Author Topic: Antiquarische Bücher mit Spuren der Vorbesitzer  (Read 7083 times)

Offline sandhofer

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Antiquarische Bücher mit Spuren der Vorbesitzer
« on: 22. Juli 2012, 16.10 Uhr »
Hallo zusammen!

Ich kaufe einen Teil meiner Bücher antiquarisch. Das ist manchmal recht interessant, vor allem, wenn man gewisse Spuren (oder eben: Nicht-Spuren) der Vorbesitzer erkennt.

Meinen Montesquieu hatte ich in einer günstigen Ausgabe eines Genfer Buchclubs erworben. Ich habe wohl die Beschreibung nicht genau genug gelesen; als die Sendung ankam, sah ich den Grund des billigen Preises. Der Buchclub lieferte nur die Bogen aus, die Bindung überliess er dem neuen Eigentümer. Mein Vorbesitzer hat das Buch offenbar nie gelesen (die Bogen zu lesen, wäre völlig unpraktisch gewesen), und so durfte ich dann die 3 Bände noch binden lassen.

Prousts A la recherche du temps perdu kaufte ich in einer Ausgabe des Nouveau Roman Français (Gallimard) aus den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts. Neben der zeittypischen starken Bräunung der Blätter fiel dann auf, dass der Vorbesitzer offenbar nach 6 von 10 Bänden aufgegeben hat. Die letzten 3 Bände waren noch nicht einmal aufgeschnitten.

Und jetzt bei meinem Leibniz: In Band 1 finden sich immer wieder mal Bleistiftnotizen des Vorbesitzers. (Nichts Erhellendes, eher Notizen eines eifrigen Studenten im ersten oder zweiten Semester Philosophie - oder eines willigen Amateurs.) Der kurze Text der Monadologie ist voll davon. Gerade eben habe ich Band 2 (erster Teil der Theodizee) aufgeschlagen: jungfräulich ...

  :D

Grüsse

sandhofer
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BigBen

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Re: Antiquarische Bücher mit Spuren der Vorbesitzer
« Reply #1 on: 23. Juli 2012, 12.10 Uhr »
Ich habe letztens ein interessantes, zum Thema passendes Buch entdeckt: "Lesespuren - Spurenlesen: Wie kommt die Handschrift ins Buch? Von Unterstreichungen, Annotationen und anderen Randbemerkungen" http://www.amazon.de/Lesespuren-Spurenlesen-Unterstreichungen-Annotationen-Randbemerkungen/dp/3706906643

Offline sandhofer

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Re: Antiquarische Bücher mit Spuren der Vorbesitzer
« Reply #2 on: 23. Juli 2012, 16.55 Uhr »
Ich habe letztens ein interessantes, zum Thema passendes Buch entdeckt:

Und? Auch schon gelesen?

Klingt auf den ersten Blick mal interessant - aber dann ist die Beschreibung bei amazon wieder so, dass offenbar nur die Spuren von Berühmtheiten interessant sein können. Und mich persönlich faszinieren ja bedeutend mehr die Punkte, wo der Vorbesitzer offenbar abgebrochen oder gar nicht erst begonnen hat.

Vielleicht kannst Du mir ja anderes und Näheres berichten?
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Offline orzifar

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Re: Antiquarische Bücher mit Spuren der Vorbesitzer
« Reply #3 on: 23. Juli 2012, 23.25 Uhr »
Hallo!

Ich bin da auch zwiegespalten: Zum einen manchmal das Ärgernis über dummdreiste Anmerkungen (gar mit Leuchtstift), zum anderen ein Nachvollziehen dessen, was da ein Vorgänger im Buch sah oder zu erkennen meinte. Interessant solche Nachlassbücher (wie vor kurzem von mir erworben), die nicht nur Anmerkungen enthalten, sondern zusätzlich eine Menge an Zeitungsausschnitten, kopierten Zettelchen etc. (wobei es im vorliegenden Falle sich um einen Philosophen/Naturwissenschaftler handelte, der selbst einiges an Büchern zum Thema veröffentlicht hat). Und auch irgendwie traurig, dass es niemanden gab, der sich auch nur im entferntesten um diese Bücher gekümmert hätte, der ein Interesse am Denken, Schreiben, Lesen dieser Person gehabt zu haben scheint.

Leider bin ich im vorliegenden Fall zu spät auf diesen Verkauf aufmerksam geworden (aber den Erwerb des gesamten Nachlasses hätte ich mir ohnehin kaum leisten können). Dieses Nachgrübeln, Nachsinnen, Rekonstruieren eines (verstorbenen) - (kann Denken sterben??) - Denkens hat etwas ... Wobei es für Nachforschungen besser ist, den Betreffenden nicht allzu gut gekannt zu haben. (In einem anderen Fall habe ich bis heute nur ein Konvolut an Aufzeichnungen, Büchern, Notizen feinsäuberlich in einem Schränkchen abgelegt, ohne den Mut zu finden, mich darauf wirklich einzulassen.)

