als einen unzureichenden Versuch der Rechtfertigung seines (Über-)Lebens, einerseits notwendig wie das Schreiben, andererseits eine Flucht, um dem nackten Da-Sein weniger ausgeliefert zu sein.

Das Buch ist nicht bloß eine bedrückende Abrechnung mit der Gesellschaft, es ist auch witzig, zynisch - und, wo er an sein nie geborenes, weil ihm seiner Erfahrung nach unmöglich gewordenes Kind denkt, berührend. Wie groß ist die Gefahr, dass solche Stellen verkitschen, lächerlich werden - aber nichts davon: Ich habe nirgends den Eindruck, dass hier jemand Gefühle literarisch ausgestaltet, sondern seine eigene, nackte Traurigkeit so präzise als möglich zu beschreiben sucht.

Die Todesfuge wird im übrigen schon auf den ersten 30 Seiten mindesten dreimal zitiert, sie grundiert den Text, unaufdringlich und in vielleicht bewusstem Gegensatz zu den vorhin erwähnten dümmlich-plakativen Sätzen über Auschwitz. Ein bislang ausnehmend kluges, sensibles Porträt eines Menschen, der nicht nur an seiner Vergangenheit im KZ leidet, sondern vielmehr am dümmlichen Geschwätz der post-nationalsozialistischen Welt. Und der den Wahnsinn der Lager geschichtlich relativiert: Denn es stellt sich ja tatsächlich die Frage, ob sich nicht auch die Inquisition statt scheiterhaufenintensiver Verbrennungsmethoden bei entsprechenden technischen Möglichkeiten auf eine rationellere Art des Ermordens Unliebsamer besonnen hätte. Alles eine Frage des technischen Entwicklungsstandes ...

Das Buch in jedem Fall hervorragend, so wie ich es nicht erwartet hatte (wobei der "Roman eines Schicksallosen" keineswegs ein schlechtes Buch ist; dieses aber übertrifft ihn m. E. bei weitem).

Was die Sprache, die Mittel anlangt, stimme ich dir vollkommen zu: Tatsächlich ein kompositorisches Meisterwerk.

lg

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Re:Imre Kertész: Kaddisch für ein nicht geborenes Kind
« Reply #4 on: 11. Januar 2010, 16.55 Uhr »
Hallo,

Ich habe auch noch mal wiederholt ab Seite 35. Die Szene in dem Restaurant, wo er sich unterhaltenden Frauen Aufmerksamkeit schenkt, charakterisiert Kertész seinen Protagonisten B. Als einen typischen Juden, der überall beobachtet, ob er etwas antisemitisches entdecken könnte (ähnlich, wie Robert Merle im Roman „Die geschützten Männer“ getan hat). B.' langes Warten bis die Frau herausplatzt, mit einem Jüden würde sie nie schlafen, bringt B. Verständlicherweise außer Fassung, da so ein Vorurteil gegenüber Juden natürlich unsinnig ist, und als Gegensatz schildert Kertész, B. Habe „eine schöne Jüdin“ als Frau (d.h., sie wird mal seine werden). Auf diese Art die Unsinnigkeit des Antisemitismus hat mir gefallen. Dabei erinnere ich mich, ich habe  einen ungelesenen Roman vom Tschechen Jirí Weil vor mir liegen, „Mendelssohn auf dem Dach“ heißt der Roman, darin auf groteske Weise die Unsinnigkeit des Antisemitismus dargestellt wird. Ach, das wollte ich schon im letzten Jahr lesen.

Und dann die Passage auf den Seiten 39/40, in der von einer „Schwarzen Messe der Menschheit“ spricht, aus der Erinnerung heraus würde Gas sickern, der letzte Überlebende aus Warschau würde sein Schm'a sprechen usw. Arnold Schönberg hat "Ein Überlebender aus Warschau"in Töne gesetzt (es gibt eine at. Schönberg Homepage, auf der man sich die Werke Schönbergs anhören kann, auch seine Gemälde kann man sehen) Dank Wikipedia weiß ich, Schm'a ist das Glaubensbekenntnis der Juden. Jedenfalls finde ich es sehr beeindruckend, wie Kertész auf diese Weise auf das Problem des Überlebens zurückkommt, spricht sogar, B. sei ein „Übriggebliebener aus Budapest“ und kommt schließlich auf die Kinder zurück, die nie gezeugt wurden. Ja, das ist ein „Kaddisch für ein  nicht geborenes Kind.“

