Author Topic: Ulrike Siebauer: Leo Perutz  (Read 1997 times)

Offline orzifar

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Ulrike Siebauer: Leo Perutz
« on: 07. November 2009, 15.55 Uhr »
Hallo!

Diese Biographie vermag ihre Diplomarbeitsherkunft nicht ganz zu verleugnen, brav dokumentierte, historische Einschübe, manchmal ein wenig bieder und betulich wirkend. Hier hätte man für die Buchpublikation glättend, straffend eingreifen müssen (obschon das ohnehin geschehen sein dürfte).

Insgesamt aber ein trotzdem recht lesbares Werk ohne das beschönigende Verschweigen, dem sich H. H. Müller in seiner Biographie verpflichtet fühlte. Dadurch wird das Bild des Autors lebendiger, wirklicher, die Darstellung der privaten Umstände bewirkt erst, dass hinter dem Schriftsteller auch der Mensch sichtbar wird. Perutz als Don Juan, Wichtigmacher, aber auch als jemand, der nicht in die Kriegsbegeisterung um 1914 verfiel, der noch in der Armee mit der eigenen Renitenz zu kämpfen hatte, Strafen auf sich zog, andererseits nach einer Verletzung im Kriegspressequartier Verwendung fand, jene Pressestelle, die Karl Kraus mit Recht der Beschönigung und Verherrlichung des Krieges zieh.

Perutz war wohl das, was man einen schwierigen Menschen nennt. Streitlustig, dickköpfig, zweimal wegen Frauengeschichten zum Duell fordernd, changierend zwischen Unsicherheit und Protzerei. Dann auch wieder ein äußerst zuverlässiger Freund mit hohem Gerechtigkeitsanspruch, den er auch einzulösen imstande ist (so hat er sich noch nach dem Kriege für eine gerechte Behandlung seiner nationalsozialistischen Bekannten eingesetzt, die sich ihm gegenüber - teilweise - mutiger verhalten hätten als unbelastete, ein Verhalten, das ihm auch viel Kritik eingebracht hat).

Nebenher hab ich auch das "Äpfelchen" gelesen, ein ein wenig zweifelhaftes Vergnügen. Werde vielleicht noch kurz dazu was schreiben.

lg

orzifar
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