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Re: Antiquarische Bücher mit Spuren der Vorbesitzer
« Reply #4 on: 24. Juli 2012, 20.13 Uhr »
Und auch irgendwie traurig, dass es niemanden gab, der sich auch nur im entferntesten um diese Bücher gekümmert hätte, der ein Interesse am Denken, Schreiben, Lesen dieser Person gehabt zu haben scheint.

Das Problem des Nachlasses ist dann auch noch eines, richtig ...
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Offline sandhofer

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Re: Antiquarische Bücher mit Spuren der Vorbesitzer
« Reply #5 on: 30. September 2012, 20.21 Uhr »
Typisch auch wieder mein Locke. Das erste Buch, die ersten Kapitel noch mit Bleistiftanstreichungen. Im zweiten Buch: nix, nada, niente ...  >:D
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Re: Antiquarische Bücher mit Spuren der Vorbesitzer
« Reply #6 on: 25. Mai 2020, 12.06 Uhr »
Typisch auch wieder mein Locke. Das erste Buch, die ersten Kapitel noch mit Bleistiftanstreichungen. Im zweiten Buch: nix, nada, niente ...  >:D

So ähnlich auch heute wieder. Im Prolog jede Menge Unterstreichungen und Anmerkungen. Im eigentlichen Text immer weniger und seit etwa Seite 50 gar nichts mehr...
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Re: Antiquarische Bücher mit Spuren der Vorbesitzer
« Reply #7 on: 26. Mai 2020, 07.36 Uhr »
Korrektur: Es scheint, als hätte dieser Vorbesitzer (der Schrift nach zu urteilen, war es ein Mann) den Mittelteil überschlagen. Jetzt, gegen Ende, finden sich wieder ein paar Unterstreichungen. Wenn auch nicht in dem Ausmass, den sie zu Beginn hatten.

(Es hat sicher schon mal wer eine Dissertation zum "Leseverhalten im 19. Jahrhundert rekonstruiert an Hand von Unterstreichungen und Randbemerkungen" geschrieben ...)
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Re: Antiquarische Bücher mit Spuren der Vorbesitzer
« Reply #8 on: 03. Juli 2020, 08.31 Uhr »
Bei den beiden Auswahl-Ausgaben von Toller und Hasenclever scheint es derselbe Vorbesitzer gewesen zu sein (habe die Bücher auch als Duo gekauft). Da sind nicht nur mit Bleistift am Rand der betreffenden Teile notiert, auf welchen Seiten er oder sie Anstreichungen vorgenommen hat, da sind auch Zeitungsausschnitte sorgfältigst ausgeschnitten und gefaltet hineingelegt - z.B. eine Aufführungskritik zum betreffenden Stück. Da könnte man schon fast eine Geschichte des Lesens daraus rekonstruieren.
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Re: Antiquarische Bücher mit Spuren der Vorbesitzer
« Reply #9 on: 09. Juli 2020, 10.00 Uhr »
Ich glaube, ich werde irgendwann mal einen eigenen Blogbeitrag daraus basteln. Aber im Moment sehe ich schon so nicht über meinen Bücherhaufen hinaus ...
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Offline orzifar

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Re: Antiquarische Bücher mit Spuren der Vorbesitzer
« Reply #10 on: 10. Juli 2020, 18.31 Uhr »
Ich glaube, ich werde irgendwann mal einen eigenen Blogbeitrag daraus basteln. Aber im Moment sehe ich schon so nicht über meinen Bücherhaufen hinaus ...

Das ist eine gute Idee, ich habe auch schon mal mit dem Gedanken gespielt. Bücher mit zahlreichen Zeitungsartikel, fein säuberlich zugeschnitten und eingefügt, dazu noch Zettel mit Notizen. Oder aber auch Widmungen (ich habe ein Buch von Hans Albert mit einer Widmung an Odo Marquard (wenn mich nicht alles täuscht) - ungelesen :). Und offenbar irgendwie ins Antiquariat gelangt. Nett sowas ...

lg

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Re: Antiquarische Bücher mit Spuren der Vorbesitzer
« Reply #11 on: 13. Juli 2020, 06.42 Uhr »
Oder aber auch Widmungen (ich habe ein Buch von Hans Albert mit einer Widmung an Odo Marquard (wenn mich nicht alles täuscht) - ungelesen :).

Das fällt mir immer mal wieder bei den sog. Interims-Broschuren auf, wenn der Vorbesitzer die Seiten am Ende des Buchs nicht mehr aufgeschnitten hat. Wenn ich mich recht erinnere, war das bei den letzten 2 oder 3 Bänden meiner Ausgabe von "À la Recherche du Temps Perdu" der Fall. Da scheint jemand die Geduld mit Proust verloren zu haben.

In Bezug auf Widmungen habe ich hingegen nichts so Interessantes.  :'(
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