Bewegend auch die Szene mit dem „Lehrer“ aus dem Konzentrationslager. „Der Lehrer“ hat zufällig an B.'s Essensration herangekommen, hatte also die doppelte Menge zu Essen, was vorerst sein Überleben sichterte, er gab die Ration an B. zurück. Die Textstelle zeigt, wie man nur zufällig überlebte. „Der Lehrer“ wurde erschossen, B. überlebte. Muss B. dann nicht Schuldgefühle bekommen. Vielleicht auch deshalb das ständige Hinterfragen nach seiner Existenzberechtigung.

Ich denke immer, mein Gott, über so einen schwierigen Text kann ich doch nicht schreiben, und dann flutschen doch wieder meine Finger über die Tastatur.

Denn es stellt sich ja tatsächlich die Frage, ob sich nicht auch die Inquisition statt scheiterhaufenintensiver Verbrennungsmethoden bei entsprechenden technischen Möglichkeiten auf eine rationellere Art des Ermordens Unliebsamer besonnen hätte. Alles eine Frage des technischen Entwicklungsstandes ...

Ja, ganz richtig, darum meine Ausführungen von gestern, über die zahlosen Schandtaten einer reifenden Frucht.

Liebe Grüße
mombour
« Last Edit: 11. Januar 2010, 17.01 Uhr by mombour »
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Re:Imre Kertész: Kaddisch für ein nicht geborenes Kind
« Reply #5 on: 13. Januar 2010, 19.27 Uhr »
Hallo!

Ganz wunderbar, wie Kertész mit Sprachdummheiten, Floskeln abrechnet, wie er den Hegelschen Weltgeist der Lächerlichkeit preisgibt. Immer wieder spricht er von H. (dem Philosophen) - nicht von H. (dem Führer). Und wie er Auschwitz zurückführt auf den Einzelnen, der sich beim vermeintlich Großen, geschichtlich Bedeutenden anbiedert und sich mit ihm gemein macht. Alle diese Erklärungsmodelle, die dann doch nur auf Entschuldigungsmodelle hinauslaufen, werden obsolet angesichts des Geschehenen und der Verantwortung des Einzelnen.

Aber nicht nur ein politisches, die nationalsozialistische Vergangenheit analysierendes Buch. Wobei mir sehr gut gefallen hat, wie Kertész Parallelen zu seiner Schulzeit zieht, das Entwürdigende solcher Erziehung beschreibt (eine Erziehung, die auch ich selbst noch in dieser Form zu spüren bekommen habe mit Schlägen, Erniedrigungen, Verachtung - mit einem bewussten Einsetzen der Masse gegen den Einzelnen, wenn etwa die Klasse von seiten eines Lehrers gegen einen Außenseiten instrumentalisiert wurde); einem anderen würde man bei solchen Vergleichen Verharmlosung vorwerfen, Kertész als ehemaliger KZ-Insasse darf das (natürlich dürfte es auch jeder andere; nur der Unverstand würde diesen Vorwurf der Verharmlosung erheben). Er beschreibt diesen Schuldiktator, den Direktor, von dem nur im Flüsterton gesprochen wird, dessen Befehle befolgt werden, ohne dass dieselben explizit ausgesprochen wurden und stellt dann fest: Auch dieser Direktor wurde in Auschwitz vergast.

Ich bin etwa 15 Seiten vor dem Ende des Buches (und es gehört zu jenen, welche ich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wiederlesen werde). Ein sehr "dichter" Roman, keineswegs aber ein nur politisches Werk - im Gegenteil: Es ist ein das Politische ins Persönliche transponierender Text - und wahrscheinlich ist er gerade aus diesem Grund derart gehaltvoll. Hier weist die politisch-historische Erfahrung über das konkrete Ereignis hinaus und wird dadurch zur Literatur, die lange Bestand hat.

lg

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Re:Imre Kertész: Kaddisch für ein nicht geborenes Kind
« Reply #6 on: 18. Januar 2010, 14.43 Uhr »
Hallo!

Kurz zum Abschluss: Auch das Ende fand ich furios, in dem er die Perspektive wechselt und sein Verhalten, seine Existenz aus Sicht seiner Frau betrachtet, wie sie die Unmöglichkeit eines Zusammenseins mit ihm, der nur aus der Vergangenheit lebt, aus seiner Qual, beschreibt. Eine Qual, die ihm zum Lebensinhalt wird, die zu ändern er sich weigert, sein Freiheitspathos, das immer nur eine Freiheit _gegen_ etwas sei, nie ein Annehmen, offen sein, wozu auch die Liebe und Stärke gehöre ...

Struktur und Sprache unterscheiden sich im "Kaddisch" vollkommen vom "Roman eines Schicksallosen", dies hier ist das Buch des Überlebenden, des Erwachsenen, der sein Leiden geistig (nicht?) zu bewältigen sucht, keine "naive" Zustandsbeschreibung des So-seins, sondern Gesellschaftsanalyse, viel mehr aber noch ein Porträt eines am Leben Gescheiterten, der - aus dem Unbeschreiblichen zurückgekommen - nicht mehr in dieses Leben findet. Dennoch ist diese Unmöglichkeit des Existierens keine, die nun ausschließlich mit Auschwitz und dem Nationalsozialismus verknüpft ist, es ist eine allgemein Menschliche, ein Leiden, das auch ohne Auschwitz nachvollziehbar ist (und wohl auch sein soll). Dies macht aus dem Buch sehr viel mehr als eine bloße Leidensgeschichte des Überlebenden.

Ich überlege, ob ich den Roman nicht sofort noch einmal lesen sollte. (Was kann man Besseres von einem Buch sagen ...)

lg

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Re:Imre Kertész: Kaddisch für ein nicht geborenes Kind
« Reply #7 on: 19. Januar 2010, 13.53 Uhr »
Hallo!
Ganz wunderbar, wie Kertész mit Sprachdummheiten, Floskeln abrechnet, wie er den Hegelschen Weltgeist der Lächerlichkeit preisgibt. Immer wieder spricht er von H. (dem Philosophen) - nicht von H. (dem Führer).

Ich möchte auf das Hegelthema zurückkommen:

An dem Hegel'schen Weltgeist wird gekratzt. H. habe gesagt, die Weltgeschichte sei das Bild und die Tat der Vernunft.

Quote from: Kertész
...wer die Welt vernünftig ansieht, den sieht auch die Welt vernünftig an, beides ist in Wechselbestimmung – sagt wiederum H., nicht H., der Führer und Reichskanzler, sondern H., der gewaltige Seher, Philosoph, Hofnarr und auserwählte Leckerbissen aufwartende Mundschenk, aller Führer, Reichskanzler und sonstigen Titularusurpatoren,...

An dieser Stelle wird ziemlich neckisch vor den Gefahren des Missbrauchs der Wissenschaft in Diktaturen gewarnt. Ich stieß nun auf das Buch von Hubert Kiesewetter, einem Schüler von Karl Popper, der das Buch „Von Hegel zu Hitler“ verfasst hat, in dem er darlegt, jedenfalls wird das im Klappentext erläutert:

„Die zentrale These des Buches besteht darin, daß nicht Rassismus, Antisemitismus und Weltwirtschaftskrise die Machtergreifung der Nationalsozialisten ermöglicht haben, sondern Hitlers Propaganda für den totalitären Zentralstaat. Hegel hatte in seiner Rechtsphilosophie die modernste und entwickelteste totalitäre Staatslehre entworfen, auf die sich Wissenschaftler und Politiker seit 1821 in ihrem Kampf gegen Individualismus, Liberalismus und Parlamentarismus über 120 Jahre lang stützen konnten. Die Etablierung eines totalitären Machtstaates war die wichtigste Ursache der deutschen Katastrophe. Sein Aufstieg und Untergang werden hier dargestellt und erklärt.“

Ich weiß nicht, inwieweit diese These wirklich ernstzunehmen ist und überlege, ob Kertész dieses Buch gelesen hat.

Dennoch ist diese Unmöglichkeit des Existierens keine, die nun ausschließlich mit Auschwitz und dem Nationalsozialismus verknüpft ist, es ist eine allgemein Menschliche, ein Leiden, das auch ohne Auschwitz nachvollziehbar ist (und wohl auch sein soll). Dies macht aus dem Buch sehr viel mehr als eine bloße Leidensgeschichte des Überlebenden.

Lässt sich das anhand des Textes belegen? Ich habe den Eindruck, da immer die "Todesfuge" mitschwingt, dass hier an die Unmöglichkeit der Existenz nach Auschwitz erzählt wird. Auf Seite 84 hatte ich mal den Eindruck, als er über das "Jenseits" und über "Die Existenz dieser Welt" schrieb.

Ich bin mit dem Roman auch fertig, da ich ständig textpassagen wiederholt habe, habe ich den Roman inzwischen mindestens zweimal gelesen. Trotzdem, natürlich, bleiben für mich viele Fragen offen. Vielleicht auch ein Zeichen dafür, dass es sich um ein gutes Buch handelt, denn mit solch existentiellen Fragen werden Menschen niemals fertig, denke ich. Für mich stellt sich die Überlegung, ob die Unmöglichkeit der Existenz des Menschen nicht doch zu pessimistisch ist. Unsere folgende Generation, schon meine Nichten und Neffen, werde sich die Frage stellen müssen, ob man in Zeiten der Klimakatastrophe Menschen in die Welt setzen kann. Mit dem Roman werde ich innerlich auch nicht fertig.

Liebe Grüße
mombour
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Re:Imre Kertész: Kaddisch für ein nicht geborenes Kind
« Reply #8 on: 20. Januar 2010, 15.25 Uhr »
Ich möchte auf das Hegelthema zurückkommen:

An dem Hegel'schen Weltgeist wird gekratzt. H. habe gesagt, die Weltgeschichte sei das Bild und die Tat der Vernunft.

Quote from: Kertész
...wer die Welt vernünftig ansieht, den sieht auch die Welt vernünftig an, beides ist in Wechselbestimmung – sagt wiederum H., nicht H., der Führer und Reichskanzler, sondern H., der gewaltige Seher, Philosoph, Hofnarr und auserwählte Leckerbissen aufwartende Mundschenk, aller Führer, Reichskanzler und sonstigen Titularusurpatoren,...

An dieser Stelle wird ziemlich neckisch vor den Gefahren des Missbrauchs der Wissenschaft in Diktaturen gewarnt. Ich stieß nun auf das Buch von Hubert Kiesewetter, einem Schüler von Karl Popper, der das Buch „Von Hegel zu Hitler“ verfasst hat, in dem er darlegt, jedenfalls wird das im Klappentext erläutert:

„Die zentrale These des Buches besteht darin, daß nicht Rassismus, Antisemitismus und Weltwirtschaftskrise die Machtergreifung der Nationalsozialisten ermöglicht haben, sondern Hitlers Propaganda für den totalitären Zentralstaat. Hegel hatte in seiner Rechtsphilosophie die modernste und entwickelteste totalitäre Staatslehre entworfen, auf die sich Wissenschaftler und Politiker seit 1821 in ihrem Kampf gegen Individualismus, Liberalismus und Parlamentarismus über 120 Jahre lang stützen konnten. Die Etablierung eines totalitären Machtstaates war die wichtigste Ursache der deutschen Katastrophe. Sein Aufstieg und Untergang werden hier dargestellt und erklärt.“

Ich weiß nicht, inwieweit diese These wirklich ernstzunehmen ist und überlege, ob Kertész dieses Buch gelesen hat.

Ob's Kertész gelesen hat entzieht auch meiner Kenntnis ;). Allerdings halte ich das Vorhandensein von - für eine Diktatur nützliche - Ideologien für nicht konstituierend deren Entstehen betreffend, das scheint mir eine Überschätzung der Philosophie, Theorie zu sein. Diese wird verwendet, wo sie sich verwenden lässt und mit ein bisschen Kreativität wird man alsbald fündig und kann einen Philosophen zum Gewährsmann seiner Absichten degradieren (Nietzsche ist auch so ein Beispiel).

Dass Hegel (mit Recht) nicht gut bei Kertész wegkommt, überhaupt bei jenen, die gerade Opfer der Weltgeschichte sind, liegt auf der Hand. Bei Hegel wird der einzelne gewissermaßen instrumentalisiert: Er ist eine Art Funktion des Absoluten, dient unbewusst diesem hinter allem waltenden Geist auf ein bestimmtes Ziel hin (deshalb konnte man später, sich u. a. auf Marx berufend, der ohne Hegel nicht denkbar ist, auch alle Abstrusitäten solcher Machtpolitik im Sinne eines "höheren" Ganzen immer bemänteln; das ist durchaus vergleichbar mit dem christlichen Gott, der ebenfalls irgendwann, irgendwo (im Jenseits, im Himmel) zur höheren Gerechtigkeit führt, während sich seine Vertreter (sowohl die des Weltgeistes als auch die des christl. Gottes) mit dem Hinweis auf dieses später begnügen und sich als Instrumente der sukzessive sich entwickelnden Gerechtigkeit begreifen).

Popper hat sich nun gegen solche Absolutheitsansprüche gewandt (insbesondere gegen Platon und dessen Forderung - u. a. - nach einem Philosophenstaat), da er das Prekäre und Relative solcher Forderungen erkannte (denn - wenn es schon die Klügsten sein sollen, die da einen Staat regieren (wobei keineswegs sicher ist, ob Klugheit allein für eine "gute" Regierung ausreichend ist) - wer wollte das Urteil über diese Klugheit abgeben, wer entscheiden, wer diese Klügsten sind?1). Weshalb Popper für eine Regierungsform eintritt, die als wesentliches Merkmal die Möglichkeit einer gewaltlosen Änderung beinhaltet. Jene Regierungsform ist also für ihn die beste, die solchen Änderungen zugängig ist, die die stete Möglichkeit eine Verbesserung in sich birgt, ohne dass Gewalt aufgewendet werden müsse.

Lässt sich das anhand des Textes belegen? Ich habe den Eindruck, da immer die "Todesfuge" mitschwingt, dass hier an die Unmöglichkeit der Existenz nach Auschwitz erzählt wird. Auf Seite 84 hatte ich mal den Eindruck, als er über das "Jenseits" und über "Die Existenz dieser Welt" schrieb.

Natürlich schwingt in diesem Text allüberall die Todesfuge, Auschwitz mit,  natürlich ist seine Geschichte die Geschiche der Konzentrationslager. Aber (etwa in der Schlusspassage der Gespräche mit seiner Frau) es bleibt dann (irgend-)ein (für ihn entscheidendes, insgesamt aber beliebiges) Ereignis seiner Vergangenheit, das er als Mensch mit sich trägt, mit dem er nicht fertig wird und das damit ein paradigmatisches Ereignis für viele andere (traumatisierende) Erlebnisse wird. Was für den einzelnen ein Grund zum Leiden ist, vermag einzig dieses Individuum zu beurteilen; so, wie Kertész dieses Leiden präsentiert, scheint es mir durchaus auch für Menschen nachvollziehbar, deren Weg nicht durch ein KZ führte. (Wie auch seine Ablehnung, Kinder in die Welt zu setzen, immer wieder bei Menschen mit traumatischer Kindheit zu beobachten ist.)

lg

orzifar

1. Überhaupt ist jeder Superlativ ein Problem, auch in der Beurteilung von Literatur. Wir hatten das auch schon in diesem Forum, dass jemand das beste, geistreichste (ad infinitum) Buch meinte gelesen zu haben und dies in seinem Urteil aussprach. Wenn nun nicht als bloßes Stilmittel eingesetzt, so zeugen solche Superlative immer von einer gewissen Beschränktheit: Sie behaupten zum einen, das der Betreffende das Recht habe, ein solches (absolutes) Urteil auszusprechen, vergessen, dass Urteile sich ändern (können) und sprechen jenem, der dieses Urteil nicht eilt, automatisch das Recht ab, anderer Meinung zu sein. Popper zitierte überall gern den Xenophanes: "Aber im Laufe der Zeit finden wir, suchend, das Bess're".
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